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Hypothesen Zum Interessenbegriff und zur Spezifik von Fraueninteressen

  • Petra Frerichs
  • Martina Morschhäuser
  • Margareta Steinrücke
Chapter
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Part of the Sozialverträgliche Technikgestaltung book series (STMB, volume 6)

Zusammenfassung

Wenn wir im folgenden einige theoretische Ausführungen zum Interessenbegriff vornehmen, so geschieht dies zunächst aus dem naheliegenden Grund der Themenstellung unserer Untersuchung: Die Erforschung der Interessenvertretung von Frauen kann nicht auf die Analyse der Gegenstände und Inhalte dessen, was vertreten werden soll, verzichten. In der Auseinandersetzung mit dem, was Interessen von Arbeiterinnen und weiblichen Angestellten sein könnten, stießen wir auf das Problem, daß ein in der industriesoziologischen Forschung verbreitetes Verständnis von “Arbeitnehmer-Interessen” auf einer tendenziellen Einengung des Interessenbegriffs im Sinne “objektiver”, primär ökonomisch-materieller Bestimmungen beruht. Dieses Verständnis, welches zugleich eine Betriebszentriertheit impliziert, reicht nicht hin, um unsere Ergebnisse über die Interessen von Frauen zu erklären. Denn diese weisen über den Betrieb hinaus auf den gesamten Lebenszusammenhang, schließen die persönliche und familiäre Situation ein, sind kulturell, biographisch, sozial und geschlechtsspezifisch unterschiedlich konstituiert, auch wenn sie sich im Betrieb als Fokus der Interessenartikulation bisweilen homogenisieren. Zudem schließen sie andere als ökonomisch-materielle Interessen ein, die mitunter die Artikulation und das Verfolgen dieser erst motivieren.

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Literatur

  1. 1.
    Daß die klassisch-liberale Ideenlehre vom freien Wettbewerb freier Wirtschaftssubjekte dessen Kehrseite, angefangen mit den Raubzügen der “ursprünglichen Akkumulation” bis zu den gnadenlosen Konkurrenzkämpfen jeder gegen jeden (das “bellum omnia contra omnes” von Hobbes), leugnet oder ausspart, was Marx zu dem ironischen Seitenhieb veranlaßte, die ursprüngliche Akkumulation als “doux commerce” zu titulieren, kann hier nicht näher verfolgt werden (Hirschman 1984, 65ff. u. 125ff.).Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. auch Neuendorff 1973.Google Scholar
  3. 1.
    Vgl. z.B. Bosch 1980, 103ff.Google Scholar
  4. 2.
    Zur segmentationstheoretischen Begründung von Interessendivergenzen innerhalb der Arbeitnehmerschaft und zu den organisationspolitischen Problemen und Anforderungen gewerkschaftlicher Politik sowie den strategischen Überlegungen zu einer Anti-Segmentationspolitik als Vereinheitlichung von Interessendivergenzen auf neuer Stufe s. Heinze u.a. 1981 a u. b. Auch hier finden sich Anhaltspunkte und Anregungen für einen zu erweiternden Interessenbegriff; über die ökonomischen Implikationen aus der Perspektive der Arbeitskraft-Verkäufer hinaus zählen zu den “Lebensinteressen” in jeweils unterschiedlicher und sich wandelnder Zusammensetzung bspw. Konsuminteressen, Umweltinteressen usw., auf die sich die Zuständigkeitsbereiche gewerkschaftlicher Politik — über die Produktionssphäre hinaus — zu erstrecken hätten.Google Scholar
  5. 3.
    Zur innerbetrieblichen Interessendifferenzierung am Beispiel der Druckindustrie s. die Forschungsergebnisse von Groß/Tholfus 1986, Steinrücke 1986 und Weber 1982, die en detail Differenzierungen zwischen den Berufsgruppen und Generationen unter der Prämisse differenter Konfliktverarbeitungsmuster und Habitusformen nachgewiesen haben.Google Scholar
  6. 1.
    Bourdieu 1979, 344 u. 353; im Kontext seiner Abhandlung über “Symbolisches Kapital und Herrschaftsformen” verwendet Bourdieu den Begriff “symbolisches Interesse” in Kontrast zum Interesse, das sich dem Ökonomismus verdankt, um damit Ehre und Ehrhaftigkeit zu bezeichnen. Bourdieu macht hier den entscheidenden Hinweis darauf, daß symbolische Interessen materielle Handlungen determinieren: “So liegt demnach den Verhaltensweisen der Ehre ein Interesse zugrunde, für das der Ökonomismus keinen Namen besitzt, und das mithin symbolisch genannt werden muß, obgleich ihm eigen ist, sehr direkt materielle Handlungen zu determinieren ...” (353)Google Scholar
  7. 1.
    Am weitestgehenden wurden Negt/Kluge seitens der arbeits- und industriesoziologischen Frauenforschung von Becker-Schmidt u.a. (1983, 183ff.) rezipiert und zugleich in Teilen kritisiert.Google Scholar
  8. 2.
    Es ist hier nicht der Ort, näher auf die Kontroversen einzugehen, unter denen verschiedene Erklärungsansätze für die Unterdrückung und Diskriminierung von Frauen in letzter Zeit debattiert wurden; diese Ansätze sind: das Konzept des besonderen “weiblichen Arbeitsvermögens” von Beck-Gerns-heim/Ostner (1978); das arbeitsmarkttheoretisehe Konzept der Herausbildung eines “frauenspezifischen Segments” von Lappe (1981) und das hierauf aufbauende “Restarbeitskonzept” von Gensior (1985); verschiedene Ansätze, die von einer “weiblichen Normalbiographie” (Levy 1977) und einem spezifischen “weiblichen Erwerbsverhalten” ausgehen, welches als solches exakt den betrieblichen Erwartungen entspricht und entsprechend genutzt wird (z.B. Bednar z-Braun 1983; Rammert-Faber 1986; Wegehaupt-Schneider 1985) oder schließlich der Ansatz von Bennholdt-Thomsen (1983) “Frauenarbeit als (sklavenähnliche) Zwangsarbeit”. Eine kritische Aufarbeitung der Kontroverse um das Konzept des weiblichen Arbeitsvermögens und den “Bielefelder Ansatz” hat jüngst Knapp (1987, 236ff.) geleistet und damit zugleich die Theoriediskussion feministischer Forschung um “Konstellationen von Arbeitsvermögen und Arbeitskraft im Lebens Zusammenhang von Frau-Fortsetzung Seite 15 Fortsetzung Fußnote 2, Seite 14 en” weitergetrieben; s. auch den Beitrag von Becker-Schmidt 1987 sowie dies, und Knapp 1987. Eine Auseinandersetzung mit den Ansätzen, vor allem von Beck-Gernsheim/ Ostner zum “weiblichen Arbeitsvermögen” und Becker-Schmidt u.a. zu “Widerspruch und Ambivalenz” für eine theoretische Grundlegung unseres Forschungsvorhabens wurde vorgenommen in: Frerichs 1985 und Frerichs/Morsch-häuser/Steinrücke 1986.Google Scholar
  9. 1.
    Vor allem Lappe/Schöll-Schwinghammer 1978 und Eckart/Jaerisch/Kramer 1979.Google Scholar
  10. 1.
    S. hierzu erstmals Prokop 1976.Google Scholar
  11. 2.
    Mit dem Begriff ‘Interessenorientierung’ soll eine über die aktuelle Interessenkonstellation hinausreichende, längerfristige, Alternativen einschließende Perspektive innerhalb einer Lebensphase oder auch die folgende einschließend verstanden werden. Vor dem Hintergrund einer nicht einheitlichen Verwendung des Begriffs in der sozialwissenschaftlichen Literatur vgl. Zoll u.a. 1984, 45ff., bes. 75f.Google Scholar
  12. 3.
    “Der Begriff der sozialen Situation ist in seinem Inhalt nicht identisch mit der ‘sozialen Lage’. Unter der ‘sozialen Lage’ wird gemeinhin die Summe der objektiven Bestimmungen verstanden, die das gesellschaftliche Schicksal einer Gruppe begründen (...) Die ‘soziale Situation’ umfaßt ebenfalls die objektiven Bestimmungen, aber nur insoweit sie dem Subjekt gegeben sind und in der Weise, in der sie objektiviert werden. Darüber-Fortsetzung Seite 18 Fortsetzung Fußnote 3, Seite 17 hinaus umfaßt der Begriff auch die Bewußtseinsmomente, in denen das Subjekt sich in seiner gesellschaftlichen Existenz selbst gegeben ist. (...) Die Situation, in der sich ein Subjekt befindet, ist eine konkrete Einheit, die nicht ohne entstellende Abstraktion in ‘objektive’ und ‘subjektive’ Bestandteile zerlegt werden kann.” (Bahrdt 1958, 5)Google Scholar
  13. 1.
    S. zur Bedeutung dieser Dimensionen als Triebkraft von Widerstandshan-deln Moore 1982 und Honneth 1981.Google Scholar
  14. 1.
    S. hierzu Becker-Schmidt u.a. 1982, 1983.Google Scholar
  15. 2.
    In etwa folgen wir mit dem Nachweis von Interessenbrennpunkten dem Konzept von W.B. Miller (1958) oder auch dem der “Basic Themes” von S.M. Miller und F. Riessmann (1961), auf die Lothar Hack u.a. in ihrem Aufsatz “Klassenlage und Interessenorientierung” (1972) aufmerksam machen; allerdings mit dem Unterschied, daß wir uns für die Inhalte dieser “Grundthemen” offenzuhalten haben.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1989

Authors and Affiliations

  • Petra Frerichs
  • Martina Morschhäuser
  • Margareta Steinrücke

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