Advertisement

Gegenstand der Untersuchung

  • Doris Tophinke
Part of the DUV Sozialwissenschaft book series (DUVSW)

Zusammenfassung

Das Verhältnis von Schriftlichkeit und Mündlichkeit läßt sich in vielerlei Hinsicht thematisieren. Die Fülle an interessanten und ganz unterschiedlichen Bearbeitungen allein in den letzten Jahren dokumentiert dies<sup>1</sup>. Im Sinne eines umfassenden Erschließens dieses Gegenstandes ist sich die Forschung wohl einig darüber, daß es notwendig ist, sowohl sprachstrukturellen als auch sprachkulturellen Aspekten dieses Verhältnisses nachzugehen.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Referenzen

  1. 1.
    Vgl. etwa allein die Publikationen des Freiburger Sonderforschungsbereichs 321 “Übergänge und Spannungsfelder zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit”.Google Scholar
  2. 2.
    In dieser Hinsicht schließt die Untersuchung an Arbeiten an, wie sie der Neurologe Kurt Goldstein unternommen hat; sie plädieren für die genaue und detaillierte Analyse der Störungen aus der Perspektive des Probanden, suchen dessen Erleben miteinzubeziehen; vgl.: “Die bisherigen psychopathologischen Untersuchungen haben die Darlegung der Defekte, die Erörterung darüber, was ein Patient nicht kann, gewöhnlich allzusehr in den Vordergrund gerückt und darüber die Frage, wie denn das normale Erlebnis tatsächlich beschaffen ist, etwas vernachlässigt. Gerade aber darauf will die phänomenale Fragestellung hinaus.... Die phänomenologische Untersuchung stützt sich dabei einerseits auf die schlichte Beobachtung und Beschreibung seitens des Patienten und sucht aus dieser die Struktureigentümlichkeiten des in der Wahrnehmung Gegebenen zu ermitteln. Andererseits wird sie sich auch des Experimentes bedienen müssen,....” (1920: 5).Google Scholar
  3. 3.
    So werden die individuellen Beschwerden, die ein Patient formuliert, sofort medizinisch “gefiltert”, abgebildet auf die Erkrankungen, die die Medizin kennt. Dies spiegelt sich auch in der Arzt-Patienten-Kommunikation; vgl. dazu etwa Köhle/Raspe 1982.Google Scholar
  4. 4.
    Nicht alle Probanden sind sogleich bereit oder gar interessiert, ihre Sprachsituation zu schildern. Ich gehöre nicht zum klinischen Betrieb mit seinen gegenüber dem “Draußen” wohl unvermeidlichen Verletzungen der Intimsphäre. Mir gegenüber gelten die Bedingungen des “Draußen”. So versucht auch der Proband R., dessen Fall später dokumentiert ist. seine schriftlichen Schwierigkeiten mir gegenüber zunächst zu verbergen, meine Fragen nach seinen Lese- und Schreibfähigkeiten werden ausweichend beantwortet. Später stellt sich heraus, daß er zu diesem Zeitpunkt bereits mit Schreibversuchen begonnen hat, in denen er sich, diesbezüglich alleingelassen von Arzt und Therapie, nun selbst ein Bild von seinen postmorbiden Schreibleistungen zu machen versucht; er versucht sich, und das weist hin auf den alltagspraktischen Bezug, den das “Störungserleben” hat, an Zahlenreihen und Rechnungen, wie sie in seinem beruflichen Alltag wichtig sind.Google Scholar
  5. 5.
    Schreiben stellt im Gegensatz zum Gesprochenen günstigere Bedingungen bereit, das gesamte Repertoire an verfügbaren sprachlichen Formen zu nutzen; vgl. Maas 1986: “Sind beim Sprechen/Hören ohnehin schon kognitive Kapazitäten durch die interaktiven Zugzwänge gebunden, so belastet die strikt lineare Produktion und Verarbeitung der Äußerungen erheblich das Kurzzeitgedächtnis; demgegenüber ist die graphische Konfiguration im zweidimensionalen Schriftfeld gewissermaßen eine Entäußerung von Gedächtnisstrukturen, so daß Schreiben/Lesen hier eine maximale Nutzung der sprachlichen Fähigkeiten zulassen (selbstverständlich nicht: das auch immer tun!).” (1986: 24).Google Scholar
  6. 6.
    Eine dramatische, allerdings sprachkulturell unauffällige und deshalb plausible Reaktion auf diese Schwierigkeit ist das Vermeiden von face-to-face-Interaktionen, es wird auch von den Probanden vor allem für ohnehin streßbefrachtete Gesprächssituationen beschrieben. Ganz ähnlich beschreiben Schuell, Jenkins, Jiminez-Pabon (1964) die Reaktionen ihrer Probanden, besonders in Gesprächen, in denen der Gesprächspartner wenig Zeit hat, ungeduldig ist, kann es im Extremfall zu einem völligen Zusammenbruch des Sprechens kommen; vgl. “The speech of aphasic patients varies under different conditions in reasonable ways. In general aphasic patients talk more readily when they are rested and relaxed than when they are tired or tensed. It is easier for most aphasic patients to talk to one person at a time than to enter into a group conversation. Like most of us, aphasic patients find some people easier to talk to than others. It is difficult to talk to anyone who seems busy or hurried. The patient knows it takes him longer than most people to say what he wants to say and that, if he reacts to real or imagined impatience on the part of the listener, his speech may break down altogether.” (Schuell u.a. 1964: 309)Google Scholar
  7. 7.
    Vgl. dazu Goldstein (1913), der genau diesen Effekt des Schreibens beschreibt: “Da beim Schreiben eine Korrektur leichter möglich ist als beim Sprechen und auch die Möglichkeit besteht, durch längeres Überlegen die Leistung zu verbessern, so wird der Agrammatismus bei der Schrift manchmal nicht so stark hervortreten, wie bei der Sprache — namentlich wenn man etwa korrigierte Abschriften der ursprünglichen Schriftstücke mit der Lautsprache vergleicht, die die Kranken mit Weglassung der ursprünglichen Fehler anfertigen. Mir hat das erst kürzlich ein derartiger Patient, der mir immer die Originale und seine eigene Abschrift brachte, sehr deutlich vor Augen geführt.” (1913: 552).Google Scholar
  8. 8.
    So kann, zugespitzt, der Proband B. aus seiner lebenspraktischen Perspektive über die Aufgaben, die ihm gestellt worden sind, nur verärgert befinden: “brauch ich garment mitmachen — nich? is ja Idiotie — ja — is wahr” (B., 4.12.89). So kann die Probandin Bg., eine 65jährige Hausfrau, die Leistungsüberprüfung am Computer nur für Schikane halten: “... ich hab immer gedacht — die machen dich hier zur Minna...” (Bg., 31.1.90).Google Scholar
  9. 9.
    Zum methodischen Zuschnitt ausführlich unter 3.Google Scholar
  10. 10.
    Vgl. ähnlich hierzu Hüttemann (1990). Zu dieser Tendenz zu einem Defizite fokussierenden Umgang mit Pathologischem vgl. in einer allerdings über Sprachstörungen weit hinausgehenden Perspektive und mit Hinweisen auf instruktive Arbeiten (Canguilhem, Merleau-Ponty, Goldstein) Waldenfels 1990: 57f., 70.Google Scholar
  11. 11.
    Streng genommen kann man deshalb nur aus der Perspektive eines Aphasiologen behaupten, ein Patient leide unter einer Aphasie-, die Typisierung “Aphasie” hat keine Schnittstelle mit der Alltagspraxis und den Erfahrungen des Patienten.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1994

Authors and Affiliations

  • Doris Tophinke

There are no affiliations available

Personalised recommendations