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Die Soziale Frage als Gegenstands- und Aufgabenbestimmung der Gesellschaftswissenschaft bei Lorenz von Stein

  • Carsten Quesel
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Zusammenfassung

Lorenz von Stein entstammt schwierigen Verhältnissen (1). Er wird als uneheliches Kind 1815 in Eckernförde im Herzogtum Schleswig, das in dieser Zeit zu Dänemark gehört, geboren. Seine Mutter ist bürgerlicher Herkunft, sein Vater Adeliger und Offizier. Das Kind wächst als Zögling eines Armenpflegeheims heran, einer pädagogischen Maschine von militärischem Charakter. Stein fällt als begabt auf; ein Stipendium des dänischen Königs macht ihm den Besuch einer höheren Schule, später auch das Studium der Rechtswissenschaften und Philosophie in Kiel möglich. Dem juristischen Examen 1839 folgt ein Jahr später die Promotion im gleichen Fach. Für die beim Studienabschluß erbrachten Leistungen erhält Stein ein Reisestipendium zugesprochen. Nach einem Zwischenaufenthalt in Berlin begibt er sich nach Frankreich, um in Paris vom Herbst 1841 bis zum Frühjahr 1843 juristische Studien zu betreiben (2). Mit dieser Materie gibt er sich jedoch nicht zufrieden, wie er in einem Brief an Arnold Ruge vom 4. Januar 1842 zum Ausdruck bringt: “Ich habe mich schon von meiner Ankunft an auf die Grundverhältnisse des hiesigen sozialen Zustandes und ihre Entwicklung eingelassen, und die Theorien von St. Simon, Fourier und dem hier sehr mächtigen Kommunismus eifrigst studiert”.

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Anmerkungen

  1. (1).
    Zur Lebensgeschichte Steins vgl. Schmidt (1956); Taschke (1985). Zur Werkgeschichte vgl. bis 1850 Hahn (1969) und die übergreifende Darstellung von Blasius (1970).Google Scholar
  2. (2).
    Als rechtswissenschaftliche Erträge von Steins Frankreichaufenthalt vgl. Stein (1843b), (1846c).Google Scholar
  3. (3).
    Die von Stein behandelte Sozialkritik wird heute als Frühsozialismus, utopischer oder vormarxistischer Sozialismus diskutiert. An Darstellungen für Frankreich vgl. Garaudy (1954); Höppner/Seidel-Höppner (I, 1975); Bambach (1984); als übergreifende Darstellung vgl. Meyer (1977). Zu den im weiteren genannten Autoren kann man sich anhand der folgenden Quellenbande einen Überblick verschaffen: Ramm (1968); Kool/Krause (1972); Höppner/Seidel-Höppner (II, 1975). Zur Sozialgeschichte vgl. Ziebura (1979). Zu den Anfängen bürgerlicher Sozialismusrezep-tion vgl. Thamer (1984). Als Versuch einer übergreifenden Darstellung kann Stein auf die erstmals 1841 erschienenen “Etudes sur les reformateurs ou socialistes modernes” von Louis Reybaud zurückgreifen; vgl. Reybaud (1849).Google Scholar
  4. (4).
    Zur Frühgeschichte der französischen Arbeiterbewegung vgl. Sewell (1980); Pruss-Kaddatz (1982). Zu den Lyoner Erhebungen vgl. Rude (1982); Holzapfel (1984). Als Dokumentation zum frühen proletarischen Radikalismus vgl. Faure/Ranciere (1976).Google Scholar
  5. (5).
    An Übersetzungen von Buchholz vgl. die Edition von Schäfer (1975). Zur Rezeption des Saint-Simonismus in Deutschland vgl. Butler (1926).Google Scholar
  6. (6).
    Zur Frühgeschichte der Soziologie in Deutschland vgl. Grün-feld (1910, 159ff); Kishauer (1923, 176ff); Angermann (1962a); Pankoke (1970); Papcke (1985, insbes. 15ff, 87ff, 188f).Google Scholar
  7. (7).
    Zur Spitzeltätigkeit Steins vgl. Grolle (1968); Uhl (1977, 39ff); Blasius (1977, 20ff). Laut Grolle (1968, 82) ist seit 1906 bekannt, daß Stein während seines Aufenthalts in Paris zu Beginn der 40er Jahre als Spitzel gearbeitet hat. Die Stern-Forschung hat sich demnach mehr als sechzig Jahre Zeit gelassen, um sich ernsthaft mit diesem Tatbestand auseinanderzusetzen. Zur Zeit werden sieben im Deutschen Zentralarchiv in Merseburg liegende Agentenberichte an den preußischen Polizeiminister von Rochow Stein zugeschrieben. Grolle hält Stein zum einen zugute, daß er unter Geldmangel gelitten habe (Grolle 1968, 83); zum anderen meint er, daß der von ihm erbrachte Nachrichtenertrag gering gewesen sei (ebd., 85). Darauf ist zum ersten zu entgegnen, daß Abertausende von Emigranten in Paris ebenfalls zum größten Teil unter Geldmangel gelitten haben dürften und trotzdem keine faulen Kompromisse mit dem Obrigkeitsstaat eingegangen sind. Zum zweiten ist zu festzuhalten, daß ein unfähiger Denunziant moralisch um keinen Deut besser dasteht als ein fähiger.Google Scholar
  8. (8).
    Zur Frühgeschichte der deutschen Arbeiterbewegung in der Emigration vgl. Schieder (1963).Google Scholar
  9. (9).
    Zur politischen Perspektive des Junghegelianismus vgl. Meyer (1912) und als Dokumentation Pepperle (1986). Zum Motiv der “Philosophie der Praxis” im Junghegelianismus vgl. Stuke (1963). Zum Verhältnis Steins zum Junghegelianismus vgl. Hahn (1969, 46ff); Blasius (1970, 95ff).Google Scholar
  10. (10).
    Zu der unerquicklichen Debatte über das Verhältnis von Stein und Marx, deren eine Extremposition die ist, daß Marx zentrale Momente seiner Gesellschaftstheorie von Stein plagiiert habe und deren anderen besagt, daß Stein Marx überhaupt nichts zu bieten gehabt habe, vgl. als Überblick Hahn (1969, 161ff). Festhalten läßt sich, daß Marx hinsichtlich seiner Auseinandersetzung mit sozialistischen und kommunistischen Theorien und den Keimen der sozialen Bewegung nicht unbedeutende Anregungen von Stein erhalten haben dürfte, daß er sich aber bald über Stein hinweg mit Sozialismus, Kommunismus und sozialer Bewegung vertraut gemacht hat. Festhalten läßt sich auch, daß es trotz substanzieller Gegensätze zwischen den Theorien von Stein und Marx interessante Affinitäten gibt, die sich aber kaum der Rezeption des einen durch den anderen, als vielmehr der Sache selbst verdanken dürften. Im übrigen hat Marx selbst betont, daß seine Gesellschaftstheorie an bürgerliche Vorarbeiten anknüpft: “Was mich nun betrifft, so gebührt mir nicht das Verdienst, weder die Existenz der Klassen in der modernen Gesellschaft noch ihren Kampf unter sich entdeckt zu haben. Bürgerliche Geschichtsschreiber hatten längst vor mir die historische Entwicklung dieses Kampfe der Klassen, und bürgerliche Ökonomen die ökonomische Anatomie derselben dargestellt. Was ich neu tat, war 1. nachzuweisen, daß die Existenz der Klassen bloß an bestimmte historische Entwicklungsphasen der Produktion gebunden ist; 2. daß der Klassenkampf notwendig zur Diktatur des Proletariats führt; 3. daß diese Diktatur selbst nur den Übergang zur Aufhebung aller Klassen und zu einer klassenlosen Gesellschaft bildet” (Brief an Weydemeyer vom 5. März 1852; Marx 1978, 507f).Google Scholar
  11. (11).
    Eine nicht gering zu veranschlagende Zahl von Autoren würdigt die Neutralität und Objektivität Steins. So heißt es etwa, er habe vermöge seiner “distanzierten Beobachtung” der französischen Verhältnisse einen “neutralen gesellschaftstheoretischen Standpunkt über den Bewegungsparteien” (Pankoke 1970, 77; vgl. ebd., 127f) erlangen können. Er wird gerühmt als “Soziologe mit politisch ungetrübtem Blick” (Koselleck 1965, 94). Ihn zeichne aus, daß er über jeden “einseitigen Parteistandpunkt” erhaben gewesen sei (Huber 1965, 508). Die soziale Neutralitat nicht nur der Wissenschaft, sondern auch des Staates wird unterstellt, wenn bezüglich Stein zu lesen steht, er habe jeden “partikularen Klassenstandpunkt” vermieden und deshalb den “Standpunkt des Staates als politisches Subjekt” geltend machen können (Willms 1978, 122). Unüberbietbar wird die Ignoranz wenn es heißt, es sei “geradezu absurd, Stein als einen bürgerlich-konservativen oder gar retrospektiven Denker anzusehen — hier muß die Diskussion abgebrochen werden, weil sie unergiebig wird” (Schnur 1978, 15). Zwar ist Stein in der Tat kein retrospektives Gesellschaftsideal eigen, wie Pross (1966, 137) meint, sein Konservativismus kann bei Kenntnisnahme der Schriften jedoch nicht übersehen werden; von der Spitzelei einmal ganz abgesehen. Die konservative Position Steins stellen neben Pross (1966) insbesondere Hahn (1969, 126ff) und Papcke (1985, 69ff) heraus.Google Scholar
  12. (12).
    Vgl. Ziebura (1979, 122ff) und als zeitgenössische Arbeiten Marx (1850, 1852); Tocqueville (1850); selbstverständlich auch Stein (1850a, III). Zum Vergleich der Arbeiten von Marx, Tocqueville und Stein siehe Steinert/Treiber (1975). Hinsichtlich der Bedeutung der 48er-Revolution in Frankreich für Stein vergl. Gilbert (1936).Google Scholar
  13. (13).
    Explizit diesem Sujet sind lediglich noch Steins Aufsätze (1852b), (1871) und (1880b) gewidmet.Google Scholar
  14. (14).
    Auf Comte nimmt Stein nur einmal beiläufig als Mitarbeiter Saint-Simons Bezug (1850a, II, 159). Es scheint, daß er dessen Soziologie nicht zur Kenntnis genommen hat.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1989

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  • Carsten Quesel

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