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Soziale Zeitstrukturierung in spätindustriellen Gesellschaften

  • Friederike Benthaus-Apel
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Part of the DUV: Sozialwissenschaft book series (DUVSW)

Zusammenfassung

Daß Zeit keine natürliche, der sozialen Welt quasi a priori vorgegebenen Größe darstellt, habe ich bereits oben dargelegt. Zeitvorstellungen und soziale Zeitstrukturen entwickeln sich vielmehr im gesellschaftlichen Wandel: Zuweilen sind es gerade die Zeitstrukturen, an denen sich gesellschaftshistorische Wandlungsprozesse besonders deutlich ablesen lassen. So war der Übergang von vorindustrieller zu industrieller Gesellschaft durch eine qualitative Veränderung in den Zeitstrukturen gekennzeichnet. Aber auch für den Wandel der industriellen zur spätindustriellen Gesellschaft deuten sich qualitative Veränderungen in den sozialen Zeitstrukturen an.

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Literatur

  1. 18.
    Wie in Kapitel 2 bereits dargelegt, wird “Zeit” als bedeutsame und das gesellschaftliche Zusammenleben strukturierende Größe erst dann gesellschaftlich konstruiert, wenn die ausschließliche Orientierung an der eigenen Rhythmik bzw. der Rhythmik einer sozialen Gruppe nicht mehr ausreichend ist. “Zeit’ entsteht erst da, wo ein für alle verbindliches ‘Tertium Comperationis’ vonnöten wird, das über die individuelle, bedürfnisgesteuerte Zyklität - z. B. den Schlaf-Wach-Rhythmus - hinausgeht und damit gesellschaftlich wird.” (Rinderspacher 1985 27)Google Scholar
  2. 19.
    Scharpf (1985) hat darauf hingewiesen, daß in bezug auf die erwartete Entwicklung zur Dienstleistungsgesellschaft die erheblichen Unterschiede im Beschäftigungsanteil für Dienstleistungen und Industrie zwischen den Ländern zu berücksichtigen sind: In den USA belief sich 1982 der Beschäftigungsanteil der Dienstleistungsbranchen auf 68%, der der BRD jedoch nur auf 52%.Google Scholar
  3. 20.
    Müller-Wichmann (1991) nennt dies “die faktische Fülle der Gesamtanforderungen”, die für immer mehr Frauen und Männer aus dem Eingespanntsein in beide Anforderungssysteme -Beruf und Familie - resultieren und deshalb zu quantitativ und qualitativ hohen Ansprüchen an die Zeitstruktur führen.Google Scholar
  4. 21.
    Nowotny (1990) hat darauf verwiesen, daß der Boden für das heute noch gültige abstrakt-lineare Zeitverständnis, das den ökonomischen Umgang mit Zeit erst ermöglichte, in den frühen Naturwissenschaften gelegt wurde. “Die Geologie entdeckte die Zeit als Naturgeschichte der Erde, doch durch die Tätigkeit der Wissenschaftler wurde diese Entdeckung erst praktisch umsetzbar. (...) Die Zeitstruktur des linearen, homogenisierten, beliebig abteilbaren Kontinuums wird durch die Maschine aus dem Bereich der Natur in den der Gesellschaft übertragen. Der Wissenschaftler gibt der Maschine, die sein Geschöpf ist, die Zeit der Natur ein, wodurch sie mit einer zeitlichen Ordnungsmacht ausgestattet wurde, der gegenüber sich andere soziale Zeitvorstellungen als nachrangig, wenn nicht ohnmächtig, erweisen würden.” (Nowotny 1989: 85 ) Das physikalisch-naturwissenschaftliche Verständnis von Zeit ist nach wie vor das beherrschende: Das beweist die Atomuhr als gesellschaftlich anerkannter Zeitgeber.Google Scholar
  5. 22.
    Irmgard Vogt (1986) hat die Verinnerlichung der Gleichsetzung von Arbeit und Zeit als wesentlichen Prozeß modernen Lebensverständnisses hervorgehoben: “Auf vielerlei Ebenen, so scheint es, sind die Menschen dazu gedrängt worden, die Kategorie Zeit und Arbeit als die beiden Seiten einer Sache zu sehen. Arbeit leisten, heißt Zeit auf rechtschaffene Weise verbringen, unter Berücksichtigung sowohl der eigenen Interessen wie der zukünftigen Generationen. Arbeiten heißt auch, sich die Chance der Teilhabe am Fortschritt offenhalten in einer besseren Welt, die wir in der Zukunft vermuten. (...). Bezahlt haben wir dafür mit der Verdrängung unserer Wunsch und Sehnsüchte, (...). Wie hoch der Preis für die Verdrängung war, darüber belehrt uns die Psychoanalyse.” (Vogt 1986: 231 )Google Scholar
  6. 23.
    Gerade die Mode lebt von den kleinen zeitlichen Vorsprüngen, indem der Profit demjenigen zufällt, der als Trendsetter eine neue Idee teuer vermarkten kann. Auf der Konsumentenseite ist die Sucht nach Neuheit dadurch zu erklären, daß Distinktionsvorteile durch den zeitlichen Vorsprung, “modisch” gekleidet zu sein, entstehen. Der Innovationsdruck am Computermarkt bezieht sich vor allem auf den “Wert” der Geschwindigkeit. Jede neue Computergeneration zeichnet sich durch erhöhte Rechengeschwindigkeit aus. Die Abfolge der Computergenerationen am Markt selbst unterliegt ebenfalls dem Prinzip der “Beschleunigung”.Google Scholar
  7. 24.
    Schon Linder (1973) hat darauf verwiesen, daß durch das stetige Wachstum von Konsumgütern Zeit knapp wird, da der Gebrauch (die Destruktion) dieser Güter Zeit in Anspruch nimmt, und dementsprechend stetig steigend Zeitanteile bindet. Vgl. hierzu auch Scherhom (1988).Google Scholar
  8. 25.
    Je kapitalintensiver die Produktion bzw. je teurer der Arbeitsplatz, desto notwendiger ist unter Kostengesichtspunkten die Entkoppelung von Betriebszeit und Arbeitszeit, um auch bei kürzer werdenden Arbeitszeiten eine unveränderte zeitliche Auslastung sicherzustellen oder sie gar zu verbessern. Dies gilt keineswegs nur für ganze Betriebe, sondern kann auch zu abteilungsspezifischen oder sogar arbeitsplatzspezifischen Betriebs-und entsprechenden Arbeitszeitregelungen führen.“ (Weidinger/Hoff 1988: 109)Google Scholar
  9. 26.
    Flexible Arbeitszeitregelungen zeichnen sich dadurch aus, daß der betriebliche Flexibilitätsbedarf weitgehend innerhalb der Regelarbeitszeit gedeckt wird. Sie stellen meist eine Weiterentwicklung der ebenfalls Gleitzeit - oder aber Zeitreservesysteme eine zunehmende Rolle bei der Abfederung steigender Flexihilitätsanforderungen spielen werden.“ (Weidinger/Hoff 1988: 132)Google Scholar
  10. 27.
    In der Frankfurter Rundschau vom 7.7.90 wurde unter dem Titel“ Immer abhängig vom Zeitplan” ausführlich die Notwendigkeit zur familien-und kindgerechten Arbeitszeitgestaltung diskutiert.Google Scholar
  11. 28.
    Diese sich abzeichnenden Veränderungen und Umstrukturierungen in der industriellen Arbeitsorganisation und Arbeitsteilung, wie auch in der entsprechenden Veränderung der Beschäftigungspolitik der Unternehmen und Betriebe, haben unserer Ansicht nach einen gemeinsamen Bezugspunkt in der Zeitdimension, den wir als “Disposition über Irreversibilität” bezeichnen möchten. Zeit kann nicht länger als lineare Zeit konzipiert werden, bei der fortlaufend gegenwärtige Zukunft zu vergangener Gegenwart wird und damit den Charakter der Irreversibilität bekommt. Gegenwart darf also nicht nur als Umschaltpunkt definiert werden, in dem beständig offene Zukunft in bestimmte Vergangenheit überführt wird, sondern muß gleichzeitig noch als dauernde Gegenwart konzipiert werden, in der noch entschieden werden kann“ (Brose 1989: 12 ).Google Scholar
  12. 29.
    Die von Höming et al. (1990) beschriebene Gruppe der Zeitpioniere setzt sich sozialstatistisch zusammen aus den Altersgruppen der 25 bis 59-jährigen. “Es überwiegen die höherqualifizierten Berufe; die interviewten Personen sind sowohl im technischen und gewerblichen, im kaufmännischen und administrativen als auch im Sozial-und Bildungsbereich tätig” (Höming et al 1990: 207; Fußnote 2)Google Scholar
  13. 30.
    Heutige Gesellschaften sind nicht - wie lange Zeit prophezeit - durch den Verlust der Bedeutung der Erwerbsarbeit gekennzeichnet: Die Arbeitsgesellschaft wird nicht durch die Freizeitgesellschaft abgelöst. Vielmehr tendieren beide Sphären zu einer inhaltlichen Vermischung, indem der Freizeitbereich zunehmend “verökonomisiert” wird, während der Sphäre der Erwerbsarbeit nach wie vor hohe Bedeutung zukommt. Nach wie vor ist die Teilnahme am Berufssystem Voraussetzung der Existenzsicherung und zwar angesichts zunehmender Arbeitslosigkeit in verstärktem Maße. Der momentane Versuch des statistischen Bundesamtes, die Haushaltsproduktion als Satellitensystem in die wirtschaftliche Gesamtrechnung einzubeziehen, verdeutlicht die wachsende Bedeutung, die der “Produktionssphäre Haushalt” beigemessen wird.Google Scholar
  14. 31.
    Schöps (1980) spricht von einer allgemeinen Tendenz zur Verzeitlichung (Temporalisierung) komplexer Gesellschaften. D. h., alle gesellschaftlichen Teilsysteme werden von der Tendenz zur abstrakten Zeitvorstellung erfaßt. Alles und jedes ordnet sich demnach den abstrakten gesellschaftlichen Zeitanforderungen unter. Die Einhaltung von Zeitplänen, Zeitnormen und nicht das selbstvergessene Handeln in der Zeit diktiert immer mehr das Leben in komplexen Gesellschaften. Man könnte sagen “Zeit” führt die Regie.Google Scholar
  15. 32.
    Wie in Kapitel 2 ausführlich dargestellt, ist individuelle Zeit zugleich auch immer kollektiv. Das bedeutet in diesem Zusammenhang, der Wunsch des einzelnen, sich von den gesellschaftlichen Zeitstrukturen total zu befreien, bleibt Illusion: Meditieren bei der VHS, Yoga auf dem Bauernhof (Bussow/Henckel 1986) sind Möglichkeiten, sich individuell vom gesellschaftlichen Zeitdruck zu entlasten. Eine tatsächlicher Ausstieg aus der gesellschaftlichen Zeitrhythmik ist so jedoch nicht möglich.Google Scholar
  16. 33.
    Nur noch ein Viertel aller Haushalte entsprechen den gängigen Vorstellungen der “normalen” Familie - Eltern mit Kindern (Nowotny 1990: 129).Google Scholar
  17. 34.
    Prinzipiell hat jede Gesellschaft sehr explizite Vorstellungen davon, welchem Alter welcher Status angemessen ist.(...). Sieht man für beide Bereiche ( Familie und Beruf F. B-A.) einmal von schichtspezifischen Unterschieden ab, (...) dann fällt besonders auf, daß hier die Zeiten von Frauen und Männern auseinanderlaufen, so daß man mit guten Gründen von Frauenzeit und Männerzeit sprechen kann.“ (Vogt 1986: 224 )Google Scholar
  18. 35.
    Vgl. Grabow/Henckel (1986: 1353), die sogar damit rechnen, daß die Arbeitszeitflexibilisierung zu verändertem Wohnstandortverhalten und zu veränderten Standortwahl von Betrieben führen wird.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1995

Authors and Affiliations

  • Friederike Benthaus-Apel

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