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Ethnotheorie, Ethnomethodologie und Phänomenologie

  • George Psathas
Chapter
Part of the WV studium book series (WVST, volume 54/55)

Zusammenfassung

In den Sozialwissenschaften sind in den letzten Jahren zwei Ansätze entwickelt worden: einer in der Anthropologie, der Ethnotheorie (ethnoscience) genannt wird, ein anderer in der Soziologie, der Ethnomethodologie genannt wird. Beide Ansätze verfügen über ein beträchtliches theoretisches Potential und werden die Forschung in der Anthropologie und in der Soziologie nicht unwesentlich beeinflussen. Diese Ansätze sollen im folgenden kurz dargestellt und auf ihre Ähnlichkeiten und Unterschiede hin überprüft werden; ihr Gewicht und ihre Bedeutung sollen abgeschätzt, und es soll untersucht werden, wie sie sich zu phänomenologischen Ansätzen verhalten.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Vgl. hierzu den kritischen Kommentar von R.BURLING (1964) und die Erwiderung von D.HYMES (1964).Google Scholar
  2. la.
    Anmerkung der Herausgeber: Diese “reduktionistische”, d.h. strikt auf die eindeutige Beziehung zwischen sprachlichen Kategorien und physischen Referenten abhebende Definition der Komponentenanalyse ist typisch für das Frühstadium der Ethnotheorie, als Kulturanthropologen wie GOODENOUGH, LOUNSBURY und CONKLIN sich das Problem stellten, terminologisch hochstrukturierte Wissensbereiche, deren sprachliche Kategorien unmittelbare physische Referenten aufweisen, in ihre sprachlichenMerkmalsdimensionen (Komponenten) zu zerlegen: insbesondere die terminologischen Domänen (bzw. Ausschnitte aus der physischen bzw. gesellschaftlichen Wirklichkeit) der Farben, der Pflanzenwelt und der Verwandtschaft (H.C.CONKLIN 1964 und 1968, W.H.GOODENOUGH 1956a, F.G.LOUNSBURY 1956). In der Farbdomäne moderner abendländischer Sprachen z.B. sind die entscheidenden Merkmalsdimensionen Farbton, Helligkeit und Sättigungsgrad, mit deren Hilfe jedes sprachliche Konzept im Farbuniversum definiert werden muss (CONKLIN 1964, S.189). Die untersuchten sprachlichen Termini konnten in diesen “konkreten” Sprachdomänen als ikonische Namen aufgefasst werden, deren Bedeutung vornehmlich extensional bestimmbar ist. Inzwischen hat sich die ethnotheoretische Komponentenanalyse auch “höhersymbolischen” Wissenssystemen zugewandt, deren sprachliche Kategorien nicht mehr eindeutig auf physische Referenten beziehbar sind, obwohl selbstverständlich auch bei diesen “abstrakteren” Domänen ein Gesamtbezug auf gesellschaftliche und physische Wirklichkeit vorliegt. In den Blick kommen nun Domänen wie z.B. Religion und Recht (C.O.FRAKE 1965, L.POSPISIL 1965). GOODENOUGHS Position, dass die ikonischen Zeichen der materiellen Wirklichkeitssphäre zwingende Vorbedingung und unverzichtbares Mittel für die Analyse der Bedeutung der nichtikonischen Zeichen der symbolisch höherstufigen Sphären der soziokulturellen Wirklichkeit seien (GOODENOUGH 1964, S.39), stellen sich jetzt prominente Ethnotheoretiker wie z.B. STURTEVANT entgegen (W.C.STURTEVANT 1964, S.1o2). Der Terminus “Komponentenanalyse” muss angesichts dieser neueren Beschäftigung der Ethnotheorie mit den höhersymbolisehen Bereichen der soziokulturellen Wirklichkeit umdefiniert werden als diejenige semantisch-pragmatische Technik der Analyse von Kennzeichnungen, Bedeutungen und Sprachanwendungen, welche die Merkmalsdimensionen aufdeckt, die ein terminologisch umrissenes Wissenssystem und di Anwendung seiner sprachlichen Kategorien strukturieren: d.h. die Kennzeichnungs-, Bedeutungs-und Gebrauchskomponenten der Termini einer sprachlichen Domäne und des entsprechenden Wissensbereiches - gleichgültig, ob diese Termini einen unmittelbaren Bezug zur physischen Realität aufweisen oder nicht. Die ethnotheoretische Komponentenanalyse kommt nach dieser Definition der Erforschung von Wort-und Sprachfeldern in der Linguistik ziemlich nahe (J.LYONS 1971, 5.5862, 438–444 und 481–491; H.GECKELER 1971), obwohl sie stärker die pragmatisch-gesellschaftliche Dimension von terminologischen Systemen, d.h. ihre Anwendungsregeln, herausarbeitet als letztere.Google Scholar
  3. 2.
    Wesentliche Anregungen zu der folgenden kurzen Darstellung der Komponentenanalyse verdanke ich MARTIN KOZLOFF.Google Scholar
  4. 3.
    Ob diese Analyse wirklich bis zu den Kriterien vorstösst, die der autochthone Sprecher tatsächlich benutzt (“psychologische Realität”) - im Unterschied zu der Übertragung der dem Forscher geläufigen Kriterien (“strukturelle Realität”) - wird in der Abhandlung von A.F.C.WALLACE (1965) diskutiert.Google Scholar
  5. 4.
    Die Unterschiede zwischen dem ethnotheoretischen und dem ethnomethodologischen Ansatz lassen sich gut erkennen, wenn man diejenigen ethnotheoretischen Arbeiten, die sich insbesondere mit Klassifikationssystemen beschäftigt haben (z.B. C.A. FRAKE 1961, A.F.C.WALLACE und J.ATKINS 196o), mit GARFINKELS Analysen (1967) über den Prozess der Entscheidungsfindung bei Geschworenen oder über die Klassifizierung von Selbstmorden vergleicht.Google Scholar
  6. 5.
    Wichtige ethnomethodologische Arbeiten sind H.GARFINKEL (1964), (1967); E.BITTNER (1967); A.V.CICOUREL (1964); D.SUDNOW (1965); L.CHURCHHILL (1966). Zur Kritik der Arbeiten von GARFINKEL vgl. “The Review Symposium an Studies in Ethno-Methodology”, American Sociological Review, 33, 1968, S.122–13o. Es ist bislang nicht geklärt, ob Ethnomethodologie als ein besonderes Forschungsfeld innerhalb der Soziologie, als eine Methode, Soziologie zu “treiben”, oder als eine Schule oder Richtung mit der Absicht der Erneuerung der Soziologie anzusehen ist. Im vorliegenden Bestand an ethnomethodologischen Arbeiten lassen sich alle diese Elemente identifizieren.Google Scholar
  7. 6.
    So formuliert M.NATANSON in seiner Einleitung zu den Collected Papers von A.SCHUTZ (1962). SCHUTZ ist der von den Ethnomethodologen am meisten zitierte Phänomenologe, doch ist GARFINKEL durchaus mit dem Werk von HUSSERL vertraut. Es steht wohl ausser Frage, dass die Arbeiten von SCHUTZ für jeden Sozialwissenschaftler von höchster Bedeutung sind. Sein wichtiges älteres Werk, Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt (1932) ist 196o wieder neu aufgelegt worden; seine Collected Papers (1962–1966) werden in absehbarer Zeit in deutscher Sprache erscheinen. Jüngst erschien seine Abhandlung zum Problem der Relevanz mit einer Einleitung von TH.LUCKMANN (1971). LUCKMANN bereitet eine Ausgabe des von SCHÜTZ bei seinem Tode 1959 hinterlassenen Entwurfes zu einer systematischen Zusammenfassung seines theoretischen Lebenswerkes unter dem Titel “Die Strukturen der Lebenswelt” vor. P.L.BERGER und TH.LUCKMANN stützen sich in ihrer gemeinsam vorgelegten Theorie zur Wissenssoziologie (1969) weitgehend auf die Arbeiten von SCHUTZ.Google Scholar
  8. 6a.
    Anmerkung der Herausgeber: Der Ausdruck “e misch” stammt von KENNETH L.PIKE (1964 und 1967, S.37–42). PIKE unterscheidet in den Sozialwissenschaften (in deren Bereich er auch die Linguistik einordnet) eine e t i s c he und eine e mische Stufe der Analyse. Ausgangspunkt für diese Unterscheidung sind die linguistischen Untersuchungen über die Lautstruktur menschlicher Sprache: die Phone t i k entwickelt einen Katalog von in ihren akustischen Eigenschaften eindeutig messbaren und artikulatorisch eindeutig definierbaren Lauten (Phonen), wie sie etwa im phonetischen Alphabet der A s s o c i a t i o n P ho n é t i q u e Internationale aneinandergereiht sind. Die phone mische bzw. phonologische Analyse wählt aus diesem universalistischen etischen Katalog genau diejenigen lautlichen Einheiten aus, die für eine bestimmte Sprache relevant sind, d.h. in ihr ein System von bedeutungstragenden Lautgegensätzen bilden: die Phoneme als kulturelle Werte einer soziohistorisch besonderen Sprache. Den Unterschied zwischen Phonetik und Phonemik (Phonologie) überträgt PIKE nun auch auf andere Objektbereiche. Das biologische Verwandtschaftssystem nach den Mendelschen Gesetzen wird in etischer Analyse erschlossen; das soziohistorisch besondere Verwandtschaftssystem einer Sprachgemeinschaft bzw. Gesellschaft, das einerseits bestimmte Aspekte der biologischen Verwandtschaft ignoriert und andererseits gewisse Beziehungen ausserhalb biologischer Verwandtschaft als Verwandtschaftsbeziehungen definiert, in emischer Analyse. Einmal stehen die unmittelbaren physischen Zustände und Vorgänge im Zentrum des Interesses; das andere Mal die Leistungen eines soziokulturellen Systems in der kulturellen Interpretation und Aneignung dieses physischen Substratums. Soziologie, welche auf die sinnhafte bzw. Interpretative Ebene der gesellschaftlichen Wirklichkeit abhebt, betreibt in diesem Sinne stets emische Analyse: dort, wo die etische Analyse lediglich prozessuale Übergänge feststellt (etwa das Kontinuum der Wellenbereiche auf der Farbskala), stellt die emische Analyse Quanten bzw. diskontinuierliche Strukturen, d.h. Bedeutungs-bzw. Sinnzuschreibungen,fest (z.B. das diskontinuierliche Feld von Farbwörtern einer Sprache). Da sich die emische Analyse auf die spezifischen kulturellen Aneignungsleistungen einer Gesellschaft bzw. Gruppe bezieht, ist sie zunächst einmal strikt soziohistorisch spezifizierend und relativierend orientiert, während die auf das physische Substratum ausgerichtete etische Analyse selbstverständlich universalistischer Natur ist. Allerdings wird sich die Ethnotheorie neuerdings bewusster, dass wahrscheinlich auch die e m i s c h e n Grundvariablen ihrer Analyse universalistischer Natur sind (vgl. jedoch hierzu die gegensätzliche Einstellung von LYONS 1971, S.442–444 und 483f).Google Scholar
  9. 7.
    P.L.BERGER und TH.LUCKMANN (1969) beschäftigen sich in ihrer Theorie zur Wissenssoziologie - im Unterschied zur klassischen Wissenssoziologie der zwanziger Jahre - mit der Struktur des Alltagswissens in einem dem GARFINKELschen Verständnis ganz ähnlichen Sinne: mit dem “normalen”, “gewöhnlichen” Alltagswissen, das Menschen über sich und ihre soziale Welt haben, und mit der Art und Weise, wie sich dieses ihr Wissen für sie selbst als Wirklichkeit etabliert.Google Scholar
  10. 8.
    Auf die Konvergenzen zwischen dem symbolischen Interaktionismus, der Ethnomethodologie und Phänomenologie kann hier nicht weiter eingegangen werden. Vgl. hierzu u.a. N.K. DENZIN (1969); ferner TH.P.WILSON (197o), in deutscher Übersetzung in diesem Band.Google Scholar
  11. 9.
    Den Hinweis auf diese Unterscheidung verdanke ich MARTIN KOZLOFF.Google Scholar
  12. 10.
    In eben dieser Bedeutung ist das “Verstehen” von grösster Relevanz für die Tagesarbeit des Soziologen: vgl. M.L.WAX (1967). WAX nennt Verstehen in dieser Bedeutung “intra-kulturelles Verstehen”, da es die Sozialisation in die Bedeutungswelt der Angehörigen einer Kultur voraussetzt.Google Scholar
  13. 11.
    Dieses Konzept entlehnt SPIEGELBERG von HANS KUNZ, der es “phantasierend-denkendes Entwerfen” genannt hat; SPIEGELBERG (1964), S.122.Google Scholar
  14. 12.
    Die Methodologie der teilnehmenden Beobachtung ist von S.BRUYN (1966) unter ausdrücklichem Bezug auf die Phänomenologie erörtert worden.Google Scholar
  15. 13.
    In meiner bereits erwähnten Untersuchung über Taxi-Fahrer habe ich versucht zu zeigen, wie dies erreicht werden könnte: PSATHAS und HENSLIN (1967).Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1980

Authors and Affiliations

  • George Psathas

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