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Große Verweigerung, kleine Genüsse

Heinrich Bölls Utopie des nicht entfremdeten Alltags
  • Jochen Vogt
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Zusammenfassung

Mit Recht hat man das erzählerische und publizistische Gesamtwerk von Heinrich Böll als einen fortlaufenden Kommentar zur Geschichte und Vorgeschichte der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft charakterisiert. Und wie es sich für einen guten Kommentar gehört, dominiert darin die kritische Tonart, sei sie nun räsonierend, polemisch, satirisch, humoristisch oder auch elegisch eingefärbt. Immer wieder sind es die Normen und die Repräsentanten des herrschenden gesellschaftlichen Systems — vom militärischen Zwangsapparat der Nazis bis zur Leistungs- und Konsumgesellschaft der siebziger Jahre —, die Bölls Kritik, seinen Zorn oder Spott auf sich ziehen, weil sie die Entfaltung einer sinnhaften und genußvollen, individuell verantworteten und sozial verantwortlichen Lebenspraxis verhindern. Aber diese kritische Melodie, die Böll unseren Verhältnissen vorgespielt hat und die zumindest auf den ersten Blick seinen literarischen Rang und seine Bedeutung für die politische Kultur zu begründen scheint, ist keineswegs die einzige in seinem Repertoire. Immer wieder öffnet vor allem der Erzähler Böll, sei es auch nur für Augenblicke, auch die Aussicht auf eine Lebensweise jenseits all dieser Zwänge, auf einen nicht entfremdeten Alltag. Wenn es, nach einem berühmten Wort des Philosophen Adorno, kein richtiges Leben im falschen geben kann, so gibt es doch in der Literatur, und hier speziell in den Romanen und Erzählungen Bölls, immer wieder Vor- und Wunschbilder solch richtigen Lebens. Und erst in diesem utopischen Horizont gewinnt auch die unmittelbar kritische Zielrichtung und Schreibweise Bölls ihre Tiefendimension und Überzeugungskraft.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Vgl. Schreiben und Lesen. Gespräch mit Karin Struck am 23.10.1973, in: Heinrich Böll Werke. Interviews 1.1961–1978. Hrsg. v. Bernd Balzer, Köln o. J. [1978], S. 255.Google Scholar
  2. 2.
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  4. 4.
    Vgl. hierzu Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, Tübingen 1976, S.12f.Google Scholar
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  6. 6.
    Vgl. Michael C. Eben: Heinrich Böll: The Aesthetic of Bread, the Communion of the Meal, in: Orbis Litterarum 1982, S.255ff.Google Scholar
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Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1991

Authors and Affiliations

  • Jochen Vogt

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