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Grundzüge interpretativen Handelns: die dokumentarische Methode der Interpretation

  • Ralf Bohnsack
Chapter
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Part of the Beiträge zur sozialwissenschaftlichen Forschung book series (BEISOFO, volume 51)

Zusammenfassung

Spezifische Handlungsentwürfe werden in ihrem Sinngehalt bestimmbar, erhalten ihren “eigentlichen” Sinngehalt oder werden in ihrem Sinngehalt modifiziert, indem sie in einem übergreifenden Erwartungssystem verortet werden. Dieses Erwartungssystem besteht aus einem mit anderen geteilten Wissen um den Kontext, in dem der spezifische Handlungsentwurf wahrgenommen wird.

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Literature

  1. 1).
    Die Konstitution von Erwartungssystemen, die wir als Rollen bezeichnen können, setzt folgendes voraus: “Das handelnde Selbst und der handelnde Andere werden so nicht als einzigartig, sondern als Typen empfunden. Diese Typen sind per definitionem austauschbar. Von Rollen können wir erst dann sprechen, wenn diese Form der Typisierung sich innerhalb der Zusammenhänge eines objektivierten Wissensbestandes ereignet, der einer Mehrheit von Handelnden gemeinsam zu eigen ist. In solchem Kontext sind Typen von Handelnden Rollenträger” (Berger/Luckmann 1969, S. 78).Google Scholar
  2. 1).
    “Das typisierende Medium par excellence sind Wortschatz und Syntax der Alltagssprache, in der sozial abgeleitetes Wissen vermittelt wird” (Schütz 1971, S. 15 f.).Google Scholar
  3. 2).
    “In jeder Sprache gibt es Begriffe mit verschiedenen Konnotationen. Auch sie sind im Lexikon vermerkt. Aber abgesehen von diesen standardisierten Konnotationen erwirbt jedes Rede-Element seine besondere sekundäre Bedeutung, die sich vom Kontext oder der sozialen Umgebung ableitet, worin das Wort benützt wird und wo es zusätzlich von der jeweiligen Gelegenheit, in der es vorkommt, tangiert wird” (Schütz 1972, S. 64).Google Scholar
  4. 1).
    Maßgebendes oder verantwortliches Subjekt und Gestalter sind also zweierlei: “Wenn nun der Gestalter und das maßgebende Subjekt zweierlei sind, wenn gewohnheitsmäßig Stücke vergangener Erfahrung nachgespielt werden, womit das ‘ich’ in verschiedenen Schichten angesiedelt wird, und wenn das ‘ich’ an jeder dieser Stellen wiederum verschiedene Schattierungen des Ich bezeichnen kann, dann beginnt man vielleicht zu erkennen, was das Fürwort der ersten Person leistet, und was man leisten muß, um dies zu verstehen. Wenn jemand sagt: ‘Ich habe das Gefühl, ich muß dir sagen, daß ich an diesem Abend recht durcheinander war und Marie alles gesagt habe’, dann kommen drei ganz normale Wesen ins Spiel. Da ist der Gestalter (eine rein situative Übertragungsmaschine); da ist das sprechende Ich1, von dem der Sprecher als dem zur Zeit Verantwortlichen und dem Hörer zur Verfügung Stehenden spricht, das Ich, das der Sprecher bis zu diesem Augenblick geworden ist und jetzt ist, und das übrigens in enger Verbindung mit der Eigenschaft seines Trägers als Gestalter zu sehen ist; und da ist das Ich als Figur, als maßgebendes Subjekt der eingeschachtelten, berichteten Handlung, eine Person, die der Sprecher vielleicht gar nicht mehr als demjenigen ähnlich empfindet, in dessen Namen er jetzt spricht” (Goffman 1980, S. 558) .Google Scholar
  5. 1).
    Zur genaueren Betrachtung eines derartigen “Wissens um den entstehenden Hintergrund” vgl. Kjolseth 1971, S. 20 ff.Google Scholar
  6. 1).
    1)“zeitlich werden Erwartungen dadurch generalisiert, daß ihnen enttäuschungsfeste, notfalls kontrafaktische Dauergeltung verliehen wird” (Luhmann, 1970a,S. 121).Google Scholar
  7. 1).
    “Reflexivität des Negierens erfordert und stützt Generalisierungen” (Luhmann 1971, S. 36).Google Scholar
  8. 1).
    “von einer gewissen Stufe der Systemkomplexität an werden daher reflexive Mechanismen auch als zeitsparende Beschleuniger interessant. Einerseits hat das System, das sie verwendet, dann schon genug Zeit, um sich eine nicht unmittelbar nützliche Reflexivität bzw. Reflexion leisten zu können. Zum anderen kann es dadurch den Zeitbedarf für spätere Aufbau- und Anpassungsvorgänge um kritische Ausmaße verkürzen und so verhindern, daß mit wachsender Komplexität der Zeitbedarf rascher wächst als der Zeitgewinn” (Luhmann 1970, S. 105).Google Scholar
  9. 1).
    Smith selbst definiert Geisteskrankheit in diesem Sinne: als ein Verhalten, welches von einer Regel abweicht, wobei die Abweichung selbst keiner Regel zuzuordnen ist (vgl. Smith 1976, S. 392). Eine derartige Konstruktion findet sich auch im Falle der Feststellung zeitweiliger Unzurechnungsfähigkeit; also z.B. wenn — in der forensischen Psychiatrie — “Kleptomanie” diagnostiziert wird. Im Falle von Diebstahl muß dem Beschuldigten — als generalisierter Handlungsentwurf: intentionaler Ausdruckssinn — Aneignungsabsicht unterstellt werden. — Im klassischen Sonderfall der Frau aus der Oberschicht — karri-katurhaft: der Direktorenwitwe, die im Supermarkt Kleinigkeiten stiehlt, ist diese generelle Motivunterstellung mit der vom sozialen Kontext her erwartbaren Motivlage unvereinbar: sie hat es “nicht nötig”. Der Kontrast dieser beiden generalisierten Handlungsentwürfe ist nicht auflösbar. Da eine Plausibilität nicht hergestellt werden kann, wird (zeitweilige) Unzurechnungsfähigkeit unterstellt (vgl. dazu in dieser Arbeit die Ausführungen unter 2.3.4.)Google Scholar
  10. 1).
    in der zitierten Übersetzung ist von “Schein-Normalität” die Rede. Im Original (Goffman 1963, S. 122) heißt es: “phantom normalcy”.Google Scholar
  11. 1).
    Berger/Pullberg (1965, S. 105) unterscheiden zwischen theoretischer und vortheoretischer Verdinglichung. Während dieser Abschnitt eher auf die theoretische Verdinglichung Bezug nimmt, geht es im Abschnitt 1.2.1.2. eher um die vortheoretische Verdinglichung.Google Scholar
  12. 1).
    “‘Wir werden nicht nach dieser Inkompetenz beurteilt’, sagen sie. Falls sie eine schlechte Vorstellung geben, sind sie in der Lage, dem schlechten Licht, das das auf sie werfen würde, auszuweichen. Wie sie sich auch geben, sie vermeiden es, vor denen gedemütigt zu werden, die sozial so gestellt sind, daß sie eine bessere Vorstellung geben können” (Goffman 1973, S. 226 f.).Google Scholar
  13. 1).
    “Wenn der Chirurg seine verbrieften Rechte offen zur Kritik an nichtkompetentem Verhalten braucht, kann er die Selbstbeherrschung des versagenden Mitarbeiters noch weiter schwächen und die Operation noch weiter gefährden” (Goffman 1973, S. 137).Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1983

Authors and Affiliations

  • Ralf Bohnsack

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