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Zum Zusammenhang von Fortschrittskritik, Statik und Katastrophe

  • Thomas Kluge
Part of the Beiträge zur sozialwissenschaftlichen Forschung book series (BEISOFO, volume 71)

Zusammenfassung

“Not ist nötig! Daher das Geschrei der Politiker, daher die vielen falschen, erdichteten, übertriebenen “Notstände” aller möglichen Klassen und die blinde Bereitwilligkeit, an sie zu glauben. Diese junge Welt verlangt, von außen her solle — nicht etwa das Glück -, sondern das Unglück kommen oder sichtbar werden; und ihre Phantasie ist schon voraus geschäftig, ein Ungeheuer daraus zu formen, damit sie nachher mit einem Ungeheuer kämpfen könne.” F. Nietzsche (1)

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Literatur

  1. (1).
    F. Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, Stuttgart 1976, S. 79.Google Scholar
  2. (2).
    G. Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, Bd. I, München 1964, S. 276f.Google Scholar
  3. (1).
    M. Horkheimer, Kritik der instrumentellen Vernunft/ 1964, S. 153.Google Scholar
  4. (1).
    Ich denke hierbei an L. Mimford, C. Amery, O. Ullrich und I. IllichGoogle Scholar
  5. (2).
    I. Fetscher, Marx und das Umweltproblem, in: ders. Überlebensbedin-gungen der Menschheit, München 1980, S. 110ff.Google Scholar
  6. (3).
    Vgl. O. Ullrich, Weltniveau, a.a.O., S. 9 u. 66ff.Google Scholar
  7. (1).
    Sehr kennzeichnend ist Benjamins Ausspruch im Anhang zu seinen geschichtsphilcscphischen Thesen: “Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotive der Weltgeschichte. Aber vielleicht ist dem gänzlich anders. Vielleicht sind Revolutionen der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.” in: W. Benjamin, Ges. Werke Band I .3,rankfurt 1974, S. 1232.Google Scholar
  8. (2).
    Vgl. H. Marcuse, Der eindimensionale Mensch, Neuwied 1967, S. 39ff. bzw. ders., Zum Begriff der Negation in der Dialektik, in: Ideen zu einer kritischen Theorie der Gesellschaft, Frankfurt 1969, S. 186ff.Google Scholar
  9. (1).
    A. Gorz, Abschied vo Proletariat, Frankfurt 1980, S. 11ff.Google Scholar
  10. (2).
    Vgl. R. Hilferding, Das Finanzkapital, Frankfurt 1973.Google Scholar
  11. (3).
    W.I. Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, Berlin 1970.Google Scholar
  12. (1).
    Vgl. O. Ullrich, Weltniveau, 1970, S. 69ff., 107.Google Scholar
  13. (2).
    Vgl. O. Ullrich, Weltniveau, 1970,, S. 67.Google Scholar
  14. (3).
    Vgl. zu dieser grundsätzlichen Annahme L. Mumford, Mythos, a.a.O., S. 817–821, bei I. Illich Selbstbegrenzung, a.a.O., die Ausführungen zum Begriff “Konvivialität”, S. 31ff. und C. Amery, Natur als Politik, a.a.O., S. 172ff.Google Scholar
  15. (1).
    “Es war aber auch insgesamt das Klima der Fortschrtsmythen des 19. Jahrhunderts, in dem auch Marx gefangen war: alles, was geschah, mußte interpretiert werden als vorwärtsweisend auf der großen Straße des Fortschrittes.”, O. Ullrich, Weltniveau, a.a.O., S. 67.Google Scholar
  16. (1).
    K. Marx, Das Kapital Band I, Marx-Engels-Werke, Band 23, Berlin 1970, S. 741ff.Google Scholar
  17. (2).
    Vgl. K. Marx, Das Kapital Band I, Marx-Engels-Werke, Band 23, Berlin 1970, S. 747.Google Scholar
  18. (1).
    Vgl. K. Marx, Das Kapital Band I, Marx-Engels-Werke, Band 23, Berlin 1970, S. 747. Dieser Hinweis scheint mir notwendig, denn allzu oft wird in ökologischen Kritiken Marx1 angebliche Verachtung der bäuerlichen und handwerklichen Produktion zugunsten der großen Industrie unterstellt. So zitiert Marx Mirabeaus Schilderung der Situation der Bauern in Deutschland zur Zeit Friedrichs des Großen. Die private Flachsverarbeitung der Bauern verschaffte diesen zusätzliche Verdienstquellen zum überleben: “... doch trotz dieser Hilfsquellen welch mühseliges Leben! Im Sommer arbeitet er wie ein Sträfling beim Pflügen und bei der Ernte; um 9 h legt er sich schlafen und steht um 2 h auf, um mit seinen Arbeiten fertig zu werden. Im Winter müßte er seine Kräfte durch eine längere Ruhe erfrischen; aber es würde ihn das Korn für Brot und Aussaat fehlen, wenn er sich der Bodenfrüchte entledigt, die er verkaufen müßte, um die Steuern zu bezahlen. Um dieses Loch zu stopfen, muß er daher spinnen ... und zwar mit größter Beharrlichkeit. So geht denn der Bauer im Winter um Mitternacht zur Ruhe und steht um 5 oder 6 h auf; oder aber er legt sich um 9 h und steht um 2 h auf, und so alle Tage seines Lebens, abgesehen vom Sonntag. Dies Übermaß von Wachen und Arbeiten verbraucht den Menschen und so kommt es, daß auf dem Lande Männer und Frauen viel früher altern als in der Stadt.” K. Marx, Das Kapital, Bd. I., a.a.O., S. 760f.Google Scholar
  19. (1).
    K. Marx, Das Kapital, Bd. I., a.a.O., S, 789.Google Scholar
  20. (2).
    ebd., S, 791.Google Scholar
  21. (1).
    K. Marx, Das Kapital I, a.a.O., S. 791.Google Scholar
  22. (1).
    (2) und (3) O, Ullrich, Weltniveau, a.a.O., S. 112, 118ff, 118.Google Scholar
  23. (1).
    O. Ullrich, Weltniveau, a.a.O., S. 118.Google Scholar
  24. (1).
    K. Marx, Grundrisse der Kritik der pol. Ökonomie, Frankfurt 1971, S. 292.Google Scholar
  25. (1).
    O. Ullrich, Weltniveau, a.a.O., S. 119.Google Scholar
  26. (2).
    Neonazistische Gruppierungen benutzen durchweg solche Argumentationen bis hin zu dem reaktionären Standpunkt des sogenannten “Ethno-pluralismus”. Der“Nichtintegrierbarkeit”von Ausländern wird ein Regionalismus entgegengesetzt unter Verwendung des Autonomiegedankens: Türken z.B. seien der “deutschen Wesensart” so entgegengesetzt, daß man für ihr eigenes Wohl sorge, wenn man sie wieder ihrem autonomen Kulturkreis zuführe etc. Vgl. zu diesen Aspekten die sehr ausführliche Dokumentation von J. Peters, Nationaler “Sozialismus von Rechts”, Berlin 1980, S. 187ff.Google Scholar
  27. (1).
    Vgl. in dieser Arbeit S. 82ff.Google Scholar
  28. (1).
    O. Ullrich, Weltniveau, a.a.O., S. 129.Google Scholar
  29. (1).
    Vgl. hierzu: Aufstand der Provinz, Regionalismus in Westeuropa, hrsg. v. Dirk Gerdes, Frankfurt/M., New York 1980.Google Scholar
  30. (1).
    Hierbei sei an Beispiele von reaktionären Tendenzen bzw. Fraktionen in regionalistischen Bewegungen erinnert/z.B. an die Heimatbewegung Südtirols bzw. an die reaktionären Strömungen in regionalistischen Bewegungen in Elsaß-Lothringen oder in Belgien.Google Scholar
  31. (2).
    O. Ullrich, Weltniveau, a.a.O., S. 119.Google Scholar
  32. (1).
    C. Amery, Natur als Politik, Hamburg 1976.Google Scholar
  33. (2).
    C. Amery, Natur als Politik, Hamburg 1976, S. 167.Google Scholar
  34. (3).
    Dies äußert sich in der schlichten Feststellung Amerys: “Bisher hat sich der Materialismus und zwar der inkonsequente Materialismus damit begnügt, die Welt zu verändern. Jetzt gilt es, Schwereres zu unternehmen, sie zu erhalten.” (C. Amery, Natur, ebd., S. 182 u. 185). Die vordergründige Evidenz solcher Erhaltungssätze verkennt in ihrer schlichten Konkretheit, daß Erhaltung selbst im Sinne Amerys die Veränderung zur Voraussetzung hätte.Google Scholar
  35. (1).
    C. Amery, Natur als Politik, a.a.O., S. 184.Google Scholar
  36. (2).
    Vgl. S. 78ff.Google Scholar
  37. (1).
    C. Castoriadis, Durchs Labyrinth, a.a.O., S. 159f.Google Scholar
  38. (2).
    Prigogine und Stengers, Dialog, a.a.O., S. 210f.Google Scholar
  39. (3).
    Ullrich spricht im Zusamnenhang mit der Entropie von der Labilität von Gleichgewichtsverhältnissen: “.. .wenn ein bestimmter ‘Schwellenwert’ erreicht ist, genügt in vielen Fällen nur noch ein kleiner Anstoß, um das Gleichgewicht umzukippen.” O. Ullrich, Weltniveau, a.a.O., S. 98. Ullrich verkennt, daß der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik “eigentlich eine Theorie ist und kein Gesetz.” E. Chargaff, Unbegreifliches Geheimnis, Stuttgart 1980, S. 180.Google Scholar
  40. (1).
    C. Amery, Natur als Politik, S. 184. Bei I. Illich heißt es in vergleichbarer Weise: “Der Drohung einer technokratischen Apokalypse setze ich die Vision einer konvivialen Gesellschaft entgegen.” Ders., in: Selbstbegrenzung, a.a.O., S. 35.Google Scholar
  41. (2).
    C. Amery, a.a.O., S. 156ff.Google Scholar
  42. (1).
    C. Amery, Natur als Politik, a.a.O., S. 156f.Google Scholar
  43. (2).
    Es ist zu banal, darauf hinweisen zu müssen, daß Ratten dort auftauchen, wo zerstörte soziale Beziehungen und soziales Elend herrschen; das war nach der Niederringung des Faschismus in den zerbombten Städten Deutschlands der Fall und ist ein Problem in den Slums von New York wie auch in denen der Dritten Welt. Es ist nicht zu entschuldigen, diese sozialpolitischen Bedingungen in eine Kampfarena von Mensch und Tier zu verbannen.Google Scholar
  44. (3).
    C. Amery, Natur als Politik, a.a.O., S. 119.Google Scholar
  45. (1).
    Ich behaupte hiermit nicht, daß diese lebensphilosophischen Denkschablonen die gesamte Ökologiedebatte prägen, ich will nur auf die verbreitete Präsenz dieser antiquierten Vorstellungen hinweisen. Wie verbreitet sie jedoch sind, zeigt auch eine Äußerung von F. Duve (Hrsg. des ökologisch-theoretischen Organs, Technologie und Politik). Er glaubt, im Editorial zu den hier schon diskutierten Aufsätzen von Mumford (Technol. und Pol. H. 16) und Ullrich (ebd.) diese auf folgende Fragestellung hin “bündeln” zu müssen: “In Analogie könnte es immerhin sein, daß die ‘physikalischen Gesetze’, so wie sie der Mensch aus der störungsfreien und gänzlich künstlichen Situation des Experiments abgeleitet hat, zwar ein Strukturprinzip des Lebendigen ausmachen, daß diese aber, sobald sie in aller unlebendigen Nacktheit freigesetzt und durch den einwirkenden Menschen überbetont werden, alles Lebendige in Totes verwandeln... “ (F. Duve, Techn. u. Pol., H. 16, Hamburg 1980, S. 4). Die zunächst noch im Konjunktiv gehaltene Analogie von überbetontem “Naturgesetz” und Verwandlung alles Lebendigen in Totes (eine völlig unhaltbare Analogie: aus ihr spricht eine Unkenntnis dessen, was ein Naturgesetz ist) glaubt Duve, auf folgende “Grundannahmen” bringen zu müssen: “Alle T.echnik, alle physikalische und biologische Anwendung bewirkt Zurückdrängung des Lebendigen zugunsten des Toten. “ Technologie und Politik, Heft 16, a.a.O., S. 4.Google Scholar
  46. (2).
    D. Meadows, u.a., Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit, Hamburg 1973.Google Scholar
  47. (1).
    D. Meadows, u.a., Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit, Hamburg 1973, S. 17.Google Scholar
  48. (1).
    H.M. Enzensberger hat richtigerweise daraufhingewiesen, daß die “Apokalypse zu unserem ideologischen Handgepäck” gehöre ... “von der Punkmode bis zur Reaktorkatastrophe wird alles und jedes aufgefaßt als obskures Zeichen für eine imaginäre Totalität, die Katastrophe überhaupt”. Enzensberger kritisiert in seinen ‘Zwei Randbemerkungen zum Weltuntergang’ auch zu Recht die landläufige Ideologiekritik daran, daß sie zu schnell jedes natur- und gesellschaftsverbindende Denken tabuisiere durch eine strikte Trennung von Natur und Gesellschaft. Das klingt hoffnungserweckend und könnte als Schritt in die richtige Richtung interpretiert werden. Abzulehnen ist jedoch seine Einschätzung zum wissenschaftlichen Wissen, das zur Zukunft nichts zu sagen habe: “Die Zukunft, die du meinst, ist überhaupt kein Gegenstand der Wissenschaften. Sie ist etwas, das nur im Medium der gesellschaftlichen Phantasie existiert, und das Organ, mit dem sie hauptsächlich erfahren wird, ist das Unbewußte. Daher rührt die Mächtigkeit der Bilder, die wir alle miteinander Tag und Nacht hervorbringen, nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem ganzen Körper.” (H.M. Enzensberger, Zwei Randbemerkungen zum Weltuntergang, in: Kursbuch 51, Berlin 1978, S. 1 und 6). Enzensbergers Formulierung von dem — den ganzen Körper erfassenden -Organ des Unbewußten, das im Medium der gesellschaftlichen Phantasie walten soll, ist lediglich eine andere Formulierung für den Begriff der Intuition, wie sie im Gegensatz zum System der Wissenschaft existieren solle. Es ist schon erstaunlich, mit welcher Präzision hier die Tradition der deutschen Kulturkritik wieder hervorbricht. Ich habe in meiner Arbeit in mehreren Perspektiven aufgezeigt, wieso der Begriff der Intuition ein antiquiertes Produkt der Trennung von Geistes- und Naturwissenschaften ist, ja daß dieser Begriff jene Trennung geradezu verstärkt. Solange also mit der Aufhebung jener Trennung nicht ernst gemacht wird, wird es wohl kein Halten geben, daß immer neue Versionen des “alten” Begriffes von der Intuition auf dem Boden der deutschen Kulturkritik neue Nahrung finden.Google Scholar
  49. (1).
    Dies ist ein Begriff aus der theoretischen Biologie; er ersetzt den aus der klassischen Thermodynandk stammenden Begriff des Gleichgewichts durch den des Fließ- oder Phasengleichgewichtes. Im Gegensatz zur Thermodynamik findet “Fließgleichgewicht” als biologie-theoretischer Begriff Anwendung auf “offene Systeme”, auf Phänomenbereiche der Natur (z.B. Nährstoffbeziehungen in aquatischen Systemen). Die problematische Ausweitung des Begriffs “Fließgleichgewicht” über die Biologie hinaus darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß auch das Fließgleichgewicht “offener Systeme” immer noch an das Modell der klassischen Gleichgewichts-Thermodynamik gebunden ist.Google Scholar
  50. (2).
    Vgl. W. Heisenberg. Der Teil und das Ganze, Gespräche im Umkreis der Atomphysik, München 1973, S. 80.Google Scholar
  51. (1).
    Vgl. Fußnote 1, S. 253.Google Scholar
  52. (2).
    K. Marx, zit.n. P. Haas: Kritik der Weltmodelle, München 1980, S. 87.Google Scholar
  53. (3).
    J. Collins u. F.M. Lappe, Vom Mythos des Hungers, Die Entlarvung einer Legende: Niemand muß hungern, Frankfurt 1978.Google Scholar
  54. (4).
    P. Haas, Kritik der Weltmodelle, 1978, S. 86f.Google Scholar
  55. (1).
    P. Haas, Kritik der Weltmodelle, 1978, S. 86f.Google Scholar
  56. (1).
    Bedenklich muß in diesem Zusammenhang folgende Ansicht Illichs stimmen: “Vor allem liegt mir daran, klarzumachen, daß zwei Drittel der Menschen noch die Chance haben, den Durchgang durch das industrielle Zeitalter zu vermeiden, wenn sie sich heute für eine auf ein postindustrielles Gleichgewicht begründete Produktionsweise entscheiden. “ I. Illich, Selbstbegrenzung, a.a.O., S. 9. Dieses postindustrielle Gleichgewicht würde die vorsätzliche Festschreibung des Welthunger-problems bedeuten. Der Hauptmangel solcher Postulate ist ihre ge-schichtslose Sicht der Dinge und der umstandslose Rekurs auf das Gleichgewichtsdenken.Google Scholar
  57. (1).
    C. Amery, Natur als Politik, a.a.O., S. 174.Google Scholar
  58. (1).
    Der zentrale Kritikpunkt an der Dynamik aus physikgeschichtlicher Sicht war, daß aus den einfachen Gesetzen der Trajektorien die gesamte, komplexe Welt ableitbar und erklärbar sein sollte bzw. auf Grundlage eines “augenblicklichen Zustandes” Zukunft und Vergangenheit der Welt.Google Scholar
  59. (2).
    T.W. Adorno, zit. nach E. Becker, Zum allgemeinen Diskurs über die Krise, Frankfurt 1982, unveröffentlichtes Manuskript, S. 31.Google Scholar
  60. (1).
    So hätte eine Kritik der Naturwissenschaften auch der Frage nachzugehen, welches Verhältnis von Prinzipien der klassischen Dynamik und technologischer Umsetzung anzunehmen ist, ob und wie die mit dem System der Dynamik verbundenen klassischen Ideale der Naturbeherrschung in technologischen Strukturtypen idealisierter Gleichgewichte fortwirken. Rein äußerlich betrachtet läßt sich z.B. eine Verbrennungsnaschine so charakterisieren, daß die Abfolge der “Explosionen” durch Zylinderventile, Drehzahlregelung und Getriebe etc. auf einen je gewünschten Gleichgewichts zustand gehalten und stabilisiert werden kann und damit die Maschine am “Explodieren” oder “unsteuerbaren Weglaufen” gehindert wird. Diese “Phänomenologie” erklärt aber noch nicht die zuvor benannte Fragestellung der Naturwissenschaftskritik. Ich kann hier nur auf ein Problem hinweisen. Die Bearbeitung dieser Frage müßte in ganzer Breite die inhaltliche Struktur der Dynamik erfassen, die in ihr enthaltenen nichtempirischen Begriffe und Voraussetzungen: das ihnen zugrunde liegende Weltbild.Google Scholar
  61. (1).
    Auch im Hinblick auf die Friedensbewegung gilt zu bedenken, was ich hinsichtlich der Ökologie zu verdeutlichen versuchte: daß nämlich das stationäre Gleichgewichtsdenken einhergeht mit abstrakten Ängsten: “Die Welt anhalten zu wollen”. Wenn die sehr ernstzunehmende Furcht vor einem atomaren Schlagabtausch nicht die Verbindung zum bewußten Willen der Änderung dieser strukturellen Gewalt und ihrer gesellschaftlichen Bedingungen eingeht, und wenn nur eine abstrakte Angst vor dem Kriege regiert, läßt man der Blockierung des Denkens und der Blockierung praktischer Möglichkeiten zu einer neuen Gesellschaft freien Lauf. Der Glaube an den Fatalismus siegt über die bewußten Möglichkeiten der Veränderung. Ein Fatalismus der Friedensbewegung und der ökologische Fatalismus eines Gorz machen aus der Not einer fehlenden Theorie über die Gesellschaft eine Tugend, wenn es bei Gorz heißt: “Der Fortschritt hat eine Schwelle erreicht, hinter der er seinen Sinn verändert: Die Zukunft hält nur Drohungen parat, nicht Hoffnungen. Die Fortschritte des Produktivismus gehen einher mit der Barbarei und der Unterdrückung. Es macht also keinen Sinn, darüber nachzugrübeln, wohin wir gehen oder uns an die immanenten Gesetzlichkeiten der historischen Entwicklung zu klammern. Wir gehen nirgendwo hin, die Geschichte erzeugt keinen Sinn. Von ihr ist nichts zu erhoffen, auch ist ihr nichts zu opfern.” (A. Gorz, Abschied vom Proletariat, Frankfurt 1980, S.68). (Fortsetzung der Fußnote siehe nächste Seite)Google Scholar

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  • Thomas Kluge

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