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Franz Oppenheimer und Alfred Weber als Historische Soziologen — Zur Paradigmatischen Identität der Historischen Soziologie der Weimarer Republik

  • Volker Kruse
Chapter
Part of the DUV Sozialwissenschaft book series (DUVSW)

Zusammenfassung

Nach der Auseinandersetzung mit den Zeitdiagnosen Franz Oppenheimers und Alfred Webers wollen wir uns im folgenden nochmals den generellen Aspekten der Weimarer historischen Soziologie zuwenden, und zwar zunächst der Methodologie. Es dürfte aus den vorangegangenen Teilen dieser Arbeit deutlich geworden sein, daß zwischen Oppenheimer und A. Weber erhebliche methodologische Differenzen bestehen. Diese wollen wir in Kap. IV. 1. untersuchen und dabei auch der Frage nachgehen, ob unter diesen Umständen von der historischen Soziologie der Weimarer Republik im Sinne eines sozialwissenschaftlichen Paradigmas überhaupt die Rede sein kann. Ihrem paradigmatischen Profil gehen wir ferner im Licht von Karl R. Poppers Historizismuskritik nach (Kap. IV.2.).

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Literatur

  1. 1).
    Zu den bedeutendsten Repräsentanten dieser antipositivistischen Strömung zählten die Philosophen Dilthey, Windelband, Rickert, Croce und Bergson sowie die Historiker Droysen, v. Below und Meyer.Google Scholar
  2. 2).
    Oppenheimer setzt sich mit Alfred Weber auseinander in: Opp. 1964 I, 1, S. 424–442; Opp. 1928, S. 28–30.Google Scholar
  3. 3).
    Alfred Weber sieht dies anders; er wirft Hegel vor, die Kul-tursphäre als Bereich der “seelischen Verarbeitung und Formung” “durch den Begriff des ‘Geistes’, vor allem des ‘objektiven Geistes’ für die historische und philosophische und damit auch die bisherige soziologische Anschauung unsichtbar gemacht” zu haben, indem er “in diesem Begriff des objektiven Geistes die intellektuellen B e -herrschungs elemente des Daseins mit den s e e 1 i -sc hen Ausdruckselementen verband, damit tatsächlich Intellekt und Seele in eins zusammenwarf und dadurch Zivilisation und Kultur in hoffnungsloser Weise durcheinander mischte” (A.W. 1920, S. 29).Google Scholar
  4. 4).
    Alfred Weber hat sich gegenüber Eubank über Oppenheimer folgendermaßen geäußert: “Er hat ein System der Soziologie entwickelt, das nur ein einziges Thema besitzt, nämlich eine Theorie des freien Wettbewerbs. Diese Theorie soll alles abdecken, dabei sagt er, wenn der Privatbesitz an Grund und Boden aufgehoben wird, ergäbe das eine harmonische Gesellschaft. Das ist alles viel zu simpel. Man kann kein System der Soziologie auf einer derart schmalen Basis aufbauen. Daher bezweifle ich, ob Sie ihn in Ihrer Liste der wichtigsten Soziologen aufnehmen sollten” (Käsler 1985, S. 123f.).Google Scholar
  5. 5).
    Aus der Sicht Alfred Webers ist die Soziologie Oppenheimers eine Theorie, die sich auf die Gesellschaftssphäre des Daseins beschränkt, d.h. auf die Sphäre, der Weber selbst die wenigste Aufmerksamkeit (verglichen mit Kultur und Zivilisation) geschenkt hat. Daß er Oppenheimer in der wirtschaftssoziologischen Analyse nicht fernstand, geht m.E. aus folgender Bemerkung über die klassische Nationalökonomie des 18. Jahrhunderts hervor: “So wird die Wirtschaft, die der Staat heraufgezogen, aber auch geknebelt hatte, als eine angeblich harmonische Tauschwirtschaft gesehen. Wobei man tatsächlich zum erstenmal die Gesetzmäßigkeiten ihres auf Arbeitsteilungen ruhenden, durch Märkte und Preise zusammengehaltenen Kreislaufs entdeckt. Ohne freilich zu bemerken, daß dieser Kreislauf keineswegs zu harmonischen Resultaten zu führen braucht. Schon gar nicht im Kapitalismus, wo der Starke den schwach gewordenen Massen gegenübersteht und ihre Arbeitskraft ausnutzen kann” (A.W. 1963, S. 399f.). In diesen Sätzen ist implizit die reine Ökonomie der harmonischen Tauschwirtschaft von der politischen Ökonomie des Kapitalismus geschieden, wobei letztere — wo der Starke den schwach gewordenen Massen gegenübersteht und ihre Arbeitskraft ausnutzen kann” — durch ein “Monopolverhältnis auf dem Arbeitsmarkt” (wie es Oppenheimer formulieren würde) gekennzeichnet ist. Dies ist genau der Kernpunkt der wirtschaftssoziologischen Analyse Oppenheimers — nicht umsonst trägt eines seiner Hauptwerke den Titel “Theorie der reinen und politischen Ökonomie”. Daß Alfred Weber in der Diagnose der Gesellschaftssphäre in ähnliche Richtung hin dachte wie Oppenheimer, geht aus seinen programmatischen Überlegungen vom 17. 11. 1918 hervor, in denen er “eine Synthese zwischen kapitalistischindividualistischen und sozialisierenden Kräften” fordert, welchen “denen, die nicht in der deutschen Industrie Unterkunft finden können oder wollen, eine freie selbständige Existenz auf dem Lande ermöglicht” (vgl. A.W. 1918c).Google Scholar
  6. 1).
    Die Abwendung von der Geschichte wird in dieser Sichtweise also nicht als Wirklichkeitsverlust wahrgenommen, sondern als Akt der Verwissenschaftlichung der Soziologie. Unberücksichtigt bleibt dabei auch, daß die Weimarer historische Soziologie selbst bestrebt war, die Unzulänglichkeiten der historischen Soziologie des 19. Jahrhunderts zu überwinden, und zwar ohne die Geschichte als Erfahrungsgrund und Erkenntnisobjekt über Bord zu werfen.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1990

Authors and Affiliations

  • Volker Kruse

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