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Einleitung: Der Begriff der Neuen Sozialen Bewegungen

  • Christoph Görg
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Part of the DUV Sozialwissenschaft book series (DUVSW)

Zusammenfassung

In der zweiten Hälfte der 70er Jahre tauchte in der politischen Landschaft der Bundesrepublik Deutschland eine Form der Äußerung politischen Protestes auf, deren allgemeinstes Merkmal zunächst einmal die Tatsache war, daß sie nachhaltig Irritation und Verunsicherung in Politik und Sozialwissenschaften auslöste. Eine Vielzahl von Einzelbewegungen, von Bürgerinitiativen und weitgehend unorganisierten Zusammenschlüssen, die sich im Widerstand gegen die verschiedensten Erscheinungsformen der Lebensbedingungen in einer modernen Gesellschaft entwickelten, gaben den Beobachtern (innerhalb und außerhalb der Bewegungen) Rätsel auf, was denn nun ihre eigentlichen Anliegen seien — und ob ein gemeinsames bei ihnen überhaupt auszumachen sei. Zu heterogen schienen vielfach die Anlässe — von Protesten gegen den Bau technischer Großprojekte über Ansätze alternativer Produktionsorganisationen bis hin zur Einrichtung selbstverwalteter Kindertagesstätten reichte die Palette. Zu unübersichtlich waren auch die Zielsetzungen. Nicht nur ging die Forderung nach der Abschaffung des etablierten Systems politischer Institutionen im Ganzen mit der nach dem Bau neuer Radwege einher. Selbst die Ausdifferenzierung einer Zielsetzung schien bisweilen durch die Parole »Wir wollen alles — und das sofort« unterlaufen zu werden. Genausowenig waren die Grenzen so einfach zu definieren, die dieser Protest organisatorisch annahm und damit seine Differenzen zu anderen politischen Akteuren zu bestimmen.

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Literatur

  1. 1).
    Auch wenn sich vielleicht die Argumente etwas geändert haben dürften: Im Streit um die »Bewegungswissenschaft«, ausgetragen im Laufe des Jahres 1989 im »Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen«, lautete die zentrale Frage in Anknüpfung an Stöss: “Tun wir uns mit unserem Forschungsgegenstand nur schwer oder gibt es ihn in Wirklichkeit gar nicht?” (Roth/Rucht 1989/44) Vgl. auch: Greven 1988, Brand 1989, Rothgang 1989; Görg 1989. Vgl. zur Entwicklung und zum Stand der »Bewegungsforschung«: Rucht 1989Google Scholar
  2. 2).
    In der Untersuchung der sozialstrukturellen Basis der Neuen Sozialen Bewegungen hat es sich weitgehend eingebürgert, die Daten dem Wählerreservoir der Partei »Die Grünen« zu entnehmen (vgl.. z.B. Bürklin 1984). Mit der Differenz zwischen NEUEN SOZIALEN BEWEGUNGEN und grüner Partei wird dabei aber ein entscheidendes Problem für die Identität der Bewegungen als Bewegungen schlicht unterschlagen. Ähnliche Probleme bereitet die synonyme Verwendung von NEUEN SOZIALEN BEWEGUNGEN und Neuen Sozialen Milieus (vgl. Vester 1989; s.u. Kapitel 3.1.).Google Scholar
  3. 3).
    Dieses Problem wird auch in der Bewegungsforschung gesehen, wie die Einleitung zu Wasmuth (Hg) 1989 zeigt. Vgl. zum methodischen Problem ausführlicher: Görg 1989.Google Scholar
  4. 4).
    Wenn im folgenden nicht anders vermerkt soll mit »kritischer Theorie« immer diese »ältere« Variante gemeint sein. Dies aus terminologischer Vereinfachung, nicht um auf diese Weise zu leugnen, daß es verschiedene Varianten des Anknüpfens und der Fortsetzung der Theorien von Horkheimer, Adorno und Marcuse gibt. Da hier vor allem die Bedeutung dialektischen Denkens für die Gesellschaftstheorie untersucht werden soll, stehen insbesonders die soziologischen und methodologischen Schriften Adornos im Zentrum. Dies mag, was den Gegenstand »soziale Bewegungen« angeht, einigermaßen erstaunen, gilt doch gerade seine Theorie als kaum anschließbar an Probleme sozialer, i.e.S. politischer, Praxis. In gewisser Hinsicht wird hier eine gegenteilige Ansicht vertreten.Google Scholar
  5. 5).
    Als Beispiel kann die Kritik von Axel Honneth dienen, der der Ausrichtung des Forschungsprogramms der kritischen Theorie in ihren zentralen Vertretern Horkheimer, Marcuse und Adorno einen “marxistischen Funktionalismus” (Honneth 1989/7) vorwirft, in dem “die Kultur, nicht anders als in der marxistischen Basis-Überbau-Lehre, allein als ein Funktionsbestandteil der Herrschaftssichrung in Erscheinung tritt. “ (ebenda 8) Es wird hier noch nicht einmal in Erwägung gezogen, ob es nicht doch eine grundbegriffliche Differenz gibt zwischen einem “funktionalistische(n) Reduktionismus” (ebenda 9) und dem Begiff dialektischer Vermittlung.Google Scholar
  6. 6).
    Diese Arbeit steht im Zusammenhang eines Arbeitskreises, der sich an der Aufarbeitung dieses Problems und an der Frage orientiert, wie der kritische Gehalt dialektischen Denkens in die Gesellschaftstheorie eingebracht werden kann. Vgl. vor allem: Ritsert 1988a, und Reusswig/Scharping 1988.Google Scholar
  7. 7).
    Vgl. dazu unten Kapitel 3.2.1.. Natürlich kann in diesem Rahmen nicht auf die Probleme eingegangen werden, die sich gerade für die Analyse des Naturverhältnisses ergeben. Es wird jedoch von der Annahme ausgegangen, daß die logische Komplexität des Anerkennungsbegriffs vergleichbaren Grundbegriffen wie dem der »doppelten Kontingenz« zumindest angemessen ist und in der thematischen Breite, im Naturbezug, überlegen ist. Vgl. dazu auch: Ritsert 1988b/144ff, Gumbinger 1987.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1992

Authors and Affiliations

  • Christoph Görg

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