Advertisement

Grundlagentheoretische Voraussetzungen Methodisch Kontrollierten Fremdverstehens

  • Fritz Schütze
  • Werner Meinefeld
  • Werner Springer
  • Ansgar Weymann
Chapter
Part of the WV studium book series (WVST, volume 54/55)

Zusammenfassung

Das Abschlusskapitel versucht eine mögliche wissenschafts- und grundlagentheoretische Plattform für die Ansätze dieses Sammelbandes zu formulieren. (0)

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Anmerkungen

  1. 0.
    Einige Gedankengänge gehen zurück auf FRITZ SCHÜTZE: SPRACHE SOZIOLOGISCH GESEHEN, erscheint im Fink Verlag München 1973.. Für einige wichtige Anregungen sind wir auch RALF BOHNSACK und GÜNTHER ROBERT dankbar.Google Scholar
  2. 1.
    Erklärende Typustheoreme im Sinne interpretierter theoretischer Systeme (vgl. HEMPEL 1965, S.loo). Typustheoreme sind keine Konstrukte absolut zweckrationaler Handlungssysteme - zu einer derartigen Technik der Typenbildung neigt SCHUTZ 1962, S.41–46’, 63f; 1964, S.86f -, sondern theoretisch-empirische Erklärungsmodelle, welche die faktischen Variablenwerte in den unterschiedlichen Dimensionen der gesellschaftlichen Wirklichkeit (wie etwa Orientierungstypen, Situationsdefinitionen, Performanzen - vgl. Punkt 8.1 dieses Schlusswortes) in den Zusammenhang einer in sich rückläufigen Kette von Relationsaussagen bringen, wie das etwa Max WEBER und Ernst TROELTSCH implizit mit ihren Typen von Kirche und Sekte versuchten (vgl. WEBER 1963, Bd.I, S.15o-163, 2o7–236; und TROELTSCH 1912, 5.362382, 969–973, 98of).Google Scholar
  3. 2.
    Zur Terminologie: Idealisierungen sind die subjektiv und doch inters ubjektiv k on s t a n t geleisteten Unterstellungen der am Handlungs-und Interaktionsprozess beteiligten Gesellschaftsmitglieder. Idealisierungen werden erzeugt, um ansonsten unüberbrückbare elementare Handlungsprobleme zu bewältigen - gerade indem sie das unterstellen, was erst realisiert werden muss. Idealisierungen sind Teilelemente von Basisregeln, welche die Beziehung zwischen elementaren Handlungsproblemen wie dem der Reziprozitätsherstellung und elementaren Lösungsmechanismen, d.h. den Idealisierungen und ihren Realisierungsstrategien, herstellen. Im Rahmen dieser Beziehung sehen die Basisregeln auch Leerstellen für die soziohistorisch je spezifischen inhaltlichen Ausprägungen des elementaren Handlungsproblems und seiner Lösungsstrategien vor.Google Scholar
  4. 3.
    Basisakte haben nur einen einzigen Aufmerksamkeitsbrennpunkt, nämlich ihren eigenen Vollzug. Da sie sich lediglich mit ihrer eigenen Performanz als ausschliesslicher Handlungsorientierung beschäftigen, kann man sie “performativ” nennen. (Diese Terminologie ist angelehnt an J.L. AUSTINs Konzept der performativen Äusserung: “… das Herausbringen einer performativen Äusserung ist der Vollzug einer Handlung. Das Äussern wird bei performativen Äusserungen im Normalfall nicht als nur-etwas -Sagen aufgefasst.” -AUSTIN 1962, S.6f. Ein Beispiel: ‘Ich ercffne hiermit die Sitzung.“ In diesem Satz wird nicht die Beschreibung einer Sitzungseröffnung gegeben, sondern diese Sitzungseröffnung vollzogen. Wie performative Ausserungen im sich sprachlich vollziehenden Bezug auf sich selbst realisiert werden, verwirklichen sich auch Basisakte als Handlungsperformanzen in der Beschäftigung mit sich selbst - allerdings nun im Rahmen eines Verweisungssystems, das einen prinzipiell vorsprachlichen Kern aufweist wie etwa Zeigehandlungen, Zuordnungen usw.) Im Gegensatz zu den Basisakten führen alle übrigen Handlungsfiguren unter Verwendung von langfristigeren Aufmerksamkeitsspannweiten - d.h. in Orientierung auf Ziele, die der Handlungsfigur transzendent sind - über sich selbst hinaus. Basisakte sind für jede kommunikative Interaktion eine immer schon notwendige Leistungsvoraussetzung, obwohl sie sich lediglich in Krisensituationen zu selbständigen Handlungsfiguren vollständig auskristallisieren. Sie weisen Konstitutionsperformatorik auf und gehören, da sie sich nur mit sich selbst beschäftigen, zu den menschlichen Aktivitäten niedrigster Aufmerksamkeitsschwelle, die in alltagsweltlichen Handlungsorientierungen gewöhnlich nicht aktualisiert wird: d.h. Basisakte bleiben gewöhnlich als Figuren implizit und unbewusst.Google Scholar
  5. 4.
    Idealisierungen haben mit performativen Ausserungen im Sinne von AUSTIN die Gemeinsamkeit, dass sie sich erst und gerade durch ihren eigenen Vollzug realisieren.Google Scholar
  6. 5.
    Das Konzept der Kosmisationshandlung ist ELIADE 1957, S.18–2o, 32 entlehnt. ELIADE impliziert mit dem Begriff der Kosmisierung die kognitive Aufordnung von Welt, die in den kosmogonischen Mythen prototypisch durch urzeitliche göttliche Schöpfungsakte vollzogen wird, “die das Chaos geordnet und ihm Struktur, Gestalt und Formen gegeben hatten.” (S.19) Den Vorschlag, ELIADEs Begriff der Kosmisierung auf sämtliche gesellschaftliche Aktivitäten der kognitiven Aufordnung von Welt zu verallgemeinern, entnehmen wir religions-und wissenssoziologischen Vorlesungen, die Joachim MATTHES in den Jahren 1965 bis 1968 an der Universität Münster abgehalten hatte.Google Scholar
  7. 6.
    In die subjektive Perspektive des Forschers müssen immer schon die allgemeinen Orientierungstypen der Mitglieder des untersuchten sozialen Aggregates eingehen, weil der Forscher nur so die sozialen Tatbestände innerhalb des sozialen Aggregates erfassen kann: denn diese sind erst über die allgemeinen Orientierungstypen konstituiert. (PIKE: die soziale Wirklichkeit ist “emisch” strukturiert.) Auch im Bereich der allgemeinen Orientierungstypen sollte der Forscher sein subjektives Vorverständnis durch explizite Befragungs-und Testverfahren, wie sie etwa die Ethnotheorie liefert, kontrollieren. Das Programm einer umfassenden teilnehmenden Beobachtung geht allerdings über die Wahrnehmungen im Rahmen der subjektiven Eigenperspektive des Forschers hinaus. Während die allgemeinen Orientierungstypen der Beobachtungspersonen vom Forscher herangezogen werden müssen, um im Rahmen seiner eigenen subjektiven Perspektive überhaupt soziale Tatsachen erfassen zu können, muss der Forscher die “zweiten Wissensaggregate”, d.h. die Situationsdefinitionen und historischen Perspektiven der Mitglieder des sozialen Aggregates erfassen, um zu einem möglichst ob j e k t i v e n Bild der Gesamtkonstellation sozialer Tatbestände im relevanten Beobachtungsbereich, d.h. zu gesellschaftlichen Daten, zu gelangen. Die “subjektiven” Perspektiven und Situationsdefinitionen der beobachteten Personen werden, da sie orientierungswirksam sind, vom Forscher ihrerseits als Fakten des Objektbereiches bzw. als wesentliche Aspekte dieser Fakten behandelt, und nur so ist eine Rekonstruktion der vom Forscher subjektiv erfassten sozialen Tatbestände in Daten der wissenschaftlich-soziologischen Perspektive möglich. Teilnehmende Beobachtung im engeren Sinne, welche die subjektive Beobachtungsperspektive des Forschers speist, muss also mit den übrigen Methoden der Feldforschung, aus denen die subjektiven Perspektiven der beobachteten Personen rekonstruiert werden können, kombiniert werden, um zur (vorläufig) abschliessenden “objektiven’ Perspektive des Forschers vorstossen zu können, die allerdings prinzipiell auch nur ein in-tiersubjektiv nachprüfbarer Versuch zur realistischen Einschätzung von Ereignisabläufen bleibt (wie jede sozialwissenschaftliche Erkenntnis). Dem teilnehmenden Beobachter kann mithin nicht die undifferenzierte Empfehlung gegeben werden, sich soweit wie möglich in die Orientierungswelt der Beobachtungspersonen ”hineinzuversetzen“, ohne dass zugleich etwas über die Pflicht des Forschers zur Distanzierung gegenüber ihren Wissensbeständen gesagt wird. Hineinversetzen ist notwendig, um die allgemeinen Orientierungstypen zu erfassen, die innerhalb eines sozialen Aggregates soziale Tatbestände mitkonstituieren. Allerdings sollte d.e3es Hineinversetzen stets methodisch durch die weiter unten erwähnten Verfahren kontrolliert werden. Hineinversetzen ist ausserdem erforderlich, um Situationsdefinitionen und langfristige Perspektiven der Beobachtungspersonen zu erfassen. Das bedeutet aber nicht, dass sich der Forscher mit den ”zweiten Wissensaggregaten“ der Beobachtungspersonen identifizieren sollte. Gerade der objektivierenden Distanzierung zuliebe hält der Forscher den sekundären Wissensbeständen der Beobachtungspersonen seine eigene subjektive Beobachtungsperspektive entgegen. Teilnehmende Beobachtung ist mithin nicht nur ein (propädeutisches) Mittel zur Erfassung von Wissensaggregaten, sondern ein Weg zur ”realistischen“ Erfassung soziohistorischer Tatbestände auf der Performanzebene.Google Scholar
  8. 7.
    Allerdings ist eine Experimentieranordnung traditioneller Art zumindest denkbar, mit deren Hilfe man die Existenz von Basisregeln nachweisen könnte. Ein derartiges Experiment müsste etwa die folgende Struktur aufweisen: man bildet nach den Regeln der Zufallsverteilung zwei vergleichbare Gruppen von Personen, mit denen man - individuell oder kollektiv - weitgehend normierte Gespräche führt; in der Experimentiergruppe werden vom Forscher systematisch bestimmte Basisregeln in Frage gestellt, während die Gesprächsführung in der Kontrollgruppe “normalen” Kriterien entspricht, d.h., es werden keine “störenden” Stimuli eingeführt; die Reaktionen der Gruppenmitglieder werden audiovisuell festgehalten und miteinander verglichen. Aufgrund dieses Vorgehens müssten Aussagen folgender Art möglich sein: die Stimuli “x”, “y”, “z” usw. sind Basisregeln der Kommunikation, da ihre Zerstörung nachweislich die Kommunikation unmöglich macht. Durch eineStreuung des Experimentes über möglichst unterschiedliche Personengruppen und Situationen könnte sodann die Allgemeinheit der Basisregeln erwiesen werden. Man könnte hier noch einschränkend anmerken, dass dieses Vorgehen nur die Existenz bereits vorher bekannter (vermuteter) Basisregeln beweisen kann, aber dies gilt andererseits im Grunde für jedes experimentelle Vorgehen. Allerdings ist es bisher nicht gelungen, (a) in der Experimentalanordnung gezielte Störungen einzelner Basisregeln hervorzurufen bzw. (b) in einer Experimentalsituation mit diffuser Störquelle über das Medium des Sprechmaterials den Ausfall bestimmter Basisregeln eindeutig zu isolieren. (Der letzte Einwand gilt allerdings nicht für die gerade angedeutete traditionelle deduktive Experimentalanordnung, sondern lediglich für GARFINKELs eigene induktive Explorationsexperimente.) Schliesslich und endlich: die experimentelle Behandlung von Basisregeln würde gerade nicht ihren apriorisch-synthetischen Charakter als interaktionslogische Grundregeln für jede denkmögliche lebensweltlich ablaufende Kommunikation erfassen, sondern lediglich ihren faktischen, nicht notwendigen Konstitutionscharakter für eine Anzahl empirischer Situationen. Mit diesen Einschränkungen sind allerdings sowohl klassisch-deduktive als auch explorativ-induktive Experimentalanordnungen sinnvoll, um Basisregeln tentativ erfassen, illustrieren und explizieren zu können.Google Scholar
  9. 8.
    Zum proxemischen Verhalten, d.h. zur Strukturierung des Raumes im Interaktionsfeld, vgl. HALL 1963, 1968. Ein Beispiel für ungewöhnliches proxemisches Verhalten wäre die unangekündigte Annäherung des Gesichtes des Sprechers an das Gesicht des Hörers bis auf wenige Zentimeter - ein Krisenexperiment, das von GARFINKEL tatsächlich durchgeführt worden ist.Google Scholar
  10. 9.
    Hier zeigen sich deutliche Parallelen zum “harten” Interview in der traditionellen Sozialforschung, insbesondere zum “antagonistischen Interview” und zur “Widerspruchsdiskussionstechnik”. Bei diesem Modell des gewünschten Interviewverhaltens geht man von der Annahme aus, dass die gesuchten “Daten” nicht mit Hilfe eines stimulus-response-set zu ermitteln sind, sondern dass der Interviewer sie aktiv, zum Teil gegen den Widerstand des Befragten, ermitteln muss, indem er ihm gegenüber z.B. autorität und aggressiv auftritt, ihn auf Widersprüche aufmerksam macht, usw.. Allerdings ergeben sich bei dieser Vorgehensweise ethische Probleme, da der Interviewer mit seinem Verhalten die Wirklichkeitskonstruktion des Befragten zerstören kann, ohne ihm gleichzeitig eine Hilfe für die neue- Situation anzubieten. (Vgl. hierzu auch GOULDNERs Kritik an GARFINKELs Krisenexperimenten - GOULDNER 1971, S.393f).Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1980

Authors and Affiliations

  • Fritz Schütze
  • Werner Meinefeld
  • Werner Springer
  • Ansgar Weymann

There are no affiliations available

Personalised recommendations