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Franz Oppenheimers Soziologische Zeitdiagnose zur Sozialen Frage

  • Volker Kruse
Part of the DUV Sozialwissenschaft book series (DUVSW)

Zusammenfassung

Im Zentrum dieser Arbeit steht die Darstellung und Analyse der soziologischen Zeitdiagnosen Franz Oppenheimers zur sozialen Frage und Alfred Webers zur Kulturkrise.

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Literatur

  1. 1).
    Natürlich gab es unter den einzelnen Arbeitergruppen, etwa zwischen ländlichen Heimarbeitern und Facharbeitern der Großindustrie hinsichtlich Einkommenshöhe und sozialer Absicherung gravierende Differenzen, die in unserem Zusammenhang, wo es um die Grundtendenz geht, nicht weiter interessieren.Google Scholar
  2. 2).
    Vgl. dazu A.W. 1912, wo auf der Grundlage empirischer Untersuchungen aufgezeigt wird, daß die Arbeiter bis etwa zum 40. Lebensjahr in der innerbetrieblichen Hierarchie aufstiegen, um danach durch physischen und psychischen Verschleiß auf schlechter bezahlte Posten zurückzusinken, sofern sie nicht überhaupt aus der Fabrik ausschieden und als Hausierer oder mit Gelegenheitsarbeiten ihr Dasein fristen mußten.Google Scholar
  3. 3).
    Zu den hervorstechenden sozialpsychologischen Merkmalen der Epoche von 1873–96 gehörten laut Hans Rosenberg “die groteske Angst vor den ‘Roten’ und dem ‘Umsturz’“ (vgl. Rosenberg 1976, S.57).Google Scholar
  4. 4).
    Die “Lohnfonds” sah Smith aus zwei Quellen gespeist: a) aus den nicht für den Lebensunterhalt benötigten Einnahmen (etwa von Rentiers) und b) aus dem Kapital, das nicht für Arbeitsmaterial und Lebensunterhalt verwendet wird. Zu seiner Lohntheorie vgl. Adam Smith, Der Wohlstand der Nationen, Buch I, Kap. 8.Google Scholar
  5. 5).
    Zu “konstantem Kapital” zählt Marx Produktionsmittel aller Art wie Maschinen und Gebäude, im Unterschied zu Ricardos “fixem Kapital” aber auch Hilfsstoffe.Google Scholar
  6. 6).
    Absolut kann der variable Kapitalteil jedoch zunehmen: “Mit dem Wachstum des Gesamtkapitals wächst... auch sein variabler Bestandteil,... aber in beständig abnehmender Proportion” (vgl. Marx 1972, S. 658).Google Scholar
  7. 7).
    Vgl. zu den Begriffen “ökonomisches” und “politisches Mittel” Opp. 1954, S. 10f., Opp. 1964 III, 1, S. 146–152. Die wichtigste Institution des politischen Mittels ist der Staat: “(J)eder Staat der Weltgeschichte ist ursprünglich die Schöpfung der Eroberung und Unterwerfung” (Opp. 1964 III, 1, S. 207). “Der Staat ist eine Rechtsinstitution, einer besiegten Gruppe durch eine siegreiche Gruppe einseitig auferlegt mit dem ursprünglich einzigen Zwecke, die Besiegten zugunsten der Sieger so hoch und so dauernd wie möglich zu besteuern” (Opp. 1964 II, S. 308).Google Scholar
  8. 8).
    Vgl. Opp. 1962, S. 78. Die Definition hat Oppenheimer vom Nationalökonomen Adolf Wagner übernommen.Google Scholar
  9. 9).
    Die Höhe des Monopolpreises hängt u.a. vom Konkurrenzpreis möglicher Surrogate und Ersatzmittel ab (vgl. Opp. 1964 III, 2, S. 500–505), vor allem aber von der “Dringlichkeit des Austauschbedürfnisses” (vgl. ebenda, S. 457f.). — Im übrigen schließt ein Monopol für Oppenheimer Konkurrenz keineswegs aus, läßt aber nicht freie, sondern nur “beschränkte Konkurrenz” zu: “Ein Monopol ist eine Vorzugsposition im Preiskampf, beruhend darauf, daß die Konkurrenz nicht völlig frei spielen kann oder darf” (vgl. ebenda, S. 504).Google Scholar
  10. 10).
    Oppenheimer führt als Beleg das folgende Marx-Zitat an: “Damit die Preise, wozu Waren sich gegeneinander austauschen, ihren Werten annähernd entsprechen, ist nichts nötig, als daß 1. der Austausch der verschiednen Waren aufhört, ein rein zufälliger oder nur gelegentlicher zu sein; 2. daß, soweit wir den direkten Warenaustausch betrachten, diese Waren beiderseits in den annähernd dem wechselseitigen Bedürfnis entsprechenden Verhältnismengen produziert werden, was die wechselseitige Erfahrung des Absatzes mitbringt und was so als Resultat aus dem fortgesetzten Austausch selbst herauswächst; und 3., soweit wir vom Verkauf sprechen, daß kein natürliches oder künstliches Monopol eine der kontrahierenden Seiten befähige, über den Wert zu verkaufen, oder sie zwinge, unter ihm loszuschlagen...” (vgl. Marx 1973, S. 187; vgl. auch Opp. 1962, S. 111f.; Hervorhebung von mir, V.K.).Google Scholar
  11. 11).
    Oppenheimer knüpft in diesem Punkt an den Agrarwissenschaft-ler Theodor Freiherr von der Goltz an, der das nach ihm benannte Gesetz aufgestellt hatte: “Mit dem Umfang des Großgrundbesitzes parallel und mit dem Umfang des bäuerlichen Besitzes in umgekehrter Richtung geht die Auswanderung” (in: Die ländliche Arbeiterklasse und der preußische Staat, Danzig 1874; vgl. Opp. 1964 II, S. 488 und 703; Opp. 1964 III, 1, S. 910f.; Opp. 1930a, Sp. 1144f.).Google Scholar
  12. 12).
    Diese Rechnung wäre heutzutage zu relativieren durch die rapide gestiegene Bevölkerungszahl und den technischen Fortschritt in der Landwirtschaft, der einem bäuerlichen Familienbetrieb — je nach Art der Bodennutzung — die Bewirtschaftung einer weitaus größeren Fläche ermöglicht als den von Oppenheimer veranschlagten 5 ha. Zumindest für die am dichtesten besiedelten Staaten Westeuropas wäre heute eine natürlich bedingte Bodenknappheit kaum noch zu bestreiten.Google Scholar
  13. 13).
    Die Kontroverse umfaßt außerdem folgende Beiträge: Franz Oppenheimer: Das Bodenmonopol — Zu Joseph Schumpeters “Das Grundprinzip der Verteilungslehre”, in: AfSS, Bd. 44 (1917/ 18), S. 487–94; Joseph Schumpeter: Das Bodenmonopol — Eine Entgegnung auf Dr. Oppenheimers Artikel, in: AfSS, Bd. 44 (1917/18), S. 495–502; Franz Oppenheimer: Das Bodenmonopol -Fortsetzung der Diskussion mit Prof. Schumpeter, in: AfSS, Bd. 47 (1920/21), S. 866–875. Alle drei Beiträge sind abgedruckt in Opp. 1924, S. 411–441, woraus hier zitiert wird.Google Scholar
  14. 14).
    Vgl. Rudolf Stolzmann: Der Zweck in der Volkswirtschaft -Volkswirtschaft als sozial-ethisches Zweckgebilde, Berlin 1909; Michael Tugan-Baranowsky: Soziale Theorie der Verteilung, Berlin 1913.Google Scholar
  15. 15).
    Vgl. zu dieser Debatte auch: Eugen von Böhm-Bawerk: Macht oder ökonomisches Gesetz? Darmstadt 1975 (1914).Google Scholar
  16. 16).
    Warum seiner Auffassung nach kein Bodenmonopol besteht, hatte Schumpeter bereits in “Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie” (1908) ausgeführt: “Die behauptete Unvermehrbarkeit (des ‘Grund und Bodens’, V.K.) schließt aber Konkurrenz unter den Grundeigentümern keineswegs aus, und es wurde mit Recht hervorgehoben, daß von einem Monopol nur die Rede sein könne, wo ein Wirtschaftssubjekt das Angebot eines Gutes vollständig beherrscht” (Schumpeter 1970, S. 371).Google Scholar
  17. 1).
    Vgl. Opp. 1962, S. 15; an anderer Stelle definiert Oppenheimer: “Kapitalismus... besteht überall dort, wo Arbeitende, die das Opfer eines Übermachtverhältnisses sind, Waren für einen geldwirtschaftlich entwickelten Markt herstellen” (Opp. 1964 IV, 3, S. 1035; im Orig. gesperrt, V.K.).Google Scholar
  18. 2).
    Oppenheimers kurze Begründung, “ wenn er (Marx, V.K.) den antiken Kapitalismus der Sklavenwirtschaft, den auf höriger Arbeit beruhenden Agrarkapitalismus des späten Mittelalters, den wieder auf Sklavenarbeit beruhenden Agrarkapitalismus der neuzeitlichen Plantagenwirtschaft und den frühneuzeitlichen Kapitalismus des Verlagssystems mit herangezogen hätte, wie es erforderlich war, so hätte die Begriffsbestimmung und Erklärung anders ausfallen müssen” (Opp. 1964 IV, 3, S. 1035), erscheint wie ein Zirkelschluß. Oppenheimer will wohl sagen, daß es für den Kapitalcharakter von Produktionsmitteln, der sich über deren profitable Verwertbarkeit definiert, unerheblich ist, ob freie oder unfreie Arbeiter ausgebeutet werden.Google Scholar
  19. 3).
    Selbstverständlich sind nicht alle Formen der Sklaven- und Feudalwirtschaft für Oppenheimer kapitalistisch, sondern nur für den Markt produzierende.Google Scholar
  20. 4).
    Vgl. Opp. 1962, S. 15. Oppenheimers “agrarischer Kapitalis-mus” entspricht in etwa dem in der Feudalismusdiskussion verwendeten Begriff der “zweiten Leibeigenschaft” (vgl. A. Casanova/ C. Parain: Die zweite Leibeigenschaft in Mittel-und Osteuropa, in: Ludolf Kuchenbuch (Hrsg.): Feudalismus -Materialien zur Theorie und Geschichte, Ffm 1977, S. 660–677.Google Scholar
  21. 5).
    Hinzu kommt, daß Oppenheimer häufig von “Kapitalismus” spricht, wenn eigentlich nur die gewerblich-industrielle Variante gemeint ist.Google Scholar
  22. 6).
    Als “gesellschaftliche Wirtschaft” bzw. “Gesellschaftswirtschaft” versteht Oppenheimer “den Inbegriff der Beziehungen vieler Einzelwirtschaften zueinander” (Opp. 1964 III, 2, S. 339).Google Scholar
  23. 7).
    Oppenheimer unterscheidet in seinem “Gesetz von dem Transportwiderstand” (“der Umfang des Handels ist abhängig von dem Transportwiderstande”) drei Varianten: a) den absoluten Transportwiderstand = der Widerstand, der von der physischen Beschaffenheit von Transportgütern und Transportmitteln ausgeht; b) den relativen Transportwiderstand = das Verhältnis von Wert zu Gewicht; c) den politischen Transportwiderstand = Grenzsperren, Handelsverbote, Zölle aller Art. Vgl. Opp. 1964 III, 1, S. 272–275.Google Scholar
  24. 8).
    Zu fragen ist allerdings, ob die Technik, deren kausal bestimmende Relevanz für Struktur und Prozeß der Gesellschaft Oppenheimer explizit so vehement bestreitet, nicht doch versteckt durch einen Begriff wie “Transportwiderstand” (s.o.) als determinierender Faktor in sein Modell eingeführt wird.Google Scholar
  25. 9).
    “Karl Marx hielt den Kapitalismus für ein ‘gesellschaftliches Produktionsverhältnis’. Wir wissen, daß er darin Unrecht hatte: er ist ein ‘gesellschaftliches Distributions-verhältnis’. Die primär erkrankte Funktion des Supraorganis-mus der Wirtschaftsgesellschaft ist die Distribution...” (Opp. 1964 III, 2, S. 961).Google Scholar
  26. 10).
    Im Sinne von Oppenheimers Metapher des verästelten Baumes haben wir den antiken Kapitalismus als quasi “toten Ast” im gesellschaftlichen Evolutionsprozeß anzusehen.Google Scholar
  27. 11).
    Die “reine Ökonomie” (der Begriff besagt, daß der materielle Bedarf in der Gesellschaft nur durch eigene Arbeit und/oder durch äquivalenten Tausch gedeckt wird) schränkt Oppenheimer für das mittelalterliche Deutschland allerdings folgendermaßen ein: “Sie (die reine Ökonomie, V.K.) gilt nur für die Ordnung der Wirtschaft, nicht für die des Staates und der Stände; und gilt auch für die Wirtschaft nur insoweit, wie nicht noch Reste des alten gewaltgeschaffenen Eigentums und Privilegien und Monopole aus staatlicher Verleihung in diese Ordnung hineinragen” (Opp. 1964 IV, 3, S. 1o48). Daß sich trotz derartiger Störungen wie “Kriegsverwüstung, Brandschatzung, Steuerdruck, staatlicher und kirchlicher Mißverwaltung” (Opp. 1964 IV, 3, S. 1o49) ein stetiger wirtschaftlicher Aufschwung entwickelt, sieht Oppenheimer als Beweis für die Leistungsfähigkeit der reinen Ökonomie an.Google Scholar
  28. 12).
    Auch in anderen europäischen Ländern vollzogen sich laut Oppenheimer ähnliche Transformationsprozesse wie in Deutschland, z.B. in Italien, Spanien, Frankreich, Belgien, England. Vgl. Opp. 1964 IV, 3, S. 1171–1296.Google Scholar
  29. 13).
    Diese These ist angesichts von Max Webers Modell des asketischen protestantischen Unternehmers — auf Max Webers diesbezügliche Schriften geht Oppenheimer übrigens nicht ein — kaum haltbar. Und selbst wenn Geld auch Mittel zum Zweck sein sollte-, das Berufsethos des kapitalistischen Unternehmers war doch ein ganz anderes als etwa das des römischen Großgrundbesitzers; der Muße und Politik stets wirtschaftlicher Tätigkeit vorzog, auch auf Kosten geringeren Profits.Google Scholar
  30. 14).
    Oppenheimer will in einer Polemik gegen Durkheim das Kollektivbewußtsein nicht als eine Kraft verstanden wissen, die “durch äußeren Zwang auf den normalen Menschen” wirkt. Es “motiviert von innen her” als “integrierender Teil des Motivationsapparates des normalen Gruppengliedes” (vgl. Opp. 1964 I, 2, S. 510–512).Google Scholar
  31. 15).
    Oppenheimer wendet sich dagegen, den Interessenbegriff materiell zu verengen: “Wenn wir von ‘Interessen’ reden, so haben wir durchaus nicht ausschließlich die sogenannten ‘materiellen’ Interessen allein im Auge. Eine Gruppe kann sich gerade so gut um nichtmaterielle Interessen, z.B. um ethische oder religiöse oder wissenschaftliche oder philosophische oder ästhetische Interessen sammeln oder durch sie zusammengehalten werden. Das gemeinsame Interesse kann auch z.B. in dem Glauben der Gruppenglieder an die besondere Eignung einer bestimmten Person oder Familie für gewisse öffentliche Ämter und Funktionen bestehen, handle es sich nun um eine zweckrationale Überzeugung oder um einen nichtrationalen Glauben an ein bestimmtes ererbtes oder individuelles ‘Charis-ma’” (Opp. 1964 II, S. 654 f.).Google Scholar
  32. 16).
    Auch wenn wir auf der axiomatischen Ebene die Bedenken Sombarts in Umrissen rekonstruieren können, so ist es doch bedauerlich, daß Sombart nicht eine ausführlichere Auseinandersetzung am empirischen Material geführt hat, denn in der Fülle und Reichhaltigkeit des empirischen Materials ist Sombarts Kapitalismus-Untersuchung wohl auch von Marx und Max Weber (von Oppenheimer auf jeden Fall) unübertroffen, während Oppenheimer doch der stringentere Theoretiker zu sein scheint.Google Scholar
  33. 17).
    Seine Genossenschaftstheorie hat Oppenheimer erstmals 1896 präsentiert in: Die Siedlungsgenossenschaft (Opp. 1922a). In verkürzter Form ist sie dargelegt in Opp. 1964 I, 2, S. 669–678; III, 2, S. 948–961.Google Scholar
  34. 18).
    Unter “Käufer” versteht Oppenheimer nur die “letzten Verzehrer”, nicht die Wiederverkäufer. “Verkäufer” meint die städtischen Verkäufer der kapitalistischen Gesellschaft.Google Scholar
  35. 19).
    Aus dieser unterschiedlichen Lagerung der Käufer untereinander einerseits und der Verkäufer untereinander andererseits leitet Oppenheimer zwei unterschiedliche Arten von Konkurrenz ab: den “friedlichen Wettbewerb”, der die ökonomische Existenz der konkurrierenden Wirtschaftssubjekte nicht tangiert (nur ihren Komfort), und den “feindlichen Wettkampf”, bei dem sich die konkurrierenden Wirtschaftssubjekte gegenseitig aus dem Markt eliminieren und ökonomisch ruinieren. Einzige Ausnahme im Kapitalismus sind die Landwirte. Sie sind zwar Verkäufer, aber unter ihnen herrscht der friedliche Wettbewerb, a) weil sie hinsichtlich der Deckung der Grundbedürfnisse nahezu autark sind, b) weil sie eine relativ reichhaltige Produktpalette anbieten und daher von Preisschwankungen eines Produkts nicht existentiell betroffen sind, c) weil keine Chance besteht, den Konkurrenten aus dem Markt zu werfen. (Natürlich hat Oppenheimer bei diesen Überlegungen nicht den EG-Agrarmarkt im Auge).Google Scholar
  36. 20).
    In enger Analogie zur harmonischen bzw. nichtharmonischen Genossenschaft erklärt Oppenheimer auch die Metamorphose der Zünfte im späten 14. Jahrhundert von einer offenen, demokratisch verfaßten Gewerbegenossenschaft zu einer gesperrten Vereinigung mit autokratischer Verfassung (vgl. Opp. 1964 III, 2, S. 957–961).Google Scholar
  37. 21).
    “Alles, was groß an ihm ist, verdankt er der Freiheit: die Beseitigung der Stände, die großartige Entwicklung der Arbeitsteilung, die Herrschaft über die Elemente, den Reichtum, den sich frühere Zeiten nicht einmal hätten vorstellen können. Aber alles, was an ihm häßlich und gefährlich ist, hat er von seinem Vater, der Gewalt: die Ungleichheit mit allen ihren furchtbaren wirtschaftlichen und politischen Folgen, die herzzermalmende Armut der Unterklasse namentlich in den Anfängen, die grauenhafte Unsittlichkeit,... den Kampf um die Weltmärkte... und die daraus folgende Nebenbuhlerschaft der kapitalistischen Mächte, die Krisen und die vernichtenden Kriege” (Opp. 1964a, S. 152).Google Scholar
  38. 22).
    Die herrschende Klasse im Deutschland der Gegenwart sieht Oppenheimer zusammengesetzt aus a) “den großen Industriellen und Bankherren plebejischer Abstammung”, b) “reinen” Großgrundbesitzern und c) den “großen, altfeudalen Landmagnaten, die zugleich Bergherren und oft auch Großindustrielle, zumeist der auf ihrem Bergwerksbesitz erwachsenden Hüttenindustrie, sind, wie die Schaffgotsch, Arenberg, Ratibor”. Zur Unterklasse rechnet Oppenheimer neben dem “neuentstandenen Proletariat der Industrie und der Landwirtschaft” auch die “größten Teile des alten Mittelstandes der Handwerksperiode”, die “meisten Klein- und viele Mittelbauern”, einen “großen Teil der Handwerker” und die “Unterbeamten”. “Die ökonomisch und intellektuell tiefste Schicht sind die Landarbeiter.” Zwischen der Unter- und Oberklasse sieht Oppenheimer eine “Übergangsklasse” teils aszendenter, teils deszendenter Schichten gelagert. Zu den ersteren zählt er die “Großbauern” und “Mittelkapitalisten in Gewerbe und Handel”, zur letzteren rechnet er “die Mehrzahl der Handwerker und Beamten”. Kriterium der Übergangsschichten ist, daß sie “unentgolten nach oben” leisten und “unentgolten von unten” empfangen (Opp. 1964 II, S. 65o f.).Google Scholar
  39. 23).
    In seiner Einschätzung der gesellschaftspolitischen Funktion der Beamtenschaft scheint mir Oppenheimer wesentlich durch die Staatstheorien Hegels und Lorenz v. Steins beeinflußt zu sein.Google Scholar
  40. 1).
    Zu Oppenheimers Theorie der kapitalistischen Wirtschaftskrise vgl. Opp. 1922a, S. 518 f.; Opp. 1911, S. 144–159; Opp. 1964 III, 2, S. 996–1o21.Google Scholar
  41. 2).
    In seiner “Allgemeinen Soziologie” schränkt Oppenheimer ein: “als heuristisches Prinzip in erster Annäherung” (Opp. 1964 I-, 1, S. 66).Google Scholar
  42. 3).
    Später hat Oppenheimer meist, um Mißverständnisse und eine zu enge Analogie zu vermeiden, von Gesellschaft als “Supraorganismus” gesprochen.Google Scholar
  43. 4).
    Das “Gesetz der sinkenden Erträge” besagt: “Der Ertrag der landwirtschaftlichen Arbeit an Nahrungsmitteln wächst von einem gewissen Optimum an ceteris paribus in geringerem Maße als die darauf verwendeten Kosten an Energien und kostenden Mitteln” (Opp. 1964 III, 1, S. 263; im Original gesperrt, V.K.).Google Scholar
  44. 5).
    Vgl. zu Wanderungsbewegungen Opp. 1964 II, S. 703–708,Google Scholar
  45. 6).
    Opp. 1964 III, 2, S. 910–913; zu Gesundheit und Kriminalität vgl. Opp. 1964 II, S. 701–703, auch S. 324.Google Scholar
  46. 1).
    Auf konkrete Prognosen hinsichtlich Zeitpunkt und Form einer sozialen Revolution hat sich Oppenheimer aber nicht eingelassen.Google Scholar
  47. 2).
    In “Kapitalismus, Kommunismus, Wissenschaftlicher Sozialismus (1919). Das Kapitel zum utopischen Kommunismus, von dem jetzt die Rede ist, wurde in der überarbeiteten Neuauflage “Weder Kapitalismus noch Kommunismus” (1932) unverändert übernommen. Wir zitieren aus der letztgenannten Ausgabe (Opp. 1962, S. 30–38).Google Scholar
  48. 3).
    Das Argument (5) ist das schwächste; es wird nicht nur durch die historische Erfahrung gründlich widerlegt, es steht auch in logischem Widerspruch zu (4), wo die Machtfülle der Beamten hervorgehoben wird, die ja, wie Oppenheimer 1895 auch gesehen hat, diktatorische Maßnahmen ermöglicht, während in (5) anscheinend von halbanarchischen Zuständen ausgegangen wird. Im übrigen liegt in einer komplexen Behörde die Verantwortlichkeit keineswegs so klar auf der Hand (vgl. Kafka).Google Scholar
  49. 4).
    Oppenheimers erste Diagnose zum Krieg findet sich in “Kapitalismus, Kommunismus, wissenschaftlicher Sozialismus” (1919), und sie ist in den späteren Werken (auch im “System der Soziologie”) im wesentlichen unverändert — teils in wortwörtlicher Übereinstimmung — wiedergegeben worden.Google Scholar
  50. 5).
    Vgl. Opp. 1919, S. 7. Mit den “Personen, die man jetzt vor ein Tribunal schleppen will”, sind vermutlich Kaiser Wilhelm und die verantwortlichen deutschen Politiker und Militärs gemeint, deren Auslieferung die Entente verlangte.Google Scholar
  51. 6).
    In diesem Kontext hat Oppenheimer 1917 den ersten Weltkrieg historisch als den “katastrophale(n) Versuch Europas” gedeutet, “die politische Form zu finden, die seiner längst vollzogenen Verschmelzung zu einem großen einheitlichen Wirtschaftsraum entspricht” (Opp. 1926, S. 188).Google Scholar
  52. 7).
    Oppenheimer hat sich allerdings auch nach 1933 unverdrossen um die Verbreitung seiner Ideen bemüht, u.a. in Gestalt eines utopischen Romans (“Sprung über ein Jahrhundert”) unter Pseudonym (vgl. Opp. 1935, vgl. auch L. Y. Oppenheimer 1964, S. 265).Google Scholar
  53. 8).
    In einen solchen Kontext hätte Oppenheimer auch gut seine Beobachtung der fluktuierenden Mittelschichten einordnen können (vgl. Kap. II.4.1.).Google Scholar
  54. 9).
    Vgl. z.B. die Agitation der französischen Rechten im Zusammenhang mit den Affären um Boulanger und Dreyfus oder die Agitation der Alldeutschen im wilhelminischen Deutschland für Flottenpolitik und Kolonialismus.Google Scholar
  55. 10).
    Oppenheimer erinnert in seinem steten, unbeirrbaren Vertrauen auf die menschliche Vernunft zuweilen an die literarische Figur des Gustav Oppermann aus Lion Feuchtwangers Roman “Die Geschwister Oppermann”.Google Scholar
  56. 11).
    Außer den beiden folgenden exemplarischen Zitaten vgl. Opp. 1924, S. 183; Opp. 1921, S. 15; Opp. 1964 II, S. 480, 483f., 675, 690, 789.Google Scholar
  57. 12).
    Daß auch für Max Weber die antike Geschichte als Folie zur schärferen Diagnose der Gegenwart diente, hat Wolfgang Schluchter in “Der autoritär verfaßte Kapitalismus — Max Webers Kritik am Kaiserreich” (Schluchter 1980, S. 134–169) herausgearbeitet. Max Weber ging es demnach um das Verhältnis zwischen antikem bzw. modernem Kapitalismus einerseits und “dynastischem Militär- und Verwaltungsstaat” im späten Rom bzw. im deutschen Kaiserreich andererseits.Google Scholar
  58. 13).
    Als Indiz der größeren Destruktivität des antiken Kapitalismus wertet Oppenheimer den Bevölkerungsschwund: “Derjenige Zug, der den antiken am schärfsten vom neuzeitlichen Kapitalismus scheidet, ist die ungeheure Tatsache, daß die modernen Völker im einzelnen und vor allem ihr Verband im ganzen ein gewaltiges, in keiner Periode der Vorzeit je erhörtes Wachstum zeigen, während die Völker des Altertums... bis zur fast völligen Vernichtung an Zahl zusammenschmelzen” (vgl. Opp. 1964 II, S. 484).Google Scholar
  59. 14).
    In diesem Sinne lehnt Oppenheimer die Theorie Oswald Spenglers ab, daß jede Kultur altert und zum Untergang verurteilt ist. Vgl. zu Oppenheimers Auseinandersetzung mit Spengler auch Kap. IV.2.Google Scholar
  60. 1).
    Oppenheimers Unterscheidung zwischen produktiven und unproduktiven Schichten als anvisierte Konfliktlinie der kapitalistischen Gesellschaft erinnert stärker an Saint Simon als an Karl Marx.Google Scholar
  61. 2).
    Im Prinzip hält Oppenheimer sogar die aktive Mitwirkung des Staates am Prozeß der Aufhebung der Bodensperre nicht für unbedingt erforderlich. Ein Ankauf des zur Einleitung des Transformationsprozesses nötigen Landes “würde z.B. in Deutschland mit einem Bruchteil des Geldes auszuführen gewesen sein, das das Proletariat auf den Sparkassen besaß, als der Weltkrieg ausbrach, der sie auch von diesem Eigentum expropriierte” (vgl. Opp. 1964 II, S. 722).Google Scholar
  62. 3).
    Die Vorteile dieser Organisationsform sind laut Oppenheimer folgende: Die Arbeiter brauchen nicht das Kapital zum Erwerb der Großgrundbesitzung aufzubringen, was für sie kaum möglich wäre. Die finanzielle Sicherheit der Genossen ist gewährleistet. Das Risiko mangelnder Disziplin, das Oppenheimer für landwirtschaftliche Siedlungsgenossenschaften ohnehin gering ansetzt, ist gegenüber der Produktivgenossenschaft zusätzlich vermindert (vgl. Opp. 1920, S. 14f.).Google Scholar
  63. 4).
    Es ist allerdings fraglich, ob es sich bei diesem Zitat aus dem Jahre 1927 lediglich um eine Deutung (“Ich habe niemals behauptet, daß...”) oder nicht doch um eine Relativierung seiner programmatischen Aussagen der Nachkriegsjahre handelt. In seiner “Theorie der reinen und politischen Ökonomie” (1922) verwendet Oppenheimer die nicht eindeutige Formel vom “unaufhaltsamen Sturz des reinen Profits” (Opp. 1964 III,2, S. 1112) im Falle einer Bodenreform gemäß seinen Vorgaben. Eindeutig und dem obigen Zitat widersprechend ist m.E. der Satz: “Seit es keinen freien Arbeiter mehr gibt, gibt es kein Kapital im ‘privatwirtschaftlichen Sinne’ mehr, keinen Mehrwert heckenden Wert” (Opp. 1964 III, 2, S. 1115f.).Google Scholar
  64. 5).
    1926, in der zweiten Auflage des “Der Staat”, bezieht Oppenheimer für den Fall einer Bodenreform immerhin “außergesetzliche Gewalt, womöglich maskiert in die scheingesetzliche Form verwaltungsmäßiger Schikanen, schlimmstenfalls offene(n) Terror, gewaltsame Unterdrückung” seitens der herrschenden Klasse in sein politisches Kalkül ein (“Wir halten das durchaus für möglich”), um dann aber sogleich, sieben Jahre vor der nationalsozialistischen Machtergreifung, einzuschränken: “Was heute etwa in Polen noch möglich ist, ist schon längst nicht mehr in Deutschland möglich und noch weniger in Großbritannien” (vgl. Opp. 1964 II, S. 766f.; Hervorhebung von mir, V.K.).Google Scholar
  65. 6).
    Auffällig an diesem Zitat ist, daß Oppenheimer hier den Rückgang von Kriminalität und Prostitution nicht mit der Freiheit von Armut und Ausbeutung in Verbindung bringt (in anderem Zusammenhang tut er dies, vgl. Kap. H.3.3.), sondern ausschließlich auf intensivierte soziale Kontrollmechanismen zurückführt. Dieses Modell, in dem die soziale Kontrolle quasi den reglementierenden Obrigkeitsstaat ersetzt, widerspricht dem ansonsten von Oppenheimer erklärtermaßen favorisierten aufklärerischen, vernunftorientierten Menschenbild. Auf jeden Fall ist es fraglich, ob in einer Gesellschaft, in der die äußere soziale Kontrolle für das menschliche Verhalten derartig konstitutiv ist, wirklich das “eigenwüchsige() Individuum von nur ihm eigener Gestalt und Schönheit” (Opp. 1964 II, S. 770) entsteht, das Oppenheimer für seine klassenlose Gesellschaft reklamiert.Google Scholar
  66. 7).
    In “Die deutsche Jugendbewegung 1920 bis 1933 — Die bündische Zeit”, hrsg. von Werner Kindt, Düsseldorf 1974, wird Oppenheimer als Diskutant auf der Meißnertagung 1923 der Freideutschen Jugend erwähnt (S. 277). Ferner soll er in “Die gelben Blätter”, einem Organ der Jugendbewegung, publiziert haben (S. 298).Google Scholar
  67. 8).
    “Von Bassermann bis Bebel” (Bassermann war Vorsitzender der Nationalliberalen Partei) war eine Parole unter bürgerlichen Intellektuellen, die eine Umwandlung des monarchischen Obrigkeitsstaats in eine sozialstaatliche parlamentarische Demokratie durch ein Reformbündnis von Liberalen und Sozialdemokraten anstrebten.Google Scholar
  68. 9).
    Ich beziehe mich vor allem auf Oppenheimers eigene Angaben, besonders in Opp. 1964a, ferner auf Fleiner 1931.Google Scholar
  69. 10).
    Zu Eden vgl. Opp. 1964a, S. 160–163; Opp. 1924, S. 498–501.Google Scholar
  70. 1).
    In diesem Sinne kann man Oppenheimers Auffassung interpretieren, “daß die Ökonomik nur als soziologische Teildisziplin betrieben und verstanden werden kann” (Opp. 1964 III, 2, S. 945).Google Scholar
  71. 2).
    Dühring hat es jedoch, so Oppenheimer, versäumt, “mit der deduktiven Methoden nun auch den Mechanismus klar aufzudecken, durch den die verschiedenen Einkommen, Grundrente, Kapitalprofit und Arbeitslohn, heute gerade in dem beobachteten Maße in die Hände der Beteiligten gelangen” (Opp. 1930a, Sp. 1122). Diese Lücke hat — jedenfalls nach eigenem Anspruch -Oppenheimer selbst mit seiner Bodenmonopoltheorie geschlossen (s.u.; vgl. auch Kap. II.1.2. und II.1.3.).Google Scholar
  72. 3).
    Vgl. zur Kontroverse um die Bodenmonopoltheorie zwischen den damaligen “beiden scharfsinnigsten Vertreter(n)” der Wirtschaftstheorie (Liefmann 1926, S. 243) Kap. II.1.3.Google Scholar
  73. 4).
    Vgl. Hans Oswalt: Falsche Rechnungen — Eine Auseinandersetzung mit der Oppenheimerschen Theorie, Ffm 1920.Google Scholar
  74. 5).
    Grundsätzlich gilt für die Diagnose Oppenheimers der treffende Satz K. Novys: “Je weiter vom systematischen Ursprung seiner Konstruktion entfernt — der Bodensperre — desto schwächer die Ableitungen”(vgl. Novy 1980, S. 254).Google Scholar
  75. 6).
    Vgl. bes. Erich Preisers Artikel “Franz Oppenheimer” im Handwörterbuch der Sozialwissenschaften, Bd. 8; vgl. auch Preiser 1962, S. XII, und Schultz 1964, S. XIII.Google Scholar
  76. 7).
    Diese Funktion des Sozialstaats zeigt übrigens, daß Sozialpolitik mehr ist oder mehr sein kann als ein “Palliativmittel der kranken Gesellschaft”, wie Oppenheimer meinte (vgl. Opp. 1964 III, 2, S. 955; vgl. auch Kap. II.3.3.).Google Scholar
  77. 8).
    Vgl. dazu: Das garantierte Grundeinkommen — Entwicklung und Perspektiven einer Forderung, hrsg. von Michael Opielka und Georg Vobruba, Ffm 1986.Google Scholar
  78. 9).
    Grözinger hat ein Finanzierungsmodell entwickelt, das ein garantiertes Grundeinkommen von 800 DM für Erwachsene unterhalb des Rentenalters, von 400 DM für Kinder und von 1000 DM für Rentner vorsieht, zuzüglich eines staatlich finanzierten Krankenversicherungsbeitrags (vgl. Grözinger 1986, bes. S. 177–179).Google Scholar
  79. 10).
    Das reale Pro-Kopf-Einkommen in den Dörfern der Volksrepublik China hat sich zwischen 1978 bis 1985 in etwa verdoppelt (vgl. Domes 1986, bes. S. 362).Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1990

Authors and Affiliations

  • Volker Kruse

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