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Geheimhaltung in einfachen Sozialsystemen

  • Burkard Sievers
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Part of the Studien zur Sozialwissenschaft book series (SZS, volume 23)

Zusammenfassung

Als Phänomen sozialer Kommunikation implizieren Geheimnis und Geheimhaltung immer schon den Kontext eines sozialen Systems, wie wir zu Beginn des vorausgegangenen Kapitels zu zeigen versucht haben. Soziale Systeme bestehen aus sinnhaft aufeinander bezogenem, von anderem nicht dazugehörigem, abgrenzbaren Handeln und Erleben62. Dabei können Handlungen sowohl als sinnhaft aufeinander bezogene Aktivitäten von Individuen, d. h. von personalen Systemen verstanden, als auch sozialen Systemen zugeschrieben werden. Entsprechend dieser Unterscheidung von Handlungssystemen lassen sich damit auch unterscheidbare Systemreferenzen der Geheimhaltung ausmachen. Insofern als hier von intrapersonalen Mechanismen der Geheimhaltung oder deren Äquivalenten abgesehen werden soll63, findet Geheimhaltung zwar stets in sozialen Systemen statt bzw. wird im Hinblick auf potentielle soziale Systeme getroffen. Geheimhaltender können jedoch sowohl einzelne Individuen wie auch soziale Systeme sein. Durch die Duplizität dieser Systemreferenzen64 erübrigt sich eine Trennung theoretischer Betrachtungsweisen, etwa nach der Art individuenzentrierter, elementarer Interaktionen und organisationssoziologischer Makromodelle.

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Anmerkungen

  1. 62.
    Siehe z. B. Luhmann (1967 a), S. 617, vgl. Sievers (1971), S. 31.Google Scholar
  2. 63.
    Unter Zugrundelegung eines Ego-Alter-Modelles ließe sich Geheimhaltung wohl in analoger Form zu sozialen Kommunikationen als Modalisierung intrapersonaler Kommunikation bezeichnen; zur Möglichkeit einer Analogie intrapersonaler und sozialer Kommunikationsvorgänge vgl. allgemein Watzlawick u. a. (1969), S. 51, Schein (1969). Analoge intrapersonale Phänomene zur Geheimhaltung enthält wohl auch der psychologische Terminus der ‚Verdrängung’.Google Scholar
  3. 64.
    Zur Unterscheidung personaler und sozialer Systeme vgl. Luhmann (1969 j), S. 249 ff.Google Scholar
  4. 65.
    Auf wechselseitiger Wahrnehmung beruhende Interaktionen stellen eines der zentralen Themen Goffmanscher Arbeiten sowie der von ihm beeinflußten Autoren dar: siehe beispielsweise Goffman (1955), (1956 a), (1961 a), (1963), (1967 b), (1969), Bensman/ Gerver (1963), Coser (1960), Garfinkel (1964), Glaser/Strauss (1964), McCall/Simmons (1966), Scott/Lyman (1968 a) sowie die Beiträge von Crespi (1968), Henslin (1968), Lyman/Scott (1968 b), Messinger u. a. (1968) in dem Sammelband von Truzzi (1968). Überwiegend fehlt jedoch eine systemtheoretische Betrachtungsweise derartiger ‚sozialer Situationen’, ‚Interaktionssysteme’ und ‘Encounters’ oder wird gar ausdrücklich abgelehnt; im Gegensatz dazu einbezieht Luhmann ‚einfache Systeme’ in den Objektbereich einer Theorie sozialer Systeme und betrachtet sie als eigenen Systemtyp neben Organisationen und Gesellschaft; siehe Luhmann (1971 h), vgl. (1971 i), S. 6 f.Google Scholar
  5. 66.
    Im Gegensatz zur Psychologie und Sozialpsychologie hat die Soziologie sich bisher kaum mit dem Prozeß und den Phänomenen sozialer Wahrnehmung beschäftigt; als eine Ausnahme siehe etwa Goffman (1971), S. 26 ff.; sozialpsychologisch vgl. Secord/Backman (1964), S. 9–92, Freedman u. a. (1970), S. 31–59, Ichheiser (1949 a), Laing u. a. (1971).Google Scholar
  6. 67.
    „Alles auf andere Menschen bezogene Erleben und Handeln ist darin doppelt kontingent, daß es nicht nur von mir, sondern auch vom anderen Menschen abhängt, den ich als alter ego, d. h. als ebenso frei und ebenso launisch wie mich selbst begreifen muß.” Luhmann (1971a), S.62f.Google Scholar
  7. 68.
    „Kommunikation (findet) in allen Situationen statt, in denen einer sein sinnbezogenes Erleben anderen absichtlich oder unabsichtlich zugänglich macht.” Luhmann (1971 a), S. 43, vgl. Watzlawick u. a. (1969), S. 51 f., Luhmann (1971 h), S. 5.Google Scholar
  8. 69.
    Vgl. Luhmann (1971 a), S. 43.Google Scholar
  9. 70.
    Zur Unterscheidung einfacher (nicht reflexiver) Wahrnehmung und Kommunikation vgl. auch Newcomb u. a. (1965), S. 189 f.Google Scholar
  10. 71.
    Luhmann (1971 h), S. 6.Google Scholar
  11. 72.
    Zur Unterscheidung analogen und digitalen Kommunikationsmaterials vgl. oben S. 23.Google Scholar
  12. 73.
    Totale Ausdrucksverweigerung — z. B. bei katatonem Stupor aber auch bei manchen Dienstboten oder Lakaien — kann dazu veranlassen, die betreffende Person trotz ihrer physischen Anwesenheit als nichtanwesend zu betrachten; vgl. Goffman (1969), S. 129 ff.; häufig stellt die totale Ausdrucksverweigerung auf seiten des Partners auch ein Moment der Unsicherheit sowie des Risikos dar, da sich aus seinem Mienenspiel seine möglichen Reaktionen nicht antizipieren lassen; vgl. Krappmann (1971), S. 31.Google Scholar
  13. 74.
    Zur Selbstdarstellung personaler Systeme siehe vor allem Goffman (1969), vgl. Luhmann (1966 c), S. 11 ff.; zur Darstellung sozialer Systeme vgl. Luhmann (1962 b), (1964 b), S. 108 ff., (1965 b), S. 53 ff.Google Scholar
  14. 75.
    Vgl. dazu Davis (1961), Festinger u. a. (1952), Goffman (1967 a), Lyman/Scott (1970), S. 58–66, Messinger u. a. (1968), Scott/Lyman (1968 b).Google Scholar
  15. 76.
    Im Unterschied zu preisgegebenen oder gelüfteten Geheimnissen bewahrt ein ‚offenes Geheimnis’ insofern seinen Geheimnischarakter, als in der Interaktion mit dem Geheimhaltenden die Kontingenz des Geheimnisinhaltes aufrecht erhalten werden muß, obwohl diese faktisch für den offiziell Nichteingeweihten oder gar auch für den Geheimhaltenden selbst nicht mehr besteht.Google Scholar
  16. 77.
    Vgl. Goffman (1971), S. 60, 68.Google Scholar
  17. 78.
    Siehe Goffman (1967 a), S. 105.Google Scholar
  18. 79.
    Siehe Luhmann (1971 h), S. 6 f., vgl. (1971 a), S. 42 ff.Google Scholar
  19. 80.
    Vgl. Luhmann (1971 h), S. 10.Google Scholar
  20. 81.
    Dabei muß von dem Fall abgesehen werden, daß es sich bei den verwendeten Signalsystemen um bloße, der Situation und dem jeweiligen Informationsträger angepaßte Verschlüsselungen nach Art des Morsealphabetes und nicht um eigenständige Sprachen handelt.Google Scholar
  21. 82.
    Zu den logischen Typen Russells vgl. Watzlawick u. a. (1969), S. 176 f.; ähnliche Überlegungen stellt am Beispiel der Ironie auch Weinrich (1966), S. 61 ff. an.Google Scholar
  22. 83.
    So ist ein Witz beispielsweise nicht nur in der verbalen, die wechselseitige Wahrnehmung der Teilnehmer einschließenden Kommunikation hinsichtlich seines Kommunikationsmodus verständlich, sondern — wenngleich schwieriger — auch in schriftlicher Kommunikation.Google Scholar
  23. 84.
    Die Modalisierung der eigenen Mitteilungen kann wiederum in hohem Maße an den Erwartungserwartungen gegenüber dem Empfänger orientiert sein; dazu vgl. Shibutani (1961), S. 145.Google Scholar
  24. 85.
    Als „Spiel ohne Ende” bezeichnen Watzlawick u. a. (1969), S. 216 ff. jenes kommunikative Paradoxon, das keinerlei Metakommunikation und somit auch keine Veränderung der aktuell gültigen Kommunikationsregeln zuläßt.Google Scholar
  25. 86.
    Vgl. Bateson u. a. (1969), S. 14.Google Scholar
  26. 87.
    Zur Geheimhaltung aufgrund von Mißverständnissen und Mißtrauen vgl. auch Stok (1929), S. 53 f.; zum Mißtrauen allgemein siehe Luhmann (1968 a), S. 69 ff.Google Scholar
  27. 88.
    Zu den Techniken und Schwierigkeiten, derart wahrgenommene Inkongruenzen, wie sie der Situation des double-bind zugrundeliegen, zu überspielen und sich selbst in seinem Verhalten nicht anmerken zu lassen, vgl. Bateson u. a. (1969), S. 16 ff., Watzlawick u. a. (1969), S. 194 ff.Google Scholar
  28. 89.
    Vgl. Watzlawick u. a. (1969), S. 64. Für den Fall, daß die Inkongruenz seiner Mitteilungen von dem Geheimhaltenden selber wahrgenommen wird, kann er sich unter Umständen vor einem Verrat noch dadurch zu schützen versuchen, daß er sich der Verantwortlichkeit seines Verhaltens und damit dessen Handlungscharakter dadurch zu entziehen sucht, daß er sein Verhalten als unbeabsichtigt, zufällig oder bloß physiologisch bedingt erklärt; vgl. Goffman (1971), S. 200. — Auch kann man sich gelegentlich allein schon durch die Tatsache einer thematisierten Geheimhaltung ‚verraten’, weil man damit ein allzu starkes Interesse an dem Thema bekundet.Google Scholar
  29. 90.
    Zur Routine als Voraussetzung alltäglichen Handelns vgl. Garfinkel (1964).Google Scholar
  30. 91.
    Und dennoch wird Spontaneität in einfachen Systemen häufig erwartet, so daß das nicht spontane Verhalten zumindest als spontan dargestellt werden muß; vgl. Goffman (1971), S. 24; zur besonderen Problematik und den Voraussetzungen spontanen Verhaltens siehe allgemein Goffman (1957), Luhmann (1965 a), (1966 c), S. 12, (1968 d), S. 101 f., Anm. 115, Bums (1953), S. 661; zur psychoanalytischen Dimension der Spontaneität vgl. Mit-scherlich(1968), S. 102 f.Google Scholar
  31. 92.
    Vgl. Goffman (1971), S. 89.Google Scholar
  32. 93.
    Zur Invalidierung und weiteren Strategien, den anderen verrückt zu machen, vgl. Garfinkel (1964), S. 232 ff., Goffman (1956 a), Laing (1969 c), S. 30 ff., 50 ff., Searles (1969).Google Scholar
  33. 94.
    Siehe beispielsweise Asch (1969).Google Scholar
  34. 95.
    Wie überhaupt Angst, mangelndes Vertrauen und Furcht vor den Reaktionen der anderen die Entscheidung zur Geheimhaltung hochgradig zu beeinflussen vermögen. Eine derartige, auf Angst basierende Geheimhaltung kann ihrerseits wieder durch das Maß an Unsicherheit und Kontingenz, das sie impliziert, beim Partner Angst erzeugen; allgemein siehe Gibb (1964), vgl. Deutsch (1958), Luhmann (1968 a).Google Scholar
  35. 96.
    Siehe Luhmann (1971 h), S. 22.Google Scholar
  36. 97.
    Vgl. Bateson u. a. (1969), S. 22.Google Scholar
  37. 98.
    Zur Darstellungsentlastung durch Schlaf siehe Goffman (1969), S. 249, Anm. 47, Aubert/White(1968).Google Scholar
  38. 99.
    Durch nicht ausdrücklich thematisierte Geheimhaltung kann man gleichsam den vorhandenen Konsens testen, um dann bei unzureichendem Konsens entweder die Geheimhaltung nachträglich erneut — etwa als Scherz — zu modalisieren bzw. sich weiterhin zu reflexiver Geheimhaltung entschließen; auch erfordert eine derartige Geheimhaltung keine große Verbindlichkeit der Selbstdarstellung; vgl. Garfinkel (1964), S. 239, Newcomb u. a. (1965), S. 199.Google Scholar
  39. 100.
    Die besondere Funktion formalisierter Konflikte besteht darin, daß durch die Forma-lisierung ein Kampf der Mitglieder gegen das System grundsätzlich ausgeschlossen wird, und partieller Dissens innerhalb des Systems sich stets nur als eine Auseinandersetzung um Einfluß im System äußern kann; ausführlicher siehe Luhmann (1964 b), S. 239–251, vgl. Sievers (1971), S. 47 f.Google Scholar
  40. 101.
    Zum Systemcharakter des Verfahrens siehe Luhmann (1969 j); zur Geschichte als Struktur einfacher Systeme siehe Luhmann (1971 h), S. 10 ff. — Der spezielle Fall eines solchen Verfahrens zur Aufdeckung von Geheimnissen bei zwei einer gemeinsamen Straftat verdächtigten Angeklagten bildet den Ausgangspunkt einer Theorie der Spiele ohne Nullsummenkonstanz; zu diesem „Prisoners Dilemma” und den daran anschließenden spieltheoretischen Überlegungen siehe Rapoport (1965), (1969), S. 48 ff., vgl. Luhmann (1968 a), S. 21, Anm. 3; zur Spieltheorie allgemein siehe außer Neumann/Morgenstern (1944) auch Burger (1959), Deutsch (1969), S. 96–121, Greenblatt (1971), Lyman/ Scott (1970), S. 29–69, Sauermann (1965), S. 46 ff.Google Scholar
  41. 102.
    Durch Moralisierung von Systemproblemen wird Kontingenz reduziert, indem den Handelnden durch die Unterstellung der Amoralität oder Unvernünftigkeit bestimmter Strategien und Reaktionsweisen die Möglichkeit alternativer Handlungsweisen genommen wird; vgl. Luhmann (1971 c), S. 4 ff., 9 f., (1971 h), S. 22 f.Google Scholar
  42. 103.
    Nach dem Kriterium der Anwesenheit vermögen einfache soziale Systeme auch ihre Umwelt zu differenzieren: „Anwesende Umwelt sind vor allem die im System handelnden Beteiligten mit ihren Überschußkapazitäten für unerwartbares Handeln; nichtanwesende Umwelt ist alles, was jenseits der Grenzen relevanter Wahrnehmung liegt.” Luhmann (1971 h), S. 16, vgl. S. 15 ff.Google Scholar
  43. 104.
    Vgl. Luhmann (1971 a), S. 75.Google Scholar
  44. 105.
    Zur Funktion der Bekanntschaft in einfachen Systemen siehe ausführlicher Goffman (1971), S. 111–121, vgl. Luhmann (1971 h), S. 20, Anm. 36.Google Scholar
  45. 106.
    Unterstellter Konsens reicht für die Wahrung eines Geheimnisses in doppelter Hinsicht nicht aus: zum einen kann Geheimhaltung sich nicht mit einer generalisierten Unterstellung von Konsens begnügen, weil faktischer und fiktiver Konsens in bezug auf die Geheimhaltung nicht funktional äquivalent sind; zum anderen reicht die soziale Isolierung des verräterischen Abweichlers als Schutz des Geheimnisses nicht aus, weil ein Geheimnis häufig bereits aufgrund eines einzigen Verrates nicht mehr als Geheimnis gewahrt werden kann.Google Scholar
  46. 107.
    Vgl. Luhmann (1971 h), S. 20.Google Scholar
  47. 108.
    Zur Gesellschaft als sozialem System siehe Luhmann (1969 e), (1969 i), S. 136 f., vgl. Sievers (1971), S. 49 ff.Google Scholar
  48. 109.
    Wie gering die Möglichkeit des Informationsaustausches auch in weniger flüchtigen Begrüßungen ist, dazu vgl. etwa die kurze Szene bei Berne (1970), S. 43.Google Scholar
  49. 110.
    Zur Entlastung durch technischen Sinn vgl. Luhmann (1971 a), S. 66.Google Scholar
  50. 111.
    Im Vergleich zum Strukturwandel der Öffentlichkeit — dazu siehe z. B. Habermas (1968 a), Koselleck (1959) — fehlt weithin noch eine adäquate Analyse der Funktionen und des Funktionswandels der Öffentlichkeit; für den speziellen Fall des politischen Systems finden sich hierfür brauchbare Hinweise bei Luhmann (1970 d), an allgemeineren sozialpsychologischen Darstellungen von Privatheit und Intimität, auf die dafür zurückzugreifen wäre, siehe Coser (1961), Goldschmidt (1954), Lowenthal/Haven (1968), Schwartz (1968), Slater (1963), Stinchcombe (1963), Weitman (1970).Google Scholar
  51. 112.
    Als soziologischen Versuch zum Amtsgeheimnis siehe Wiebel (1970), allgemein vgl. vor allem Düwel (1965).Google Scholar
  52. 113.
    Zu einer Soziologie des Spieles und Spielens vgl. Bateson u. a. (1969), S. 12 f., Berlyne (1969), Berne (1970), Crespi (1968), Goffman (1961 a) (Fun in games), (1967 b) (Where the action is), Lyman/Scott (1970), S. 29–69; zur Übertragung spiel- und entscheidungstheoretischer Ansätze auf die internationale Politik siehe — im Zusammenhang zur Geheimhaltung — Deutsch (1969), Morgenstern (1962), Rapoport (1969).Google Scholar
  53. 114.
    Vgl. Lyman/Scott (1970), S. 33.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1974

Authors and Affiliations

  • Burkard Sievers

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