Advertisement

Die Ethnographische Erforschung Kognitiver Systeme Namen für Dinge

  • Charles O. Frake
Chapter
  • 514 Downloads
Part of the WV studium book series (WVST, volume 54/55)

Zusammenfassung

Eine von Ethnographen allgemein durchgeführte und relativ leichte Aufgabe besteht darin, die Namen von Dingen zu ermitteln. Der Ethnograph macht das typischerweise so: Er zeigt auf die offenbar wesentlichen Dinge, die ein Ereignis ausmachen, das er gerade beschreibt, oder er hebt diese Dinge hoch. Auf diese Weise provoziert er die Namen dieser Dinge in der einheimischen Sprache und der Forscher kann dann jeden einzelnen Namen mit dem Wort vergleichen, das er in seiner Muttersprache verwendet. Die Logik dieses Vorgehens besteht darin: Nennt der Informant das Ding X „Mbubu“ und ich nenne es „Felsen“, dann bedeutet „Mbubu“ Felsen. Auf diese Weise werden die üblichen ethnobotanischen Monographien mit Listen zusammengestellt, die die einheimischen und wissenschaftlichen Namen für jede Pflanze jeweils gegenüberstellen. Das gleiche Verfahren ist wohl auch die Grundlage für die Ermittlung vieler Namen in Eingeborenensprachen, die solchen Monographien in Klammern beigefügt werden: „Unter den Gräsern (Sigbet), deren Körner (Bunga Nen) als Perlen (Bitekel) verwendet werden, erfreut sich keines grösserer Beliebtheit als die Hiobsträne“. Wenn der Leser nicht gerade als Linguist an der vergleichenden Analyse der beiden Sprachen interessiert ist, dann mag er sich sehr wohl fragen, ob diese Beifügung nicht ausschliesslich dem Nachweis dient, dass der Ethnograph dem Sammeln sprachlicher Daten die erwartete Mindestaufmerksamkeit geschenkt hat. Dieses Verfahren, Worte für Dinge zu erhalten — und auch die so oft zu hörende Reaktion „was soll’s“ — geht von der objektiven Identifizierbarkeit einzelner „Dinge“ aus, unabhängig von der je besonderen Kultur. Es begreift die Aufgabe, Namen zu ermitteln so, als ob es einfach darum ginge, sprachliche Etikette für „Dinge“ in zwei Sprachen zu vergleichen. Dementsprechend kann der „problemorientierte“ Anthropologe mit einer breiten, kulturvergleichenden Perspektive jedes Interesse an diesen Bezeichnungen abstreiten. Alles, was ihn interessiert, ist das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein eines besonderen Gegenstandes in einer gegebenen Kultur.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Anmerkungen

  1. 1.
    In diesem Aufsatz bezeichnet der Begriff Objekt alles, was als Element einer Kategorie gilt (BRUNER und andere 1956, S.231), ob nun sinnlich wahrnehmbar oder nicht.Google Scholar
  2. 2.
    Weil dies hier ein kurzes, mündlich vorgetragenes Referat ist, werden die vorgeschlagenen Verfahrensweisen an ziemlich einfachen Beispielen aus der uns geläufigen Sprache und Kultur veranschaulicht. Eine anspruchsvollere Analyse würde wesentlich grössere Mengen an sprachlichem Material in phonetischer Schreibweise erfordern. Als umfassenderes Beispiel, mit der Absicht einer ethnographischen Grundsatzerklärung, siehe FRAKE 1961.Google Scholar
  3. 3.
    Dieses Beispiel vereinfacht natürlich übermässig. Wenn der Leser diese Segregate nicht in derselben Weise zueinander in Beziehung setzt wie unsere hypothetischen Sprecher in der Imbissbar, dann steht er damit nicht allein. Kurz nachdem ich dieses Aufsatzmanuskript abgeschlossen hatte, näherte sich mir ein kleiner Junge im Park und erklärte, ohne dass ich ihn dazu irgendwie veranlasst hätte: “Hamburger sind viel besser als Sandwiches”.Man braucht nicht nach einem evidenteren Fall von Kontrast zu suchen.Google Scholar
  4. 4.
    Zumindest in formalisierten, hochgradig unterteilten taxo- nomischen Systemen scheint die Anordnung von Oberbegriffen entsprechend der Anzahl der ihnen untergeordneten Begriffe auf eine stabile statistische Verteilung hinauszulaufen (die Willis-Verteilung), und zwar ohne Rücksicht auf das, was gerade klassifiziert wird oder wer die Klassifizierung vornimmt (HERDAN 196o, S.211–225; MANDELBROT 1956).Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1980

Authors and Affiliations

  • Charles O. Frake

There are no affiliations available

Personalised recommendations