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Die Ethnographie des Sprechens (0)

  • Dell H. Hymes
Chapter
Part of the WV studium book series (WVST, volume 54/55)

Zusammenfassung

Auf der Ebene von anthropologischen Prinzipienfragen wurde die Rolle des Sprechens (speech) (la) im menschlichen Verhalten immer schon feierlich hervorgehoben, wenn sie auch in der Forschungspraxis manchmal auf die leichte Schulter genommen wurde. Die Wichtigkeit ihrer Erforschung wurde im Grundsatz vorgetragen (wie etwa von Malinowski 1935), mit einsichtsvollen Detailüberlegungen im Überblick dargestellt (wie etwa in Sapir 1933) und als eine Hauptmaxime für die Feldforschung akzeptiert (vgl. die Zitate in Hymes 1959).

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Anmerkungen und Erläuterungen

  1. 0.
    Diesen Aufsatz möchte ich Roman JAKOBSON widmen. In grosszügigem Stil hat er Zeit gefunden, ihn mit mir zu diskutieren, und seine kritischen Kommentare haben zu vielen Verbesserungen geführt. Das gilt auch in Anbetracht des Umstandes, dass ich an manchen Stellen meiner eigenen Nase zu folgen hatte. Gerade hinsichtlich persönlich geprägter Überlegungen möchte ich ganz deutlich zum Ausdruck bringen, wieviel ich der Anregung durch seine Ideen verdanke. Sein Werk ist der Anthropologie ein Vorbild dafür, wie sie einen breiten und integrierenden Ansatz zur Erforschung von Sprache entwickeln könnte.Google Scholar
  2. la.
    Anmerkung der Herausgeber: In seiner Terminologie geht HYMES vom gegensätzlichen Begriffspaar “speech” und “language” aus, das wir mit “Sprechen” und “Sprache” wiedergegeben haben. Dieses Begriffspaar fusst auf der von Ferdinand de SAUSSURE (1967, S.924) entwickelten Unterscheidung zwischen “la parole” und “la langue”, die von LOMMEL, dem deutschen l.lbersetzer des Werkes von de SAUSSURE in das Gegensatzpaar “das Sprechen - die Sprache” übertragen wurde. Während “la langue”, “language” bzw. “die Sprache” das abstrakte Regelsystem meinen, mit dessen Hilfe die muttersprachlichen Sprecher einer Sprache richtige Sätze dieser Sprache erzeugen’ können, meinen“la parole”, “speech” bzw. “das Sprechen” die Abfolge von aktuell vollzogenen situationsgebundenen Sprechvollzügen.Google Scholar
  3. Wenn auch de SAUSSURE in Anlehnung an DURKHEIM den sozialen Charakter der Sprache (la langue) als objektive Wirklichkeit sui generis - etwa entsprechend sozialen Normen-und Rollensystemen oder auch entsprechend den DURKHEIMschen Kollektivvorstellungen - durchaus erkannte, neigte er andererseits dazu, das ebenso soziale Phänomen des Sprechens (la parole), das ja nichts anderes als eine besondere Erscheinungsform des Handelns und Interagierens darstellt, als eine psychophysische Residualkategorie zu behandeln, deren unsoziologische Konzeption dann von CHOMSKY in seiner speziellen Version des Performanz-Begriffs auf die Spitze getrieben wurde: Sprachperformanz als durch äussere psychophysische Bedingungen (begrenztes Gedächtnis, Verwirrung usw.) verzerrte Widerspiege-lung der Beherrschung der Sprache durch einen idealisierten Sprecher. (Zu de SAUSSUREs an DURKHEIM angelehnten Konzeption von “la langue” vgl. DOROSZEWSKI 1933; und zu de SAUSSUREs unsoziologischer Behandlung des Phänomens des Sprechens - la parole - vgl. de SAUSSURE 1967, S.22f; zu CHOMSKYs unsoziologischer Performanzkategorie vgl. CHOMSKY 1969, S.13f).Google Scholar
  4. Es ist das Verdienst der Ethnographie des Sprechens, der Analyse der Dimension des Sprechens (la parole, speech) einen prinzipiell sozialwissenschaftlichen Aspekt abgewonnen zu haben. Zwar aktualisieren sich auf der Ebene des Sprechens (wie auf der Ebene des Handelns überhaupt) die subjektiven Sinnintentionen der Kommunikationspartner; vom Standpunkt der Ethnographie des Sprechens aus gesehen ist aber folgende Feststellung de SAUSSUREs nicht haltbar: “Also ist beim Sprechen nichts kollektiv; die Auswirkungen sind individuell und momentan. Hier gibt es nichts weiter als die Summe der speziellen Fälle…” (de SAUSSURE 1967, S.23). Dazu im Gegensatz sind vom Standpunkt der Ethnographie des Sprechens aus Sprachvollzüge prinzipiell als Sprechhandlungen mit bestimmten sozialen Funktionen zu verstehen, und diese Sprechhandlungen sind nicht nur vom abstrakten “linguistischen” Regelsystem der Spr ache und von subjektiven Sinnintentionen der Kommunikationspartner gesteuert, sondern ausserdem noch von anderen ebenfalls exterior-sozialen Regelsystemen der Kommunikation wie etwa von situationsgebundenen und/oder gruppenspezifischen Sprachgebrauchsstilen. Gerade diese letzteren ausserlinguistischen Regelsysteme des Sprechens leisten die Vermittlung zwischen den allgemeinen Kodestrukturen (der Sprache im Sinne des linguistischen Systems und des Wissens im Sinne der DURKHEIMschen Kollektivvorstellungen) und den subjektiven Sinnintentionen der Handelnden. Die Vermittlung schlägt sich in von den Interaktionspartnern ausgehandelten Strategien der Kommunikation nieder, die systematische Auswahlen und Verknüpfungen situationsangemessener Kodeelemente im Rahmen von interaktiven, durch subjektive Sinnintentionen orientierten Handlungsabläufen darstellen.Google Scholar
  5. Neben “speech” (“Sprechen”) verwendet Dell HYMES auch den Begriff “speaking”, von uns gewöhnlich mit “Sprechvorgang”, “Sprechvollzug” oder auch nur “Sprechen” übersetzt. Es handelt sich hierbei lediglich um eine “verbalistische” Parallele zum N omen “speech”, mit der das Handlungsmässige des Sprechens noch deutlicher zum Ausdruck gebracht werden kann.Google Scholar
  6. lb.
    Anmerkung der Herausgeber: Letzteres gilt insbesondere für Claude LEVI-STRAUSS (1967; Kap. 2–5, 15 und 16; insbes. S.86f und 321f) und Kenneth L. PIKE (1967, insbes. S.25–149 und S.641–664). Zur Kritik an der analogisierenden Ausrichtung der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung und Methodologie am linguistischen Vorbild vgl. SCHUTZE (1973, Kap.2). Analogisierende Anlehnungen der sozialwissenschaftlichen Methodologie an das Vorbild der Linguistik sind nur dann sinnvoll, wenn sie auf einer sprachliches und aussersprachliches Verhalten integrierenden Grundlagentheorie elementarer Voraussetzungen sozialen Handelns - bzw. noch allgemeiner formuliert: der universalen Struktur menschlichen Verhaltens - fußen.Google Scholar
  7. 1.
    Zur Wiederbelebung der Dialektologie vgl. GUMPERZ 1961; zur Evolution von Sprache und Kultur vgl. HYMES 1961c; zur semantischen Typologie der Sprachen der Welt vgl. HYMES 1961a; zur Sprachkunst vgl. HYMES 196oa. Derartige Entwicklungen werden ein Anknüpfen an die Arbeit der etablierten linguistischen Disziplinen erforderlich machen, die einen Großteil der wesentlichen empirischen Daten erarbeiten und über deren Qualität Rechenschaft ablegen können.Google Scholar
  8. lc.
    Anmerkung der Herausgeber: Seit Erscheinen des von HYMES und GUMPERZ herausgegebenen Sonderheftes des American Anthropologist “The Ethnography of Communication” im Jahre 1964 tritt der Ausdruck “Ethnographie des Sprechens” zugunsten des Ausdrucks “Ethnographie der Kommunikation” immer mehr in den Hintergrund. Gemeint ist allerdings mit beiden Ausdrücken dasselbe: die totalisierende ethnographische Beschreibung von“kommunikativen Ereignissen” bzw. “Sprechereignissen” hinsichtlich ihrer Faktoren Sender, Empfänger, Form der Mitteilung, Übertragungskanal, Kode, Inhalt der Mitteilung und Schauplatz (Szene, Situation) der Mitteilung und hinsichtlich ihrer sozialen Funktionen in natürlichen Interaktionssituationen - und zwar das sowohl in einfachen als auch in komplexen (etwa westlich-industriellen) Gesellschaften. Der gegenüber dem Begriff des “Sprechens” weitere Begriff der “Kommunikation” bringt die programmatische Absicht des von GUMPERZ und HYMES entwickelten ethnographischen Ansatzes zum Ausdruck, kommunikative Interaktionen nicht allein hinsichtlich der Dimension expliziten Sprechens, sondern auch hinsichtlich der Dimension stillschweigender Unterstellungen und Routinepraktiken und hinsichtlich der Dimensionen parasprachlichen Verhaltens (Verzögerungen, Stottern usw.) und ausser-sprachlichen Symbolverhaltens zu untersuchen (Gebärdensprache usw.). Damit greift allerdings die Ethnographie der Kommunikation auf Forschungsansätze zurück, die keineswegs in ihrer eigenen Tradition entstanden sind: - die Ethnomethodologie mit ihren grundlagentheoretischen Überlegungen zu Basisregeln der Interaktion und zu routinisierten Praktiken zur Bewältigung tagtäglicher Angelegenheiten (vgl. den Artikel von GARFINKEL in diesem Band und unsere Einführung, Abschnitt III), mit ihren grundlagentheoretischen Überlegungen zu Regeln der Gesprächsführung und Erzählung(vgl. SACKS 1972a, b; SCHEGLOFF 1967 und 1972a, b; SPEIER 1972; JEFFERSON 1972), mit ihren grundlagentheoretisch relevanten Forschungen und Reflexionen zu Regeln der Gruppen-und Gesellschaftszugehörigkeit (vgl. etwa SUDNOW 196 7; DOUGLAS 1967 und 197ob; SPEIER 1969 und 1971; MANNING 1971; WIEDER 1969) und mit ihren theoretisch-empirischen “ethnographischen” Felduntersuchungen zu spezifischen institutionell umrissenen Kommunikations-und Interaktionsbereichen (vgl. DOUGLAS 197oa, POLLNER o.J., TURNER 1972 und andere Arbeiten): - die Ethnotheorie mit ihren systematischen Forschungen zum termonologischen Kernbestand des alltagsweltlichen Wissenssystems der Mitglieder einer jeweiligen Ortsgesellschaft und zu deren methodischen Mitteln zur Einteilung und Strukturierung ihrer physischen und sozialen Umwelt durch folk taxonomies und Erwartungsfahrpläne (vgl. die Artikel von FRAKE und WALLACE in diesem Band; unsere Einleitung, Abschnitt III und unser Schlusskapitel, Abschnitt 9.4). die Forschungen zu parasprachlichen Dimensionen der Kommunikation, wie sie in unterschiedlichen Schultraditionen etwa zum Phänomen der Stimmqualität (voice set: z.B. weibliche vs. männliche Stimme), zum Phänomen der Sprechqualität (voice qualities: z.B. scharf artikuliertes vs. nachlässiges Sprechen) und zum Phänomen der Lautergänzungen (vocalizations in drei Unterdimensionen: vocal characterizers bzw. Lautdarbietungsart wie lachend, schreiend, wispernd; vocal qualifiers bzw. Intonationsqualitäten wie Tonhöhe und $etonungsintensität; und vocal segregates bzw. aussersprachliche Tonsegmente wie “äh”, “ahm°, ”hm“ usw.) geleitet von TRAGERs Konzept zur Untersuchung parasprachlicher Phänomene (1964) sowie zum Phänomen der Pausenverzögerung beim Sprechen von BERNSTEIN (1970) durchgeführt werden; die Forschungen zu aussersprachlichem Verhalten, wie sie hinsichtlich der Gestaltung der räumlichen Verhältnisse der Kommunikationssituation in HALLs Proxemik (HALL 1963, 1968) und in GOFFMANs Untersuchungen zum Verhalten an öffentlichen Plätzen (1964 und 1971) sowie hinsichtlich der Gestaltung von Bewegungsabläufen und zur ”Gebärdensprache“ von Birdwhistells KINESIK (1970) und von Psychiatern wie Ekman und Friesen (1969) unternommen werden; und auf theoretische und methodologische Ansätze, welche die Erforschung parasprachlicher und aussersprachlicher Phänomene in einem integrierenden Ansatz zu verbinden trachten wie etwa HALLs und TRAGERs Versuche zur Analyse des Gesamtphänomens der ”unausgesprochenen Andeutungen“ (adumbrations) in der Kommunikation bzw. zur ”stillen Sprache“ (silent language) (vgl. HALL und TRAGER 1953; HALL 1959 und 1964).Google Scholar
  9. Diese sehr unterschiedliche Forschungstraditionen integrierende Perspektive kommt im von GUMPERZ und HYMES herausgegebenen Sonderheft das AA “The Ethnography of Communication” von 1964 (aufschlussreich insbesondere die Einleitung von Dell HYMES) und stärker noch im ebenfalls von GUMPERZ und HYMES herausgegebenen Sammelband “Directions in Sociolinguistics. The Ethnography of Communication” von 1972 zum Ausdruck. Für alle die im totalisierenden Forschungsrahmen der Ethnographie der Kommunikation zusammengefassten Ansätze ist allerdings eines gemeinsam: der Gegensatz gegenüber älteren korrelativen Forschungen, welche sich darauf beschränken, die Kategorien und Methoden der Linguistik auf der einen Seite und der Sozialwissenschaften auf der anderen Seite über die bloss statistisch-technische Korrelation von “sozialen” und “sprachlichen” Variablen ohne wechselseitige grundlagentheoretische Durchdringung und Infragestellung aneinander heranzuführen. Gedacht ist hier einerseits an diejenigen älteren Forschungen, die zur Herstellung von Dialektatlanten (bzw. “Sprachatlanten”) ökologische - und später auch auf Sozialschichten bezogene - Variablen einzubeziehen sich gezwungen sahen (wie z.B. der Linguistic Survey of Scotland oder der Linguistic Atlas of New England; aber auch etwa Arbeiten wie von FERGUSON 1966 und MCDAVID 1964). Gedacht ist andererseits an neuere Arbeiten, die im Interesse einer lückenlosen Beschreibung des Sprachsystems die Auswirkung von sozialen Faktoren in künstlich erzeugten Sprechsituationen - geordnet auf einer Skala unterschiedlicher Grade von formalem bzw. informellem Sprechen - in der aktuellen Sprachperformanz erforschen wollen: “Typischerweise verwenden diese Studien tonbandaufgezeichnete Fragebogendaten aus statistisch repräsentativen Bevölkerungsstichproben und versuchen, die Verteilung linguistischer Variablenwerte auf die soziologischeiWertmessungen solcher Faktoren wie Schicht, Ausbildungsstand, Geschlecht, Status usw. zu beziehen.” (GUMPERZ 1972, S.12) GUMPERZ nennt in diesem Zusammenhang die Arbeiten von WOLFRAM (1969); SHUY, WOLFRAM und RILEY (1969) sowie die älteren Arbeiten von LABOV (1966). Repräsentativ für den Denkstil der korrelativen Soziolinguistik ist auch die Definition von BRIGHT: “Die Aufgabe des Soziolinguisten... besteht darin, die systematische Kovarianz von linguistischer und sozialer Struktur aufzuzeigen und dabei vielleicht sogar in der einen oder der anderen Richtung eine kausale Beziehung aufzuspüren.” (BRIGHT 1966, 5.11)Google Scholar
  10. GUMPERZ kritisiert die korrelative Soziolinguistik folgendermassen: “Die korrelative Soziolinguistik sieht die Beziehungen zwischen sprachlichen und sozialen Kategorien als Paarbildungen zwischen eng miteinander verbundenen aber nichtsdestoweniger unabhängigen Systemen. Die Sprache wird als ein System von Regeln betrachtet, das es den Sprechern erlaubt, Informationen aus der Aussenwelt in Laute zu übertragen. Zusammen mit der physischen Umwelt, mit kulturellen Artefakten, Mythen usw. sind soziale Kategorien Teil der Aussenwelt. Das Modell ist das einer sozialen Struktur, die als ein System festgelegter rechtlicher Regeln angesehen wird. Werden diese Regeln befolgt, dann wird das Verhalten als normal bezeichnet; das Nichtbefolgen der Regeln konstituiert dagegen abweichendes Verhalten… Man geht davon aus, dass derartige rechtliche Regeln wie physische Objekte messbar sind im Wege von Melprozeduren, die unabhängig von kommunikativen Prozessen sind. (GUMPERZ 1972, S.14f - vgl. auch eine ähnliche Kritik am Ansatz von LABOV und der gesamten korrelativen Soziolinguistik in SCHÜTZE 1973, Kap.6) GUMPERZ kritisiert hier in ähnlicher Weise den juristisch-naturalistischen Regelbegriff der Linguistik, wie der Symbolische Interaktionismus und die Ethnomethodologie dem ”normativen Paradigma“ des Strukturfunktionalismus (aber auch der Austauschtheoretiker) mit dessen essential istisch-verdinglichendemVerständnis von Rolle, Status, Norm und Sozialsystem kritisch das ”interpretative Paradigma“ gegenüberstellen (vgl. die Artikel von WILSON und CICOUREL in diesem Band; zum Konzept einer situationsunabhängigen ”absoluten Moral“, unter dessen Perspektive sowohl von Laien-Gesellschaftsmitgliedern als auch von Soziologen gesellschaftliche Regeln und ihre Anwendung in konkreten Interaktionen falsch, d.h. verdinglicht, verstanden werden und das somit der Erzeugung von abweichendem Verhalten dient vgl. DOUGLAS 197ob und 1972).Google Scholar
  11. Um die unverzichtbaren Merkmale einer Ethnographie der Kommunikation, die Sprechereignisse im Rahmen situationsgebundener Interaktionsprozesse totalisierend erforschen will, eindeutig herauszuarbeiten, fordert GUMPERZ im Verweis auf GOFFMAN, GARFINKEL und CICOUREL auch für die Soziolinguistik einen interaktionistischen Ansatz. Soziale Kategorien wie Status und Rolle seien kommunikative Symbole, deren Existenz, Form und Bedeutung erst in aktuellen, sich dynamisch entwickelnden Interaktionssituationen ausgehandelt, interpretiert und (re-) konstruiert würden. Soziale Kategorien und mit ihnen wesentliche Elemente der Sozialstruktur seien in der empirischen Forschung letzten Endes nur erfassbar über ihre symbolische Festlegung und Realisierung in der sprachlichen Kommunikation der Laien-Gesellschaftsmitglieder. Der wissenschaftlich-soziologische Forscher sei für die Analyse sozialer Kategorien gezwungen, auf ihre sprachliche Konzeptualisierung und gleichzeitige Verwirklichung durch die Gesellschaftsmitglieder zurückzugreifen. Er habe also die komplizierte Aufgabe, die Gehalte der in Interaktionen ausgehandelten und versachlichten soziokulturellen Strukturierungen (Status, Rolle u.ä.) aus der Perspektive der Laien-Gesellschaftsmitglieder und trotzdem in kritischer Distanz gegenüber dieser zu ve r stehen. Zugleich biete sich ihm aber auch damit die konkrete Chance, diesen Verstehensprozess durch das Ausgehen vom eindeutig strukturierten sprachlichen Material methodisch zu kontrollieren und die Perspektive der Laien-Gesellschaftsmitglieder durch ihre Einordnung in konkret ablaufende Gesprächs-und Interaktionsprozesse in pragmatischer Brechung kritisch zu hinterfragen.Google Scholar
  12. Derselbe Ansatz gilt nun nach GUMPERZ auch für das im engeren Sinne sprachliche Material des Interaktionsprozesses. In symbolischer Definitionstätigkeit haben andere Gesellschaftsmitglieder im Rahmen heteronomer Interaktionskontexte immer schon festgelegt und legen die aktuell handelnden Interaktionspartner immer wieder erneut Elemente der versachlichten kulturellen Norm-, Wissens-, Wert-und Routinepraktiken-Struktur hinsichtlich interaktiver Sprechvorgänge fest: wie etwa den normativ erwarteten Bestand an sozialen Funktionen des Sprechens; wie den allgemeinen Sprachgebrauchsstil; wie die Sprachgebrauchsregeln bestimmter Elemente des sprachlichen Repertoires, das den Interaktionspartnern zur Verfügung steht; wie die Anwendungsangemessenheit bestimmter situations-und personspezifischer Superstrukturen des Sprachkode (“Register”, Anredeformen) und situationsallgemeiner sozialer Varianten sowie deren soziale Bedeutsamkeit (bei GUMPERZ “social significance” oder “social meaning”); wie etwa Alltagswissens-bestände und praktische Theorien über die Vor-und Nachteile der Verwendung des sprachlichen Mediums sowie “membership classification devices” oder “folk classifications” über das, was als je bestimmter Typ von Sprechereignis bzw. Sprechakt in einer sozialen Gruppe und/oder Gesellschaft zu gelten hat; wie routinisierte Praktiken des In-Rechnung-Stellens (vgl. unsere Einleitung, Abschnitt III) zur Indexikalisierung allgemeiner Norm-und Wissensbestände, die das Sprechen betreffen, auf konkrete Sprechsituationen; und wie das in einer Gruppe und/ oder Gesellschaft geteilte Wertsystem darüber, was als angemessenes Sprechen zu gelten hat und welche Kriterien hinsichtlich der sozialen Bedeutsamkeit besonderer Elemente des Sprechvorgangs in Geltung sind. Dass die versachlichten sprachlichen und sprachrelevanten Strukturelemente der Kommunikation keine vom Interaktionsprozess unabhängige Entitäten sind, zeigt sich sehr augenfällig etwa daran, dass sich aus dem rein linguistisch festzustellenden grösseren oder kleineren Grad der Unterschiedlichkeit zwischen zwei Varianten oder gar Subsprachen wie Serbisch und Kroatisch oder Ranamaal und Bokmaal (einem nordnorwegischen Dialekt und einer der beiden Standardversionen des Norwegischen) keinesfalls auf das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein und den Grad einer eventuellen sozialen Unterscheidungssignifikanz der Varianten oder Subsprachen schliessen lässt. Diese wird erst von den Gesellschaftsmitgliedern in permanenten Definitionsaktivitäten – ob als stillschweigende Nebenkomponenten in Sprechakten, die selbstverständlichen systematischen Gebrauch von den Varianten machen, oder aber in speziellen Sprechakten, die gerade die Unterscheidungssignifikanz dieser Varianten semantisch thematisieren oder doch zumindest gezielt zum Einsatz bringen - im Verlauf von Interaktionsprozessen aufgebaut und aufrechterhalten. Auch die im eigentlichen Sinne sprachlichen Strukturelemente der Interaktion, ob bereits versachlicht vorgegeben oder erst in der Interaktionssituation erzeugt, sind also sowohl in der Konstruktion und Umkonstruktion des sprachlichen Materials selbst als auch in der Definition und Interpretation seiner sozialen Bedeutsamkeit von unterscheidenden, klassifizierenden, zuerkennenden, bewertenden und anderen Basisakten der Gesellschaftsmitglieder abhängig, die in konkreten situationsgebundenen Interaktionsprozessen vollzogen werden - in Parallele zu Strukturaspekten der Interaktion, welche die sprachlichen Strukturelemente fundieren, wie etwa die sozialstrukturell verteilten materiellen und psychischen Bestände (vgl. unser Schlusskapitel, Abschnitt 8.1), oder transzendieren, wie soziokulturelle Normen-und Wissenssysteme (Rolle, Status, Alltagswissensbestand).Google Scholar
  13. Sowohl der Bestand an sprachlichen als auch der Bestand an aussersprachlichen soziokulturell versachlichten Norm-, Wissens-, Wert-und Routinepraktiken-Elementen der Interaktion wird nach GUMPERZ und HYMES in einer relativ kohärenten Klassifikation von “Umgebungskategorien” und Bewertungskriterien niedergelegt, die im Orientierungs-und Handlungsraum der von den - zumindest potentiellen - Interaktionspartnern geteilten Ortsgesellschaft (community) zusammengefasst und systematisiert sind. Neben diesem als exteriore soziale Tatsache sui generis im Sinne DURKHEIMs bestehenden -d.h. von den Gesellschaftsmitgliedern in heteronomen Interaktionssituationen erzeugten und nun auf die aktuelle Interaktionssituation im Sinne eines “moralischen” Zwanges “rückwirkenden” - Orientierungsrahmen der Ortsgesellschaft (a) muss man zudem nach GUMPERZ (b) hinsichtlich der aktuellen Interaktionsperformanz die von den Interaktionspartnern verfolgten - entweder bereits als relativ explizite in die Interaktionssituation mitgebrachten oder sich dort konkret entwickelnden - Intentionen,(c) die von den Interaktionspartnern in gegenseitiger Konkurrenz zum Einsatz gebrachten, in “Austauschgeschäften” ausgehandelten und/ oder gemeinsam. aufgebauten Interaktionsstrategien als Konjunktion von längerfristigen Handlungsintentionen, zu realisierenden Sprachfunktionen und konkreten Sprechakten; und (d) die in der Interaktionssituation mehr in egalitären Verständigungsprozessen oder mehr in einseitig oktroyierten Unterstellungen aufgebauten Situationsdefinitionen als den Interaktionspartnern gemeinsame bzw. als gemeinsam ein-oder wechselseitig unterstellte Verständigungsplattform unterscheiden. - All die genannten Ebenen stehen nach Ansicht von GUMPERZ und HYMES in komplexer Wechselwirkung, die sich im aktuellen Interaktionsvollzug, d.h. in der alternierenden Abfolge von aussersprachlichen Handlungsereignissen (z.B. den Episoden des Beat-Tanzes in einer Diskothek) und Sprechereignissen (z.B. den Gesprächsepisoden in der Diskothek) samt der in ihnen enthaltenen Sprechakte (der Bitte um ein Getränk, der Feststellung eines Sachverhaltes in einer Erzählung usw.), realisiert. (Vgl. GUMPERZ 1972, S.14ff; BLOM und GUMPERZ 1972, S.417f und 432f; HYMES 1972a, S.56ff; zur sozialen Signifikanz linguistischer Unterscheidungen, zu Basisakten, Sprachfunktionen und sprachrelevanten Dimensionen des Kommunikationsprozesses vgl. SCHÜTZE 1973, Abschnitte 9.61, 6.313, 6.314).Google Scholar
  14. Soweit zur Programmatik einer umfassenden Ethnographie der Kommunikation, die auch auf Forschungsansätze rekurrieren muss, die nicht aus der Tradition der Ethnographie des Sprechens hervorgegangen sind (etwa Ethnomethodologie, Ethnotheorie, Paralinguistik, Kinesik, Proxemik, GOFFMANs Untersuchungen zum Verhalten an öffentlichen Plätzen und ähnliche Forschungsrichtungen), für die jedoch bereits in den ersten Progammatiken der Ethnographie des Sprechens “Leerstellen” vorgesehen waren und die mit der Ethnographie des Sprechens (im engeren Sinne) die “interaktionistische” Perspektive teilen. Für alle diese Ansätze ist das Ausgehen vorn Interaktionsprozess und von natürlichen Handlungsfeldern als Forschungsgrundgesamtheiten kennzeichnend. Als “natürlich” kann man diese Handlungsfelder deshalb kennzeichnen, weil sie in ihrer Abgrenzung und internen Struktur - etwa bezüglich der Segmente, Sequenzen und Typen von Handlungen; der möglichen Plätze und Situationen,an und in denen Handlungen stattfinden können usw. - von den Gesellschaftsmitgliedern selbst festgelegt werden, und zwar unter Rekurs auf einen sozial geteilten alltagsweltlichen Wissensbestand und seine membership classification devices bzw. folk taxonomies (vgl. die Aufsätze von FRAKE und WALLACE in diesem Band; SACKS 1972; GOFFMAN 1971). Sollen von den angedeuteten Ansätzen innerhalb einer integralen Ethnographie der Kommunikation soziale Phänomene in ihrer komplexen Verflechtung innerhalb gesellschaftlicher Makrostrukturen erforscht werden, so ist das grösste natürliche Interaktionsfeld, das der ethno-bzw. “soziographischen” Feldforschung zur Verfügung steht, das der Ortsgesellschaft, in derem Bereich die Gesellschaftsmitglieder noch potentiell miteinander - kanalisiert durch ökonomische, soziale und institutionelle Strukturen und Instanzen - interagieren können. Rücken sprachliche Elemente des Interaktionsprozesses in den Vordergrund, dann sind für die geschilderten Ansätze die Konzepte des Sprechereignisses, des Sprechaktes, der kommunikativen Kompetenz und des gruppenspezifischen Kapazitätsniveaus relevant. Sprechereignisse sind von den Gesellschaftsmitgliedern selbst so definierte Anlässe zur sprachlichen Kommunikation, die in der Abfolge der “schweigenden” Routinepraktiken zur Bewältigung tagtäglicher Angelegenheiten als durch Sprechakte auszufüllende Leerstellen auftauchen, durch spezielle Regeln des Sprachgebrauchs und darüber hinaus des nichtsprachlichen Verhaltens gesteuert werden und zumeist durch relativ eindeutig definierte und konventionalisierte Eröffnungs-und Abschlussphasen eingegrenzt sind (vgl. GUMPERZ 1972, S.17 und HYMES 1972a, S.56). Der Status einer Äusserung als Sprechakt hängt sowohl von linguistischen als auch von sozialen Normen ab und wird erst in der interaktiven Gesprächssituation realisiert und in seiner Eigenart bestimmt - in Abhängigkeit von konventionalisierten sprachlichen Formeln, von Intonationsmustern, von der jeweiligen Position im Gesprächsaustausch, von der sozialen Beziehung zwischen den Gesprächspartnern und von anderen Faktoren (vgl. HYMES 1972a, S.57). Unter kommunikativer Kompetenz soll hier das jedem geistig gesunden Gesellschaftsmitglied prinzipiell zu eigene System von Fähigkeiten verstanden werden, die unterschiedlichen sprachlichen und aussersprachlichen versachlichten Norm-und Wissensbestände der Kommunikation auf die aktuellen Interaktionssituationen anzuwenden, hierbei indexikalisierende routinisierte Praktiken einzusetzen, darüber hinaus die in Interaktionen erzeugten sozialen Ereignisse hinsichtlich ihrer situativen Angemessenheit und sozialen Signifikanz zu bewerten und schliesslich den Bestand an alltagsweltlichen Norm-und Wissensbeständen den Erfordernissen situativer und sozialstruktureller Entwicklungen entsprechend abzuwandeln (HYMES 1972b; SCHÜTZE 1973, Abschnitte 6.316, 9.62). Unter gruppenspezifischen Kapazitätsniveaus sollen die sozialstrukturell verteilten unterschiedlichen quantitativen Grade der interaktiven Realisierung von kommunikativer Kompetenz verstanden werden. Allerdings wird das Kapazitätskonzept von HYMES und GUMPERZ noch nicht explizit genug entwickelt (vgl. aber HYMES 1964, S.21). Dieser Mangel mag ein Indiz dafür sein, dass ihre ethnographischen Überlegungen ähnlich wie entsprechende interaktionistische Ansätze in der Soziologie (die in diesem Band vorgestellt werden) noch zu wenig auf Phänomene der Sozialstruktur bezogen sind und objektive Bedingungen der Interaktionssituation in DURKHEIMscher Manier zu einseitig im Norm-, Wert-und Wissensbereich festzumachen versuchen. Andererseits schliessen GUMPERZ und HYMES in ihr integratives Programm der Ethnographie der Kommunikation auch den BERNSTEINschen Forschungsansatz ein (vgl. ihre Einführung zu BERNSTEIN 1972), der gerade den “Kapazitäts-” Aspekt des Interaktionsprozesses und seiner objektivierten Bedingungen in den Mittelpunkt stellt.Google Scholar
  15. GUMPERZ belegt an anderen Stellen das umfassende Programm einer Ethnographie der Kommunikation mit dem Terminus “inter-aktionistische Soziolinguistik” (vgl. BLOM und GUMPERZ 1972, S.432). Da nun aber ein derartig umfassendes Forschungsprogramm weder auf sprachliche Prozesse noch auf ausschliesslich kommunikative Prozesse beschränkt werden kann - das wurde durch GUMPERZ’ und HYMES’ Bezüge auf die Analyse der routinisierten Praktiken in der Ethnomethodologie, auf die Kinesik, auf die Proxemik und auf GOFFMANs Forschungen deutlich-, ist es vielleicht sinnvoll, die beiden bisher vorgeschlagenen Bezeichnungen für ein derartig umfassendes Programm der ethno - bzw. “soziographischen’I Feldforschung unter Ausklammerung des ausdrücklichen Bezuges auf Sprache und Kommunikation zusammenzuziehen und von ”Ethnographie der Interaktion“ zu sprechen. In diesem Terminus käme sowohl das Ansetzen der Feldforschung an ”natürlichen“ Ausschnitten der sozialen Wirklichkeit als auch an aktuell ablaufenden In t e r a kt i o n s prozessen zum Ausdruck. Auch in seiner weiten angelsächsischen Fassung im Sinne des Informationsaustausches der Informationstheorie ist der Begriff ”Kommunikation’ zu eng, um alle Formen und Aspekte der Interaktion - insbesondere Aspekte der gesellschaftlichen Arbeit und der Distribution - erfassen zu können. - Sei dem wie ihm sei, neben einem ganz allgemeinen Begriff der “Ethnographie der Kommunikation” bzw. “Interaktion”, der eine integrative Forschungsplattform für interaktionistisch orientierte sozialwissenschaftliche Feldforschung überhaupt umreisst, muss auch für die heutige Diskussionslage noch ein spezieller Begriff der “Ethnographie des Sprechens” unterschieden werden, der interaktionistische Feldforschungen mit dem Objekt spezifisch sprachlicher Interaktionen in natürlichen Feldern bezeichnet und so auch heute noch von GUMPERZ und HYMES verwendet wird (vgl. HYMES 1972a). Aufschlussreich für diesen speziellen Forschungsansatz ist der “Outline Guide for the Ethnographic Study of Speech Use” von SHERZER und DARNELL (1972).Google Scholar
  16. ld.
    Anmerkung der Herausgeber: Allerdings kann HYMES 1962 bereits auf ethnolinguistische Feldforschungen zurückblicken, die sich auf die Verwendung ganz spezieller Bereiche des sprachlichen Repertoires von Ortsgesellschaften beziehen: die komponentenanalytischen Forschungen zur Verwandtschafts-, Farb-und Pflanzendomäne von GOODENOUGH, LOUNSBURY und CONKLIN (vgl. die Anm.la zum Aufsatz von PSATHAS in diesem Band) und die Anrede-Forschungen von EVANS-PRITCHARD, BROWN/FORD (1948 und 1961; beide abgedruckt in HYMES 1964) und BROWN/GILLMAN (196o). Ausserdem wäre auch noch an Arbeiten zum Bilingualismus und zur Verwendung von Sprachvarianten wie von FERGUSON und FISCHER (1959 und 1958; beide abgedruckt in HYMES 1964) zu denken. Die frühen komponentenanalytischen Forschungen zu physisch-konkreten und deshalb leicht zu erfassenden Domänen einer Kultur konzentrierten sich jedoch auf technische Probleme der Datenerfassung und -aufbereitung, orientiert am Idealbild eines formalen Kalküls. Und die frühen Forschungen zum Bilingualismus und zum. Variantengebrauch waren in HYMES Verständnis wohl noch zu korrelativ in ihrer Vorgehensweise (vgl. zur Kritik an der korrelativen Soziound Ethnolinguistik GUMPERZ 1972, S.lo-15). Deshalb dürften zur damaligen Zeit die Anrede-Forschungen von EVANSPRITCHARD und Roger BROWN HYMES implizitem Konzept einer interaktionistischen Erforschung von Sprechvorgängen in natürlichen Interaktionsfeldern noch am nächsten gekommen sein. Während sich die Analyse von Anredeformen im folgenden stärker in die sprachhistorische Forschung verlagerte, dort jedoch die interaktionistische Perspektive beibehielt (FRIEDRICH 1966 und 1972; vgl. aber auch die auf die japanische Gegenwartsgesellschaft bezogene Untersuchung von FISCHER 1964 und die sowohl historisch als auch gegenwartsbezogen kulturvergleichende Untersuchung von ERVIN-TRIPP 1972), bezog die ethnographische Komponentenanalyse in der folgenden Zeit mit der Erfassung höher-symbolischer Domänen auch stärker situativ-interaktive Kontexte in ihre ethnotheoretischen Feldforschungen mit ein (vgl. Anm.la zum Aufsatz von PSATHAS in diesem Band und FRAKE 1972), indem sie nämlich das für die Bewältigung ganz spezifischer Interaktionsprobleme - wie etwa das Feste-Feiern, das Krankheiten-Diagnostizieren und das Abwickeln von Rechtsstreitigkeiten - notwendige Sprachrepertoire und seine interaktiven Anwendungssequenzen zu erforschen suchte. Die interaktive Dimension der sozialen Anwendung von Sprachvarianten wurde in den folgenden Jahren in den Arbeiten von GUMPERZ (1964) und LABOV (z.B.1966), am eindeutigsten jedoch von BLOM und GUMPERZ (1972) verfolgt. Die verschiedenen Bereiche des Sprachrepertoires, die ihnen entsprechenden Sprachgebrauchsregeln und die in deren Anwendung realisierbaren Sprachfunktionen versuchen integrativ für spezifische Ortsgesellschaften HYMES (1966) und ALBERT (1972) zu erfassen. Mit speziellen Sprechsituationen und Sprechvollzügen beschäftigen sich die Untersuchungen von HYMES zu den bei den Abipones institutionalisierten Sprechereignissen der Bestrafung durch den Schamanen, des Pubertätsritus, der zwischen dem heranwachsenden Mädchen und dem Schamanen abläuft,und des Testens der Kinder durch die Eltern (einschliesslich der für diese Sprechereignisse typischen Sprechakte des Tadelns und Verspottens sowie des Verteidigens und Ver-maidens); von DUNDES/LEACH/ÖZKÖK (1972) zum Duell mit rhythmischen Redensarten (insbesondere rituellen Beschimpfungen) zwischen türkischen Jungen; von LABOV (1972) zu rituellen Beleidigungen im Afroamerikanisch von Harlem; von MITCHELL-KERNAN (1972) zu den Sprechakten des signifying (der kalkulierten Anspielung) und des marking (des enthüllenden Imitierens der Sprechweise einer Person durch einen karrikierenden Nachahmer) im Afroamerikanisch; von AREWA und DUNDES (1964) zu Yoruba-Sprichwörtern als Elementen einer Sprechweisen-Folklore, wie sie von der Ethnographie des Sprechens erhoben werden muss; von MOERMAN (1972) – der ethnomethodologischen Tradition folgend - zu den Methoden, mit denen im Lue-Dialekt der Thai-Sprache die Interaktionspartner in der Gesprächsführung immer wieder die Geordnetheit des Gespräches sicherzustellen versuchen; und von ROBERTS/FORMAN (1972) zu Rätseln als expressiven Modellen des Fragevollzuges in kulturvergleichender Perspektive. All die gerade aufgezählten speziellen Feldstudien der Ethnographie des Sprechens konzentrieren sich auf spezifische Sprechereignisse bzw. Sprechrepertoires einer Ortsÿesellschaft oder auf die Methoden zur Bewältigung des Gesprächsprozesses insgesamt.Google Scholar
  17. le.
    Anmerkung der Herausgeber: Der Begriff der “community” ist zentral für die Ethnographie des Sprechens - wahrscheinlich aber auch für alle übrigen Ansätze einer umfassenden Ethnographie der Interaktion (vgl. Anmerkung lc zu diesem Aufsatz). Er darf weder im Sinne des von TÓNNIES geprägten Gegensatzpaares von “Gemeinschaft” und “Gesellschaft” als “Gemeinwesen” definiert werden - eine “community” im Verständnis der Ethnographie des Sprechens kann alle Aspekte zweckrationaler komplexer Organisation, d. h. gesellschaftlicher Sozialverbundenheit im Sinne von TÖN-NIES (1959, S.185ff), beinhalten -, noch im ganz allgemeinen und diffusen Sinne von “sozialer Gruppe” überhaupt. Das Konzept der “community” ist in der Ethnographie des Sprechens nicht nur ein theoretischer, sondern zugleich auch ein methodischer - und insofern ein grundlagentheoretischer - Begriff: er definiert den Objektbereich möglicher ethnographischer Forschungen, der zugleich auch die grösstmögliche von ihnen zu erfassende Grundgesamtheit festlegt - getreu dem Grundsatz der Ethnographie des Sprechens, die Sprechhandlungen von Kommunikationspartnern in ihren natürlichen Lebens-und Interaktionsfeldern (a), und zwar in allen ihren wesentlichen Aspekten totalisierend (b) zu erfassen (vgl. auch unser Schlusskapitel, Abschnitte 9.5 und 9.6). Als grösstmögliches natürliches Interaktionsfeld in einer ethnographischen Feldforschung, das noch mit den diversen Methoden teilnehmender Beobachtung erfasst werden kann, von dem sich aber auch grundlagentheoretisch annehmen lässt, dass es den umfassendsten in tagtäglichen Handlungsroutinen zu bewältigenden konkreten Rahmen permanent möglicher alltagsweltlicher Interaktionen darstellt, muss der Bereich der Ortsgesellschaft - mit dem der ethnographische Begriff “community” hier übersetzt werden soll - angesehen werden, den die Interaktionspartner sowohl hinsichtlich eines gemeinsamen Existenz- (Wohn-), Sozialisations-, Arbeits-, Verteilungs-und Freizeit- (Konsumtions-) Raumes teilen als auch hinsichtlich der gemeinsamen soziokulturellen Definition und Klassifikation möglicher Ereignisse der tagtäglichen Lebenswelt und der Schauplätze und Situationen, an und in denen diese Ereignisse auftauchen können. Von dieser komplexen Voraussetzung sind zumindest implizit sowohl die klassischen ethnographischen Forschungen der amerikanischen (Kultur-und Sozial-) Anthropologie als auch die klassischen soziologischen Gemeindestudien (vgl. die Anm.9a zum Artikel von GARFINKEL in diesem Rand) stets ausgegangen, und die Ethnographie des Sprechens versteht sich im Rahmen dieses ethnographischen Traditionszusammenhanges.Google Scholar
  18. Die Ethnographie des Sprechens ging in der ersten Thematisierung ihres erkenntnisleitenden Interesses von der Feststellung aus, dass die empirisch beobachtbaren Varianten einer Umgangssprache keineswegs eine ungeordnete Ansammlung von Zufallsabweichungen gegenüber linguistischen Regeln darstellen, sondern in ihrer Auswahl einem wohlgeordneten Regelkanon des Sprachgebrauchs folgen, mithin ein linguistisches Repertoire mit Alternativen darstellen, die von den Interaktionspartnern situationsbezogen und in Kenntnis ihrer sozialen Signifikanz sinnhaft ausgewählt werden. Dieses Regelsystem des situations-und personspezifischen Sprachgebrauchs war weder als Teilbestand im sprachimmanenten Regelsystem des linguistischen Kode (“langue” im Sinne von de SAUSSURE - vgl. Anm. la zu diesen Aufsatz) auszumachen, noch als Teilbereich des in einer komplexen Industriegesellschaft kulturell geteilten und relativ situationsallgemeinen Wert-und Normensystems zu identifizieren, das mit der (den) in dieser Gesamtgesellschaft gesprochenen relativ situationsallgemeinen Standardsprache(n) in etwa anwendungs-und ausdehnungshomolog ist. Denn das festgestellte Sprachgebrauchssystem zur Steuerung der situations-und personspezifischen Auswahl unter den Sprachvarianten, die den Interaktionspartnern zur Verfügung stehen, war ja gerade - das war die entscheidende Entdeckung der Ethnographie des Sprechens - auf spezifische, nur in bestimmten soziohistorisch besonderen ökologischen Räumen (sozioökologischen “settings” bzw. Schauplätzen) auszumachende Interaktionssituationen bezogen. Diese Interaktionssituationen erschienen der Ethnographie des Sprechens mit Recht in ihrer Struktur, d.h. den “contextual restraints of interaction” (vgl. BLOM/GUMPERZ 1972, S.421–424), davon abhängig, a) welche Sprachen, Subsprachen (Dialekte) und besonderen Sprachregister (situationsspezifische Superstrukturen des Sprechens) von den Interaktionspartnern im konkreten Kommunikationsfall partiell oder von allen geteilt wurden und b) welche unterschiedlichen Einstellungen gegenüber dem Sprechvorgang und gegenüber aussersprachlichen Kommunikationsmöglichkeiten existierten (einschliesslich praktischer Theorien über die Nützlichkeit und die unterschiedliche Situationsangemessenheit und Sozialsignifikanz der Arten des Sprechens).Google Scholar
  19. Um diese beidbn Fragen im jeweils konkreten Forschungsfall zu klären, war es zunächst einmal erforderlich, sich unmissverständlich klar zu machen, für wen überhaupt ein gemeinsames Regelsystem des Sprachgebrauchs verbindlich war: nicht für den abstrakten Staatsbürger einer komplexen Gesamtgesellschaft, sondern für die im Rahmen der Bewältigung gemeinsamer tagtäglicher Angelegenheiten aktuell oder doch zumindest der alltäglichen Chance nach interagierenden Mitglieder einer Ortsgesellschaft mit einem gemeinsamen Lebens-und Kosmisationsraum. Da die Integration der verschiedenen Varianten der Standardsprache bzw. der unterschiedlichen Standardsprachen zu einem systematischen Sprachrepertoire und der Einstellungen gegenüber den verschiedenen Varianten bzw. Standardsprachen verstanden werden musste als nur vollzogen und sich immer wieder neu vollziehend in der sich im Handlungskontext realisierenden kommunikativen Kompetenz der zumindest der alltäglichen Möglichkeit nach aktuell interagierenden Gesellschaftsmitglieder, war es nun notwendig, die ethnographische Fragestellung auf den sozialökologischen und interaktionistischen Aspekt auszurichten. Interessant wurden jetzt die Fragen, welche unterschiedlichen sozialen Aggregate, sozialen Gruppen und ethnischen Subgruppen in einer konkreten Ortsgesellschaft zusammenlebten, welche sozialen Beziehungen sie zueinander unterhielten und an welchen Schauplätzen des ökologischen Systems im Rahmen welcher sozialer Situationen sie aktualisiert wurden. Daraus folgte eine erste “ökologisch -behavioristische” Bestimmung des Konzeptes der Ortsgesellschaft in der Ethnographie des Sprechens: “Wir wollen sie definieren als eine soziale Gruppe, die entweder einsprachig oder mehrsprachig sein kann - eine soziale Gruppe, die durch die Häufigkeit der Interaktionsmuster zusammengehalten wird und von den sie umgebenden Bereichen durch die Schwäche der Kommunikationsverbindungen abgehoben ist.” (GUMPERZ 1968, S.463) GUMPERZ definiert hier mithin die Ortsgesellschaft als eine dichte Konzentration von Interaktions-und Kommunikationsprozessen, die sich deutlich von den schwächeren Interaktions-und Kommunikationsverbindungen der Gesamtgesellschaft abhebt. Erst nachträglich stellt GUMPERZ zusätzlich fest, dass diese Ortsgesellschaft auch durch ein gemeinsames kohärentes Normen-und Rollensystem strukturiert ist (S.464).Google Scholar
  20. Bevor wir die Problematik einer behavioristischen versus normativen (oder auch sonstigen) grundlagentheoretischen Bestimmung der Ortsgesellschaft weiterverfolgen, muss allerdings noch einmal die Ausgangsfragestellung der Ethnographie des Sprechens berücksichtigt werden: sie wollte einen Beschreibungshintergrund und Erklärungsmöglichkeiten für die Feststellung finden, dass die Varianten des Sprachgebrauchs offensichtlich von einem kohärenten Regelsystem des Sprachgebrauchs gesteuert werden. Gerade und erst im Verfolg dieses mehr linguistischen Interesses stiess sie explizit auf das Forschungsfeld und den Erklärungshintergrund der sozialen Einheit Ortsgesellschaft (“community”). Unter diesem Gesichtspunkt muss gesehen werden, dass die Ethnographie des Sprechens ihr Konzept der Ortsgesellschaft gewöhnlich mit dem Terminus “speech community” bzw. “Sprechgemeinschaft” bezeichnet. (GUMPERZ spricht zunächst noch von “linguistic community”, schliesst sich jedoch später dem Terminus von HYMES an. - vgl. GUMPERZ 1968 und 1972) Unter “Sprechgemeinschaft” versteht die Ethnographie des Sprechens also nicht nur ein soziales Aggregat von Menschen, das eine oder mehrere Sprachen bzw. ein System von Sprachgebrauchsregeln teilt, sondern es wird auch dezidiert davon ausgegangen, dass die Sprechgemeinschaft als eigenständige soziale Einheit mit einem verdichteten Kommunikations-und Interaktionsnetz sowie einem geteilten System von Rollenverflechtungen zu verstehen ist. Diese Gleichsetzung von Sprechgemeinschaft und Ortsgesellschaft ist aber auch unter soziologisch-grundlagentheoretischen Gesichtspunkten sinnvoll: Interaktionen werden weitgehend vermittels von Sprechakten vollzogen, und für die Existenz und Struktur einer Ortsgesellschaft ist ein dichtes Kommunikations-und Interaktionsnetz entscheidend. Die impliziten grundlagentheoretischen Voraussetzungen der Ethnographie des Sprechens sind den expliziten grundlagentheoretischen Überlegungen MEADs zur wechselseitigen Konstitution von Sprechen und Interaktion sowie zur Konstitution sozialer Einheiten durch kommunikative Interaktion als elementarstem Universalisierungsmechanismus wahlverwandt (vgl. hierzu SCHÜTZE 1973; Kap. 6 und 9; insbesondere Abschnitt 6.342).Google Scholar
  21. Derartige grundlagentheoretische Implikationen ihres Forschungsansatzes werden allerdings von der Ethnographie des Sprechens gewöhnlich nicht thematisiert. In der Regel beschränkt sich die Ethnographie des Sprechens auf die Feststellung, dass für eine Sprechgemeinschaft keineswegs eine von allen Mitgliedern der Ortsgesellschaft gleichermassen als Muttersprache gesprochene “Standardsprache” konstitutiv ist; Zwei-oder gar Mehrsprachigkeit sei in den meisten Ortsgesellschaften der Welt zu finden und nicht das verbindende Medium einer durchlaufenden gemeinsamen Muttersprache (GUMPERZ 1968, S.463); und die Auswahl der adäquaten Sprache bzw. Sprachvariante werde in der konkreten Interaktionssituation durch ein von allen Mitgliedern der Ortsgesellschaft geteiltes Normensystem des Sprachgebrauchs gesteuert: “Tentativ soll eine Sprechgemeinschaft definiert werden als eine Ortsgesellschaft (community), die Regeln für den Vollzug und für die Interpretation des Sprechens (speech) teilt sowie Regeln für die Interpretation zumindest einer linguistischen Variante” (d.h. Regeln für die Dekodierung des linguistischen-Kode zumindest einer Sprache, die von allen Mitgliedern der Ortsgesellschaft wenigstens verstanden wird - Erg. d. Hg.). “Beide Bedingungen sind notwendig. Die notwendige Bedingung, dass die grammatischen Regeln zumindest eines linguistischen Kodes geteilt werden, ist nicht hinreichend.” (HYMES 1972a, S.54)Google Scholar
  22. Wie kann nun aber die soziale Tatsache (im Sinne DURKHEIMs) erklärt werden, dass die Mitglieder der Ortsgesellschaft nicht nur die Interpretationsregeln für zumindest einen linguistischen Kode, sondern auch - urd das ist das Entscheidende - die Regeln für den situations-und personspezifischen Sprachgebrauch, insbesondere für die Auswahl zwischen Varianten, teilen? Die Ethnographie des Sprechens hat im Laufe ihrer Entwicklung hierfür drei unterschiedliche Erklärungsansätze geboten: 1. den “behavioristisch”-rollentheoretischen Ansatz, 2. den wert-und wissenstheoretischen Ansatz und 3. den ökologisch-interaktionistischen Ansatz. 1. der “behavioristisch”-rollentheoretische Ansatz Im zeitlich ersten Erklärungsversuch der Ethnographie des Sprechens wird davon ausgegangen, dass die Verdichtung der Interaktions-und Kommunikationsverflechtungen im Rahmen der Ortsgesellschaft zu einem relativ stabilen Rollenmuster der Interaktion führt, das auch spezifische Rollensegmente der Kommunikation enthält. Diese Rollensegmente der Kommunikation lassen sich - das ist der entscheidende Punkt der Argumentation - wahrnehmen und interpretieren mit Hilfe symbolischer Indikatoren bzw. Schlüssel, die bei Realisierung der kommunikativen Rollensegmente im aktuellen Interaktionsvollzug als diakritische Unterscheidungsmarker zur eindeutigen Kennzeichnung der kommunikativen Rollensegmente und zur Einschätzung des gerade realisierten interaktiven Rollensystems überhaupt dienen. Neben Gebärden, Kleidung und anderen Indikatoren sei auch die Auswahl der einen oder der anderen Sprachvariante ein solcher Indikator. Wenn man nun davon ausgeht, dass die Kommunikationssegmente innerhalb des Rollengeflechtes der Interaktion eine stabile und kohärente Struktur bilden, die man “Kommunikationsmatrix” nennen könnte, so müsste dem - das ist GUMPERZ’ Gedankengang - auch eine bestimmte “Kodematrix” der rollenspezifischen linguistischen Varianten (d.h. der diakritischen Unterscheidungsmarker der Rollenperformanz im sprachlichen Bereich) funktional entsprechen. Die Aufgabe der Ethnographie des Sprechens wäre es dann, “die Rollen oder Rollenbündel zu isolieren, die mit signifikanten Unterschieden des Sprechens korrelieren. Wir nehmen dementsprechend an, dass jede Rolle als ihr diakritisches linguistisches Zeichen einen speziellen Kode oder Subkode besitzt, der als Norm für das Rollenverhalten dient.” (GUMPERZ 1968, S.464)Google Scholar
  23. Die theoretischen Insuffizienzien dieses ersten Versuches der theoretischen Bestimmung von Ortsgesellschaft liegen auf der Hand. (a) Handeln und Kommunikation (im engeren Sinne) werden von GUMPERZ gleichgesetzt. Zwar sind weite Bereiche menschlichen Handelns in einem weiteren Sinne kommunikativ (vgl. SCHUTZE 1973, Kap.9), trotzdem muss man davon ausgehen, dass Kommunikation im engeren Sinne und insbesondere explizites Sprechen nur einen Teilaspekt des Handlungs-und Interaktionsprozesses ausmachen. Eine Matrix des Rollengeflechtes innerhalb eines natürlichen Feldes verzerrt nur dann nicht ihren Objektbereich, wenn sie vom Interaktionsprozess als ganzem ausgeht und kommunikative Segmente der Rollenstruktur als Teilelemente einer umfassenden Interaktionsrollenmatrix ansieht. GUMPERZ’ Gleichsetzung von Kommunikations-und Interaktionsrollenmatrix erklärt sich wahrscheinlich so, dass er den Kommunikationsvollzug auf die “Schaltung” und Aufrechterhaltung von Kommunikationskanälen reduziert (die in einem weiten Sinne auch für jedes aussersprachliche Verhalten Voraussetzung sind), diese Tätigkeiten aber nachträglich wiederum mit inhaltlichen Rollenperformanzen vermittels Sprechakten gleichsetzt. (Seine Rollentheorie konfundiert mithin in einer unzulässigen Weise die behavioristische Kommunikations-und die strukturfunktionalistische Rollentheorie.) Werden aber die ’“Schaltung’ und Aufrechterhaltung von Kommunikationskanälen mit dem inhaltlichen Vollzug von Rollenperformanzen und werden ausserdem Handeln und Sprechen gleichgesetzt, so können gerade die Funktionen des Sprechens im sozialen Handeln und umgekehrt die Beiträge des Handelns zur Gestaltung von Sprechakten und Äusserungen nicht mehr verstanden werden. Ausserdem ist es dann nicht mehr möglich, von einem komplexen Konstitutionsgeflecht verschiedener sprachlicher und nichtsprachlicher Schichten des Handelns und ihrer jeweiligen sozialen Funktionen auszugehen.Google Scholar
  24. So ist GUMPERZ in diesem Stadium seiner Theorieentwicklung nicht in der Lage, z.B. zwischen direkten und indirekten sprachlichen Unterscheidungsvollzügen zu trennen: d.h. zwischen direkten Thematisierungen von Rollengegensätzen durch Gegenüberstellung der Namen von Rollen (Lehrer, Gastarbeiter usw.) auf der einen Seite und der “rezessiven” Mitgabe von Unterscheidungsmarkern (durch die Wahl etwa einer phonologischen Variante) in Sprechakten mit anderer Hauptfunktion (vgl. GUMPERZ 1968, S.463f).Google Scholar
  25. (b) In der ersten Konzeptualisierung von Ortsgesellschaft bestehen die interaktiven und kommunikativen Rollenmuster immer schon unabhängig von ihrer sprachlich fundierten Definition und Interpretation in explizit sprachlichem und implizit sprachlichem (d.h. auf der Grundlage des signifikanten Symbolsystems der Sprache konstituiertem aussersprachlichem) Handeln - entsprechend der verdinglichenden Perspektive des klassischen Strukturfunktionalismus. Soziale Rollen werden nicht als in Interaktionsprozessen von den Mitgliedern der Ortsgesellschaft permanent interpretiert, bewertet, gewandelt und erzeugt angesehen. Die Ortsgesellschaft kann in ihrer Aufteilung in institutionalisierte soziale Situationen (auf der Grundlage von physisch bestimmbaren Schauplätzen) und in Rollenmuster nicht als superstrukturiert durch Mechanismen des Alltagswissens wie folk taxonomies und membership classification devices und deren sprachlich-terminologischen Kernbestände erfasst werden. GUMPERZ geht noch nicht davon aus, dass soziales Handeln und seine versachlichten Regelstrukturen, die sich u.a. im natürlichen Feld der Ortsgesellschaft institutionalisieren, durch Prozesse der Anwendung von Sprache und Wissen mitkonstituiert sind.Google Scholar
  26. (c) In der ersten Konzeptualisierung von Ortsgesellschaft führt die Nichtbeachtung der Ebene individuellen, durch subjektive Sinngebungen geleiteten Handelns zur sekundären Parallelsetzung von vorher in unterschiedlichen angeblich sphärenautonomen Ebenen der Wirklichkeit voneinander apartgesetzten Hand-lungs-, Kommunikations-und Sprachstrukturen. (Zur Apartsetzung angeblich sphärenautonomer Ebenen der Sprache und der Sozialstruktur vgl. SCHÜTZE 1973, Kap. 4, 5 und Abschnitte 6.1 und 6.2). Das Konzept einer eindeutigen Zuordnung von sphärenautonomen sozialen Rollen und linguistischen Subkodes (Varianten) ist jedoch nicht haltbar. Erst der Handelnde selbst vollzieht in der konkreten Handlungsperformanz, geleitet durch eine aktuelle, von ihm selbst geleistete Definition der Situation und in einer prinzipiell abwandelnden (“subjektiv aneignenden”) Interpretation der versachlichten Regel-und Wissensbestände der kommunikativen Interaktionssituation die Zuordnung von ausserkommunikativen, kommunikativen und sprachlichen Rollensegmenten des Handelns - und zwar das von Situationsdefinition zu Situationsdefinition variierend. Man kann mithin “soziale Rollen als Determinanten linguistischer Kodes” lediglich “in Begriffen einer allgemeinen Matrix von Komponenten der Interaktionssituation…beschreiben” (OEVERMANN 197o, S.208), und die Komponenten der jeweiligen Interaktionssituation werden erst vom aktuell Handelnden selbst situationsspezifisch zusammengesetzt - vielleicht nach Art und Arbeitsweise eines pragmatisch-interaktiven Kalkulators und Evaluators, dessen Modell man in Erweiterung des Weinreichschen Modells des semantischen Kalkulâtors und Evaluators (vgl. WEINREICH 197o, S.71f) grundlagentheoretisch entwikkeln könnte. Beachtet man nicht die individuellen Prozesse der Auswahl, Bewertung und Kalkulation von sprachlichen und aussersprachlichen.Rollensegmenten des Handelns, dann können weder die Regelhaftigkeit der Auswahl einer bestimmten Sprachvariante in einer soziohistorisch je spezifischen Interaktionssituation erklärt werden, noch Prozesse des metaphorischen Sprechens (d.h. die Wahl eines linguistischen Elementes aus dem Sprachrepertoire, das “eigentlich” bzw. “gewöhnlich” in einer anderen Interaktionssituation zur Anwendung gelangt: ein aussergewöhnliches Wort, der Dialekt in einer offiziellen Situation - vgl. BLOM/GUMPERZ 1972, S.424–432) und des Sprechens mit pragmatischen Paradoxien (in denen sich die inhaltliche Darstellungsebene des Sprechens und der “meta-kommunikative” bzw. “pragmatische Aspekt der sozialen Beziehung” zwischen den Kommunikationspartnern widersprechen: wie z.B. bei den Kommunikationsakten der Mutter, die ihrem Kind mit expliziten Worten ihre Liebe versichert, auf para-sprachlichen und gesturalen Ebenen jedoch ihre Abneigung signalisiert - vgl. WATZLAWICK u. a. 1969, Unterpunkt 6.4).Google Scholar
  27. 2.
    der wert-und wissenstheoretische Ansatz Mit seinem “behavioristisch”-rollentheoretischen Ansatz allein konnte GUMPERZ folgende Phänomene nicht erklären: Warum besteht in einer Ortsgesellschaft bezüglich der inhaltlichen Ausprägung der sozialen Bedeutsamkeit einer linguistischen Variante - ganz gleich, mit welcher persönlichen Wertschätzung oder Ablehnung man dieser Variante gegenübersteht - eindeutige Übereinstimmung? Warum stimmen die Mitglieder einer Ortsgesellschaft darin überein, welchen Spielraum von Sprachvarianten eine Person als Mitglied eines bestimmten sozialen Aggregates (oder einer bestimmten sozialen Gruppe) in der Ortsgesellschaft in einer bestimmten sozialen Situation benutzen sollte? Warum können die Mitglieder einer Ortsgesellschaft auf der Grundlage eines derartigen kohärenten Regelsystems des person-und gruppenspezifischen Sprachgebrauchs die soziale Position des Sprechers identifizieren und in den Rahmen eines membership categorization devices eingliedern? Und ebenso die soziale Einschätzung, die der Sprecltr dem Angesprochenen widerfahret lässt (ein Mechanismus der Rollenübernahme)? Warum können die Mitglieder der Ortsgesellschaft intuitiv beurteilen, wann der von einem bestimmten Positionsinhaber in einer bestimmten sozialen Situation vollzogene Sprechakt abweichend,metaphorisch oder auch paradox ist?Google Scholar
  28. Erklärt werden kann dieser Konsens hinsichtlich der Regeln des Sprechens in einer Ortsgesellschaft - davon geht Dell HYMES bereits im hier vorliegenden Aufsatz aus - lediglich unter Annahme eines von den Mitgliedern der Ortsgesellschaft geteilten Wert-und Wissenssystems, das sich aus den Problemen der Interaktion miteinander im Bedingungsrahmen einer gemeinsamen physischen und sozialen Binnen-und Aussenstruktur herausgebildet hat, in komplexen Gesellschaften eine Konjunktion von gesamtgesellschaftlichen und ortsgesellschaftsspezifischen Wert-und Vorstellungsmustern darstellt und lediglich eine Übereinstimmung der Vorstellungs-und Wertungsinhalte, nicht jedoch eine Identität der persönlichen oder gruppenspezifischen Einstellung gegenüber diesen einschliesst (vgl. HYMES 1966, 5.132ff; 1967, S.18). Unterstützt wurde diese Hypothese der Existenz von kohärenten ortsgesellschaftsspezifischen Wert-und Wissenssystemen von den Forschungen LABOVs (1968, S.247 und 251; 1966, S.74f), der für die Ortsgesellschaften Martha’s Vineyard und New York City nachwies, dass die schicht-, mobilitätsgruppen-und altersspezifischen sowie die ethnischen Aussprachevarianten z.B. des /r/, /th/, /a/ und /i, e/ ein kohärentes Sprachwertsystem bilden.Google Scholar
  29. 3.
    der ökologisch-interaktionistische Ansatz Insbesondere bei LABOV herrschte allerdings die Tendenz vor, die für eine je spezifische Ortsgesellschaft unterstellte gemeinsame Wert-und Wissensplattform nicht mehr in ihrer permanenten Reproduktion und Veränderung durch die Gesellschaftsmitglieder zu sehen, sondern zu einer sphärenautonomen, von der Interaktionsebene losgelösten Einheit zu verdinglichen (vgl. hierzu SCHÜTZE 1973, Kap. 6). Demgegenüber nehmen die heutigen Theorieversionen von GUMPERZ und HYMES an, dass das Wert-und Wissenssystem einer Ortsgesellschaft von den Interaktionspartnern in Auseinandersetzung mit den ihnen gemeinsamen Problemen der Produktion, Reproduktion und Konsumtion und in konkreter Ansehung der physischen Schauplätze, an denen derartige Aktivitäten vollzogen werden, permanent reproduziert und verändert wird. Das Wert-und Wissenssystem der Ortsgesellschaft stellt mithin eine folk classification (vgl. den Aufsatz von FRAKE in diesem Band) hinsichtlich der ökologischen Struktur und hinsichtlich der physischen und sozialen Umgebung der Ortsgesellschaft dar sowie ein membership categorization device hinsichtlich ihrer sozialen Binnenstruktur, d. h. hinsichtlich der sozialen Positionen, der ihnen entsprechenden “kategoriengebundenen Aktivitäten” und der Beziehungen zwischen den Positionen und den ihnen entsprechenden Aktivitäten (vgl. SACKS 1972a, S.332–338). Ganz gut kommt dieser neue konkrete Ansatz, das Phänomen der Ortsgesellschaft anzugehen, zum Ausdruck, wenn man die jüngsten Definitionen von GUMPERZ und HYMES kombiniert: “Wenn Sprecher ein Wissen über die objektiven Bedingungen der Kommunikation (communicative restraints) und Optionen über das angemessene Sprechverhalten teilen - Optionen, die eine signifikante Anzahl von sozialen Situationen steuern -, kann man sagen, dass sie Mitglieder derselben Sprechgemeinschaft sind.…solch ein gemeinsames Wissen beruht auf der Intensität des Kontaktes und auf aktuell ausgefüllten Kommunikationsnetzen.” (GUMPERZ 1972, S.16) “Wahrscheinlich wird es sich am sinnvollsten erweisen, den Begriff der Ortsgesellschaft für diejenige lokale Einheit zu reservieren, die am eindeutigsten für eine Person durch gemeinsame Lokalität und primäre Interaktion (mit anderen - Erg. d.Hg.) gekennzeichnet ist”. (HYMES 1972a, S.55)Google Scholar
  30. Die jüngste Verarbeitung der Problematik der Ortsgesellschaft in der Ethnographie des Sprechens vermittelt zwei interessante Perspektiven. (a) Physischer Raum und physische Zeit werden mit den in der Ortsgesellschaft geteilten Konzepten des sozialen Raumes und der sozialen Sequenzierung von Ereignissen über die grundlagentheoretischen Begriffe des (ökologischen) Schauplatzes, der sozialen Situation und des sozialen Ereignisses (als des einen oder anderen systematischen Punktes bzw. “Anlasses” in Interaktionssequenzen) vermittelt. Im Rahmen eines ökologisch bestimmten Schauplatzes (z.B. des Kassenraumes einer Bank) kommen unterschiedliche von den Interaktionspartner selbst mitdefinierte und von den sozialen Beziehungen zwischen den jeweils eingenommenen Statuspositionen abhängige Interaktionssituationen (z.B. die Situation des offiziellen Geschäftsablaufes in der Bank) zustande, und innerhalb dieser Interaktionssituationen wird wiederum von den jeweiligen Interaktionspartnern die Definition von sozialen Ereignissen ausgehandelt (wie z.B. die Festlegung als offizielles Schaltergespräch oder als privates Geplauder) und ihre Abfolge bestimmt - Ereignisse, die einen klar definierten “Einstieg” und “Schluss” (vermittels konventionalisierter Einleitungs-und Schlussphrasen sowie entsprechender aussersprachlicher Verhaltensweisen) erkennen lassen. Die kommunikative Kompetenz der Mitglieder der Ortsgesellschaft aktualisiert sich in drei zeitlich hintereinandergeschalteten Informationsverarbeitungszyklen: hinsichtlich des ökologischen Schauplatzes, dessen Kosmisation Selektionsbeschränkungen für die in ihm möglichen sozialen Situationen beinhaltet; hinsichtlich der sozialen Situation, deren Erfassung Selektionsbeschränkungen für die in ihr definierbaren und aktualisierbaren sozialen Ereignisse beinhaltet; und hinsichtlich der Aufeinanderfolge sozialer Ereignisse, die wiederum durch Selektionsbeschränkungen miteinander verflochten sind (vgl. BLOM/GUMPERZ 1972, S.421–426, 433f)Google Scholar
  31. (b) Ortsgesellschaft wird nicht mehr nach dem Muster formaler Organisation konzipiert, hinsichtlich derer die Mitgliedschaftseigenschaft eine Variable mit ganz wenigen diskreten Ausprägungen ist. (Mitgliedschaft ist in formalen Organisationen zumeist dichotomisch geregelt: man ist Mitglied oder man ist es nicht). Ortsgesellschaft ist bestimmt als Feld von sozialen Potentialrelationen zwischen Personen, die an geteilten physischen Orten eine prinzipiell identische Handlungskompetenz aktualisieren können, welche sich in gelingenden kommunikativen Interaktionen auf der Grundlage einer gemeinsamen Verständigungsplattform ausdrückt. Die Handlungskompetenz hinsichtlich ortsgesellschaftlicher Schauplätze und Situationen wird zwar von denjenigen, die an diesen Schauplätzen und in diesen Situationen zu interagieren eine alltagsweltliche Chance haben, prinzipiell, d.h., in ihrem kategorialen Bestand der Beherrschung von Regeln (der Interaktion und des Sprechens), folk classifications und membership categorization devices, geteilt. Trotzdem existieren sozialstrukturell verteilte Unterschiede im Niveau der Beherrschung dieser Kompetenz bzw. im Niveau ihrer Anwendungsgeschicklichkeit: Unterschiede im Niveau der Kapazität zu ortsgesellschaftlichen Interaktionen. Mitgliedschaft wird so, abgesehen von ihrer kategorialen Grunddimension des Besitzes der qualitativen ortsgesellschaftlichen Handlungskompetenz, zu einem graduellen Phänomen. Ins Auge sticht insbesondere der Gegensatz zwischen einem “local team” (vgl. BLOM/ GUMPERZ 1972, S.418f, 433), das sich mit der Ortsgesellschaft identifiziert (den Ortsdialekt spricht, seine Weltansicht in “innen” und “aussen” dichotomisiert usw.) und über intime Kenntnis örtlicher Schauplätze und ortsspezifischer Interaktionssituationen verfügt, auf der einen Seite und Randgruppen mit Personen, welche entweder “Kosmopoliten” sind (die sich z.B. in ihrer Lebensweise nach den Standards der nationalen bzw. internationalen gehobenen Mittelschicht ausrichten) oder Entwurzelte, die keine feste Bezugsgruppe besitzen (die Obdachlosen, Planungsverdrängten, “shack people” usw.). Obwohl der Kosmopolit ein hohes Niveau an allgemeiner Handlungskapazität besitzen kann, ist er doch benachteiligt, wenn er sich in spezifisch ortsgesellschaftlichen Interaktionsfeldern bewegen soll (vom Besorgen eines zuverlässigen Handwerkers über die Freizeitgestaltung bis zum Einstieg in die Lokalpolitik). Bei den Entwurzelten, die gewöhnlich dem sozial absteigenden Mobilitätsaggregat und/oder den untersten Sozialschichten angehören, potenziert sich dieser Mangel an ortsgesellschaftsspezifischer Handlungskapazität, weil solchen Personen ein in der Regel niedriges Niveau zu dem an allgemeiner Handlungskapazität auch ein Ausweichen in “gesamtgesellschaftliche”, nicht ortsgesellschaftsspezifische generalisierte Interaktionssituationen verstellt. Die komplexe Verflechtung der unterschiedlichen Kapazitätsdimensionen im Interaktionsfeld der Ortsgesellschaft wird allerdings von der Ethnographie des Sprechens bis heute noch nicht zureichend thematisiert.Google Scholar
  32. 1f.
    Anmerkung der Herausgeber: Die glossematische Schule ist insbesondere durch die Namen HJELMSLEVs, BRCÖNDALs und ULDALLS repräsentiert. Sie wird wissenschaftshistorisch gewöhnlich definiert als die skandinavische Version der strukturalen Linguistik, wie sie in den dreissiger und vierziger Jahren in verschiedenen Zentren der Sprachforschung entstanden ist, so im Prager Linguisten-kreis (TRUBETZKOY, mit Einschränkung JAKOBSON) und im amerikanischen Distributionalismus (BLOOMFIELD, HARRIS) - zum Teil von den strukturalistischen Überlegungen de SAUS-SURES ausgehend. Die glossematische Schule steckte sich das ehrgeizige Ziel, eine universale Algebra des sprachlichen Struktursystems zu entwickeln. Hierbei versuchte sie schon sehr früh - lange vor der Theorie der Generativen Grammatik-die formalen Voraussetzungen auch für die semantische Analyse zu legen, wobei sie im Gegensatz zur Semantik der orthodoxen Theorie der Generativen Grammatik auch intensiv den paradigmatischen Aspekt, d.h. die Alternativregeln (im Gegensatz zu den syntagmatischen Kookkurenzregeln - vgl. ERVINTRIPP 1972), der semantischen Struktur (Inhaltsstruktur, Inhaltsfiguren) in ihre grundlagentheoretische Analyse einbezog. Allerdings verhinderte das formalistische Ausgehen der Glossematik vom in Texten inventarisierten Sprachsystem, d.h. ihr Absehen von der Realisierung des Sprachsystems in konkreten Sprechakten, die Einordnung der sprachlichen Elemente in den Interaktionsprozess der Sprechsituation - und damit eine pragmatische Begründung der Semantik. Man muss also - trotz des formal identischen Analyseprinzips der paradigmatischen Entdeckungsprozeduren für Alternativregeln - von einem tiefen grundlagentheoretischen Gegensatz zwischen der Ethnographie des Sprechens als einem besonderen Zweig der “funktionalen Sprachwissenschaft” (vgl. zu diesem Terminus LEPSCHY 1969; LEPSCHY zählt zu ihr u.a. die Arbeiten des “späteren, amerikanischen” JAKOBSON sowie das Werk von HALLIDAY und MARTINET) und der Glossematik als einem besonderen Zweig der “strukturalen Sprachwissenschaft” ausgehen. (Zur Glossematik vgl. LEPSCHY 1969, Kap.IV, insbesondere S.59–64)Google Scholar
  33. 1g.
    Anmerkung der Herausgeber: Designation, Bezeichnung, Referenz sind Termini für das Verhältnis zwischen sprachlichen Zeichen und physisch verortbaren Dingen, die durch sprachliche Zeichen benannt werden. Intension, Signifikation, Bedeutung, Sinn und Begriff sind Termini für die Vorstellungsgehalte und Sinngebungen, die von Sprechern und Hörern mit dem sprachlichen Zeichen verbunden werden: die sprachlichen Zeichen “Morgenstern” und “Abendstern’ haben dieselbe Referenz, unterscheiden sich jedoch (im Rahmen kulturell geprägter Vorstellungen von ”Morgenstimmung“ und ”Abendstimmung“) in ihrer Bedeutung. (Vgl. LYONS 1971, S.413f, 434–439) Innerhalb ethnolinguistischer Forschungen gingen die komponentenanalytischen Untersuchungen zum Verwandtschaftssystem, zur Farbdomäne, zur Pflanzendomäne und zu anderen naturwissenschaftlich beobachtbaren und klassifizierbaren Erscheinungen aus dem Bereiche der Dinge und Lebewesen zunächst vom Referenz-bzw. Bezeichnungsaspekt aus, urn die bedeutungsmässigen Uberformungen derartiger physischer Substrate in einer Kultur herauszubekommen, während die Analyse höher-symbolischer Domänen des kognitiven Systems wie z.B. des Rechts-und des Religionssystems nicht mehr von einem naturwissenschaftlichen Designationssystem ihren Ausgang nehmen konnten, sondern sogleich auf der Bedeutungsebene ansetzen mussten (vgl. Anm.la zum Aufsatz von PSATHAS in diesem Band). Grundlagentheoretisch gesehen müssen allerdings Bezeichnungen als auch bedeutungsmässigen Sinnzuschreibungen - das zeigt die Aporie zwischen erwünschter Voraussetzungslosigkeit und methodisch notwendigen Voraussetzungen der ersten Forschungshinsichten und -fragen in der Ethnotheorie (vgl. SCHÜTZE 1973, Abschnitt 2.2) - pragmatisch fundiert werden als notwendige identifizierende Ausgliederungen von Objektbereichen im Handlungstableau sowie in der potentiellen oder aktuellen Handlungsplanung vorweggenommene potentielle Ergebnisse des Handlungsprozesses. (Das gilt sowohl für das Handeln des Forschers als Forscher als auch für das Handeln der Laien-Gesellschaftsmitglieder.) Insofern ist das Interesse der Ethnographie des Sprechens an der Ebene der pragmatischen Bedeutungen keineswegs randseitig.Google Scholar
  34. 1h.
    Anmerkung der Herausgeber: 1962 war noch nicht die Mitte der sechziger Jahre einsetzende stürmische Entwicklung der Semantik innerhalb der Theorie der Generativen Grammatik abzusehen (vgl. insbesondere KATZ/ FODOR 1970 und KATZ 1969, S.138–285). Allerdings beschränkt sich die orthodoxe transformationsgrammatische Semantik bis heute weitgehend auf eine von kommunikativen Handlungsprozessen losgelöste Kalkulatorik von Wortbedeutungen zu integrierenden Satzbedeutungen im Rahmen der syntagmatischen Dimension. Gerade die den Aspekt des kognitiven Systems einbeziehende und damit auf die soziale Lebenswelt (die ja durch folk classifications und membership categorization devices soziokulturell strukturiert ist) orientierte paradigmatische Analyse-dimension mit ihren Alternativregeln wurde von der Semantik der orthodoxen Theorie der Generativen Grammatik vernachlässigt. (Einen guten Überblick über die empirische paradigmatische Semantik-Forschung in der Linguistik gibt GECKELER 1971, und über die universalistische Formalstruktur der paradigmatischen Dimension der semantischen Ebene gibt LYONS 1971, Kap.9 und lo Aufschluss. Zur Kritik an der Theorie der Generativen Grammatik vom Standpunkt der Ethnographie des Sprechens vgl. HYMES 1964b, S.41–44.)Google Scholar
  35. 1i.
    Anmerkung der Herausgeber: Zum Problem der Universalität elementarer Wortschatzbereiche vgl. LYONS (1971, S.442ff und 483f); PIKE (vgl. Anm.6a zum Aufsatz von PSATHAS) und SCHÜTZE (1973, Kap. 2.1 und 2.2). HYMES denkt hier vielleicht an die universalistischen Thesen von LEVI-STRAUSS.Google Scholar
  36. lj.
    Anmerkung der Herausgeber: Die Bestimmung der Semantik als diejenige Teildisziplin der Sprachwissenschaft, die sich ausschliesslich mit der Beziehung zwischen sprachlichen Zeichen und Dingen, also mit der Designations-, Referenz-bzw. Bezeichnungsfunktion des sprachlichen Zeichens beschäftigt, ist zumindest für den gegenwärtigen Forschungsstand zu eng (vgl. Anm. 1g zu diesem Artikel). Ungerechtfertigt wird so die Bedeutungsdimension ausgeklammert. Wahrscheinlich lehnt sich HYMES mit dieser zu engen Bestimmung der Semantik an GOODENOUGH (1956, S.195–198) an (vgl. auch die Anm. la zum Aufsatz von PSATHAS).Google Scholar
  37. 2.
    MAHL (1959) hat einen “instrumentellen Aspekt der Sprache” diskutiert, der von der Psychologie noch nicht genügend berücksichtigt werde. Er nimmt in Ausspruch, dass gegenüber dem Repräsentativ-Modell (das sich auf die kognitive Ebene beziehe und auf Lexikon und Grammatik ausgerichtet sei) “das Instrumental-Modell das allgemeinere und gültigere für den Zweck ist, vom Sprachverhalten auf emotionale Zustände zu schliessen.” (S.9o) Ausserdem sei das instrumentelle Modell enger auf das Verhalten bezogen als das repräsentationale. Gegen diese Einschränkung von MAHL lässt sich jedoch vorbringen, dass gerade auch ein kognitiver Ansatz an den Auswirkungen einer aus Sprechvorgängen geschöpften symbolischen “Landkarte” auf das Problemlösen, Planen und ähnliches interressiert sein dürfte. Weil ein solcher kognitiver Ansatz wie der instrumentelle Ansatz mit dem Sprechen als “werkzeugverwendendem” Verhalten befasst ist, kann er auch im gleichen Masse “instrumentelle genannt werden. Indem MAHL das Signalisieren emotionaler Zustände durch Sprechvollzüge aufdeckt, beschäftigt er sich mit dem, was von mir im folgenden ”expressive Funktion’ genannt werden wird. Und indem er auf die Auswirkungen dieses Signalisierens auf das Verhalten des Interaktionspartners hinweist, befasst er sich mit dem, was im folgenden “direktive Funktion” genannt werden soll. MAHLs Verwendung des Begriffes “instrumentell” umfasst mithin den Gehalt unserer beiden Termini. Ich schätze insbesondere deshalb MAHLs Analyse hoch ein, weil er darauf besteht, “die situationellen und/oder die nichtlexikalischen Mitteilungskontexte in die Analyse einzubeziehen” (S.1o5). Das bedeutet jedoch faktisch, dass er für die Analyse von Sprechereignissen im Rahmen bestimmter psychologischer Erkenntnisabsichten etwas einer Ethnographie des Sprechens Gleichwertiges fordert.Google Scholar
  38. Ergänzung der Herausgeber: Die Unterscheidung zwischen einem Repräsentativ-und einem Instrumental-Modell der Inhaltsanalyse stammt zwar von MAHL. Das Repräsentativ-Modell ist aber insbesondere mit dem Namen OSGOODS (1959) verbunden, der seine Verfahren der Bewertungs-und Verknüpfungsanalyse (Evaluative Assertion Analysis und Contingency Content Analysis) unter diesen Terminus subsumierte. Während die’ Wissenstheorie“ (vgl. zu diesem Begriff HARTMANN 197o, Kap.2) des Repräsentativ-Modells annimmt, dass die Information bereits ausschließlich durch den Inhalt der lexikalischen Einheiten eines Textes zum Vorschein gebracht werden kann, dass mithin die empirisch messbaren Werte auf den Strukturvariablen der Mitteilung indikatorische Gültigkeit haben - und zwar unabhängig von den Umständen der Mitteilung -, geht die Wissenstheorie des Instrumental-Modells von der Annahme aus, nicht das sei das Entscheidende, was die Mitteilung an ihrer Oberfläche aussage, sondern das, was sie unter Ansehung des Mitteilungskontextes und der- Umstände der Sendesituation übermittle (vgl. Sola POOL 1959, S.3; MAHL 1959, S.89f).Google Scholar
  39. Während für das Repräsentativ-Modell die referentielle Symbolfunktion und die sprachlichen Mittel zu ihrer Realisierung zentral sind, geht das Instrumentalmodell von allgemeinen Verhaltensfunktionen der Sprache aus, die nach MORRIS (1946) pragmatisch sind: insbesondere von der instrumentellen Funktion der Sprache zur Trieb-und Bedürfnisbefriedigung. (Vgl. MAHL 1959, S.90 und lo4f) Die Formulierungen, die HYMES bei der Wiedergabe der MAHLschen Definition des Repräsentativ-Modells wählt, sind allerdings ein wenig unglücklich: der Ausdruck “Repräsentation” bezieht sich auf das psychologische Faktum, dass die Wortwahl eines Senders von assoziativen Verknüpfungen der für ihn typischen Denkprozesse herrührt. Kognitive und grammatische Prozesse des Sprechens werden im Repräsentativ-Modell mithin nur erfasst, wenn sie sich in mediativen(und in gewisser Weise gerade “emotiven”) Assoziationen niederschlagen.Google Scholar
  40. 3.
    HALL (1959) ist besonders lesenswert. Von Details abgese- hen besteht mein einziger Vorbehalt gegenüber HALL darin, dass die zehn primären Mitteilungssysteme, die drei Ebenen der Kultur, die drei Komponenten in Mitteilungen, die drei grundsätzlichen Typen von Mustern und die aus hundert Kate- gorien bestehende Landkarte der Kultur von HALL offener als “nur” heuristisches Instrument hingestellt werden sollten. Insbesondere die zehn primären Mitteilungssysteme scheinen nur eine bequeme und zweckdienliche heuristische Aufteilung zu sein, nicht jedoch eine im biologischen Substrat verankerte Struktur. Die Komponenten (Set, Isolat, Muster. - Erg. d.Hg.: Diese Termini entsprechen in etwa - der Reihenfolge nach - folgenden Begriffen der Ethnotheorie: set bzw. Anordnungsmenge; Segregat; kognitive Strukturen wie Gegensatzanordnung und Klassenauswahl bzw. - auf höherer Ebene - Taxonomie, Paradigma u.ä.) und Arten von Mustern (Ordnung, Auswahl und Kongruenz) scheinen eine gültige, aber nur begrenzt mögliche Extrapolation eines linguistischen Modells darzustellen. Verschiedene solcher Extrapolationen, insbesondere die von HALL und TRAGER (1953), von JAKOBSON (196o), von PIKE (1967) und von ULDALL (1957) haben zur Zukunftsperspektive einer systematischen ethnographischen Integration von Sprechen und Handeln beigetragen, aber keine der Extrapolationen ist bisher zu einem greifbaren Ergebnis gekommen. Der von HALL und TRAGER entwickelte Bezugsrahmen von Komponenten (Set, Isolat, Muster) konvergiert in bemerkenswerter Weise mit dem trimodalen Bezugsrahmen (hinsichtlich eines Manifestations-, eines Bedeutungs-und eines Verteilungsmodus) von PIKE (1967, Kap.5 und 6).Google Scholar
  41. 3a.
    Anmerkung der Herausgeber: Für den Ausdruck “emisch” vgl. die Anm.6a zum Aufsatz von PSATHAS in diesem Band.Google Scholar
  42. 3b.
    Anmerkung der Herausgeber: Der Ausdruck “culture” beinhaltet an dieser Stelle auch das gesellschaftliche Substrat der Kultur - entsprechend dem routinisierten Sprachgebrauch in der amerikanischen (Kultur-) Anthropologie, sich auf die Ortsgesellschaften, die man im Feld untersuchen will, auch mit dem Sammelbegriff “culture” zu beziehen (da die amerikanische Kulturanthropologie sich schwerpunktmässig für die kulturellen Aspekte von Ortsgesellschaften und weniger für ihr sozialstrukturelles Substrat interessiert).Google Scholar
  43. 4.
    ABERLE (196o) steht auf dem Standpunkt, dass sich Sprache als unangemessenes Modell für die Untersuchungen über das Beziehungsfeld zwischen Kultur und Persönlichkeit erwiesen habe. Denn das Sprachmodell beinhalte lediglich zwei grundlagentheoretische Kategorien, nämlich Individuum und sozial geteiltes kulturelles Muster. Demgegenüber sei eine dritte grundlagentheoretische Kategorie erforderlich: das kulturelle System, an dem Personen teilhaben, das sie jedoch nicht sozial teilen (vgl. hierzu den Aufsatz von WALLACE in diesem Band). In Begriffen von ABERLE ausgedrückt, muss ich feststellen, dass das Zwei-Kategorien-Modell auch für linguistische Untersuchungen unangemessen ist. Die Ethnographie des Sprechens beinhaltet zusätzlich die Kategorie des “Sprechens”,und diese ist äquivalent mit ABERLEs Kategorie des “Kultursystems ”.Google Scholar
  44. 4a.
    Anmerkung der Herausgeber: HYMES Kritik an der extensiven Verwendung des Kommunikationsbegriffs bezieht sich wohl auf Arbeiten wie die von MCLUHAN (“Understanding Media” - dt. 1968). Vgl. hierzu die explizite Kritik an MCLUHAN in HYMES (1964).Google Scholar
  45. 5.
    Hinsichtlich dessen, was nun an Erörterungen folgt, bin ich am unmittelbarsten Roman JAKOBSONs Darstellung der Faktoren und Funktionen des Sprechens verpflichtet (vgl. JAKOB-SON 196o). JAKOBSON identifiziert sechs Faktoren und entsprechende Funktionen des Sprechens. Ausserdem bin ich in hohem Masse Kenneth BURKE (1945, 1951, 1968), Kenneth L. PIKE (1967), SINCLAIR (1951) und BARKER und WRIGHT (1955) verpflichtet.Google Scholar
  46. Ergänzung der Herausgeber: In nachfolgenden Veröffentlichungen hat Dell HYMES sein Modell der Faktoren der Sprechsituation noch weiter differenziert (vgl. HYMES 1964, 1967, 1972e), ohne jedoch die Grundüberlegung aufzugeben. Relevant sind insbesondere folgende Erweiterungen: (a) Durch die Auftrennung der Faktoren des Schauplatzes (setting), d.h. der physikalisch in Raum-und Zeitkoordinaten angebbaren materiellen Umständen der Kommunikation, und der Szene als dem “psychologischen Schauplatz” oder der kulturellen Definition des jeweiligen Kommunikationsvorgangs als Auftretensf all eines bestimmten Typs von Szene wird es Dell HYMES möglich, explizit auf im alltagsweltlichen Erwartungsfahrplan geteilte Situationsdefinitionen als Elemente des W i s -sen saggretats erster Stufe (vgl. unser Schlusskapitel, Abschnitt 8) - einschliesslich ihrer Komponenten-und sequenzierungseralytischen Struktur - hinzuweisen. Auf der Hintergrundfolie derartiger eingeschliffener Situationsdefinitionen wird von den Mitgliedern der Ortsgesellschaft beurteilt, ob ein Sprechakt interaktionsangemessen ist oder nicht. (b) Neben den alltagsweltlich eingeschliffenen Situationsdefinitionen (Szenen) erwähnt HYMES noch andere Dimensionen der Wissensebene: die konventional isierten Er w a r t u n g en vom Ergebnis des ablaufenden Sprechereignisses (z.B. Kompromiß, Rechtsentscheidung usw.), das T he ma des Sprechereignisses (z.B. Heiratskontrakt, Geschäftsabwicklung am Bankschalter usw.) und die individuellen Handlungsintentionen der Interaktionspartner, die sich in systematischen Interaktionsstrategien kristallisieren. (c) Zudem weist HYMES explizit auf die Normen derjenigen Interaktionen hin, in welche die Sprechakte eingelassen sind: z.B. wann das sprachliche Medium benutzt werden muss, wann in welcher Lautdarbietungsweise (flüsternd, schreiend usw.) gesprochen werden muss, wann der Gesprächspartner unterbrochen werden darf. Von den Normen der Interaktion müssen noch die Normen der Interpretation unterschieden werden, da Sprechakte häufig - insbesondere in Kommunikationen unter Angehörigen unterschiedlicher Kulturen - anders interpretiert werden, als sie intendiert waren. Z.B. übernimmt in der afroamerikanischen Subgruppe der Mechanismus der Wiederholung von Satzanfängen die Funktion der Planungspausen und Füllwörter, wird aber von den weissen Amerikanern gewöhnlich als Sprachdefekt interpretiert. (d) Schliesslich führt HYMES die interessante Kategorie des “Schlüssels” bzw. “Modifiziers” ein, mit dem die logische Wertigkeit der ablaufenden Kommunikation gekennzeichnet und beurteilt wird: etwa die Ernsthaftigkeit, der Nachahmungscharakter, die Traumhaftigkeit usw. der vollzogenen Sprechakte. (Der Bezug zu den finiten Sinnprovinzen bei SCHUTZ und den logischen Modalitäten bei GARFINKEL - vgl. die Anm. 4c zum Artikel von GARFINKEL in diesem Band - liegt auf der Hand.) Das Schlüsselsignal wird in der Regel nur in Nebenkomponenten des Sprechaktes aktualisiert; es ist gewöhnlich - um es in der Terminologie von WATZLAWICK u.a. (1969) zu formulieren - auf der Beziehungsebene der Kommunikation enkodiert und somit ein wesentliches Element in der Konstituierung und Entschlüsselung von pragmatischen Paradoxien (insbesondere von Beziehungsfallen). (e) Neben diesen zusätzlichen, von HYMES selbst genannten Faktoren der Sprechsituation (vgl. HYMES 1972a, S.6o-64), muss noch unbedingt auf den Faktor der Bezugsgruppen hingewiesen werden, der bei HYMES in der partiellen Trennung in Empfänger und Angesprochene impliziert ist, der allerdings noch deutlicher von BLOM und GUMPERZ (1972, S.418f, 433f) herausgearbeitet wird.Google Scholar
  47. Der Hintergrund für die gerade angedeutete Erweiterung des Modells der Faktoren der Sprechsituation ist die Einsicht von HYMES, dass ein kommunikationstheoretisches Modell (im strikten Sinne der Kommunikationstheorie) nicht ausreicht, um Sprechereignisse zu beschreiben, geschweige denn in ihrer Regelstruktur zu erklären. Sprechen muss prinzipiell im Rahmen von Interaktion gesehen werden, und die Interaktionsanalyse ist nur unter Mitberücksichtigung der versachlichten und situationell erzeugten Norm-und Wissensbestände der aktuellen Interaktion möglich. Wie bei GUMPERZ (vgl. Anm.lc zu diesem Aufsatz) ist mithin auch bei HYMES eine sukzessive Verstärkung des “symbolisch-interaktionistischen” Kerngedankens der Ethnographie des Sprechens zu verzeichnen. Neben der kategorialen grundlagentheoretischen Erweiterung des Modells der Sprechsituation ist ausserdem festzustellen, dass HYMES neuerdings versucht hat, die Anwendung seines Modells auf die Beschreibung konkreter Kommunikationsprozesse hin im technischen Sinne zu operationalisieren, indem er unter Verwendung von rewriting rules für die sukzessive Explikation der Kommunikationssituation ein Notationsschema entwickelt hat. Mit einem solchen Schema soll versucht werden, die regelhaften Beziehungen zwischen den einzelnen Faktoren der Sprechsituation aufzudecken (vgl. HYMES 1972a, S.65–7o). Auf andere Weise - nämlich im Wege einer systematischen Verknüpfung der einzelnen von HYMES definierten Faktoren der Sprechsituation nach den Regeln der Kombinatorik versuchen im übrigen auch HARTIG und KURZ (1971, S.146162) zur Formulierung von Regeln sprachlicher Kommunikation im Rahmen von Interaktionen zu kommen (zur Kritik dieses Ansatzes vgl. SCHÜTZE 1973, Abschnitt 2.3).Google Scholar
  48. 5a.
    Anmerkung der Herausgeber: Hinsichtlich des PIKEschen Terminus “etisch” vgl. die Anm.6a zum Aufsatz von PSATHAS in diesem Band.Google Scholar
  49. 5b.
    Anmerkung der Herausgeber: HYMES spielt hier in völliger Beliebigkeit des Beispiels auf ein weitverbreitetes von G.L.TRAGER und H.L.SMITH (1957) verfasstes linguistisches Textbuch über die Struktur der englischen Sprache an.Google Scholar
  50. 6.
    Die Erscheinungen, die VOEGELIN als “ungezwungenes” bzw. “nachlässiges” (“casual”) im Gegensatz zu “nicht-ungezwungenem” Sprechen bezeichnet, gehören in diesen Zusammenhang. VOEGELIN (196o) sieht die Notwendigkeit für einen empirischen und allgemeinen Ansatz, der alle Formen des Sprechens in einer Ortsgesellschaft erfasst. Er erörtert die Variation der Anzahl und Arten von Sprechformen von Ortsgesellschaft zu Ortsgesellschaft und die situationellen Einschränkungen hinsichtlich ihrer Anwendung. In VOEGELINs Erörterung wird das “ungezwungene” Sprechen als eine residuale, unmarkierte Kategorie behandelt, obwohl die Annahme zwingend ist, dass alle Sprechvollzüge irgendeine positiv markierte Ebene oder Stilschicht zum Ausdruck bringen. Und gerade diese positiv gekennzeichneten Züge des Sprechverhaltens müssen entdeckt werden. VOEGELIN dagegen stellt die verallgemeinernde Behauptung auf, dass weder formales Einüben in der Sozialisation noch ein spezialisiertes Interesse zur flüssigen Beherrschung des ungezwungenen Sprechens beitrügen. Urteile über die Flüssigkeit im ungezwungenen Sprechen würden von den Gesellschaftsmitgliedern nicht gefällt. Die Bewertungen hinsichtlich der Flüssigkeit des Sprechens bei den Menomini (BLOMFIELD 1927) und den Crow (LOWIE 1935) zeigt allerdings, dass diese Implikation der Kategorie des ungezwungenen Sprechens irreführend ist. Tatsächlich müssten in manchen Gruppen die meisten Äusserungen, geht man von VOEGELINs Begriffen aus, als “nicht-ungezwungen” klassifiziert werden, denn in ihnen wird ein intensives Training des Sprechens betrieben und auf die Flüssigkeit des Sprechvorgangs Wert gelegt (wie z.B. bei den Ngoni von Nyassaland und vielen Gruppen in Ghana).Google Scholar
  51. 7.
    JAKOBSON zieht die beiden letzten gerade angesprochenen Faktoren - bei ihm als kontextuelle und referentielle Einstellung angesprochen - zu einem einzigen Faktor zusammen (vgl. JAKOBSON 196o, S.353). Um mein deskriptives Interesse an den Faktoren des Sprechereignisses deutlich genug zum Ausdruck kommen zu lassen, vermeide ich an dieser Stelle den mit (vieldeutigem) theoretischem Gehalt befrachteten Ausdruck “Kontext” als Faktorenbezeichnung. Stattdessen bleibe ich beim Terminus“Schauplatz” (vgl. BARKER und WRIGHT 1955) mit den Ausdrucksalternativen “Szene” (BURKE 1945) und “Situation” (FIRTH 1935 im Gefolge von MALINOWSKI). Als Faktoren der Sprechsituation unterscheide ich Schauplatz und Gegenstandsbezug (topic), weil dieselbe Feststellung trotz identischem“ökologischem” Schauplatz des Sprechens eine unterschiedliche Bedeutsamkeit als je selbständige semantische Grösse haben kann - abhängig davon, ob die Feststellung z.B. als reine Gedächtnisprobe oder bereits als Sprechakt der geprobten Theateraufführung geäussert wird. In einer Hinsicht geht es bei dem Für und Wider der gesonderten Berücksichtigung von Kontext und Gegenstandsbezug einfach um die Frage, was man an im tatsächlichen Sprechen realisierten Faktoren des Sprechereignisses zu inventarisieren hat, wenn man den Sprechhaushalt einer Gruppe beschreiben will. Schauplätze und Gegenstandsbezüge scheinen mir allerdings in anderer Hinsicht auch ohne Ansehung des konkreten Falles, d.h. in universalistischer Perspektive, zwei offensichtlich unterschiedliche Listen von möglichen Faktorenrealisierungen zu beinhalten, und zwar Listen von Faktorenrealisierungen auf derselben Ebene wie Listen von Anredenden, Angesprochenen, Kanälen usw. Anders ausgedrückt: die systematischen Fragen “Wer sagte es?”, “Zu wem sagte er es?”, “Welche Wörter benutzte er?”, “Telefonierte oder schrieb er?”, “Äusserte er sich in Englisch?”, “Worüber sprach er?” und “Wo sagte er es?” scheinen mir sämtlich auf derselben Theorie-und Beschreibungsebene zu liegen.Google Scholar
  52. Allerdings: gerade in bezug auf die Funktionen des Sprechens kann ich es zugegebenermassen nicht vermeiden, JAKOBSONs Terminus “Kontext” zu benutzen. Ich stimme JAKOBSON zu, dass die Referenzfunktion des Sprechens den Kontextbezug impliziert (wie ein schon ausgeführter Abschnitt klarmacht). Aber ich finde keine Schwierigkeiten darin, die Funktionen des Sprechens jeweils im Bezug auf mehr als einen einzigen Faktor der Sprechsituation zu definieren. Ich stimme mit JAKOBSON auch in der Auffassung überein, dass in gewisser Hinsicht alle Aspekte des Sprechereignisses Aspekte des Kontextes sind. Ich habe mich jedoch zugleich auf den Standpunkt gestellt, dass alle Merkmale des Sprechereignisses im Bezugsrahmen jedes der als universal unterstellten Faktoren der Sprechsituation betrachtet werden können. Diejenige Betrachtungsebene, auf der alle Merkmale des Sprechereignisses Aspekte des Kontextes sind, vermischt sämtliche Merkmale in allen Faktorendimensionen miteinander und nicht nur Kontext-und Referenz-Merkmale. Und die Betrachtungsebene, auf der die übrigen Merkmale, d.h. die Merkmale ausserhalb des Beziehungs-und des Kontext-Aspektes voneinander unterschieden sind, differenziert - so scheint es - auch genausogut die Merkmale des Kontext-und des Beziehungsaspektes. Das zeigen, so hoffe ich, illustrierende Beispiele - insbesondere Beispiele aus der Belletristik. Wenn ein Satz in seinem Bedeutsamkeitsgehalt nicht auf den Referenz-Aspekt beschränkt ist, dann verstärkt z. B. die Umstellung des Verses “And seal the hushed casket of my soul” (etwa: “Und versiegele das stille Behältnis meiner Seele”) aus dem Anfangsteil des Sonetts “To sleep” an dessen Schluss - das Manuskript zeigt, dass genau das KEATS unternahm - die Wirkung des Verses und seinen Beitrag zum Gedicht, obwohl die Umstellung nicht die Bedeutung (Referenz) des Verses verändert.Google Scholar
  53. 7a.
    Anmerkung der Herausgeber: Der amerikanische Begriff der “social anthropology” ist nicht mit dem deutschen Begriff der Sozialanthropologie als der Disziplin, die sich mit den“Wechselbeziehungen zwischen der biologischen Beschaffenheit der Menschen und den Sozialvorgängen” beschäftigt (vgl. FISCHER-Lexikon, Bd.15, Anthropologie, Frankfurt 1959, S.296) identisch. “Social anthropology” im amerikanischen Sinne meint die Beschäftigung der allgemeinen Ethnologie (und Ethnographie) mit gesellschaftlichen Prozessen - insbesondere im Feld der Ortsgesellschaft -, und hat keinen biologischen Bezug. Es wäre vielleicht ratsam, den Terminus “social anthropology” mit dem bereits im Deutschen eingeführten Ausdruck “Kulturanthropologie” zu übersetzen. Das würde jedoch die verstärkte Orientierung der jüngeren, im Sinne einer “Neuen Ethnographie” arbeitenden, amerikanischen Anthropologie (bzw. Ethnologie) auf die Interaktionsdimension verschleiern.Google Scholar
  54. 8.
    SNELL (1952) versucht, alle linguistischen Merkmale einschliesslich von Teilaspekten des Sprechens und grammatischer Kategorien in BÜHLERs (1965, S.2) Klassifikationssystem der drei Typen von linguistischen Funktionen - bei BÜHLER “Sinnfunktionen” (Erg.d.Hg.) -, nämlich in die Funktionsklassen der “Auslösung’!, ”Kundgabe“ und ”Darstellung“ (bei SNELL entsprechend: ”Wirkungs-, Ausdrucks-und Darstellungsfunktion“; in der hier vorgeschlagenen Terminologie entsprechen dem die direktive, die expressive und die referentielle Sprachfunktion), einzuordnen. Das mag dann sinnvoll sein, wenn es um die Kodierung des Persönlichkeitsausdrucks im Sprechen geht. Von dieser vielleicht sinnvollen Anwendung abgesehen ist SNELLs linguistische•Basis aber zu eng auf den indoeuropäischen Sprachbereich eingeschränkt, die Kategorisierung wird schon apriori vor dem Durchgang durch das empirische Material vollzogen, und nur drei Funktionen in einem allgemeinen und dem Anspruch nach umfassenden Modell des Sprechereignisses sind nicht hinreichend. SNELLs Werk ist als interessant, allerdings nicht überzeugend rezensiert worden (vgl. WINTER 1953).Google Scholar
  55. 8a.
    Anmerkung der Herausgeber: Zwar wird in den letzten zehn Jahren unentwegt direkt oder indirekt am grundlagentheoretischen Problem der Sprachfunktionen gearbeitet - eine systematische Theorie über Sprachfunktionen ist aber noch nicht in Sicht. Die Arbeit am Phänomen der Sprachfunktionen vollzieht sich gegenwärtig in drei Forschungsrichtungen: (a) in der Ethno-und Psycholinguistik, insbesondere in der Ethnographie des Sprechens (vgl. die folgende Anm. 8b); (b) in den Forschungen zur situationsspezifischen Wahl des sprachlichen als bevorzugter Alternative zu aussersprachlichen Symbolmedien (vgl. OEVERMANN 197o, S.197f, 241ff; BERNSTEIN/HENDERSON 1969; zu berücksichtigen sind in diesem Zusammenhang aber auch die Forschungen zur Parasprache, Kinesik, Proxemik und zum Phänomen der Andeutungen - vgl. unsere Angaben in Anm.lc zu diesem Artikel); und (c) indirekt im Rahmen der Sprechakt-Theorie, wie sie von AUSTIN (197o - vgl. auch die Darstellung der AUSTINschen Sprechakt-Theorie bei von SAVIGNY 1969, Kap, 3), SEARLE (1972), HABERMAS (1971a) und anderen Philosophen sowie Linguisten wie WUNDERLICH und MAAS (1972) bearbeitet worden ist. Das Konzept des Sprechaktes wird in diesem Forschungssatz nicht so umfassend, d.h. alle Faktoren der Sprechsituation einbeziehend, entwickelt wie in der Ethnographie des Sprechens (vgl. Anm.lc zu diesem Artikel): das Konzept des Sprechaktes bezieht sich im Traditionszusammenhang der ordinary language philosophy in erster Linie auf das Phänomen der sprachlichen Aktualisierung von Handlungsi n t e n t i on e n im Rahmen von “normalen” Kommunikationssituationen, für die feste Regeln des Sprachgebrauchs konventionalisiert sind (illokutionäre Sprechakte), in zweiter Linie auf die interaktiven Auswirkungen von intendierten Sprechakten (perlokutionäre Sprechakte) und erst in dritter Linie auf den sprachlichen Vollzug des Sprechaktes selbst (lokutionärer Sprechakt), in welchem - obwohl das in der Perspektive der ordinary language philosophy verborgen bleibt - sämtliche Faktoren der von der Ethnographie des Sprechens analysierten Sprechsituation zum Zuge kommen. Mithin konzentriert sich gerade die Sprechakt-Theorie der ordinary language philosophy auf das, was man - nun in einem ganz untechnischen Sinne - “die Funktionalität des Sprechens’ nennen könnte. So ist es zu verstehen, dass die Sprechaktkataloge von AUSTIN (197o, Kap.XII) und HABERMAS (1971a, S.1o9–114) auch als implizite Kataloge von Typen von Sprachfunktionen gelesen werden können. Allerdings wird es auf lange Sicht grundlagentheoretisch sinnvoller sein, zwischen dem totalisierenden Sprechakt-Konzept der Ethnographie des Sprechens, den Handlungsimplikationen von Sprechvollzügen (”Sprechakten“) in der ordinary language philosophy und den globalen Systemfunktionen des Sprechens innerhalb des Faktorennetzes der Kommunikations-und Interaktionssituation (wie es von der Ethnographie des Sprechens beschrieben worden ist) zu trennen.Google Scholar
  56. 8b.
    Anmerkung der Herausgeber: In einer späteren Arbeit hat HYMES seinen Katalog von Funktionen des Sprechens noch geringfügig erweitert (vgl. HYMES 1964, S.22f). HYMES versucht hier, die Funktionen des Sprechens aus der systematischen Kombination der Faktoren des Sprechereignisses zu entwickeln, indem er die unterschiedlichen Aufinerksamkeitsbeziehungen zwischen dem Sender und den übrigen Faktoren der Sprechsituation als jeweilige Sprechfunktionen definiert. Die interaktionslogische Struktur von Sprachfunktion generell besteht nach dieser Definitionsprozedur von HYMES darin, dass der jeweilige Sprechakt vom Sprecher in (je nach Sprechakt unterschiedlich intensive und bewusste) Aufmerksamkeitsbeziehungen zu den situationsspezifischen Werten der einzelnen Variablendimensionen des Sprechereignisses eingebunden wird. Es ist somit auch möglich, dass ein Sprechakt eine Hierarchie von Sprachfunktionen unterschiedlicher Aufinerksamkeitsgewichtung realisiert.Google Scholar
  57. Während HYMES die Formalstruktur von Sprachfunktion mithin intentionalistisch bestimmt, vertritt ERVIN-TRIPP (1964, S.88; 1972, S.245) in Anlehnung an SKINNER eine mehr behavioristische Position; allerdings mit ähnlicher subjektzentrierter Perspektive: der Terminus “Funktion” meint nun die (auf Grund des Aufbaus von Mediationsmechanismen “in Rechnung gestellte”, als Belohnung bzw. Bestrafung in der Handlungsorientierung operierende) Rückwirkung der Sprechhandlung über die vermittelnden Reaktionen des Empfängers auf den Sender. Allerdings erscheint uns gerade dieser behavioristische Ansatz bereits zu stark subjektzentriert zu sein, da in ihm nicht eindeutig genug zwischen dem eigenen Bedürfniserfüllungsinteresse und den intendierten Auswirkungen des Sprechaktes auf andere Faktoren des Sprechereignisses getrennt werden kann. Mit diesem Mangel hängt zusammen, dass der von ERVINTRIPP vorgeschlagene Katalog von Funktionen des Sprechens in der Interaktion zu einseitig auf die affektive Dimension des Sprechens bezogen ist - im Sinne von Strategien des Emotionsmanagements in der Interaktion - und insgesamt zu unsystematisch wirkt. (Hinsichtlich weiterer grundlagentheoretischer und methodologischer Überlegungen zum Konzept der Sprechfunktionen vgl. SCHÜTZE 1973, Abschnitte 6.313, 9.61 und 9.7.)Google Scholar
  58. In der Definitionsprozedur von HYMES wird unterstellt, dass die Funktionen des Sprechens nur eine Unterklasse der regal-haften Verknüpfungen der Faktorendimensionen des Sprechereignisses darstellen: nämlich diejenigen zweistelligen Relationen zwischen Faktorendimensionen des Sprechereignisses, in denen (a) der Sprecher eine Relationsstelle besetzt und in denen (b) vom Sprecher eine Aufmerksamkeitsaktivität in Richtung auf den Ausfüller der anderen Relationsstelle ausgeht. Deshalb tritt im jüngsten Aufriss des Sprechereignis-Modells von Dell HYMES (1972e, S.65–71, insbes. S.69) das Thema der Sprachfunktionen gegenüber dem umfassenderen Thema der Beziehungsregeln zwischen den einzelnen Faktoren des Sprechereignisses zurück. Ähnliche Überlegungen zur von den Gesellschaftsmitgliedern realisierten systematischen Verknüpfung von Faktorendimensionen des Sprechereignisses, die über den Funktionsaspekt hinausgehen, verfolgen auch ERVIN-TRIPP (1964, S.92f) und HARTIG/KURZ (1971, S.146–162). Zur empirischen Anwendung des Konzeptes der Sprachfunktionen vgl. CAZDEN/HYMES/JOHN (1971 im Druck).Google Scholar
  59. 8c.
    Anmerkung der Herausgeber: In der Situation der Beziehungsfalle bzw. Doppelbindung erhält das Kind von einem Elternteil systematisch Mitteilungen, deren Inhaltsaspekt (etwa eine Aufforderung an das Kind zur Selbststeigerung seiner Autonomie oder die Beteuerung der verständnisvollen Liebe des betreffenden Elternteils für das Kind) dem metakommunikativen Beziehungsaspekt widerspricht (der extremen Interaktionsdominanz des Elternteils über das Kind bzw. der abweisenden Haltung des Elternteils, insbesondere der Mutter, gegenüber dem Kind, die sich etwa darin ausdrückt, dass die Mutter Sprechakte der Liebesbeteuerung einsetzt, um das Kind “zur Ruhe zu bringen” und um sich selbst einen Freiraum für vom Kind distanzierte Aktivitäten und Emotionen zu verschaffen). Da die Beziehungsfalle den in ihr “Gefangenen” mit einer extrem signifikanten Bezugsperson verbindet, ist eine Befreiungschance praktisch nicht vorhanden. Der Empfänger der paradoxen Mitteilung “kann der durch sie hergestellten Beziehungsstruktur nicht dadurch entgehen, dass er entweder über sie metakommuniziert (sie kommentiert) oder sich aus der Beziehung zurückzieht.” (WATZLAWICK u.a. 1969, S.196)Google Scholar
  60. 9.
    Wenn ältere Arbeiten mehr als zwei oder drei Funktionen des Sprechens unterscheiden, dann wird gewöhnlich einer der drei genannten Funktionstypen weiter aufdifferenziert. OGDEN und RICHARDS (196o) zählen fünf Funktionen des Sprechens auf, aber ihr Hauptinteresse richtet sich auf die Intentionen (und Expressionen - Erg.d.Hg.) des Sprechers, und ihre Ausdifferenzierung des Funktionskatalogs findet im Rahmen der expressiven Funktionsklasse statt.Google Scholar
  61. 9a.
    Anmerkung der Herausgeber: Hinsichtlich der Sprachfunktion zur Aufrechterhaltung der “phatischen Gemeinschaft” vgl. MALINOWSKI (1935 und 196o, S.315f).Google Scholar
  62. 10.
    Vgl. die Forschungsarbeit, die neuerdings (1962 !) von Basil BERNSTEIN unternommen wird. BERNSTEIN stellt zwei Sprechweisen (modes of speech), die formale (formal) und die öffentliche (public), gegenüber. Die formale sei mit der englischen Mittelschicht, die öffentliche mit der englischen Unterschicht verbunden. BERNSTEIN kommt zu folgendem Ergebnis: Die beiden unterschiedlichen Sprechweisen entstehen, weil die beiden Sozialschichten unterschiedlichen Nachdruck auf die Beherrschung des Sprachpotentials legen. Sobald der unterschiedliche Nachdruck (insbesondere in der Primärsozialisation) zum Zuge gekommen ist, führen die resultierenden Sprechweisen die Sprecher immer stärker auf unterschiedliche Typen der kognitiven Ausrichtung auf Objekte und Personen hin. Das drückt sich wiederum in unterschiedlichen Leistungsergebnissen im Rahmen von sprachlichen Intelligenztests aus, auf die sprachliche Ausdifferenziertheit subjektiver Intentionen und auf andere Weise.Google Scholar
  63. Ergänzung der Herausgeber: HYMES bezieht sich hier auf die frühen Arbeiten von BERNSTEIN, die noch stark interaktionistisch konzipiert waren (vgl. BERNSTEIN 197o, S.8–61). Mit der Hypostasierung der öffentlichen und der formalen Sprechweise zum restringierten und elaborierten Sprachkode (vgl. BERNSTEIN 197o, S.62–133) tritt bei BERNSTEIN an die Stelle des interaktionistischen ein korrelatives Denken, wie es gerade von der Ethnographie des Sprechens kritisiert worden ist (vgl. die Anm.lc zu diesem Aufsatz). In seinen jüngsten Arbeiten kehrt BERNSTEIN zum interaktionistischen Ansatz zurück, und er versucht, diesen nun in empirischer Forschung zu realisieren (vgl. BERNSTEIN/ HENDERSON 1969, BERNSTEIN 1972). Zur Entwicklung und den angedeuteten Problemen der BERNSTEINschen Forschungsarbeit vgl. SCHUTZE 1973, Kap.7. Neuere Arbeiten zur Kapazitätsproblematik bzw. Defizithypothese sind OEVERMANN 197 bzw. finden sich in KLEIN/WUNDERLICH 1971, Teil I.Google Scholar
  64. 11.
    George Herbert MEAD ist ein Beispiel. (Erg.d.Hg.: HYMES scheint allerdings zu übersehen, dass MEADs Theorie von der Rolle des Sprechens in der Sozialisation, insbesondere zum Aufbau einer strukturierten Selbstidentität, lediglich hinsichtlich der differenzierenden Berücksichtigung soziohistorisch unterschiedlicher Gesellschaftsstrukturen und der Möglichkeiten der empirischen Erfassung der sich in ihrem Kontext vollziehenden Sozialisationsprozesse nichtssagend ist. Aspekte der relativ differenzierten MEADschen Grundlagentheorie zur Rolle des Sprechens in der Sozialisation, die das Sprechen insbesondere beim Erwerb von Interaktionskompetenz und beim Aufbau einer strukturierten Selbstidentität spielt, sind von FLAVELL u.a. 1968 empirisch erforscht worden.) Ein anderes Beispiel für die nur unverbindlich-allgemeine Weise der Behandlung der Rolle, die das Sprechen in der Sozialisation spielt, ist A.Irving HALLOWELL, dessen bestandsaufnehmender Grundsatzartikel “Culture, Personality, and Society” feststellt: “Eine notwendige Bedingung für Sozialisationsprozesse in der menschlichen Gesellschaft ist das Lernen und der Gebrauch der Sprache. Aber unterschiedliche Sprachen sind in dieser Hinsicht funktional äquivalent, und die eine Sprache ist hinsichtlich der Sozialisationsfunktion mit jeder anderen gleichzusetzen, weil das menschliche Sprechen einen gewissen gemeinsamen Nenner aufweist.” (HALLOWELL 1953, S.612. Erg.d.Hg.: Auch HYMES Kritik an HALLOWELL müsste unter heutigen Gesichtspunkten -insbesondere angesichts der unterschiedlichen Versuche, eine universalistische Grundlagentheorie der Verflechtung von Sprache, Interaktion, Sozialisation, Wissen und Sozialstruktur zu entwickeln; und HYMES’ Theorie der Dimensionen und Funktionen des Sprechereignisses ist ebenfalls ein zumindest impliziter Schritt auf diesem Wege - etwas differenzierter formuliert werden. In seinem Aufsatz “The Self and its Behavioral Environment” macht HALLOWELL wesentliche Schritte in Richtung einer differenzierten universalistischen Grundlagentheorie über die Verflechtung (a) von Interaktionsprozessen zur Lösung geteilter elementarer Praxisprobleme, (b) der Ausbildung der interaktionslogischen Struktur von Alltagswissen und (c) der entsprechenden Dimensionen der Selbstidentität im Rahmen des Prozesses der Primärsozialisation - vgl. HALLOWELL 1955, S.75–110. HYMES kritisiert allerdings mit Recht HALLOWELLs undifferenzierte Annahme einer grundsätzlichen Identität der faktisch realisierten Sprachfunktionen in soziohistorisch unterschiedlichen Gesellschaften. Die Arbeit von HYMES 1966 weist empirisch nach, dass nicht nur die Elemente des linguistischen Sprachrepertoires von Ortsgesellschaft zu Ortsgesellschaft differieren, sondern auch die Auswahlen, die soziohistorisch je besondere Ortsgesellschaften aus dem universalistischen Katalog möglicher Sprachfunktionen in aktualisierenden Sprechakten treffen.)Google Scholar
  65. lla.
    Anmerkung der Herausgeber: Diese Fragen sind in den Untersuchungen von BERNSTEIN/ YOUNG (1967), BERNSTEIN/HENDERSON (1969) und BERNSTEIN (1972) auf empirischem Wege verfolgt worden.Google Scholar
  66. llb.
    Anmerkung der Herausgeber: HYMES spielt hier auf die systematische Unterscheidung zwischen zusammengesetztem und koordiniertem Bilingualismus (compound vs. coordinate bilingualism) an. Vgl. hierzu HARTIG/KURZ 1971, S.189–203.Google Scholar
  67. 11c.
    Anmerkung der Herausgeber: HYMES bezieht sich an dieser Stelle wahrscheinlich auf das Konzept einer “qualitativen Mathematik” bei LEVI-STRAUSS (1956).Google Scholar
  68. lld.
    Anmerkung der Herausgeber: Zur Unterscheidung von “1a langue” und “la parole” vgl. Anm. la zum vorliegenden Aufsatz.Google Scholar
  69. 12.
    Da die Unterscheidung zwischen “la langue” und “la parole” gewöhnlich die grundlagentheoretische Voraussetzung impliziert, dass nur “la langue” Struktur habe (Erg.d.Hg.: zur “unstrukturalistischen” Konzeption von “parole” bei de SAUSSURE selbst vgl. Anm.la zum vorliegenden Artikel), wies PIKE (1967, S.536) diese Unterscheidung zurück. Ich folge PIKE in der Annahme, dass auch “la parole” Struktur hat, aber ich nehme entgegen PIKE an, dass die Unterscheidung zwischen “la langue” und “la parole” mit Nutzen aufrechterhalten werden kann. Innerhalb des PIKEschen Systems selbst könnte das mit der Unterscheidung von “langue” uns “parole” Gemeinte vielleicht als ein Unterschied in der Aufmerksamkeitsausrichtung und Aufmerksamkeitsschwelle (focus) behandelt werden. (Erg.d.Hg.: Zum Konzept des “focus” vgl. PIKE 1967, S.78–82, 98–119. PIKEs Konzepte der Aufmerksamkeitsrichtung und -spannweite spielen auch in unserem eigenen Versuch zur Begründung einer Ethnographie der Interaktion eine wichtige Rolle. Vgl. unser Schlusskapitel, Abschnitt 3).Google Scholar
  70. 12a.
    Anmerkung der Herausgeber: Für nähere Angaben zur Wissenschaftsgeschichte vgl. HYMES 1964b, 1966, 1968. Für die “Fortschreibung” des Gestus dieser Kritik an der Linguistik auf die Kritik an der korrelativen Soziolinguistik vgl. die Anm.lc zum vorliegenden Artikel.Google Scholar
  71. 13.
    JAKOBSON bringt in diesem Zusammenhang den bekannten Ausdruck “Soziologie der Sprache” ins Spiel, und er besteht darauf, dass die erkenntnisleitenden Fragestellungen der Sprachsoziologie nicht aus der Linguistik verbannt werden können und dürften. Linguistik und Soziologie sollten in der Tat ein derartiges interdisziplinäres Feld entwickeln) Dieselbe Anstrengung sollte allerdings auch die Anthropologie (zusammen mit der Linguistik) unternehmen, denn für die Entwicklung einer kulturvergleichenden Perspektive ist ihr Beitrag ganz entscheidend. Ich stelle das an dieser Stelle hauptsächlich nur deshalb fest, um zu einem solchen Beitrag erst noch zu animieren. Ausserdem erwarte ich, dass ein grosser Anteil dieses Beitrages von jenen jungen Anthropologen erbracht werden wird, welche die Ethnographie als eine stolze intellektuelle Disziplin ansehen und für die Termini wie “Ethnographie”, “ethnoscience” und “Ethnotheorie” bedeutsame und prestigegeladene Begriffe sind. (Erg.d.Hg.: Zur Bestätigung dieser Voraussage vgl. die bibliographischen Angaben in der Anm. la zum Aufsatz von PSATHAS in diesem Band sowie in den Anmerkungen lc und ld zum vorliegenden Aufsatz.) Daher auch der Ausdruck “Ethnographie” in meinem eigenen Slogan der “Ethnographie des Sprechens”. Was den Ausdruck “Sprechen” in ihm anbelangt, so spiegelt er eine theoretische Neigung wider, die ich hoffe, in Kürze weiter explizieren zu können, wenn ich meine Überlegungen mit einer Mehrzahl anderer Ideen, einschliesslich einiger von Talcott PARSONS, in Verbindung bringe. Besonders unzufrieden bin ich darüber, an dieser Stelle nicht mehr über das Werk von FIRTH sagen zu können. Erst als dieser Aufsatz schon längst zum Druck überfällig war, entdeckte ich, dass FIRTH bereits vor mehr als einer Generation (1935) in klarer Weise das allgemeine Problem der Faktoren und Funktionen des Sprechens aufgeworfen hatte. Auf weiten Strecken bin ich lediglich zu einer Betrachtungsweise gekommen, wie sie bereits in seinen Schriften, die unglücklicherweise zu wenig gelesen werden, zu finden sind. Allerdings unterscheide ich mich von seinen Begriffsbildungen in zahlreichen Punkten. (Vgl. FIRTH 1935, 1950; und BURSILL-HALL 1960. Erg.d.Hg.: die Arbeit von FIRTH 1935 ist teilabgedruckt in HYMES 1964a.)Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1980

Authors and Affiliations

  • Dell H. Hymes

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