Advertisement

Geheimnis in kommunikations- und systemtheoretischer Perspektive

  • Burkard Sievers
Chapter
  • 13 Downloads
Part of the Studien zur Sozialwissenschaft book series (SZS, volume 23)

Zusammenfassung

Wenn statt des Nichtwissens die Nichtmitteilung das zentrale Moment für eine soziologische Betrachtungsweise des Geheimnisses darstellt, ist mit dieser Nichtmitteilung zugleich immer schon auf einen Mitteilungskontext verwiesen und zwar unabhängig davon, ob dieser Mitteilungskontext aktuell erlebt wird oder als künftiger bzw. nur als generell möglicher antizipiert wird. Der Begriff der Mitteilung aber impliziert eher den Begriff der Kommunikation als den der Interaktion. Der Interaktionsbegriff ist umfassender; er impliziert neben der Kommunikation eine Vielzahl weiterer Aspekte, wie etwa den der Selbstdarstellung der Interaktionspartner, der Solidarisierung, der Versicherung und Festigung wechselseitigen Vertrauens oder der emotionalen Expres-sivität und Stabilisierung 25. Die spezifische Funktion der Kommunikation besteht in der einfachen oder wechselseitigen Mitteilung von Nachrichten und Signalen und bietet den Teilnehmern damit die Möglichkeit der Information 26. Daß Nachrichten überhaupt Informationscharakter gewinnen können, setzt eine Selektion aus der Vielzahl von Informationsmöglichkeiten voraus, die jede Nachricht impliziert. Einer solchen Selektion liegt Sinn als Selektionskriterium zugrunde. In eben dieser Selektion von Möglichkeiten, in ihrer Reduktion zu Information bei gleichzeitigem Verweis über die aktuellen Möglichkeiten hinaus auf potentielle, liegt die Funktion von Sinn und damit zugleich das besondere Potential sinnverwendender Systeme. Sinnverwendende Systeme, die im Prozeß der Kommunikation die Information der Teilnehmer ermöglichen, sind soziale Systeme.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Anmerkungen

  1. 26.
    Als solche kann die soziale Kommunikation wiederum unterschiedliche Funktionen haben; dazu siehe z. B. Tembrock (1961), S. 190, vgl. Reimann (1968), S. 99.Google Scholar
  2. 27.
    Die dieser Arbeit zugrundeliegende Systemtheorie ist vor allem in den letzten Jahren von Niklas Luhmann entwickelt worden. Als einen zusammenfassenden Überblick siehe z. B. Sievers (1971).Google Scholar
  3. 28.
    Luhmann (1971 a), S. 42.Google Scholar
  4. 29.
    Zum ‚Sinn’ als soziologischem Grundbegriff siehe ausführlicher Luhmann (1971 a).Google Scholar
  5. 30.
    Zur Funktion der Negation für sinnhaftes Erleben und Handeln siehe Luhmann (1971 a), S. 35 ff.Google Scholar
  6. 31.
    Eine derartige Spezialisierung von Kommunikationen findet sich in Organisationen -speziell in Verwaltungen. Die Kommunikation in solchen organisierten Kommunikationssystemen ist gekennzeichnet durch ihre hohe Authentizität, durch ihre Zurechenbarkeit in bezug auf den Absender wie auch für die Adressaten sowie die Tatsache der Verant-wortbarkeit;vgl. Luhmann (1969 a), Sp. 836.Google Scholar
  7. 32.
    Dazu siehe vor allem Luhmann (1971 h).Google Scholar
  8. 33.
    Aus diesem Grunde wird auch eine ausschließlich semantische Begründung sozialer Kommunikationen, wie sie etwa von Habermas (1971 a) vorgenommen wird, fragwürdig.Google Scholar
  9. 34.
    Paralinguistische Kommunikationsmomente sind etwa Tonfall, Sprachtempo, Pausen, Lachen und Seufzen — vgl. Watzlawick u. a. (1969), S. 51.Google Scholar
  10. 35.
    Vgl. Luhmann (1971 a), S. 43 f.Google Scholar
  11. 36.
    Siehe Bateson u. a. (1969), dazu vgl. auch die Arbeiten von Haley (1969), Weakland (1969), Laing (1969 b), Watzlawick u. a. (1969); siehe auch den Überblick zu Schizophrenietheorien bei Berndt (1967).Google Scholar
  12. 37.
    Diese Annahme basiert auf der logischen Typenlehre Bertrand Russeis; vgl. dazu Watzlawick u. a. (1969), S. 176 oder Bateson u. a. (1969), S. 11 ff.Google Scholar
  13. 38.
    Vgl. Auch Arnold (1971), S. 72 ff. in bezug auf Motive, die als Grund für spezielle Verhaltensweisen angegeben werden.Google Scholar
  14. 39.
    Vgl. Bateson u. a. (1969), S. 13.Google Scholar
  15. 40.
    Zunächst in der Psychologie entwickelt, kommt diesen Kommunikations- bzw. Sprachmodalitäten vor allem in der Elektronik und in der automatischen Datenverarbeitung besondere Bedeutung zu. Während Analogrechner — der Rechenschieber ist dafür das beste Beispiel -mit realen, im wesentlichen stetigen physikalischen Größen (Längen, Stärken, Druck etc.) operieren, arbeiten Digitalrechner mit diskreten Zahlen auf der Grundlage relativ willkürlich festgelegter Kodifizierungen; zur Unterscheidung digitaler und analoger Kommunikationen siehe Watzlawick u. a. (1969), S. 61–68; vgl. auch die Stichworte „Analogrechner”, „Digitalrechner” bei Klaus (1969).Google Scholar
  16. 41.
    Zu diesen Techniken vgl. Weakland (1969), S. 227 ff.Google Scholar
  17. 42.
    Vgl. Bateson u. a. (1969), S. 13.Google Scholar
  18. 43.
    Zum Begriff der Reflexivität siehe Luhmann (1966 c), (1968 a), S. 63 ff., vgl. Sievers (1971), S. 38.Google Scholar
  19. 44.
    Vgl. Luhmann (1971 a), S. 64.Google Scholar
  20. 45.
    Zur Funktion von Erwartungen bzw. Erwartungserwartungen für das faktische Handeln siehe beispielsweise Luhmann (1969 c), vgl. (1966 c), S. 5 f.Google Scholar
  21. 46.
    Dazu siehe Luhmann (1971 a), S. 44 f.Google Scholar
  22. 47.
    Von dieser Enttäuschung muß jene Enttäuschung unterschieden werden, die generell mit jeder Information verbunden ist. Information bedeutet Überraschung und insofern nicht die Bestätigung der Erfahrung durch das Erwartete sondern Enttäuschung; vgl. auch Luhmann (1971 a), S.40ff.Google Scholar
  23. 48.
    Zu diesem kommunikativen Dilemma siehe etwa die Berichte aus familientherapeutischen Sitzungen bei Watzlawick u. a. (1969), S. 207 ff.Google Scholar
  24. 49.
    Die Unterscheidung kognitiver und normativer Erwartungen, denen verschiedene Stüe der Erlebnisverarbeitung und Enttäuschungsreaktion zugrundeliegen, trifft Luhmann (1969 c), S. 36 f. in Anlehnung an Galtung (1959).Google Scholar
  25. 50.
    Zur Funktion des Vertrauens siehe ausführlicher Luhmann (1968 a), ferner Deutsch (1958), (1960), Gibb (1964), Henslin (1968), Garfinkel (1963).Google Scholar
  26. 51.
    Daß es sich dabei jeweils nur um eine ungefähre Erfassung aller relevanten Momente der gemeinsamen Situation handeln kann, wird deutlich, wenn man sich die Komplexität der in einer Kommunikation relevanten Möglichkeiten vergegenwärtigt, die für die Handelnden normalerweise weitgehend latent bleiben: dazu vgl. etwa Strauss (1968), S. 57 ff.Google Scholar
  27. 52.
    Hierzu vgl. Garfinkel (1964).Google Scholar
  28. 53.
    In der Möglichkeit der Überraschung wird weithin der Hauptzweck der Geheimhaltung gesehen — vgl. z. B. Moore/Tumin (1949), S. 790, Lapp (1953), S. 225; die Möglichkeit der Überraschungsvermeidung bleibt dabei weitgehend außeracht.Google Scholar
  29. 54.
    Vgl. Feer (1970), S. 20: „Beseitigung von Ungewißheit ist Information”.Google Scholar
  30. 55.
    Vgl. Watzlawick u. a. (1969), S. 51.Google Scholar
  31. 56.
    Zur Falsifikation von Modalisierungen vgl. Bateson u. a. (1969), S. 13.Google Scholar
  32. 57.
    Zur Unterscheidung digitaler und analoger Kommunikationen siehe Watzlawick u. a. (1969), S. 61 ff., vgl. oben S. 23.Google Scholar
  33. 58.
    Watzlawick u. a. (1969), S. 73.Google Scholar
  34. 59.
    Ebenso wie Kommunikationen durch unterschiedliche Modi qualifiziert werden können, ist auch die Erfahrung modalisierbar. „Wahrnehmung, Vorstellung, Phantasie, Spinnerei, Träume, Erinnerungen sind ... verschiedene Modalitäten von Erfahrung.” Laing (1969 c), S. 14.Google Scholar
  35. 60.
    Zur Invalidierung der Erfahrung und Mystifikation des Erlebens siehe Laing (1969 b), S. 282 ff., (1969 c), S. 30, vgl. Haley (1969), S. 91 ff., Scott/Lyman (1968 a), S. 57 f., Sykes/Matza (1967).Google Scholar
  36. 61.
    Eine Negation der Kommunikation innerhalb eines Systems wäre zugleich unmöglich, da jede Kommunikationsvermeidung als solche bereits Mitteilungscharakter haben muß, um vom Anderen verstanden zu werden; vgl. Watzlawick u. a. (1969), S. 52, Haley (1969), S. 86.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1974

Authors and Affiliations

  • Burkard Sievers

There are no affiliations available

Personalised recommendations