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Spenglers Technikkritik als Medium konservativer Gesellschaftskritik

  • Thomas Kluge
Part of the Beiträge zur sozialwissenschaftlichen Forschung book series (BEISOFO, volume 71)

Zusammenfassung

Die anthropologisch ausgerichtete Theorie der Technik als ‘Taktik des Lebens’ führt Spengler fort, indem er die Geschichte der Arbeitsteilung, die Herausbildung gesellschaftlicher Arbeitsteilung und ihren Übergang in die industriell-kapitalistische als einen Prozeß der Zweiteilung der Technik beschreibt. Technik habe sich in Planung und Ausführung aufgespalten und in ihr sei von Natur aus ein Herrschaftsverhältnis verankert:

“Es gibt bei jedem Verfahren eine Technik des Führens und eine andere der Ausführung, aber ebenso selbstverständlich gibt es von Natur aus befehlende und gehorchende Subjekte und Objekte der politischen oder wirtschaftlichen Verfahren. . . Das ist die Grundform des vielgestaltig gewordenen menschlichen Lebens seit dieser Wandlung, die nur mit dem Leben selbst zu beseitigen ist.” (1)

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Literatur

  1. (1).
    O. Spengler, MuT, a.a.O., S. 50. (2) ebd., S. 52.Google Scholar
  2. (1).
    Der Dienstgedanke nimmt eine zentrale Stellung in Spenglers Schrift ‘Preußentum und Sozialismus’ ein, die die politischen Leitlinien der “Kapp-Putschisten” (der“Kapp-Putsch”dauerte vom 13.–17. März 1920) ebenso beeinflußte wie das konservative Denken um den Begriff des “Deutschen Sozialismus”. Spengler schwebte eine Volksgemeinschaft vor, die nur noch aus preußischem Dienstbeamtentum besteht, das nach einem “Bedarfs-Sold” entlohnt wird. Vgl. O. Spengler, Preussentum und Sozialismus, München 1924 (1919).Google Scholar
  3. (1).
    O. Spengler, MuT, a.a.O., S. 55.Google Scholar
  4. (2).
    Diese“Subjektivierung der äußeren Natur” ist eine spät-romantische, in der völkischen Ideologie großgewordene Verwässerung frühromantischer Positionen der Naturerkenntnis. Spengler versucht, diese zwar noch mit seinem Begriff der Intuition (vgl. die Diskussion zum Zeit-und Lebensbegriff) zu retten, aber die Subketivierung der äußeren Natur zeigt die Inkonsequenz dieses Systems. Der Romantik ging es um das menschliche Subjekt gleichwertig zur Natur: “Das Erkanntwerden eines Wesens durch ein anderes fällt zusammen mit der Selbsterkenntnis des Erkanntwerdenden, mit der des Erkennenden und mit Erkanntwerden des Erkennenden durch das Wesen, das er kennt.” Vgl. W. Benjamin, Die frühromantische Theorie der Naturerkenntnis, in: Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik, Ges. Werke Bd. 1.1, Frankfurt 1974, S. 58. Der Akzent der Subjektivierung liegt darin, daß Erkenntnis in erster Linie Selbsterkenntnis bedeutet — also gerade nicht die Herausverlagerung des Subjektes in den äußeren Gegenstand (Natur).Google Scholar
  5. (1).
    Vgl. in dieser Arbeit S. 74ff.Google Scholar
  6. (1).
    Vgl. in dieser Arbeit S. 42ff. (2) Fußnote auf der nächsten Seite.Google Scholar
  7. (1).
    O. Spengler, MuT, a.a.O., S. 78f.Google Scholar
  8. (1).
    O. Spengler, MuT, S. 63.Google Scholar
  9. (1).
    Die Technokratie-Bewegung nahm ihren Ausgang von den USA; besonders einflußreich waren hier die Schriften von Th. Veblen. Ernst Jünger hat 1932 in der Schrift: “Der Arbeiter” eine technokratische Vision der Gesellschaft entwickelt, in welcher u.a. der zuvor erwähnte “Dienstgedanke” Spenglers eine zentrale Stellung einnimmt. Vgl. auch D. Senghaas, The Technocrats — zur Technokratiebewegung in den USA in: Texte zur Technokratiediskussion, C. Koch und D. Senghaas (Hrsg.), Frankfurt 1–971.Google Scholar
  10. (2).
    Die Schrift “Mensch und Technik” war ursprünglich das Manuskript eines Vortrags, den Spengler. 1931 auf der Jahressitzung der Gesellschaft “Deutsches Museum” in München hielt und der insbesondere an die Adresse der technischen Intelligenz seiner Zeit gerichtet war.Google Scholar
  11. (3).
    O. Spengler, MuT, a.a.O., S. 74.Google Scholar
  12. (1).
    O. Spengler, MuT, a.a.O., S. 75.Google Scholar
  13. (2).
    ebd., S. 66.Google Scholar
  14. (1).
    Vgl. S.64ff.Google Scholar
  15. (2).
    O. Spengler, MuT, a.a.O., S. 71.Google Scholar
  16. (3).
    Auch diese Analysen formulierten “Zusaninenbruchsvorstellungen”: Das zur “Reife” sich bewegende Monopolkapital setze die Bedingungen seines eigenen Niederganges; das wesentliche Krisenmerkmal wurde aber darin gesehen, daß die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse die Produktivkräfte (d.h. auch die Entfaltung der Technologie) fesselten und als Hauptziel habe daher die “Befreiung” der Produktivkräfte zu gelten (vgl. z.B. die Analysen von R. Hilferding u. W.J. Lenin).Google Scholar
  17. (1).
    Vgl. hierzu auch E. Husserl, der in seiner Spätschrift (Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie) die These von der Reduktion der Naturwissenschaften auf Arbeitshypothesen begründet. Eine besondere Rolle mißt Husserl hierbei der Gecmetrisierung und Mathematisierung der Natur zu.Google Scholar
  18. (2).
    O. Spengler, MuT, a.a.O., S. 78.Google Scholar
  19. (3).
    Spenglers Zusammenschluß von Naturwissenschaft (im engeren Sinne) und gesellschaftlicher Krise steht im Zentrum des I. Teils dieser Arbeit; hier liegt der Akzent in der Thematisierung der Technik.Google Scholar
  20. (1).
    In F. Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse, Stuttgart 1953, S. 239ff.Google Scholar
  21. (2).
    Vgl. das diese Unsicherheit sehr bezeichnende Zitat aus: Fröhliche Wissenschaft? , a.a.O., “Was taten wir, als wir die Erde von der Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Konnt nicht immerfort Nacht und mehr Nacht?” aus F. Nietzsche, Fröhliche Wissenschaft, Stuttgart 1976, S. 140f.Google Scholar
  22. (3).
    Vgl. die obigen Ausführungen zur Raubtier-Symbolik, S.30ff.Google Scholar
  23. (1).
    Vgl. meine Ausführungen S. 92ff.Google Scholar
  24. (1).
    Vgl. die Ausführungen zum Verhältnis von Geschichte und Natur in dieser Arbeit.Google Scholar
  25. (1).
    Vgl. Platon, Timaios, in Hauptwerke, Stuttgart 1965, S. 279ff., hrsg. v. W. Nestle.Google Scholar
  26. (2).
    Diese Ambivalenz vom “Ende der Technik” und dem “Verrat an der Technik” (das eine Moment bedeutet die objektive Auflösung, das andere die subjektive Wiederherstellung der Technik) ist eine Variante Spenglers immer gleicher Entgegensetzung von Pragmatik und toter Wissenschaft (Auflösung des Denkens, der Technik etc.). Vgl. zur grundsätzlichen Problematik dieser Annahmen meine Ausführungen zur Anthropologie und dem Verhältnis von Natur und Geschichte bei Spengler. .Google Scholar
  27. (1).
    O. Spengler, MuT, a.a.O., S. 81.Google Scholar
  28. (2).
    Vgl. auch: “Gerade die starken und schöpferischen Begabungen wenden sich von praktischen Problemen und Wissenschaften ab und der reinen Spekulation zu. Okkultismus, indische Philosophie, metaphysische Grübeleien christlicher oder heidnischer Färbung, die man zur Zeit des Darwinismus ablehnte, tauchen wieder auf...”, ebd. , S. 82Google Scholar
  29. (1).
    Vgl. O. Spengler, MuT, a.a.O., S. 84ff.Google Scholar
  30. (2).
    Vgl. J. Petzold, Die Wegbereiter des Faschismus, Köln 1978, S. 262f.Google Scholar
  31. (3).
    Vgl. insbesondere die Ausführungen zur Naturwissenschaftskritik Spenglers.Google Scholar
  32. (1).
    O. Spengler, UdA, Bd. II, a.a.O., S. 624ff.Google Scholar
  33. (2).
    ebd., S. 626.Google Scholar
  34. (3).
    ebd., S. 628.Google Scholar
  35. (1).
    O. Spengler, UdA, Bd. II, a.a.O., S. 629. (2) ebd., S. 629.Google Scholar
  36. (1).
    Vgl. J. Petzold, Die jungkonservativen Kritiker der Naziherrschaft, in: Wegbereiter des Faschismus, a.a.O., S. 301 ff.Google Scholar
  37. (2).
    Vgl. zu dem angsprochenen persönlichen Verhältnis Spenglers zum Nationalsozialismus: E. Stutz, O. Spengler als politischer Denker, Bern 1958, S. 234ff.Google Scholar
  38. (1).
    G. Anders, Nihilismus und Existenzialismus, in: Die Neue Rundschau/ Stockholm, Okt. 1946, S. 49ff.Google Scholar
  39. (2).
    Vgl. in dieser Arbeit die Diskussion des Verhältnisses von Geschichte und Natur bei Spengler.Google Scholar
  40. (1).
    Daß diesem Lebensbegriff ein Begriff der “subjektiven Natur” korrespondiert, wurde zuvor schon diskutiert. Wie sehr ein solcher Natur- und Lebensbegriff der Jugendbewegung harmonieren, zeigt das Zitat aus der Zeitschrift “Der weiße Rabe”, 2 (1933), H.5/6, S.23, wo H. Lange rückblickend formuliert: “Wohin sollte die Jugend sehen, wonach sollte sie sich während des demokratischen Interregnums, in das ihre Werdung zur Selbständigkeit fiel, richten? Nichts,- außer der Natur: den Zeichen, die die Jahreszeiten auf die Erde schreiben, der unabänderlichen Widerkehr des Gleichen in der Landschaft schien noch beständig zu sein ... So kam es ..., daß (man) das Einfache, Unwandelbare: die Felder, Äcker, die Teiche, Flüsse, besang...” Zit. nach H.O. Schäfer, Naturdichtung und Neue Sachlichkeit, in: W. Rothe (Hrsg.), Deutsche Literatur in der Weimarer Zeit, Stuttgart 1974, S. 363.Google Scholar
  41. (2).
    So heißt es zum Ende von MuT, a.a.O., S. 89: “Wir sind in diese Zeit geboren und müssen tapfer den Weg zu Ende gehen, der uns bestimmt ist. Es gibt keinen anderen. Auf dem verlorenen Posten ausharren ohne Hoffnung, ohne Rettung, ist Plficht... Das ist Größe, das heißt Rasse haben. Dieses ehrliche Ende ist das einzige, das man dem Menschen nicht nehmen kann.”Google Scholar
  42. (1).
    Mit der Unterscheidung von Werte- und Strukturkonservativismus wird die Ökologie als auf Werte bezogen eingeordnet. Vgl. z.B. J. Strasser und K. Traube: Die Zukunft des Fortschritts, Bonn 1981, S. 197Google Scholar
  43. (1a).
    E. Eppler, Ende oder Wende, München 1976Google Scholar
  44. (1).
    Diese Rezeption erscheint meist als weiter nicht begründetes Zitat von Spenglers Dämonisierung der Technik: so z.B.: J. Strasser u.K.Traube, Die Zukunft des Fortschritts,a.a.O.,S.142; D.Dickson, Alternative Technologie, Mönchen 1978,S.13; J. Bönig, Technik U.Rationalisierung, in: K. Troitzsch u. G. Wohlauf (Hrsg.), Technikgeschichte, Historische Beiträge u. neuere Ansätze, Frankfurt 1980, S. 394.Google Scholar
  45. (2).
    Wie wenig dieser Problemzusammenhang gesehen wird, zeigt auch die sehr materialreiche und eingehende Standortbestimmung der Technik vor 1933 in dem von K.H.Ludwig verfaßten Buch: “Technik und Ingenieure im III. Reich” ,a.a.O. ,S.44. Er vermerkt zu Spengler, daß er zwar großen Ein-fluß ausgeübt habe; Spengler “...kam kritischen Stimmen aus der Ingenieurberufsgruppe entgegen, bot mit seinem romantisch-sozialkonservativen Ansatz aber keine wirklich brauchbare Lösung gesellschaftlicher Probleme.”Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1985

Authors and Affiliations

  • Thomas Kluge

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