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Die Wissenschaft in der Gesellschaft

  • Christoph Görg
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Part of the DUV Sozialwissenschaft book series (DUVSW)

Zusammenfassung

Im Zentrum der Frage nach dem zeitdiagnostischem Gehalt der NEUEN SOZIALEN BEWEGUNGEN steht die Frage nach einem angemessenen Krisenbegriff. Nun setzt der umfassendste Bestimmungsversuch der Inhalte der gegenwärtigen Krisenerscheinungen bei der Diagnose einer “Krise der Modernität” bzw. der “Krise der technisch-wissenschaftlichen Zivilisation” an. Doch schon bei der ersten Annäherung an diese Begriffe wird sichtbar, daß hier zumindest zwei verschiedene Wandlungsprozesse zusammengefaßt werden. Zum einen wird auf der begrifflichen Ebene auf die Infragestellung zentraler Leitvorstellungen gesellschaftlicher Entwicklungen reagiert, eine “Neue Unübersichtlichkeit” (Habermas) festgestellt, die Theoriekrise der Soziologie ausgerufen (Luhmann) und damit ein Veralten sozialwissenschaftlicher Begriffe bzw. eine Unangemessenheit der überkommenen Leitgedanken von Vergesellschaftung angesichts neuartiger Problemlagen beklagt und dahinter qualitativ neue gesellschaftliche Bedingungen vermutet. Zum anderen wird versucht, über eine veränderte Bedeutung von Wissenschaft und Technik, über den Prozeß der “Verwissenschaftlichung der Gesellschaft” und der “Vergesellschaftung der Wissenschaft” diesen qualitativen Wandel inhaltlich zu bestimmen.

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Literatur

  1. 1).
    Werbespruch von BP.Google Scholar
  2. 2).
    Als Beispiel hierfür die im Rückgriff aus Touraine formulierte These von Wolf Schäfer: “Dadurch wird sich das Zentrum der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen verlagern: weg vom industriellen Konflikt zwischen Kapital und Arbeit und hin zum postindustriellen Konflikt zwischen dem Wissens- und Handlungsmonopol der Technokraten einerseits und dem Anspruch der von allen strategischen Entscheidungen »entlasteten« Betroffenen auf volle Information und Mitbestimmmung andererseits. Der zentrale soziale Konflikt der Postmoderne wird deshalb der von sozialen Bewegungen getragene Kampf um die Vergesellschaftung des »Herrschaftswissens«(Scheler) sein.” (W.Schäfer 1985/225f; Hervh.C.G.) Allerdings ist der Zugang über den Konflikt um die Wissenschaft keineswegs notwendig mit der These der postindustriellen Gesellschaft verbunden.Google Scholar
  3. 3).
    Exemplarisch bei Karl-Werner Brand: “Die entscheidende Leistung der neuen sozialen Bewegungen liegt somit darin, die aus der sprunghaft gestiegenen Selbstreflexivität moderner Gesellschaften sich ergebenden Handlungskonsequenzen aufgezeigt und in einem neuen Konfliktterrain entfaltet zu haben.” (K.W.Brand 1989/139)Google Scholar
  4. 4).
    Luhmann geht dabei nicht von der Problemlage »Verwissenschaftlichung der Gesellschaft« aus, sondern von der These der funktionalen Autonomie der Subsysteme. Gleichwohl thematisiert er aber implizit eine vergleichbare »Krisen«situation in der unzureichenden Funktions- und “Kommunikationsfahigkeit” der Subsysteme angesichts ökologischer Gefahren. Vgl. dazu Kapitel 2.4.Google Scholar
  5. 5).
    vgl z.B. Bell 1973/27f. Vgl. zu diesen Ambivalenzen Ritsert 1988b/281ff und Hack/Hack 1985/573f.Google Scholar
  6. 6).
    In der Regel vergleicht D.Bell Kapitalismus und postindustrielle Gesellschaft miteinander, was ja voraussetzt, daß sie voneinander verschieden sind. Dann aber behauptet er, daß “neunzig Jahre nach Marx Tod (...) der Kapitalismus in der westlichen Welt noch immer” herrscht. (Bell 1973/270) Zuweilen wird gerade in Theorien der NEUEN SOZIALEN BEWEGUNGEN suggeriert, man solle sich mit solchen Problemen nicht mehr herumschlagen: “Der Begriff nachindustrielle Gesellschaft ist wie die meisten Begriffe, die komplexe Gesellschaften zu charakterisieren versuchen, ein Verlegenheitsbegriff. ... Der Begriff sagt nicht, was selbstverständlich ist: daß die Gesellschaft kapitalistisch bleibt und daß sie einen relevanten industriellen Sektor behält. Kapitalismus prägt sich in dieser Entwicklungsphase als industrielle Dienstleistungsarbeit auf hohen technologischen Niveau aus.” (Raschke 1985/475, Hervh. CG.) Die nachindustrielle Gesellschaft wäre dann ein »Kapitalismus als industrielle Dienstleistungsgesellschaft«. Die Schwierigkeiten einer gesellschaftstheoretischen Bestimmung der NEUEN SOZIALEN BEWEGUNGEN finden hier ihr Pendant in der Begriffslosigkeit der Sozialwissenschaften gegenüber den gesellschaftlichen Veränderungen.Google Scholar
  7. 7).
    In seinem Überblick über die Soziologien der industriellen und postindustriellen Gesellschaft hat Richard Badham festgestellt, daß die Entwicklung von Wissenschaft und Technologie das spezifische Fortschrittsverständnis von »industriell society theory« seit Saint-Simon und Comte bestimmt.(vgl. Badham 1984/10ff) Damit geht es keineswegs erst am Ende des 20. Jahrhunderts um die Frage nach der sozialen Relevanz von Wissenschaft und Technik.Google Scholar
  8. 8).
    Vgl. ebenda/20. Eine andere Lesart hat Helmut Reichelt vor kurzem vorgelegt (vgl. Reichelt/Zech 1983). Zunächst unterscheidet er zwei gegensätzliche Varianten des Verhältnisses von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen bei Marx: Einmal die schon angesprochene Determination gesellschaftlicher Verkehrsformen durch die Form der Naturaneignung. Am anschaulichsten wird diese Variante von Marx dargestellt im Bild von der “Dampfmühle”, die “eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten” (MEW 4/130) ergibt. Genau gegensätzlich dazu geht die andere Variante, die ökonomiekritische Leseart, die von Marx vor allen in den Grundrissen entwickelt wird, von einem Primat des gesellschaftlichen Verhältnisses, des Kapitalverhältnisses, aus (vgl. Reichelt/Zech 50ff). Den Gegensatz interpretiert Reichelt damit, das Marx einerseits in den Frühschriften (bis in die Deutsche Ideologie hinein) das “Spezifikum bürgerlich-ökonomischer Theoriebildung”, die “Unfähigkeit, stoffliche Seite und Formseite analytisch zu trennen” (ebenda 53), noch nicht durchschaut habe und damit selbst dem “Fetischcharakter” der Warengesellschaft verfalle. Andererseits, und das geht ganz in Richtung der Adornoschen Vermutung, habe Marx auch in den späteren Schriften, so im Vorwort “Zur Kritik der Politischen Ökonomie”, an der inzwischen selbst kritisierten Vorstellung von treibenden Charakter der Produktivkräfte festgehalten, um seine Revolutionstheorie geschichts-philosophisch abzusichern (vgl. ebenda 55). Eine Revision der Marxschen Lehre vom treibenden Charakter der Produktivkräfte scheint also auf diese Ebene der revolutionstheoretischen Konsequenzen zu verweisen — und damit auf das Verhältnis von Theorie und sozialen Bewegungen!Google Scholar
  9. 9).
    Repräsentativ ist Kern insofern, als heute nach dem Ende des Glaubens an die Autonomie technischer Entwicklung diese nach wie vor dem naturwissenschaftlichen Fortschritt untergeordnet wird.(vgl. Rammert 1987/49)Google Scholar
  10. 10).
    Dieses traditionelle Modell ging von einer sauberen Aufteilung der Funktionsbezüge aus, die zudem “kaskadenhaft” übereinander angeordnet und als ein zeitliches Nacheinander gedacht wurden: Oben produziert die Wissenschaft in der Grundlagenforschung neue Erkenntnisse; durch selektive Finanzierung, Koordinierung und Normierung der Politik (des Staates!) fließen diese mittels Investitionen in industrielle Produktion privater Wirtschaftsunternehmen ein, bis sie beim Kauf/Verkauf den Nutznießer Konsument erfrischen, (vgl. Hack 1988/57f) Jeder kommt dabei auf seine Kosten (sein funktionsspezifisches Output): die WISSENSCHAFT bleibt autonom, der STAAT steuert, die WIRTSCHAFT nutzt und der Verbraucher genießt. Leider aber hat dieses schöne Modell den Nachteil, nur noch sehr bedingt etwas mit der Wirklichkeit zu tun zu haben.Google Scholar
  11. 11).
    Hier sei noch hervorgehoben, daß Schäfer dieses Problem unter Bezugnahme auf Touraine und dessen Begriff der Historizität als sozialen Konflikt mit den NEUEN SOZIALEN BEWEGUNGEN als Agenten beschreibt (vgl. ebenda S. 207ff). Galt wissenschaftlicher Fortschritt bisher als strukturierendes Prinzip sozialen Wandels, dann scheint das Aufbrechen dieses Musters und das Zutagetreten seiner normativen Orientierung in sich auf soziale Bewegungen zu verweisen.Google Scholar
  12. 1).
    Diese neue Qualität kommt sehr deutlich in dem Sonderheft der Zeitschrift »Ästhetik&Kommunikation« zur Gentechnologie (Heft 69; 11/1988) zum Ausdruck, in dem nicht nur im Editorial besonders hervorgehoben wird, daß die überlieferte Arbeitsteilung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften nicht aufrecht zu erhalten ist.Google Scholar
  13. 2).
    Kluge wendet sich hier besonders gegen Versuche von Reinhard Low, in der befruchteten menschlichen Eizelle ein absolutes, ethisches Fundament zu sehen. Damit werden nicht nur andere gentechnische Eingriffe in die nicht-menschliche Natur allzu leicht übersehen. Zudem droht eine gefährliche Ideologisierung, wenn der Lebensbegriff normativ erweitert wird. Vgl. ebenda 49ff. Vgl. zur ideologischen Funktion des Lebensbegriff in der Tradition konservativer Technikkritik nach Spengler und in Texten der Ökologiebewegung: Kluge 1985.Google Scholar
  14. 3).
    Kollek unterscheidet ein additives Modell, bei dem die Eigenschaften des manipulierten Organismus aus den Eigenschaften der einzelnen Komponenten zusammen addiert werden. Diesem Modell läßt sich eine kontextorientierte Betrachtungsweise gegenüberstellen, die davon ausgeht, daß erst das konkrete Zusammenwirken, der spezifische Zusammenhang benachbarter Bausteine und letztlich erst der Kontakt mit der Umwelt Aufschlüsse über das Interaktionspotential, das besondere Risikopotential eines gentechnisch veränderten Organismus zuläßt (vgl. Kollek 1988). Diese Modelle stellen Natur also nicht nur verschieden dar — in ihnen sind normative Implikationen eingelassen. Dies wird deutlich, wenn man sich ihres spezifischen Risikobegriffs vergewissert. Ein additives Modell bietet eine Perspektive auf eine »Verwissenschaftlichung des Risikos« und damit auf seine Entpolitisierung, da das besondere Risiko hier in den prinzipiell berechenbaren Einzelfaktoren aufgeht. Im kontextorientierten Modell dagegen stellen sich die Risiken der Gentechnologie analog des in der Debatte um die Kernenergie gebrauchten Begriffs des »hypothetischen Risikos« dar: Ein Schaden kann nicht ausgeschlossen werden (seine Eintrittswahrscheinlichkeit ist größer als null), ein Schadensfall hätte dazu eine untolerierbare Größe und gleichzeitig sind die Ursachen weder wissenschaftlich streng kausal nachweisbar noch in Laborbedingungen (wiederholbares Experiment mit Versuch und Irrtum) zu testen (vgl. ebenda 34).Google Scholar
  15. 4).
    ebenda 36. Im Gespräch zwischen Engelbert Schramm und Bobby Hatch, einem unter Pseudonym antretenden Spezialisten aus der Genforschung, werden anhand der AIDS-Viren die Konsequenzen durchbuchstabiert. Denn das “additiven Modells” legt Zweifel an der Beherrsch-barkeit der gentechnischen Risiken unter der Sparte “Restrisiko” ab, obwohl es umgekehrt durchaus Hinweise gibt, daß durch solche “Restrisiken”, durch die Forschung an Viren eine Beschleunigung der Mutationsrate von Retroviren veranlaßt und so zumindest die Aggressivität der AIDS-Viren gesteigert wurde. “Eine Art natürlicher Gen technologie, so wie sie in lebenden Systemen sowieso sattfindet, kann unter Laborbedingungen beschleunigt werden. Dabei handelt es sich jedoch nicht einfach um hergestellte Natur, sondern um eine unbewußte und mit unvorhersehbaren Folgen hergestellte Natur.” (Schramm/Hatch 1988/58, Hervh. CG.))Google Scholar
  16. 5).
    Die von Rifkin reklamierte Wahlmöglichkeit betrifft wohl weniger eine mögliche “Heiligkeit” der Natur, sondern zwei verschiedene “Gottesvorstellungen”, die der Mensch sich selbst zuzusprechen vermag, und in der Natur entweder als sein Anderes als ein prinzipiell feindliches und beherrschbares oder als ein zur Rücksichtnahme aufforderndes Gegenüber angesehen wird.Google Scholar
  17. 6).
    Vgl. zur Kritik: Bayertz 1987/142ff. Zur Kritik der konservativen Argumentationen: Reusswig/Scharping 1989.Google Scholar
  18. 7).
    Luhmann 1981/123. Einen Interdependenzunterbrecher muß man sich wohl als eine Art moderner Tabuvorschrift vorstellen, mit der die Umweltkomplexitat in Bezug auf in der Gesellschaft abbildbare Komplexität, d.h. aushaltbare Beliebigkeit, reduziert wird.Google Scholar
  19. 8).
    Hier gilt die gleiche Kritik wie für die Diskussion der »Verwissenschaftlichung der Gesellschaft« im allgemeinen (vgl. oben Kapitel 2.1.). Vgl. zur Kritik im besonderen Reusswig/Scharping 1987b.Google Scholar
  20. 9).
    Auch das Modell, das Weingarten seiner Alternative zum Chargaffsehen “Bastler”, dem “Ingenieur”, zugrundelegt, soll schon implizit informationstheoretisch geprägt sein (vgl. Kluge 1988b/74, Anmerk. 8). Dann wäre es falsch, wenn man ihm noch zutrauen würde, die “Widerständigkeit des Objekts” zu erfassen.Google Scholar
  21. 10).
    Auf das Beispiel Gentechnologie bezogen heißt dies: Es muß berücksichtigt werden, daß in bestimmte wissenschaftliche Modelle der Genstruktur soziale Interessen eingegangen sind, unabhängig davon, ob diese nun als “Kolonialisierung der Biologie” (Sund 1984) oder als “Kapitalisierung von Leben” (Yoxen 1985) zu beschreiben sind. Entscheidend ist vielmehr, daß in beiden Fällen untersucht werden muß, wie denn der wissenschaftliche Fortschritt in der Biologie zustande kommt.Google Scholar
  22. 11).
    Auch der Versuch, aus einer normativ begründeten ontologischen Einheit von Natur und Gesellschaft heraus eine Überwindung der Krise zu denken, verstrickt sich komplementär dazu in Probleme der Methodik der Naturwissenschaften. Als Beispiele kann hier die Argumentation von Hans Immler dienen, der aus einer Analyse der ökonomischen Naturbegriffe heraus die Trennung von Natur und Gesellschaft kritisiert (vgl. Immler 1989). Aber auch dieser Versuch muß sich vergewissern, ob eine solche normative Begründung der ontologischen Einheit kompatibel ist zur methodisch-technologischen Entwicklung. “Die Trennung von Physis und Techne wird obsolet, wenn die Techne die Wachstumsbedingungen der Physis bestimmt, d.h. wenn das »Gemachte« das »Wachsende« herstellt. Der technologische Eingriff in die genetischen Strukturen läßt die Aufspaltung von »Gewachsenem« und »Gemachtem« in Natur und Nicht-Natur endgültig hinfällig werden. Gerade die heutigen Bio-, Gen- und Informationstechnologien sind empirische Belege dafür, daß die neuzeitliche Trennung von wachsender, unabhängiger Natur und gestaltend-tätigem Mensch mit seiner Technik und Zivilisation aufgegeben werden muß.” (ebenda 29) Weil aber die Koexistenz von Technik (gemachter Natur) und (nicht gemachter) Natur gerade als Grundlage der spezifischen Risikostruktur der Gentechnologie angesehen werden muß, scheint auch hier das Problem zur Lösung erklärt zu werden: man muß einfach die Fiktion einer nicht-gestalteten Natur aufgeben. Dies wäre aber nur dann eine befriedigende Antwort, wenn die “ökologische Krise” nur das Problem des spezifischen kulturellen Naturbegriffs wäre. Steht aber die »gemeinsame Koevolution« von Natur und Gesellschaft in Frage, kann sich Kritik darauf nicht verlassen.Google Scholar
  23. 1).
    Das Paradox kann schon bei Kuhn selbst beobachtet werden. Hatte er in seinem Buch “Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen” der Soziologie einerseits die Eigenschaften einer reifen Wissenschaft abgesprochen, weil sein Kriterium einer paradigmatischen Wissenschaft auf sie nicht zutreffe, dann hatte er doch andererseits zumindest der Wissenschaftssoziologie eine gewisse »Reife« zugestehen müssen (vgl. Geiger 1981/137f). Vor allem, wenn seinem »Postscriptum« zufolge, die Untersuchung der Wissenschaften auf der ihrer »wissenschaftlichen Gemeinschaften« gründet (vgl. Kuhn 1976/188), dann fallt gerade dieser Disziplin eine Schlüsselfunktion für die Neubegründung der Wissenschafstheorie zu. Eine vor-paradigmatische Wissenschaft rettet die Wissenschaften? Die Soziologie wittert Morgenluft!Google Scholar
  24. 2).
    Knorr-Cetina 1985b/157, Hervh. C.G.. Läßt sich dieser Erfolg nach Knorr-Cetina (in Anlehnung an Bourdieu) in Begriffen eines “symbolischen Kapitals” beschreiben, dann läßt sich damit auch in Analogiebildung eine Akkumulation, Investition und Reproduktion des Kapitals beschreiben, die letztlich im Klassenkampf und so in der Historizität (nach Touraine!) der Wissenschaft ausmündet (vgl. ebenda 152ff). Die konstruktivistische Wende ist so eine der Wege, auf denen die Verortung der neuen sozialen Konflikte im Wissenschaftssystem erfolgt. Die Frage ist nur, ob hier mehr als nur eine problematische Analogiebildung vorliegt.Google Scholar
  25. 3).
    U. Beck und W.Bonß haben dieses alte Modell der Problemstruktur als “Modell des Sandrieseins im Stundenglas” charakterisiert, bei der die wissenschaftliche Vernunft wie einzelne Sandkörner nach und nach von oben nach unten durchrieselt und in die Institutionen eingeht. Demgegenüber habe sich die Problemstruktur in vier wichtigen Punkten gewandelt: Die Verwendung sozialwissenschaftlichen Wissens sei durch (1.)Trivialisierung, (2.)Autonomisierung der Nachfrage, (3.)gespaltene Verwendung und (4.)zusammenfassend: Abbau des Rationalitätsgefälles, nach dem Verwendung traditionellerweise deduktiv von oben nach unten vorgestellt wurde, gekennzeichnet (vgl. ebenda 383f).Google Scholar
  26. 4).
    Vgl. zu den Ambivalenzen in der Logik des Modernisierungsprozesses bei Beck: Reusswig/Scharping 1987a.Google Scholar
  27. 5).
    Beck 1982/4. Vgl. auch: ders. 1986a/25. Dort kommt Beck in der Anmerkung auf beide Varianten (u.a. auf die Auflösung der “Quellen der Gewißheit”) zu sprechen und stellt fest: “Üblicherweise wird zwischen Modernisierung und Industrialisierung unterschieden. Hier wird aus Gründen sprachlicher Vereinfachung meist von »Modernisierung« im Sinne eines Obergriffs gesprochen. “ (ebenda) Faßt man unter diesen Obergriff aber auch die »Wertideen« denen der Begriff sich selbst verdankt, wird die Argumentation zirkulär.Google Scholar
  28. 6).
    Zur Unterscheidung der im folgenden verwendeten Dimensionen im Problembegriff vgl. Ritsert 1988b/322f und Ritsert/Becker 1982.Google Scholar
  29. 7).
    Beck unterstellt nicht nur eine neue Stufe der kapitalistischen Entwicklungslogik, weil Risiken ein “Bedürfnis-Faß ohne Boden” sind (vgl Beck 1986a/30). Auch der Individualisierungsprozeß wird von einem “Motor” (ebenda 157) angetrieben, der als solcher sich anscheinend kaum von dem unterscheidet, der einmal die Klassenstrukturen reproduzierte. Vgl. zur Kritik auch Schumm 1986 und Dörre 1987.Google Scholar
  30. 1).
    Vgl. als Überblick: Schmidt(Hg) 1987; zur gesellschaftlichen Bedeutung besonders die Selbsteinschätzung des Herausgebers in der Vorbemerkung und im einleitenden Aufsatz und den Beitrag von Krohn u.a. 1987. Vgl. auch Regelmann/Schramm (Hg) 1988.Google Scholar
  31. 2).
    Diese Ebene verweist dabei auf konstitutionstheoretische Probleme, denen hier nicht weiter nachgegangen werden kann. Vgl. zum Stand der Diskussion: Haferkamp/Schmid(Hg) 1987; im besonderen zum Thema Kommunikation und Arbeit dort: J.Berger 1987.Google Scholar
  32. 3).
    Gegen eine solche Auslegung des Satzes der Identität hat schon Hegel polemisiert, es sei eine »leere Tautologie« und völlig »ohne Inhalt«; vgl. Hegel Werke Bd.6/41.Google Scholar
  33. 4).
    vgl. dazu Lipp 1987 und die Beiträge in Schmidt(Hg) 1987.Google Scholar
  34. 5).
    Hier soll keineswegs behauptet werden, daß “Angstkommunikation” tatsächlich das entscheidende Merkmal zur Bestimmung der Selbstkonstitution der NEUEN SOZIALEN BEWEGUNGEN ist, obwohl natürlich Angst gegenüber bestimmten technischen und sozialen Entwicklungen eine wichtige Rolle gespielt hat. Auf jeden Fall müßte dann aber der Angstbegriff im Spannungsverhältnis psychologischer, sozialer und politischer Prozesse, d.h. im Rahmen der Selbstkonstitution sozialer Bewegungen, thematisiert werden, und nicht abstrakt nach seiner Funktion für die gesellschaftliche Selbstbeschreibung beurteilt werden.Google Scholar
  35. 6).
    Ob allerdings bei Adorno wie bei Gehlen nur ein “resigniertes Kommentieren des Untergangs” vorliegt oder doch eine anschlußfähige Kritikvariante, bleibt die Frage. Solche Einordnungen sind natürlich beliebt — und auch zwischen Adorno und Luhmann haben scharfsinnige Geister schon eine Konvergenz festgestellt: eine “sich anbahnende Konvergenz zwischen Kritik und Affirmation” (Breuer 1987/91). Luhmann müßte dieser Ehre natürlich heftig widersprechen!Google Scholar
  36. 7).
    Dies scheint gleichzeitig auch die Befähigung zur hegemonialen Wissenschaft unter Beweis zu stellen (vgl. Regelmann/Schramm (Hg) 1988). Zentral dafür ist die Synthese zweier Varianten von »Bestandserhaltung« — sowohl gegenüber der »Rationalitat« sozialer Konflikte als auch gegenüber negativen Rückwirkungen im Naturverhältnis. Vgl. zur inhaltlichen Verfassung dieser hegemonialen Konzeption die Metapher von der biokybernetischen Weltmaschine, E.Becker 1986b.Google Scholar
  37. 8).
    Altvater 1987/53. Schon bei Marx gibt es bekanntlich Hinweise auf diese Tendenz, “die Erde und den Arbeiter” (MEW 23/530) zu zerstören.Google Scholar
  38. 9).
    Dazu gehört auch der eigene Theorieansatz; vgl. z.B. die Diskussion des Verhältnisses zwischen der »Krise des Marxismus« und den NEUEN SOZIALEN BEWEGUNGEN in: Hirsch/Roth 1980 und 1986, und zwischen Sozialwissenschaftlern generell und der Alternativbewegung in: Hirsch 1980a.Google Scholar
  39. 10).
    Damit ist allerdings die Frage verbunden, ob nicht der hier geforderte Lernprozeß eine Kritik an den Grenzen der »Subjektmetaphorik« einschließen muß. Adornos Intentionen wird man erst dann gerecht, wenn die auf die Sicherung der Identität der Gesellschaft gegenüber der Natur zielenden Konnotationen, die sich auch mit dem Begriff des »vernünftigen Gesamtsubjekts« verbinden, zurückgewiesen werden (vgl. dazu Kapitel 4.). Gleichzeitig muß daran erinnert werden, daß ein solches »Gesamtsubjekt« nach Adorno alle Anklänge an eine gegenüber den Individuen verselbständigte Totalität verlieren soll: “Eine befreite Menschheit wäre länger nicht Totalität ...”(Adorno 1979/292) Vgl. zu den logischen Implikationen des Verhältnisses von Identität und Widerspruch bei Adorno: Reusswig/Scharping 1988.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1992

Authors and Affiliations

  • Christoph Görg

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