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Beratungsforschung als exemplarischer Fall interpretativer Sozialforschung: die dokumentarische Interpretation des Soziologen

  • Ralf Bohnsack
Chapter
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Part of the Beiträge zur sozialwissenschaftlichen Forschung book series (BEISOFO, volume 51)

Zusammenfassung

Mit dem im zweiten Teil der Arbeit ausgearbeiteten Modell machtstrukturierter Interaktion sind uns Kategorien an die Hand gegeben, die in mancher Hinsicht neues Licht auf die Interaktionsprozesse und Interpretationsverfahren werfen können, in denen empirische Sozialforschung sich vollzieht.

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Literature

  1. 1).
    Wir stehen derzeit am Anfang eines Forschungsvorhabens zum Generationsproblem, in dem wir bei der Interpretation von in Gruppendiskussionen erhobenen Texten beide Aspekte oder Dimensionen sozialen Handelns einzubeziehen suchen (vgl. dazu: Bohnsack, Mangold, Matthes 1983). Zur Methode des Gruppendiskussionsverfahrens und zu Auswertungsverfahren s. auch Bohnsack 1982.Google Scholar
  2. 1).
    Dies wird vor allem im Abschnitt VII (“Exkurs zum Verfahren der Feinanalyse”), aber auch an anderen Stellen deutlich, an denen die Verfasser ihre eigene Vorgehensweise erläutern. — Mehr dazu unter 3.1.3. in dieser Arbeit.Google Scholar
  3. 1).
    Zur Thematisierung des Themas vgl. Luhmann 1975 sowie in dieser Arbeit 1.2.1.4.Google Scholar
  4. 1).
    vgl. dazu Bohnsack, Schliehe, Schneider 1977 sowie Bohn-sack und Matthes 1978.Google Scholar
  5. 1).
    wobei die Handelnden auch sich selbst gegenüber eine Beobachterhaltung einnehmen: “Das Subjekt kann sich selbst erst in seinen Texten gegenübertreten und objektivieren” (Oevermann et al. 1976, S. 385).Google Scholar
  6. 1).
    Eine derartige Verselbständigung ist auch grundlegend für die Verstrickungen, “Doppelbindungen”, wie sie in der Schizophrenietheorie geltend gemacht werden (vgl. dazu: Bateson et al. 1969).Google Scholar
  7. 2).
    vgl. dazu Oevermann et al. 1976, S. 384 ff.: Elemente von latenten Sinnstrukturen vergangener Szenen werden chiff-rehaft gespeichert und konstituieren als solche dann auch Bereiche des Unbewußten.Google Scholar
  8. 3).
    Es bietet sich hier eine Parallele an zur sozialisatori-schen Interaktion bzw. zu deren “objektiven Struktureigenschaften” im Sinne von Oevermann et al. — Vergleichbar einem — von den Eltern nicht bewußt eingesetzten — didaktischem Prinzip werden Äußerungen und Verhaltensweisen von ist nämlich die entfaltete Kompetenz notwendige Bedingung für die Herstellung intersubjektiv verständlicher Kommunikation, andererseits kann das Kind, das über diese Kompetenz noch nicht verfügt, sie nur über die Teilnahme am intersubjektiv verständlichen Dialog erwerben (Oevermann et al. 1976, S. 397). Korrekterweise müßten Oevermann et al. zwei Arten oder Ebenen von latentem Sinn unterscheiden: zum einen diejenige der sozialisatorischen Interaktion selbst, sozusagen die für die Beteiligten selbst latenten “didaktischen” Prinzipien, also das “Als-ob”-Prinzip und zum anderen diejenigen latenten Strukturen, die Gegenstand ersterer sind, die mittels ersterer — also auf diesem kommunikativen Wege — allmählich vermittelt werden. Nicht hinsichtlich der “didaktischen” Komponente, aber hinsichtlich der erweiterten Perspektive und der damit verbundenen erweiterten Reflexionsfähigkeit ist der soziologische Beobachter den Eltern — seinen Probanden — gegenüber in einer vergleichbaren Position wie diese den Kindern gegenüber. — Der Beobachter unterstellt den Probanden eine Orientierung an Als-ob-Erwartungssystemen. Sie handeln in einer dieser Systematik adäquaten Weise, obschon sie diese Systematik nur chiffrehaft erfassen.Google Scholar
  9. 1).
    s. dazu auch Oevermann et al. 1979, S. 414 ff. Die Verwendung des Begriffes Kontext erscheint mir zweideutig. D.h., es wird nicht deutlich, ob mit der Verwendung des Begriffes Kontext das gemeint ist, was ich als Kontext bezeichnen will: also die Wahrnehmung sozialer und nichtsozialer Gegebenheiten, die in ihrer jeweiligen Konstellation Voraussetzung für die Erschließung eines Erwartungssystems sind — oder ob damit das bereits konstitutierte Erwartungssystem selbst gemeint ist. Offensichtlich differenzieren Oevermann et al. nicht zwischen Kontext und Erwartungssystem, d.h. zwischen den hergestellten und vorgegebenen Bedingungen eines solchen Kon-texts und der interpretativen Bezugnahme darauf, der inter-pretativen Repräsentation.Google Scholar
  10. 1).
    vgl. dazu Oevermann (1979, S. 423): “Von einer Struktur läßt sich im Sinne unserer These nämlich erst dann sprechen, wenn man ihren Prozeß der Reproduktion kennt, wenn man über die Rekonstruktion der diese Reproduktion kennzeichnenden Transformationsgesetze verfügt”.Google Scholar
  11. 1).
    Eine andere und auch ergänzende Art der Vergleichsgruppenbildung besteht — sozusagen auf der nächsthöheren Ebene — darin, die den jeweiligen Klienten betreffenden Beratungsgespräche und Aktenstücke zu einer Gruppe zusammenzufassen. — Auf noch höherer Ebene lassen sich dann die Einrichtungen miteinander vergleichen, indem die auf der eben genannten Ebene — derjenigen der Klientenkontakte — gewonnenen Klassifizierungen oder Formen in Bezug setzt zur jeweiligen Einrichtung und ergänzt um die organisatorischen Daten und die Befragung der Mitarbeiter und anderer Verantwortlicher. — Näheres dazu findet sich in: Bohnsack/Matthes 1978, S. 42 ff.Google Scholar
  12. 1).
    “An effective strategy is, at first, literally to ignore the literature of theory and fact on the area under study, in order to assure that the emergence of categories will not be contaminated by concepts more suited to different areas. Similarities and convergences with the literature can be established after the analytic core of categories has emerged” (Glaser/Strauss 1967, S.37).Google Scholar
  13. 2).
    “This control over simiarities and differences is vital for discovering categories, and for developing and relating their theoretical properties, all necessary for the further development of an emergent theory. By maximizing or minimizing differences among comparative groups, the sociologist can control the theoretical relevance of his data collection” (Glaser/Strauss 1967, S. 55)Google Scholar
  14. 3).
    “The comparison of differences and similarities among groups not only generate categories, but also rather speedily generates generalized relations among them” (Glaser/Strauss 1967, S. 39) .Google Scholar
  15. 4).
    “A property, in turn, is a conceptual aspect or element of a category” (S. 39).Google Scholar
  16. 1).
    Systematic comparison of organizations — either through field research or, quite feasibly, through secondary analysis of published substantive research — will quickly begin to densify the emergent formal theory (Glaser/Strauss 1967, S. 90).Google Scholar
  17. 1).
    Beide Arten der Theoriebildung — sowohl substantive wie auch formale Theorie — sind nach Glaser/Strauss (1967, S. 33) der “middle-range-theory” im Sinne von Merton zuzurechnen: “That is, they fall between the ‘minor working hypotheses’ of everyday life and the ‘all-inclusive’ grand theories”.Google Scholar
  18. 1).
    eine solche “multi-area formal theory”, wie sie als Generalisierung der Strukturmerkmale unterschiedlicher institutioneller Kontexte zu verstehen ist, ist zu unterscheiden von der “one —area formal theory”, welche nur eine Umformulierung (“re-writing”) des an einem Gegenstandsbereich, an einem institutionellen Kontext gewonnenen theoretischen Gehalts, von kategorialen Merkmalen darstellt: “Such rewriting techniques applied to a substantive theory produce only an adequate start toward formal theory, not an adequate formal theory itself” (Glaser/Strauss 1967, S. 81).Google Scholar
  19. 1).
    1)Von daher ist der Übergang von substantiver zu formaler Theorie auch ein nur gradueller, ohne qualitativen Sprung: “Substantive and formal theories exist on distinguishable levels of generality, which differ only in terms of degree. Therefore, in any study, each type can shade at points into the other” (S. 33).Google Scholar
  20. 2).
    2)Der Titel dieses Projekts lautet: “Das Instrument der Modelleinrichtungen. Empirische Untersuchung seiner Bedeutung, Grenzen und Ausweitungsmöglichkeiten für die örtliche Sozialpolitik”. — Das Projekt wurde unter der Leitung von Siegfried Schneider im Forschungsverbund “Bürgernahe Gestaltung der sozialen Umwelt” durchgeführt, welcher vom Bundesminister für Forschung und Technologie gefördert wurde. — Eine ältere Fassung dieses hier folgenden Ergebnisberichts habe ich 1979 als Teil eines Zwischenberichts zum o.g. Projekt erstellt. Ich habe an diesem Projekt von dessen Beginn — Okt. 1975 — bis zum März 1977 hauptamtlich mitgearbeitet und darüberhinaus noch ein Jahr von Erlangen-Nürnberg aus. — An der Kontaktaufnahme mit den Mitarbeitern der Beratungseinrichtungen waren außer mir noch Siegfried Heinemeier, Ferdinand Schliehe/ Siegfried Schneider und Piet Schuin beteiligt. Piet Schuin danke ich außerdem für Unterstützung und Anregung bei einer ersten Auswertung der Beratungsgespräche.Google Scholar
  21. 1).
    Näheres dazu findet sich in: Bohnsack, Schliehe, Schneider 1977.Google Scholar
  22. 2).
    Zu einer auf den Themenbereich “Jugendberatung” zugeschnittenen weiterführenden Operationalisierung dieser Fragestellung vgl. auch Bohnsack und Matthes 1978.Google Scholar
  23. 1).
    vgl. dazu auch die Beobachtungen von Brüsten (1973, S. 86) im Bereich der Jugendgerichtshilfe: “Doch für welche dieser Reaktionsformen sich die Jugendlichen während ihrer ‘Betreuung’ auch entscheiden, sowohl Übernahme als auch Ablehnung der formell vorgenommenen Typisierungen müssen die Richtigkeit der ursprünglich gewonnenen Definitionen in den Augen der Instanzenvertreter bestätigen”.Google Scholar
  24. 1).
    Daß eine derartige “Entfremdungskoalition” zwischen dem nächsten Vertrauten des Betroffenen und den professionell mit ihm Befaßten, den Vertretern von Kontrollinstanzen dem Betroffenen als eine Verschwörung erscheinen muß, macht Goffman (1972, vor allem S. 12 ff.) am Beispiel des “psychisch Kranken” deutlich. Der Prozeß der Einweisung in die Anstalt erscheint ihm als “Trichter des zunehmenden Verrats” (“betrayal funnel”). Es liegt auf der Hand, daß eine derartige Wahrnehmung die Problemlage des Betroffenen erheblich verschärft — unabhängig davon, ob die Verschwörung von den nächsten Vertrauten intendiert ist oder nicht. — Eine derartige Wahrnehmung und die damit verbundene Verschärfung der Problemlage läßt sich auch im Falle des Klienten der Beratung und Therapie vermuten. Zumal hier folgenderHintergrund noch zu bedenken ist: bei Personen, die sich mit ihrer Bitte um Rat an eine öffentliche Einrichtung und nicht an ihre nächsten Bezugspersonen wenden, kann man wohl mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit von einem — wenn vielleicht auch vorerst nicht schwerwiegenden — Vertrauensverlust zwischen ihnen und diesen Bezugspersonen ausgehen.Google Scholar
  25. 2).
    stellvertretend für viele s. Böhnisch (1975). Er fordert: “Sozialarbeit muß tätig werden können, bevor ihr ihre Adressaten als bereits klassifizierte ‘Fälle’ zugewiesen werden” (1975, S. 166) und aufgrund einer Analyse von Jugendamtsakten kommt Brüsten (1972, S. 86 f.) zu folgenden Schlußfolgerungen: “Die zwischen den Instanzen stattfindenden Interaktionen, deren Ergebnisse dann zumindest partiell als schriftlich fixierte Verhaltensdefinitionen in den Akten des Jugendamtes vorliegen, können darüber hinaus als soziale Prozesse betrachtet werden, die verhältnismäßig unabhängig vom Verhalten der betreffenden Jugendlichen und den Interaktionen mit diesen Jugendlichen stattfinden und schließlich eine gewisse Eigendynamik entwickeln...”.Google Scholar
  26. 1).
    Für einen Einblick in “alternative” oder “advokatorische” Wege der Beratungspraxis möchte ich verweisen auf Bohnsack/ Schliehe/Schneider 1977 und dort auf die Ausführungen zum amerikanischen Reformprogramm “Mobilization for Youth” sowie auf die Ausführungen zur niederländischen Jugendberatung “JAC Amsterdam”. — Siehe dazu auch die Broschüren der Drogenberatungseinrichtung “Free Clinic Heidelberg” sowie die über diese Einrichtung verfaßte Arbeit von Schuin (1979).Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1983

Authors and Affiliations

  • Ralf Bohnsack

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