Advertisement

Probleme einer Theorie der Verrechtlichung industrieller Beziehungen — Am Beispiel von Franz L. Neumann

  • Rainer Erd
Chapter
  • 44 Downloads
Part of the Leviathan Sonderhefte book series (LSOND, volume 4)

Zusammenfassung

Bürgerliches Recht ist der deutschen Arbeiterbewegung seit ihren Anfängen ein unbewältigtes theoretisches und politisches Problem. Die orthodox marxistische Interpretation staatlicher Normen als „Klassenrecht“ bestimmte weitaus mehr die Diskussion jener Teile der Arbeiterbewegung, die als Außenstehende über keinen bedeutsamen Einfluß auf die Gewerkschaften verfügten. So bildete sich schon gegen Ende des letzten Jahrhunderts in den dominierenden sozialdemokratischen und vor allem in den stärker pragmatisch orientierten Gewerkschaften ein Verhältnis zum bürgerlichen Recht heraus, das von Kritikern als „legalistisch” etikettiert wurde. Legalismus wird als Kennzeichnung dafür verwendet, daß die Gewerkschaften ihr Handeln nicht allein an Kriterien der Interessenartikulation und der strategischen Abwägung von politischen Zielen und organisatorischen Ressourcen orientieren, sondern auch normative Elemente berücksichtigen. Legalismus bezeichnet für seine Kritiker eine gewerkschaftliche Praxis, die politische Ziele nur dann propagiert, wenn sie sich in das Korsett der herrschenden Rechtsordnung einfügen. Einem legalistischen Selbstverständnis ist das staatlich-rechtliche Diktum Schranke der Artikulation von Forderungen. An eine nicht-legalistische, instrumentelle Gewerkschaftspolitik hingegen wird die Erwartung gerichtet, daß sie die Formulierung, Artikulation und Durchsetzung von Forderungen an die Interessen der Lohnabhängigen knüpft und auch dann daran festhält, wenn staatlich gesetztes Recht entgegensteht. Legalismus ist die klassische Strategie des Reformismus, während revolutionäre Gewerkschaftstheorien im Recht zwar auch eine Schranke politischen Handelns sehen, die indes nicht akzeptiert, sondern überwunden werden soll.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. Blanke, Bernhard, 1975: Der deutsche Faschismus als Doppelstaat. Kritische Justiz 1975; S. 221 ff.Google Scholar
  2. Blanke, Thomas, 1980: Der Beamtenstreik im demokratischen Rechtsstaat. Kritische Justiz 1980; S. 237 ff.Google Scholar
  3. Dubiel, Helmut, 1978: Wissenschaftsorganisation und politische Erfahrung. Studien zur frühen Kritischen Theorie; Frankfurt am MainGoogle Scholar
  4. Erd, Rainer, 1978: Verrechtlichung industrieller Konflikte. Normative Rahmenbedingungen des dualen Systems der Interessenvertretung; Frankfurt am Main — New YorkGoogle Scholar
  5. Erd, Rainer, 1979: Verrechtlichte Gewerkschaftspolitik. Bedingungen ihrer Veränderung und Entstehung. In: J. Bergmann (Hg.), Beiträge zur Soziologie der Gewerkschaften; Frankfurt am Main, S. 143 ff.Google Scholar
  6. Erd, Rainer, 1980: Aussperrung — eine Institution des Wettbewerbsrechts? Kritische Justiz 1980; S. 373 ff.Google Scholar
  7. Fraenkel, Ernst, 1927: Zur Soziologie der Klassenjustiz. In: ders., Zur Soziologie der Klassenjustiz und Aufsätze zur Verfassungskrise 1931–1932, Darmstadt 1968; S. 1 ff.Google Scholar
  8. Erd, Rainer, 1929: Kollektive Demokratie. In: Thilo Ramm (Hg.), Arbeitsrecht und Politik; Neuwied ans Rhein, Berlin-Spandau 1966; S. 79 ff.Google Scholar
  9. Erd, Rainer, 1930: Zehn Jahre Betriebsrätegesetz. In: Thilo Ramm (Hg.), a. a. 0.; S. 97 ff.Google Scholar
  10. Erd, Rainer, 1932: Die politische Bedeutung des Arbeitsrechts. In: Thilo Ramm (Hg.), a. a. O.; S. 247 ff.Google Scholar
  11. Erd, Rainer, 1940: Der Doppelstaat; Frankfurt am Main — Köln 1974Google Scholar
  12. Hughes, Stuart, 1969: Franz Neumann between Marxism and Liberal Democracy. In: Donald Fleming and Bernard Bailyn, The Intellectual Migration. Europe and America, 1930–1960, Cambridge/Massachusetts; S. 446 ff.Google Scholar
  13. International Institute of Social Research, 1938: A Report on its History, Aims and Activities 1933–1938; New YorkGoogle Scholar
  14. Jay, Martin, 1976: Dialektische Phantasie. Die Geschichte der Frankfurter Schule und des Instituts für Sozialforschung 1923–1950; Frankfurt am MainGoogle Scholar
  15. Kahn-Freund, Otto, 1931: Das soziale Ideal des Reichsarbeitsgerichts. In: Thilo Ramm (Hg.), a. a. O., S. 149 ff.Google Scholar
  16. Erd, Rainer, 1976: Hugo Sinzheimer. In: Hugo Sinzheimer, Arbeitsrecht und Rechtssoziologie, Band 1; S. 1 ff.Google Scholar
  17. Kirchheimer, Otto, 1930: Weimar — und was dann? In: ders., Politik und Verfassung, Frankfurt ans Main 1964; S. 9 ff.Google Scholar
  18. Erd, Rainer, 1941: Die Rechtsordnung des Nationalsozialismus. In: ders., Funktionen des Staates und der Verfassung. 10 Analysen, Frankfurt am Main 1972; S. 115 ff.Google Scholar
  19. Erd, Rainer, 1957: Franz Neumann: An Appreciation (Power and Freedom). In: Dissent, Band IV, S. 382 ff.Google Scholar
  20. Kettler, David, 1957: Franz Neumann: An Appreciation (Dilemma and Radicalism). In: Dissent, Band IV; S. 386 ff.Google Scholar
  21. Löwenthal, Leo, 1980: Mitmachen wollte ich nie. Ein autobiographisches Gespräch mit Helmut Dubiel; Frankfurt am MainGoogle Scholar
  22. Luthardt, Wolfgang, 1977: Hugo Sinzheimer, Arbeitsrecht und Rechtssoziologie (Bespr.), Kritische Justiz 1977; S. 443 ff.Google Scholar
  23. Maus, Ingeborg, 1978: Entwicklung und Funktionswandel der Theorie des bürgerlichen Rechtsstaats. In: Mehdi Tohidipur (Hg.), Der bürgerliche Rechtsstaat; Frankfurt am Main, Band 1, S. 13 ff.Google Scholar
  24. Mückenberger, Ulrich, 1979: Mitbestimmung und „Funktionsfähigkeit“ der Unternehmen. Zum Mitbestimmungsurteil des Bundesverfassungsgerichts vom 1. März 1979. In: W. Däubler/ G. Küsel (Hg.), Verfassungsgericht und Politik; Reinbek bei Hamburg, S. 49 ff.Google Scholar
  25. Erd, Rainer, 1980: Der Demonstrationsstreik. Kritische Justiz 1980, S. 258 ff.Google Scholar
  26. Neumann, Franz L., 1929: Die politische und soziale Bedeutung der arbeitsgerichtlichen Rechtsprechung. In: Thilo Ramm (Hg.), Arbeitsrecht und Politik. Quellentexte 1918–1933; Neuwied-Berlin 1966; S. 113 ff.Google Scholar
  27. Erd, Rainer, 1930: Die soziale Bedeutung der Grundrechte in der Weimarer Verfassung. In: ders., Wirtschaft, Staat, Demokratie. Aufsätze 1930–1954, hrsg. von Alfons Söllner; Frankfurt am Main 1978; S. 57 ff.Google Scholar
  28. Erd, Rainer, 1931: Ober die Voraussetzungen und den Rechtsbegriff einer Wirtschaftsverfassung. In: ders., Wirtschaft, Staat, Demokratie, a. a. O., S. 76 ff.Google Scholar
  29. Erd, Rainer, 1932: Koalitionsfreiheit und Reichsverfassung. Die Stellung der Gewerkschaften im Verfassungssystem; BerlinGoogle Scholar
  30. Erd, Rainer, 1933: Der Niedergang der deutschen Demokratie. In: ders., Wirtschaft, Staat, Demokratie, a. a. O., S. 103 ff.Google Scholar
  31. Erd, Rainer, 1934: Rechtsstaat, Gewaltenteilung und Sozialismus. In: ders., Wirtschaft, Staat, Demokratie, a. a. O., S. 124 ff.Google Scholar
  32. Erd, Rainer, 1935: Die Gewerkschaften in der Demokratie und in der Diktatur. In: ders., Wirtschaft, Staat, Demokratie, a. a. O., S. 145 ff.Google Scholar
  33. Erd, Rainer, 1936: Die Herrschaft des Gesetzes. Eine Untersuchung zum Verhältnis von politischer Theorie und Rechtssystem in der Konkurrenzgesellschaft; Frankfurt am Main 1980Google Scholar
  34. Erd, Rainer, 1937: Der Funktionswandel des Gesetzes im Recht der bürgerlichen Gesellschaft. In: ders., Demokratischer und autoritärer Staat. Studien zur politischen Theorie, hrsg. von Herbert Marcuse; Frankfurt am Main — Wien 1967, S. 31 ff.Google Scholar
  35. Erd, Rainer, 1938: The Theory and Practice of European Labor Law (Projektantrag), International Institute of Social Research, New YorkGoogle Scholar
  36. Erd, Rainer, 1942: Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933–1944; Köln-Frankfurt am Main 1977Google Scholar
  37. Erd, Rainer, 1950: Deutsche Demokratie. In: ders., Wirtschaft, Staat, Demokratie, a. a. O., S. 327 ff.Google Scholar
  38. Erd, Rainer, 1951: Das Arbeitsrecht in der modernen Gesellschaft, Recht der Arbeit 1951, S. 1 ff.Google Scholar
  39. Erd, Rainer, 1952: Die Arbeiterbewegung in Westdeutschland. In: ders., Wirtschaft, Staat, Demokratie, a. a. 0., S. 393 ff.Google Scholar
  40. Erd, Rainer, 1953: Zum Begriff der politischen Freiheit. In: ders., Demokratischer und autoritärer Staat, a. a. O., S. 100 ff.Google Scholar
  41. Erd, Rainer, 1955: Ökonomie und Politik im zwanzigsten Jahrhundert. In: ders., Demokratischer und autoritärer Staat, a. a. 0., S. 248 ff.Google Scholar
  42. Preuß, Ulrich K., 1970: Nachträge zur Theorie des Rechtsstaats. In: Mehdi Tohidipur (Hg.), Der bürgerliche Rechtsstaat, 1. Band; Frankfurt am Main 1978, S. 82 ff.Google Scholar
  43. Erd, Rainer, 1979: Die Aufrüstung der Normalität. Kursbuch 56; Berlin, S. 15 ff.Google Scholar
  44. Pross, Helge, 1967: Einleitung zu Franz L. Neumann, Demokratischer und autoritärer Staat, a. a. O., S. 9 ff.Google Scholar
  45. Schäfer, Gert, 1977: Franz Neumanns Behemoth und die heutige Faschismusdiskussion. In: Franz Neumann, Behemoth, a. a. O., S. 665 ff.Google Scholar
  46. Söllner, Alfons, 1979: Geschichte und Herrschaft. Studien zur materialistischen Sozialwissenschaft 1929–1942; Frankfurt am MainGoogle Scholar
  47. Streeck, Wolfgang, 1978: Organizational Consequences of Capitalist Corporation in West German Labor Unions, International Institute of Management Berlin, dp/78–55Google Scholar
  48. Streeck, Wolfgang, 1979: Gewerkschaftsorganisation und industrielle Beziehungen. In: Joachim Matthes (Hg.), Sozialer Wandel in Westeuropa. Verhandlungen des 19. Deutschen Soziologentags Berlin 1979; Frankfurt am Main, S. 206 ff.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1981

Authors and Affiliations

  • Rainer Erd

There are no affiliations available

Personalised recommendations