Advertisement

Fazit — Abschließende Bemerkungen

  • Annette Trabold
Chapter
  • 27 Downloads
Part of the DUV Sozialwissenschaft book series (DUVSW)

Zusammenfassung

Welches sind nun die konkreten Kriterien, deren Summe die Sprachfähigkeit eines (deutschen) Staatsbürgers ausmachen und ihn am besten dazu befähigen, den Anforderungen gerecht zu werden, die die Partizipation in einem demokratischen Staat voraussetzen bzw. ermöglichen? Wer an dieser Stelle abschließend eine Liste mit sprachlichen Fähigkeiten erwartet, die es nur zu erlernen und dann abzuhaken gilt, der wird enttäuscht. Es ist nicht die Absicht der Verfasserin, einen solchen Katalog aufzustellen, zumal er bedingt durch den thematischen Rahmen dieser Arbeit auch gar nicht verbindlich ausgearbeitet und alle kommunikativen Möglichkeiten absichernd erstellt werden kann. Diese Enttäuschung der Erwartung und die daraus resultierende Verunsicherung des Lesers sind jedoch durchaus beabsichtigt, da gerade in einer Einstellungs- bzw. Erwartungsänderung zum Thema „Sprache‘ und den üblicherweise damit verknüpften Vorstellungen in der öffentlichen Diskussion ein zentraler Beitrag dieser Arbeit gesehen werden soll. Die Anforderungen an die Sprachfähigkeit des Staatsbürgers stellen sich aus linguistischer Sicht anders dar als die öffentlichen, besonders durch Bildungspolitik und Medien postulierten, und sie sollen im folgenden (nochmals) erläutert werden.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Referenzen

  1. 234.
    Zit. n. U. Fix 1990, Schriftsteller über Sprache. Die Befreiung der Sprache, in: Sprachpflege und Sprachkultur, Heft 3, 1990, 73–75, Leipzig.Google Scholar
  2. 235.
    Vgl. Adorno 1971.Google Scholar
  3. 236.
    Vgl. Hoberg 1982, 95. Er macht besonders auf eine Abwertung der Fachsprachen in den Geistes- bzw. Sozialwissenschaften aufmerksam und weist auf das in der Öffentlichkeit unterstellte Imponiergehabe hin. Die Verfasserin vermutet hinter der Kritik gerade an Fachsprachen aus dem geisteswissenschaftlichen bzw. sozialwissenschaftlichen Bereich auch eine partielle Intellektuellen-Feindlichkeit („Fachidioten“, vgl. Stickel 1987, 297). Dies kann aber hier nicht weiter vertieft werden.Google Scholar
  4. 237.
    Allgemein: Rupp 1978; Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung (Hrsg.) 1981; Grosse/Mentrup (Hrsg.) 1980; Fuchs-Khakar 1987.Google Scholar
  5. 238.
    Der Themenbereich „bürgemahe Verwaltungssprache‘ wird durchaus immer wieder in verschiedenen Broschüren und Empfehlungen aufgegriffen, z. B.: Gesellschaft für deutsche Sprache (Hrsg.) 1980; Bundesverwaltungsamt (Hrsg.) 1986; Bayerisches Staatsministerium des Inneren (Hrsg.) 1985. Es bleiben allerdings erhebliche Zweifel an der Wirksamkeit und tatsächlichen Umsetzung dieser Empfehlungen.Google Scholar
  6. 239.
    Vgl. Hoffmann/Nothdurft 1989, 121: Hier wird deutlich, daß bereits eine große Liste von Untersuchungen zu diesen institutionenspezifischen sprachlichen Handlungsmustern vorliegt, die die Notwendigkeit bestätigen, daß die Theorie in der Praxis auch umgesetzt wird. Untersuchungen liegen vor im Bereich: Kommunikationsformen in Unterricht und Ausbildung; Arzt-Patient-Gespräche; Krankenhausvisiten; Kommunikationsformen in Dienstleistungseinrichtungen; Kommunikation vor Gericht, Gespräche im Sozialamt; Beratungsgespräche; therapeutische Kommunikation; Kommunikationsformen im politisch-öffentlichen Bereich.Google Scholar
  7. 240.
    Beispielsweise gibt es am Westfälischen Studieninstitut für kommunale Verwaltung in Münster einen Dozenten für Sprachpflege, der in der Verwaltung hospitierte und aus diesen Erfahrungen heraus mit den Angestellten und Beamten des mittleren Verwaltungsdienstes in Münster und Städten der Umgebung ein Konzept für die sprachliche Fortbildung in der Kommunalverwaltung entwickelt hat. Dieser „kommunale Sprachberater‘ gestaltet in verschiedenen Verwaltungen mit einzelnen Sachbearbeitern textreiche, wichtige Vordrucke. Er führt Seminare durch, die sich mit schriftsprachlichen Texten befassen, z.B. „Verständliche Textgestaltung — ein Trainingsprogramm“; „Sprache im Vordruck“; „Bescheidtechnik“ (zusammen mit Juristen) etc. Ebenso behandelt er gesprochene Sprache in verwaltungsspezifischen Gesprächssituationen in seinen Seminaren (vgl. Bickes/Trabold 1989, 307ff.). Nach Auffassung der Verfasserin ergibt sich aus dem Gesagten die Anforderung an Verantwortliche in der Bildungspolitik, diese Ausbildung zum „Sprachberater für die (kommunale) Verwaltung‘ anzubieten und in Verwaltungshochschulen und Verwaltungen dann auch einzustellen. Diese Forderung gewinnt gerade jetzt aufgrund der Situation in den fünf neuen Bundesländern an besonderer Bedeutung.Google Scholar
  8. 241.
    Hier ist auch der Vorab-Test von Gebrauchsanweisungen gemeint, da diese immer wieder wegen ihrer schweren Verständlichkeit auf Kritik der Benutzergruppen stoßen (vgl. auch die Umfrage des IdS, Stickel 1987, 297). Ein besonderes Problem stellen m.E. dabei auch die vielen schlechten Übersetzungen von Gebrauchsanweisungen ausländischer Produkte dar. Die deutsche Übersetzung zu einem taiwanesischen Kleiderständer lautet z. B. folgendermaßen: „Versammlung. 1. Bitte heften sie den teil F an den teil E an, dann versammeln alle drei Beine. 2. Während Sie die versammelten beine an C-3 unteren pfosten anheften, benutzen Sie bitte zwei Löcher in E wie gezeigt FS und ES. [.]“ etc.Google Scholar
  9. 242.
    Der Bundeselternrat kritisierte, daß die Schulen zu wenig politische Bildung vermitteln. Ein Gymnasiast aus Baden-Württemberg erhält z.B. bis zur mittleren Reife nur zwei Wochenstunden politische Bildung in der 10. Klasse. „Der Bundeselternrat verlangt: Lehrpläne mit viel Freiraum, die Politisches multiperspektivisch sichtbar machen, sozialwissenschaftlich fundiert ausgebildete Lehrer, die Toleranz und Streitkultur glaubwürdig vertreten, und einen ausreichenden Fachunterricht in Politik (oder Gemeinschaftskunde, Sozialkunde, Gesellschaftslehre)“ (Süddeutsche Zeitung, 4.1.1991, „Bundeselternrat kritisiert: Zu wenig politische Bildung.“).Google Scholar
  10. 243.
    Das „Merkblatt für die Wahl der Gemeinderäte in Heidelberg am 22.Oktober 1989“, erstellt vom Amt für Öffentlichkeitsarbeit, ist außerdem übersichtlich gestaltet Auf die drei dort formulierten Grundfragen: „ Wieviel Stimmen haben Sie?“; „Wem können Sie Ihre Stimmen geben?“ und „Wie geben Sie ihre Stimmen ab?“ werden klar und übersichtlich die betreffenden Anworten formuliert.Google Scholar
  11. 244.
    Genauer: „Brisante‘ Wörter. Vgl: Strauß/Haß/Harras (Hrsg.) 1989.Google Scholar
  12. 245.
    Vgl. Wimmer 1984, 21; ders. 1982, 298ff.; ders. 1983, 12f. (zur Verwendung von „reflektiert‘) und Kapitel 2.2 dieser Arbeit.Google Scholar
  13. 246.
    Vgl. dazu beispielsweise die Aussagen von Geißler (1985, 222f.; Hervorheb. A.T.): „Ein klassisches Beispiel für die Verwirrung der Begriffe mit weitreichenden nationalen und internationalen Folgen war die Definition des Warschauer Paktes als „Verteidigungsbündnis‘“(a.a.O., 222). „Ein Ärgernis ist in diesem Zusammenhang, wie mit dem Begriff Frieden inhaltlicher Schindluder getrieben wird. Wenn Frieden definiert wird als Schweigen von Waffen, ist „lieber rot als tot‘ eine richtige Friedensparol“ (a.a.O., 223). „Ein aktuelleres Beispiel ist der Begriff des „Berufsverbots‘. Er ist eine Erfindung von Antidemokraten, deren Ziel es ist, auf dem langen Marsch durch die Institutionen die staatliche Verfassung zu ändern“ (a.a.O., 223).Google Scholar
  14. 247.
    Aus diesem Verständnis von „Sprache‘ heraus formuliert Heringer (1990, 66f.) folgende Verhaltensregeln: „1. Gestehe deinem Gegner das Recht zu, die Sachlage aus seiner Perspektive zu sehen und darzustellen. Unterstelle, daß seine Sicht realistisch und rational ist. 2. Denke nicht, du könntest die Deutung des Partnergegners bestimmen oder seine Redeweise. Du mußt sie hinnehmen, aber selbstverständlich nicht übernehmen. 3. Versuche nicht, deine Sicht als die einzige auszugeben. Suche eine Deutung, die euer beider Sicht und Handeln umfaßt 4. Eruiere das Interesse deines Gegnerpartners und nimm dieses Interesse ernst Beziehe es in deine Überlegungen und ompromißvorschläge ein. 5. Reflektiere, wie der Gegnerpartner deine Handlungen und Redeweisen verstehen wird. Suche dieses Verständnis in deine Überlegungen einzubeziehen.“Google Scholar
  15. 248.
    Die Verfasserin bezieht sich hier auch auf ihre Beobachtungen als Stadträtin.Google Scholar
  16. 249.
    Nach Wimmer (1984, 23) sind ja auch Dogmatiker und Unverbesserliche nicht als Adressaten einer „recht verstandenen Sprachkritik“ gedacht.Google Scholar
  17. 250.
    Es empfiehlt sich zur Verdeutlichung dessen einmal auf kommunalpolitischer Ebene, z. B. in einer Stadt, das Spektrum an Interessenvertretungen bzw. Bürgerinitiativen und sonstigen Vereinigungen zu berücksichtigen, die beispielsweise durch die Sprachhand-lungsmusten „Appellieren‘ und „Auffordern‘ in Briefen und Gesprächen Verhandlungen führen und politisch kommunizieren.Google Scholar
  18. 251.
    Vgl., wenn auch mit einigen methodischen Vorbehalten, zu den Ereignissen seit 1988 bis zum Ausbruch des Golfkrieges P. Salinger/E. Laurent 1991, Krieg am Golf. Das Geheimdossier. München/ Wien, bsds. 27 und 50ff. Dazu auch die Rechtfertigung der betroffenen amerikanischen Botschafterin April Glaspie: „In from the Cold“, In: Time, April 1, 1991, 16.Google Scholar
  19. 252.
    Vgl. z. B. Rhein-Neckar-Zeitung, 26.7.1990: „Blabla statt redliche Antworten. Zuschauer ärgern sich über Politikerinterviews und Wiederholungen.“ Der Artikel bezieht sich auf eine Umfrage unter 5000 Lesern durch die Zeitschrift „Bild und Funk“, die ergab, daß 78% über derartige Interviews verärgert seien.Google Scholar
  20. 253.
    D.h. zu klären wäre z.B. die Frage, was es für die politische Kommunikation bedeutet, wenn Heiner Geißler einen früheren Labour-Führer zitiert und darauf verweist, daß man, um als Politiker gehört zu werden, stets übertreiben müsse. „Er geht sonst hoffnungslos in der Flut der Verlautbarungen und Informationen unter. Fazit: Die publizistische Realität macht es manchmal notwendig, durch provokative Formulierungen in der politischen Sprache in die Medien hinein und an die Menschen heranzukommen“ (Geißler 1985, 226). Ähnlich gilt es bei Analysen mithinzuzuziehen, wenn z. B. Kanzlerberater Bergsdorf (1985, 189) aussagt, daß die geringe Präzision der Begriffe der Sprache der Politik „[.] nicht als Mangel, sondern [.] als Bedingung ihrer Wirksamkeit begriffen werden [muß]. Der Mangel an inhaltlicher Präzision ist so als Vorbedingung für breite Verständlichkeit wie für Anpassungsfähigkeit an Unvorhergesehenes zu verstehen.“ Ebenso geht er von der These aus: „Dem sprechenden Politiker hilft der Beifall nur wenig, er muß am Beifall der Vielen interessiert sein“ (a.a.O., 193). Mit einem derartigen Wissen über Sprachauffassungen von politischen Beratern muß man m. E. beispielsweise auch die Reden von Kanzler Kohl anders untersuchen, um keine naiven Analysen zu erstellen.Google Scholar
  21. 254.
    Allerdings sieht Bremerich-Vos (1990, 476) ein Motivationshindernis für Schüler, die Fähigkeit zu reflektierter politischer Sprachkritik in der Schule zu erlernen: „Die Fähigkeit zu reflektierter politischer Sprachkritik erscheint den Schülern mit Recht nicht als eine für die Bewältigung aktueller und zukünftiger „Lebenssituationen‘ zentrale Qualifikation. Eine solche Qualifikation müßte ja im Rahmen einer politisierenden Öffentlichkeit nachgefragt werden. Öffentlichkeit ist aber weitgehend entpolitisiert, es artikulieren sich vornehmlich Verbandsinteressen, staatsbürgerlicher Privatismus wird prämiert, d. h. politische Enthaltsamkeit zugunsten von Karriere- und Konsumorientierung [.]“.Google Scholar
  22. 255.
    Als Beispiel einer besonderen Zuschauermanipulation kann hier auch die Tatsache aufgeführt werden, daß die Sendung „Journalisten fragen — Politiker antworten“, die im ZDF bis 1976 ausgestrahlt wurde, auf § 6, Abs. 2 des Staatsvertrages beruhte, „ [.] in dem sich die politischen Parteien ein Verlautbarungsrecht auch außerhalb von Wahlkampfzeiten haben verbriefen lassen“ (Holly/Kühn/Püschel 1986, 24ff.). Die Zuschauer wurden nicht darauf hingewiesen, daß die Parteien für diese Sendung verantwortlich waren. Die angebliche „politische Fernsehdiskussion“ war also von vorneherein eine „Inszenierung von Propaganda als Diskussion“ (a.a.O., 33).Google Scholar
  23. 256.
    Vgl. auch a.a.O., 282 (neun verschiedene sprachliche Versionen „einet Nachricht), 300ff. (gleiche Nachrichtenbilder mit völlig unterschiedlichen, gegensätzlichen Texten) sowie 316 (zum Vorschlag einer Neugestaltung von Nachrichtensendungen).Google Scholar
  24. 257.
    Vgl. die daraus mehr und mehr in den Sprachgebrauch eindringende, aus dem Englischen unübersetzte Zeilangabe „in 1991“, die im Deutschen eigentlich korrekt mit „im Jahre 1991“ oder „1991“ wiedergegeben werden müßte.Google Scholar
  25. 258.
    Vgl. Interview mit Prof. Günther Drosdowski, Leiter der Duden-Redaktion, anläßlich der Frankfurter Buchmesse 1988, in: Sprache in den Medien (Video-Cassette des Duden-Verlags).Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1993

Authors and Affiliations

  • Annette Trabold

There are no affiliations available

Personalised recommendations