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Der Methodologische Standort des Symbolischen Interaktionismus

  • Herbert Blumer
Chapter
Part of the WV studium book series (WVST, volume 54/55)

Zusammenfassung

Der Begriff, des „symbolischen Interaktionismus“ hat sich zur Kennzeichnung eines relativ klar abgegrenzten Ansatzes zur Erforschung des menschlichen Zusammenlebens und des menschlichen Verhaltens durchgesetzt (1). Zahlreiche Wissenschaftler bedienten sich dieses Ansatzes bzw. trugen zu seiner geistigen Grundlegung bei; unter ihnen finden sich solch hervorragende Persönlichkeiten Amerikas wie GEORGE HERBERT MEAD, JOHN DEWEY, W.I.THOMAS, ROBERT E.PARK, WILLIAM JAMES, CHARLES HORTON COOLEY, FLORIAN ZNANIECKI, JAMES MARK BALDWIN, ROBERT REDFIELD und LOUIS WIRTH. Trotz bedeutsamer Unterschiede im Denken dieser Wissenschaftler ist eine grosse Ahnlichkeit in der allgemeinen Art und Weise, in der sie menschliches Zusammenleben betrachten und erforschen, festzustellen. Die Grundgedanken des symbolischen Interaktionismus sind aus diesem Fundus allgemeiner Gleichartigkeit heraus entwickelt. Bisher hat es jedoch noch keine eindeutige Formulierung der Position des symbolischen Interaktionismus gegeben; vor allem fehlt immer noch eine begründete programmatische Darstellung seines methodologischen Standortes. Das Ziel dieser Abhandlung ist die Entwicklung einer derartigen Darstellung. Im wesentlichen beziehe ich mich dabei auf die Gedanken von GEORGE HERBERT MEAD, der, mehr als alle anderen, die Grundlagen des symbolisch-interaktionistischen Ansatzes gelegt hat; indem ich mich allerdings mit zahlreichen entscheidenden Fragen ausführlich auseinandersetzte, die im Denken von MEAD und anderen nur implizit enthalten waren bzw. mit denen sie sich gar nicht beschäftigt hatten, war ich gezwungen, eine eigene Fassung auszuarbeiten. Aus diesem Grunde muss ich zum grössten Teil die volle Verantwortung für die hier vorgelegten Ansichten und Analysen übernehmen. Dies trifft insbesondere auf meine Ausführungen zur Methodologie zu: die Beiträge zu diesem Punkt stammen ausschliesslich von mir. Im folgenden will ich zunächst die Grundsätze des symbolischen Interaktionismus skizzieren; danach sollen die methodologischen Leitsätze bestimmt werden, wie sie für jede empirische Wissenschaft Geltung beanspruchen, und schliesslich werde ich mich besonders mit der methodologischen Position des symbolischen Interaktionismus auseinandersetzen.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Der Begriff “symbolischer Interaktionismus” ist eine in gewisser Weise barbarische Wortschöpfung, die ich so nebenbei in einem Artikel vornahm, den ich für “Manand Society” (EMERSON P.SCHMIDT, ed., New York: Prentice-Hall 1937) schrieb. Die Bezeichnung des Begriffs fand irgendwie Anklang und wird jetzt allgemein verwandt.Google Scholar
  2. la.
    Anmerkung der Herausgeber: Mit den Begriffen “anzeigen”, “Anzeigen’ und ”Selbst-Anzeigen“ - ”indicate“, ”indication“ und ”self-indication“ - beschreibt BLUMER den Prozess, in dessen Verlauf der Handelnde Gegenstande aus ihrer Einbettung herauslöst und sich selbst auf sie aufmerksam macht. Dieses ”Anzeigen“ ist in seiner Struktur mit dem Prozess verwandt, in dem man andere Individuen auf Gegenstände der Welt hinweist.Google Scholar
  3. lb.
    Anmerkung der Herausgeber: Die Stadien sind: “play stage”, “game stage” und “generalized other”.Google Scholar
  4. 2.
    Der symbolische Interaktionismus liefert die Prämissen einer tiefreichenden Philosophie mit stark humanistischer Ausprägung. Indem er dem “Selbst” eine Position höchster Bedeutung zuweist, und indem er erkennt, dass Ausbildung und Verwirklichung des “Selbst” durch die Übernahme der Rollen anderer Personen, mit denen man in den gemeinsamen Aktivitäten des Zusammenlebens verbunden ist, erfolgt, erbringt der symbolische Interaktionismus die wesentlichen Bestandteile eines provozierenden philosophischen Entwurfes, der in besonderem Maß auf soziale Erfahrungen abgestimmt ist. Die Grundlinien dieser Philosophie sind insbesondere in den Schriften von GEORGE HERBERT MEAD und JOHN DEWEY dargelegt.Google Scholar
  5. 3.
    Sehen Sie selbst, wie weit man kommt, wenn man die Entwürfe für Forschungsprojekte den geld-bewilligenden Stellen mit ihren berufsmässigen Berater-Ausschüssen oder eine Doktorarbeit einer unserer modernen Graduierten-Abteilungen für Soziologie und Psychologie vorlegt! Erleben Sie diesen Wall von Fragen, der entsteht: Wo ist Ihr Forschungsplan? Welches Modell haben Sie? Was ist Ihre Leithypothese? Wie operationalisieren Sie die Hypothese? Was sind Ihre unabhängigen und Ihre abhängigen Variablen? Welche Standard-Instrumente werden Sie benutzen, um die Daten für Ihre Variablen zu bekommen? Was ist Ihre Stichprobe? Was ist Ihre Kontrollgruppe? Und so weiter. Solche Fragen setzen voraus, dass der Forscher das unvermittelte Wissen hat, das die Studie erst erbringen soll. Weil er es nicht hat, wird das programmierte Forschungsverfahren der Ersatz für ihre Erlangung!Google Scholar
  6. 4.
    Ansehen erwirbt man in unserem Bereich heute vor allem durch die Entwicklung einer beeindruckenden Theorie oder die Ausarbeitung eines grossartigen theoretischen Systems oder indem man ein gefälliges Analyse-Schema entwickelt oder indem man ein logisch sauberes oder elegantes Modell aufstellt oder indem man mit modernen statistischen und mathematischen Techniken arbeitet oder sie entwickelt oder indem man Studien durchführt, die Glanzstücke der Forschungsplanung sind oder (um etwas zu erwähnen, das ich in diesem Aufsatz nicht behandle) indem man eine brilliante spekulative Analyse dessen durchführt, was in irgendeinem Gebiet des sozialen Lebens vor sich geht. Der durch unmittelbare Beobachtung durchgeführten Erforschung dessen, was tatsächlich in einem bestimmten Bereich des sozialen Lebens geschieht, wird ein untergeordneter oder randseitiger Rang zuerkannt - man spricht von ihr als von einer “weichen” Wissenschaft oder von Journalismus.Google Scholar
  7. 5.
    Damit dieser Vorwurf nicht in der Luft hängen bleibt, ist der Leser aufgefordert, die empirische Bedeutung der folgenden repräsentativen Anordnungen allgemein benutzter sozialwissenschaftlicher Konzeptionen auszumachen: Sitte, Integration, soziale Rolle, Entfremdung, Sozialisation, Einstellung, Wert, Anomie und Abweichung. Empirische Bedeutung wird nicht durch eine Definition verliehen, die nur dem Zweck einer theoretischen Abhandlung dient; sie besteht vielmehr in einer genauen Beschreibung, die es dem einzelnen erlaubt, der empirischen Welt gegenüberzutreten und mit Sicherheit in bezug auf irgendein empirisches Ding zu sagen, dass dies ein Beispiel für die Konzeption ist, jenes dagegen nicht. Der Leser möge sich darin versuchen, dieses mit den oben genannten Konzeptionen durch die Beobachtung dessen, was um ihn herum geschieht, zu tun.Google Scholar
  8. 6.
    Indem man es versäumt, den Prozess des Aufbaus sozialen Handelns zu sehen und zu verfolgen, kann man unbewusst viele schwerwiegende Irrtümer begehen. Ein Beispiel ist die Zusammenfassung von Gegebenheiten sozialen Handelns in derselben Klasse wegen ihrer ähnlichen Erscheinung als Produkte und die darauf folgende Überlegung, dass sie aufgrund solcher Ähnlichkeit gemeinsame Ursachen haben müssen. Dies geschieht insbesondere in einer der beliebtesten Hauptbeschäftigungen vieler Soziologen: in der Erforschung von “Raten” sozialen Verhaltens, wie zum Beispiel der Selbstmordrate und in dem daran anschliessenden Bemühen, die gegebene Verhaltensweise durch die Heranziehung von Veränderungen in der Rate zu erklären. Die Einzelfälle, die in eine Rate menschlichen Verhaltens eingehen, sind Fälle sozialen Handelns, wobei jeder einzelne von ihnen eine Karriere seines Aufbaus durch seinen jeweiligen Handelnden besitzt. Die Erforschung dieses zentralen Aufbauprozesses zu vernachlässigen und anzunehmen, dass eine Erklärung der Veränderungen in einer Rate den Aufbauprozess erfasst, ist völlig unberechtigt. Eine Kenntnis des Aufbauprozesses der jeweiligen Fälle würde sehr interessante Konsequenzen für unser Bild von dem, was die Rate wirklich repräsentiert, haben.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1980

Authors and Affiliations

  • Herbert Blumer

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