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Geheimnis in handlungstheoretischer Perspektive — Fragestellungen bisheriger Ansätze

  • Burkard Sievers
Chapter
Part of the Studien zur Sozialwissenschaft book series (SZS, volume 23)

Zusammenfassung

Das Verdienst, Geheimnis und Geheimhaltung in den soziologischen Objektbereich gestellt zu haben, kommt wohl Georg Simmel und seiner Arbeit ‚Das Geheimnis und die geheime Gesellschaft’1 zu. Entsprechend dem Simmel’schen Soziologieverständnis als einer Wissenschaft von den Formen sozialer Wechselwirkung, ihren Bedingungen, Funktionen, gegenseitigen Beziehungen und Wandlungen findet das Geheimnis ein soziologisches Interesse im Kontext eines wechselseitigen Wissens der Interaktionspartner voneinander sowie um die gemeinsame Situation, das aller gesellschaftlichen Wechselwirkung vorausliegt. Mit diesem Wissen ist das Geheimnis zugleich konstitutiv verbunden; denn das Wissen um den anderen als Individuum — nicht als Typ — muß, wenn es umfassend und seinem Objekt angemessen sein soll, immer auch das Wissen um die Inadäquatheit und Unvollständigkeit dieses Wissens implizieren. Wissen muß zugleich Wissen um wissensmäßig Unzugängliches, um Geheimnis, sein. In dieser generellen Form bedarf das Geheimnis des Vertrauens als notwendiger Ergänzung, um Handeln überhaupt zu ermöglichen. Als hypothetischer Versuch überbrückt das Vertrauen2 mit Hilfe des eigenen Wissens das eigene Nichtwissen um den anderen und ermöglicht so erst soziales Handeln. Sowohl für den Eingeweihten wie für den Nichteinge weihten bedeutet das Geheimnis ein Wissen um Nichtwissen. Wer ein Geheimnis wahrt oder in es eingeweiht ist, weiß damit zugleich, daß andere über dieses Wissen nicht verfügen. Der Nichteingeweihte, der zwar um die Tatsache des Geheimnisses weiß, weiß damit zugleich auch, daß dessen Inhalt ihm wissensmäßig verborgen ist.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Simmel (1908 a), S. 373–402; vgl. auch ders. (1906 a).Google Scholar
  2. 2.
    Siehe Simmel (1908 a), S. 346, vgl. auch Simmeis Essay über das Abenteuer, in: ders. (1911 b), spez. S. 18 ff.Google Scholar
  3. 3.
    Simmel (1908 a), S. 359.Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. Simmel (1908 a), S. 389. Simmeis Überlegungen zur geheimen Gesellschaft sind mittlerweile empirisch zu überprüfen versucht worden, siehe Hawthorn (1956), Hazelrigg (1969); vgl. hierzu Becher (1971), S. 85.Google Scholar
  5. 5.
    Vgl. Simmel (1908 a), S. 349.Google Scholar
  6. 6.
    Simmel (1908 a), S. 358.Google Scholar
  7. 7.
    Stok (1929).Google Scholar
  8. 8.
    Vgl. v. Wiese im Vorwort zu Stok (1929), S. V.Google Scholar
  9. 9.
    Bernsdorf (1959), S. 544.Google Scholar
  10. 10.
    Retention als selektive Mitteilung bei Stok ist vom HusserPschen Begriff der Retention als des Noch-Bewußtseins, der Erinnerung im zeitlichen Handlungsablauf, zu unterscheiden; vgl. dazu Schütz (1960), S. 45 ff.Google Scholar
  11. 11.
    Stok (1929), S. 4.Google Scholar
  12. 12.
    Stok (1929), S. 5.Google Scholar
  13. 13.
    Stok (1929), S. 72.Google Scholar
  14. 14.
    Siehe dazu Goffman (1969), (1967 a), vgl. ferner (1955), (1956 a), (1956 b), (1957), (1961 a), (1961 c), (1963), (1967 b). Wie sehr dabei allerdings gerade bei Goffman der vom Entwicklungsstand der allgemeinen Soziologie her mögliche theoretische Bezugsrahmen oftmals zugunsten eines eher oberflächlich anmutenden Plaudertones vernachlässigt worden ist, darauf weisen vor allem Naegele (1956), S. 632, Seemann (1964) und Tiryakian (1968 a), S. 462 f. in Rezensionen Goffmanscher Arbeiten zu recht hin.Google Scholar
  15. 15.
    Glaser/Strauss (1964), S. 657; zum Dramaturgieansatz vgl. allgemein auch die Arbeiten von Berger (1969), Burke (1968), Messinger u. a. (1968); zur Kritik dieses Ansatzes vgl. Furth (1971), S. 7 ff.Google Scholar
  16. 16.
    Zur sozialen Funktion der Verlegenheit siehe Goffman (1956 a).Google Scholar
  17. 17.
    Vgl. Goffman (1969), S. 129 ff.Google Scholar
  18. 18.
    Siehe Glaser/Strauss (1964), vgl. dies. (1965 a), (1965 b), (1968) sowie Haystead (1971).Google Scholar
  19. 19.
    Siehe Glaser/Strauss (1964), S. 670.Google Scholar
  20. 20.
    So zeigen Glaser/Strauss (1965 a), S. 37 f., daß Krankenschwestern in Kommunikationen mit sterbenden Patienten, die nicht um ihr Schicksal wissen, zwar die Gegenwart und auch die fernere Zukunft einbeziehen, die unmittelbare Zukunft jedoch ausklammern.Google Scholar
  21. 21.
    So werden Krebspatienten z. B. in manchen Krankenhäusern auf verschiedene Abteilungen verteilt, um sie nicht mit anderen als den üblichen Erfahrungen von Krankheit zu konfrontieren und sie nicht aus der Nichtidentität gegenwärtigen Erlebens zu der vorhandenen Erfahrung auf ihre wirkliche Krankheit schließen zu lassen. Auch ist es üblich, daß sterbende Patienten — mit der Erklärung der Schmerzlinderung — hochgradig narkotisiert werden, um gewisse Erfahrungen bei ihnen zu verhindern; vgl. Glaser/Strauss (1965 a), S. 39, Goffman (1969), S. 87.Google Scholar
  22. 22.
    Siehe Glaser/Strauss (1965 a), (1965 b), Strauss/Glaser (1970).Google Scholar
  23. 23.
    Vgl. Rapoport (1969), S. 84 f.Google Scholar
  24. 24.
    Zu einer theologischen Betrachtung des Geheimnisses vgl. Rahner (1959), Rahner/Vorgrimler (1963), S. 119 f., Coreth (1964), S. 543, Hofer (1964).Google Scholar
  25. 25.
    Vgl. Luhmann (1969 a).Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1974

Authors and Affiliations

  • Burkard Sievers

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