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Verfahren der Dateninterpretation

  • Anne Honer
Chapter
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Part of the DUV Sozialwissenschaft book series (DUVSW)

Zusammenfassung

Zur Auswertung der über Interviews und gegebenenfalls über Beobachtungen erhobenen Daten sowie des dokumentarischen Materials, also der in Textwirklichkeiten transformierten und damit der soziologischen Analyse überhaupt erst verfügbar gemachten ‘gelebten’ Wirklichkeiten (vgl. Soeffner 1989, bes. S. 66ff und 98ff; vgl. auch Gross 1981), verfügen wir heute bekanntlich über eine beträchtliche Zahl ‘qualitativer’ Methoden, die zur Analyse von Texten samt und sonders geeignet sind, von denen aber keine einzelne beanspruchen kann (und dies — mit Einschränkungen — auch nicht will), die Methode schlechthin zu sein. Denn generell gilt, daß das jeweilige Forschungsinteresse den Umgang mit dem Material anleitet. Methoden haben nämlich keinen Eigen-Wert — auch, und schon garnicht, in den Sozialwissenschaften. Methoden sind nur dazu da, daß man (sozial-)wissenschaftliche Probleme ‘in den Griff bekommt (dazu aber sind sie ‘in der Tat’ grundsätzlich nützlich). Dieses Problem bekommt man besser mit dieser, und jenes Problem bekommt man besser mit jener Methode’ in den Griff. Jede einzelne Methode gibt eben Antwort auf einen spezifischen Fragetyp, der an den Text gestellt wird. Interessant ist also ‘eigentlich’ nicht die Methodenfrage, sondern die Frage danach, welchem Problem man sich stellt (dann erst wiederum stellt sich einem die Frage, mit welcher Methode man dies am besten tut).

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Referenzen

  1. 64.
    Die Frage, wie gesagt, ob es soziologisch sinnvoll ist, Lebenswelten bzw. Ausschnitte aus Lebenswelten zu erkunden, ist deshalb weit weniger eine Frage des Verfahrens, als eben eine Frage danach, ob man es, wie gesagt, überhaupt für soziologisch relevant erachtet, ‘Welt’ mit anderen Augen zu sehen.Google Scholar
  2. 65.
    Das scheint mir z.B. auch das interpretative Manko der von der theoretischen Konzeption her außerordentlich überzeugenden ‘qualitativen’ Untersuchung über praktisches Sexualverhalten vor dem Hintergrund des HIV-Infektionsrisikos zu sein, die Jürgen Gerhards und Bernd Schmidt im Auftrag der BZgA durchgeführt haben: Die Datenauswertung folgt textunabhängig kreierten Kategorisierungen, das präsentierte empirische Material illustriert nur das vorab entwickelte Gedankenmodelides Wissenschaftlers. Dieses aber ist, wie gesagt, höchst bedenkenswert. (Vgl. Gerhards/Schmidt 1992.)Google Scholar
  3. 66.
    Auf dem Gebiet der Biographieforschung hat sich das ganze Schützesche Konzept des narrativen Interviews bislang am offenkundigsten durchgesetzt (vgl. bereits Fischer 1978, Zinnecker 1982; vgl. auch z.B. Hermanns u.a. 1984, Hoffmann-Riem 1984, Michel 1985, Wiedemann 1986, Haupert 1987, Riemann 1987, Rosenthal 1987, Bude 1987, und aktuell Compe/Helsper 1991, Marotzki 1991). Ob und inwieweit dabei allerdings auch die strukturellen Implikationen von Narrationsanalysen relevant werden, ist eine andere Frage.Google Scholar
  4. 67.
    Ein Vorgang der m.E. z.B. auf der in dieser Arbeit gerade problematisierten Prämisse basiert, daß Forscher und beteiligte Sprecher derselben Kultur angehören, und der Forscher daher in der Lage ist, eine Äußerung so zu verstehen, wie sie jedes Mitglied der Kultur, also auch die an der sprachlichen Interaktion Beteiligten, verstehen würde.Google Scholar
  5. 68.
    Zum Arbeitsprogramm der Gruppe vgl. Luckmann/Bergmann 1983 und 1987 sowie Luckmann/Bergmann 1991; zur theoretischen ‘Rahmenidee’ vgl. auch Luckmann 1986b, 1988b und 1989.Google Scholar
  6. 69.
    Damit, so mein Eindruck, dürfte sich die Anschlußfähigkeit der Gattungsanalyse an andere Richtungen der explorativ-interpretativen Sozialforschung als weitaus höher erweisen als dies bei der Konversationsanalyse (bislang) der Fall ist. Beeindruckende Beispiele für die gelungene Synthetisierung von solchen sprechstrukturellen mit thematisch-inhaltlichen ethnographischenlnteressenhatm.E. bislang v.a. Hubert Knoblauch (vgl. z.B. 1985a, 1987, 1988, sowie 1989a, 1989b und 1991) vorgelegt.Google Scholar
  7. 70.
    Diese Figur entspricht der Triade von Legitimierung, Nihilierung und Therapie bei Berger/Luckmann(1969, S. 98ff).Google Scholar
  8. 71.
    Und das Spezifische an einer rhetorisch orientierten Analyse kommunikativer Situationen wäre demnach, daß sie von der Prämisse ausgeht, daß wer redet, letztlich und in einem weiten Sinne auch ‘überreden’ will, daß Kommunikation unter dem Aspekt des Aushandelns von Situationen zu betrachten ist (vgl. auch noch Donohue 1981, Burger Sink/Couch 1986). Ob dies eine generelle Bestimmung kommunikativer Prozesse zwischen Menschen überhaupt sein kann, oder ob Rhetorik nur einen speziellen Bereich kommunikativen Handelns betrifft, ist m.E. noch zu klären — und zwar dadurch, daß man sich mit rhetorikanalytischem Rüstzeug ausstattet und dann versucht, damit auch Kommunikationsvorgänge zu analysieren, die bislang als nicht-rhetorische gelten bzw. eben nicht auf ihren möglichen rhetorischen Gehalt hin analysiert werden.Google Scholar
  9. 72.
    Zur Konzeption der Objektiven Hermeneutik vgl. bereits Matthes-Nagel 1982 sowie Reicherte 1986; vgl. auch Bude 1982, Garz/Kraimer 1983, Schneider 1985 und Reichertz 1991; vgl. außerdem die einschlägigen Sammelbände von Aufenanger/Lenssen 1986, Garz/Kraimer 1992.Google Scholar
  10. 73.
    Zur Orientierung über diesen Ansatz vgl. v.a. Lüders 1991; vgl. auch Neuendorff/Sabel 1978, Thomssen 1980, Arnold 1983, Dewe/Ferchhoff 1984, Wiedemann 1985.Google Scholar
  11. 74.
    Exemplarisch hierfür sind vor allem die Arbeiten der Dortmunder Forschungsgruppe um Hartmut Neuendorff und Ulf Matthiesen (vgl. z.B. Härtel/Matthiesen/Neuendorff 1985 und 1986, Becker/Böcker/Matthiesen/Neuendorff/Rüssler 1987, Becker/Matthiesen/Neuendorff 1988, Matthiesen 1989, Neuendorff 1991).Google Scholar
  12. 75.
    Hier zeigen sich m.E. deutliche Korrespondenzen zu Bohnsacks ‘dokumentarischer Textinterpretation’, bei der “das Sinnmuster nicht mehr mit jenem von dem oder den Produzenten intendierten Sinngehalt identisch ist, damit aber lediglich vom ‘Rezeptiven’ her erfaßt, vom Rezeptiven her konstruiert wird und somit in besonderer Weise von der Perspektive, vom ‘Standort des Interpreten’ abhängig ist.” (Bohnsack 1991, S. 47).Google Scholar
  13. 76.
    In diesem Sinne der Identifizierung von kulturtypisch relevanten thematischen Wissensbereichen sowie deren je innerer Struktur und übergreifender Ordnung rekurriere ich (z.B. bei den Interviewinterpretationen weiter unten) auch selber auf die Grundideen der Ethnographischen Semantikanalyse.Google Scholar
  14. 77.
    Zum Prospekt (historisch-) Rekonstruktiver Hermeneutik vgl. Soeffner 1989 und 1992. Im dezidierten Rekurs auf das Soeffnersche Konzept arbeiten derzeit — allerdings mit untereinander jeweils auch erkenntnistheoretisch divergenten Interessen — v.a. wohl Jo Reichertz (vgl. z.B. 1988b, 1989 und 1990), Norbert Schröer (vgl. 1992), Andreas Voß (vgl. 1992) und Thomas Lau (vgl. 1991) in Hagen sowie Ronald Hitzler in München (vgl. z.B. 1988a, 1991b und 1991c) und Achim Brosziewski (vgl. 1989) in St. Gallen.Google Scholar
  15. 78.
    D.h.: Hermeneutische Operationen sind eher reflektierte Formen unserer alltäglichen Interpretationskompetenz als kanonisierte bzw. kanonisierbare sozialwissenschaftliche Methoden.Google Scholar
  16. 79.
    Am Anfang der Geschichte des Verstehens in der Soziologie steht ja bekanntlich Max Weber, der eben, und das war und ist für die weitere Entwicklung ungemein wichtig, keinerlei ‘intuitive’ Verstehensleistungen gefordert hat, sondern typische Rekonstruktionen vermittels rationaler Urteilsvollziehung (vgl. Schütz 1974, S. 275). ‘Verstehen’ heißt, so Weber (1968, S. 285), “deutende Erfassung: a) des im Einzelfall real gemeinten (...) oder b) des durchschnittlich und annäherungsweise gemeinten (...) oder c) des für den reinen Typus (Idealtypus) einer häufigen Erscheinung wissenschaftlich zu konstruierenden (‘idealtypischen’) Sinnes oder Sinnzusammenhangs.”Google Scholar
  17. 80.
    Daß ein solcher Auslegungsprozeß prinzipiell natürlich ‘unendlich’ ist, daß man also eben ‘irgendwann’ aus irgendwelchen (pragmatischen) Gründen die Interpretation beendet, ohne sie je tatsächlich abgeschlossen zu haben, darf wohl als hinlänglich bekannt gelten.Google Scholar
  18. 81.
    Zu nennen sind hier z.B. die verschiedentlich erwähnte ‘dokumentarische Methode’ (vgl. v.a. Bohnsack 1983 und 1991), die ‘Idealtypen-Rekonstruktion’(vgl. z.B. Gerhardt 1986a, 1986b und 1991), sowie die ‘geschichtenhermeneutische Methode’ (vgl. Vonderach 1986 und 1989, Vonderach/Siebers/ Barr 1990). — Zu anderen, v.a. auch ‘tiefenpsychologisch’ ambitionierten Hermeneutiken vgl. im Überblick Müller-Doohm (1990); zur ‘Begegnung’ zwischen den heterogenen Fraktionen der “oft in abgelegene Einzelheiten vertieften Beschreiber, Versteher und Deuter” (S. 808) beim Oldenburger Sommersymposium 1990 vgl. Koenen (1990a), der sich im Übrigen ja auch darum bemüht, Anschlußchancen zwischen der Sozialwissenschaftlichen Hermeneutik und der sogenannten ‘Neuen Frankfurter Schule’ aufzuzeigen (vgl. z.B. Koenen 1990b).Google Scholar
  19. 82.
    So gesehen ist Sozialwissenschaftliche Hermeneutik also tatsächlich, in Anlehnung an Schütz (1974), ein im wesentlichen typologisches Unternehmen, d.h., sie ist weder nur nomothetisch (d.h., auf gesetzmäßige Regelmäßigkeiten abzielend) noch nur idiographisch (d.h., auf möglichst detaillierte Beschreibung abzielend) orientiert.Google Scholar
  20. 83.
    Mit ‘pragmatisch relevant’ meine ich hier: bezogen auf eine durch bestimmte Interessen definierte Situation.Google Scholar
  21. 84.
    Sie ist zumindest dann keine Theorie, wenn man Theorie im Sinne der “Gesamtheit der logisch untereinander verbundenen nomologischen Hypothesen, die zur Erklärung und Voraussage des Verhaltens der Phänomene (eines Objektbereichs) herangezogen werden müssen” (Albert 1967, S. 52) versteht.Google Scholar
  22. 85.
    In der einschlägigen Literatur (vgl., neben McKinney 1966 und Zerssen 1973, z.B. Gerken 1964, Kempski 1964, Schweitzer 1964 und Ziegler 1973) findet sich eine Vielzahl von Vorschlägen zur wissenschaftlichen Typenbildung. Bekannt ist etwa die Klassentypologie mit ihrer Unterscheidung von Durchschnittstypus (bei dem charakteristische Gemeinsamkeiten betont werden) und komparativem Typus (bei dem unipolare, bipolare oder multipolare Unterscheidungsmerkmale betont werden). Häufig verwendet werden aber auch Syn-dromtypologien (bei denen die korrelativen Zusammenhänge zwischen allen typenspezifischen Merkmalen betont werden), innerhalb derer zwischen Häufungstypus (bei dem die Häufung phänomenalerÄhnlichkeiten betont wird) und Grenzwerttypus bzw. Extremtypus (bei dem Merkmals-Differenzen betont werden) differenziert wird. Relativ zueinander werden der Totaltypus und der Partialtypus bestimmt (d.h., man kann Totaltypen in Partial-typen zerlegen, und man kann Partialtypen in Totaltypen zusammenfassen), ebenso der Obertypus (der das relativ Allgemeine repräsentiert) und der Untertypus (der das relativ Besondere repräsentiert). Gebräuchlich ist schließlich auch die Verwendung von Mischtypus bzw. Kombinationstypus (bei dem es um Anteile verschiedener ‘reiner’ Typen geht) und des Prototypus (der eine nahezu ideale Übereinstimmung von konkretem Phänomen und Typus repräsentiert).Google Scholar
  23. 86.
    Reichertz (1991b) spricht hier — im Anschluß an Charles S. Peirce — von ‘Abduktion’ (vgl. auch Reichertz 1990).Google Scholar
  24. 87.
    Reicherte (1990) spricht hier von einer ‘qualitativen Induktion’. — Klassifizierungen basieren hinsichtlich ihrer Konstruktionslogik auf den Prinzipien der Typenbildung. Ansonsten aber unterscheidet sich der Vorgang der Klassifizierung von der Typenbildung dadurch, daß er innerhalb eines (zumindest heuristisch) geschlossenen Verweisungssystems erfolgt. Klassifizierungen oder Klassifikationen unterteilen ein Ganzes vollständig in Teile, und sie fassen Teile vollständig zusammen (ein Phänomen gehört entweder zu einer Klasse, oder es gehört eben nicht zu einer Klasse). Typenbildungenhingegen müssen nicht notwendigerweise ein geschlossenes Ganzes ergeben.Google Scholar
  25. 88.
    D.h., wenn das Interesse, ein Phänomen in seiner Besonderheit zu erfassen, abgelöst wird bzw. worden ist durch das Interesse, ein Muster, ein Schema, eine Ordnung anzuwenden, dann ist die Typisierung zu einer Kategorisierung geworden. — Reichertz (1990) spricht hier von ‘Deduktion’.Google Scholar
  26. 89.
    Hinsichtlich ihrer Konstruktionslogik basieren Generalisierungen natürlich auf den Prinzipien der Typenbildung. Aber eine Typisierung ist eben nicht notwendigerweise eine Generalisierung. Wenn man etwas generalisiert, behauptet man damit nämlich, daß ein Merkmal bzw. eine Merkmalskombination ‘im allgemeinen’ auftritt. Wenn man hingegen typisiert, behauptet man zunächst einmal nur, daß das Auftreten eines Merkmals bzw. einer Merkmalskombination einen Fall ‘typisch’ kennzeichnet.Google Scholar
  27. 90.
    Deshalb plädiert etwa McKinney (1966) dafür, die sozialwissenschaftliche Konstruktion von Typen zu ergänzen durch quantitative Zähl- und Meßtechniken. — M.E. ist gegen diese Forderung nichts einzuwenden, wenn und insofern man sich darüber im Klaren ist, daß man sich damit vom Typisierungsproblem bereits wieder verabschiedet hat und sich stattdessen mit der Applikation von Kategorien beschäftigt.Google Scholar
  28. 91.
    Sozialwissenschaftliche Typenbildung unterscheidet sich von alltäglicher Typisierung also v.a. durch Explikation der Typisierungskriterien (d.h., a) logische Konsistenz, b) thematische Adäquanz, c) subjektive Interpretation) empirische Falsifizierbarkeit der gebildeten Typen (d.h., die dem Typus inhärenten Merkmale müssen intersubjektiv erfahrbar sein) expliziten Theoriebezug der Typen (d.h., die Typen müssen für die Theoriebildung relevant sein).Google Scholar
  29. 92.
    Schutz unterscheidet(auch) hier also zwischenpersonalem Typusund Handlungsablauftypus, als Spezifizierungen des Weberschen ‘Idealtypus’ (vgl. Weber 1973b, S. 190ff). — Der Idealtypus “wird gewonnendurch die einseitige Steigerung eines oder einiger Gesichtspunkte und durch Zusammenschluß einer Fülle von diffus und diskret, hier mehr, dort weniger, stellenweise gar nicht, vorhandener Einzelerscheinungen, die sich jenen einseitig herausgehobenen Gesichtspunkten fügen, zu einem in sich einheitlichen Gedankenbild” (Weber 1973b, S. 191). Weber betrachtet den Idealtypus also als gedankenlogisches Konstrukt, als “Versuch, diejenigen Merkmale eines Phänomens zu extrahieren, die dessen Originalität ausmachen.” (Hitzler 1982, S. 139; vgl. dazu auch Janoska-Bendl 1965). In diesem Sinne nimmt auch Schütz die Idee des Idealtypus auf: Er dient der “Herbeiführung eines begründeten wohlmotivierten Sinnzusammenhanges” (Schütz 1974, S. 318).Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1993

Authors and Affiliations

  • Anne Honer

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