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Wie auf den Schultern eine Last von Scheitern

Über “Die Ästhetik des Widerstands” von Peter Weiss
  • Jochen Vogt
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Zusammenfassung

Als 1975 und 1978 die ersten beiden Bände der Ästhetik des Widerstands erschienen, begleitet von teils hämischen, teils bloß verständnislosen Kommentaren unserer feuille-tonangebenden Kritiker, da war es Wolfgang Koeppen, der große alte Mann der nonkonformistischen Literatur, der von einem “der erregendsten, mutigsten und traurigsten Bücher” unserer Zeit sprach, das eine Streitschrift sei “gegen die Unfähigkeit zu trauern im Stalinismus”.1 Heute — also ein Jahrzehnt nach dem Abschluß der Romantrilogie und dem Tod ihres Autors — steht jeder Blick auf sein Werk unter einem verschärften Vorbehalt. Läßt der Zusammenbruch des real nicht überlebensfähigen Sozialismus nun erst recht jedes künstlerische Konzept dem Spott verfallen und zuschanden werden, das ihm — wie kritisch auch immer — die Solidarität bewahrte? Die zitierten Kritiker2 haben das Erscheinen der Ästhetik des Widerstands von Anfang an mit dem — nirgendwo stichhaltig begründeten, weil am Text nicht belegbaren — Vorwurf begleitet, Weiss zelebriere den Bankrott des Denkens und der Kunst, unterwerfe sich masochistisch dem Dogma der (welcher?) Partei. Das hielt damals schon keiner Überprüfung, will sagen: genauen Lektüre des Textes stand. Ernsthafter, aber auch bedrückender sind die Fragen, die sich heute gerade einer hilfreich fragenden Kritik aufdrängen: Kam Weissens innersozialistische Trauerarbeit und Aufarbeitung der Vergangenheit zu spät? War sie nicht radikal genug?

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Anmerkungen

  1. 1.
    Wolfgang Koeppen: Peter Weiss und der Widerstand, in: W.K.: Die elenden Skribenten, Frankfurt/M. 1984, S.225.Google Scholar
  2. 2.
    Beispielsweise: Reinhard Baumgart: Ein rot geträumtes Leben, Süddeutsche Zeitung, 25.10.1975; Gert Ueding: Der verschollene Peter Weiss, Fankfurter Allgemeine Zeitung, 9.12. 1978; Hans Christoph Buch: Seine Rede ist: Ja ja, nein nein, Der Spiegel, 20. 11. 1978; Fritz J. Raddatz: Blasen aus der Wortflut, Die Zeit, 17.11.1978; — weiterhin zum dritten Band: Fritz J. Raddatz: Abschied von den Söhnen?, Die Zeit, 8.5.1981; Gert Ueding: Die Hadeswanderung des Peter Weiss, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. 7. 1981.Google Scholar
  3. 3.
    Alfred Andersch: Wie man widersteht. Reichtum und Tiefe des Peter Weiss, in: A.A.: Öffentlicher Brief an einen sowjetischen Schriftsteller, das Überholte betreffend, Zürich 1977, S. 150.Google Scholar
  4. 4.
    Bertolt Brecht: Arbeitsjournal 1938–1942, Frankfurt/M. 1973, S.294: Eine Notiz über die “Geschichtsphilosophischen Thesen” Walter Benjamins, von dessen Selbstmord Brecht im August 1941 erfahren hatte.Google Scholar
  5. 5.
    Volker Lilienthal: Literaturkritik als politische Lektüre. Am Beispiel der Rezeption der “Ästhetik des Widerstands” von Peter Weiss, Berlin 1988.Google Scholar
  6. 6.
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  7. 7.
    Peter Weiss im Gespräch mit Rolf Michaelis: Es ist eine Wunschautobiographie, Die Zeit, 10. 10. 1975.Google Scholar
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    Ebda., S.78.Google Scholar
  10. 10.
    Hans Christoph Buch: Seine Rede ist Ja ja, nein nein, Der Spiegel, 20. 11. 1978.Google Scholar
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    Peter Weiss im Gespräch mit Harun Farocki: Seine Entwicklungsgeschichte in den Rahmen der Weltläufe stellen, Frankfurter Rundschau, 24. 11. 1979.Google Scholar
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    Peter Weiss im Gespräch mit Harun Farocki, Frankfurter Rundschau, 24. 11.1979.Google Scholar
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  24. 24.
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  25. 25.
    Vgl. Peter Weiss: Laokoon oder Über die Grenzen der Sprache (1965), in: P.W.:Rapporte, Frankfurt/M., 1968, S.170ff.Google Scholar
  26. 26.
    Dessen Autobiographie “Die dritte Front” (Berlin 1930, Nachdruck Frankfurt/M. 1972) und die von seiner Ehefrau Babette Gross verfaßte Biographie “Willi Münzenberg” (Stuttgart 1967) dienen im zweiten Band als Quellen für die Lebenserzählung, die sein ehemaliger Mitarbeiter Katz gibt (S.51ff.).Google Scholar
  27. 27.
    Vgl. Ossip K. Flechtheim: Die KPD in der Weimarer Republik, Frankfurt/M. 1969, S.90f.; Erhard Lucas: Die Sozialdemokratie in Bremen während des Ersten Weltkrieges, Bremen 1969; Peter Kuckuck (Hg.): Revolution und Räterepublik in Bremen, Frankfurt/M. 1969.Google Scholar
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  29. 29.
    Jürgen Habermas: Die Moderne — ein unvollendetes Projekt, in: J.H.: Kleine Politische Schriften I–IV, Frankfurt/M. 1981, S.461f.Google Scholar
  30. 30.
    Stanley Weintraub: The Last Great Cause, London 1968; Gustav Regler: Das große Beispiel. Roman einer internationalen Brigade (1940), Frankfurt/M. 1976. — Zur historischen Information: Hugh Thomas: The Spanish Civil War, London 1961; Pierre Broué/Emile Témime: Revolution und Krieg in Spanien. Geschichte des spanischen Bürgerkriegs, 2 Bde., Frankfurt/M. 1968; Frederick R. Benson: Schriftsteller in Waffen. Die Literatur und der Spanischen Bürgerkrieg, Zürich 1969.Google Scholar
  31. 31.
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  32. 32.
    Vgl. dort Kap. 18 und die Konfrontation mit Marty in Kap.42.Google Scholar
  33. 33.
    Vgl. Julian Gorkin: Der lange Arm Stalins. Die Vernichtung der freiheitlichen Linken im spanischen Bürgerkrieg, Vorwort Willy Brandt, Köln 1980; weiterhin Broué/Témime: Revolution und Krieg in Spanien, Bd.l, S. 366ff, Bd.2, S.464.Google Scholar
  34. 34.
    George Orwell: Looking back on the Spanish War (1943), in: G.O.: Hommage to Catalonia, London 1960, S.240.Google Scholar
  35. 35.
    Vgl. etwa Arthur Koestler: Die Geheimschrift. Bericht meines Lebens. 1932 bis 1940, München 1954, bes. Kap.36; Gustav Regler: Das Ohr des Malchus. Eine Lebensgeschichte, Frankfurt/M. 1975.Google Scholar
  36. 36.
    Vgl. jedoch neuere umfängliche Arbeiten und Sammelbände wie z.B. Maria C. Schmitt: Peter Weiss “Die Ästhetik des Widerstands”. Studien zu Kontext, Struktur und Kunstverständnis, St. Ingbert 1966; Genia Schulz: “Die Ästhetik des Widerstands”. Versionen des Indirekten in Peter Weiss’ Roman, Stuttgart 1986; Norbert Krenzlin (Hg.): “Ästhetik des Widerstands”. Erfahrungen mit dem Roman von Peter Weiss, Berlin/DDR 1987; Hans Höller (Hg.): Hinter jedem Wort die Gefahr des Verstummens. Sprachproblematik und literarische Tradition in der “Ästhetik des Widerstands” von Peter Weiss, Stuttgart 1988; Alfons Söllner: Peter Weiss und die Deutschen. Die Entstehung einer politischen Ästhetik wider die Verdrängung, Opladen 1988; Robert Cohen: Versuche über Weiss’ “Ästhetik des Widerstands”, Bern 1989; Stephan Meyer: Kunst als Widerstand. Zum Verhältnis von Erzählen und ästhetischer Reflexion in Peter Weiss’ “Die Ästhetik des Widerstands”, Tübingen 1989; Michael Hofmann: Ästhetische Erfahrung in der historischen Krise. Eine Untersuchung zum Kunst-und Literaturverständnis in Peter Weiss’ Roman “Die Ästhetik des Widerstands”, Bonn 1990; Rainer Koch: Geschichtskritik und ästhetische Wahrheit. Zur Produktivität des Mythos in moderner Literatur und Philosophie, Bielefeld 1990; Rainer Rother: Die Gegenwart der Geschichte. Ein Versuch über Film und zeitgenössische Literatur, Stuttgart 1990; Jürgen Garbes u.a. (Hg.): Ästhetik Revolte Widerstand. Zum literarischen Werk von Peter Weiss, Jena u. Lüneburg 1990; Internationale Peter-Weiss-Gesellschaft (Hg.): Ästhetik, Revolte und Widerstand im Werk von Peter Weiss. Ergänzungsband, Luzern/Marrenburg 1990.Google Scholar
  37. 37.
    Hanjo Kesting: Die Ruinen eines Zeitalters, Der Spiegel Nr.24/1981, S.198ff.Google Scholar
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    Vgl. dazu auch: Burkhardt Linder: Ich Konjunktiv Futur I oder die Wiederkehr des Exils, in: Karl-Heinz Götze, Klaus Scherpe (Hg.): Die “Ästhetik des Widerstands” lesen. Über Peter Weiss, Berlin 1981, S.85ff.; Rainer Rother: Konditional 1, in: R. R.: Die Gegenwart der Geschichte, S.138ff.Google Scholar
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    Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Bd.13: Die wiedergefundene Zeit 2, Frankfurt/M. 1964, S.496f.Google Scholar
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Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1991

Authors and Affiliations

  • Jochen Vogt

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