Advertisement

Jugend und Staat

Übergänge von der Bürger-Aktivität zur Illegalität. Eine empirische Untersuchung zur Sozialpsychologie der Demokratie
  • Gerhard Schmidtchen
Part of the Analysen zum Terrorismus book series (AZT, volume 4/1)

Zusammenfassung

Wenn Freiheit und Selbstbestimmung das Grundmotiv menschlichen Handelns und menschlicher Vergesellschaftung sind, dann muß eine freie Staatsform, eine Gesellschaft mündiger Bürger, doch eigentlich von allen geliebt werden. Wieso kann sich in einer freien Gesellschaft Systemfeindschaft entwickeln? Diese Frage enthält eine Vorentscheidung und eine Verallgemeinerung: Die Vorentscheidung liegt darin, illegales politisches Verhalten und Terrorismus autochthon, aus Verhältnissen im eignen Land zu erklären, nicht als den Einbruch fremder Ideen, Organisationen und Personen, die mit unserem politischen System nichts zu tun haben. Die Verallgemeinerung dieser Fragestellung liegt darin begründet, daß zu den Ressourcen terroristischen Handelns Erfahrungen, Enttäuschungen, Wissensbestände und Erwartungen gehören, die man auch außerhalb terroristischer Gruppen finden kann. Das politische Ausdrucksrepertoire insbesondere der jungen Generation ist in den letzten Jahrzehnten reichhaltiger geworden. Die Verachtung des demokratischen Systems und die zunehmende Neigung, politische Ziele mit illegalen Methoden durchzusetzen, dürfte auf allgemeinere Motivstrukturen zurückzuführen sein, die auch ein Verständnis terroristischen Handelns erlauben. Damit soll freilich nicht jede unangemeldete Protestaktion in die Nähe des Terrorismus gerückt werden. Vielmehr kommt es darauf an, allgemein menschliche Orientierungsmuster des politischen Verhaltens darzulegen, die unter extremen Bedingungen zu einem Moment des Entschlusses werden können, sich einer Gruppierung anzuschließen, die das Ziel hat, unter gezieltem Einsatz von Gewalt die politische Ordnung eines demokratischen Staates zu bekämpfen.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Anmerkungen

  1. 1.
    Vorüberlegungen zur Analyse von Lebensläufen der Terroristen und zu einer Theorie illegalen politischen Verhaltens finden sich in: Gerhard Schmidtchen: Bewaffnete Heilslehren. Gesellschaftliche Organisation und die Entstehung destruktiver Verständigungsmuster. In: Heiner Geissler: Der Weg in die Gewalt. Olzog, München 19782, S. 39ff.Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. Max Kaase, in: Infratest Wirtschaftsforschung (Hrsg.): Politischer Protest in der Bundesrepublik Deutschland, Beiträge zur sozialempirischen Untersuchung des Extremismus. Kohlhammer, Stuttgart 1980. David C. Schwartz: Political Alienation and Political Behavior. Aldine, Chicago 1973.Google Scholar
  3. 3.
    Jack Dennis: Socialization to Politics: A Reader. John Wiley, New York 1973.Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. Heinz Steinert in: Analysen zum Terrorismus 4.2.Google Scholar
  5. 5.
    Wirtschaft und Statistik. 6/81, S. 429 ff.Google Scholar
  6. 6.
    Vgl. dazu Heinz Steinert, a.a.O.; hier insbesondere seine Beobachtungen über die „Strategie der begrenzten Regelverletzung“.Google Scholar
  7. 7.
    Vgl. Hans Dieter Mummendey: Einstellung und Verhalten. Psychologische Untersuchungen in natürlicher Umgebung. Huber, Bern 1979.Google Scholar
  8. 8.
    Die Psychologie des 20. Jahrhunderts, Kindler-Enzyklopädie, Bd. 8: Das Interview in der Sozialpsychologie (Gerhard Schmidtchen)Google Scholar
  9. 9.
    Gerhard Schmidtchen: Lesekultur in Deutschland 1974. Archiv für Soziologie und Wirtschaftsfragen des Bundeshandels XXX. Börsenblatt — Frankfurter Ausgabe Nr. 39. 17. Mai 1974, S. 749.Google Scholar
  10. 10.
    Diese Legitimitätstheorie ist als „Bewährungstheorie“ des Staates normativ. Bedürfnisse können keine Legitimationsbasis abgeben, weil sie abgeleitet, also ethisch nie universell sind. Nur Bedürfnisse, die in einer allgemeinen, anthropologisch fundierten Humanitätsidee ihren Platz haben, können zum Inhalt einer Legitimitätstheorie werden. Vgl. Gerhard Schmidtchen: Ist Legitimität meßbar? Zeitschrift für Parlamentsfragen. 2/1977, S. 232–241.Google Scholar
  11. 11.
    Eine Faktorenanalyse ist ein mathematisch-statistisches Verfahren, mit dem in einer Serie von Testäußerungen verborgene Strukturen, Verwandtschaftsbeziehungen aufgedeckt werden.Google Scholar
  12. 12.
    Rainer Hornung; Gerhard Schmidtchen; Margret Scholl-Schaaf: Drogen in Zürich. Paul Haupt Verlag, Bern 1983.Google Scholar
  13. 13.
    Vgl. Gabriel A. Almond and Sidney Verba: The Civic Culture. Princeton University Press, Princeton 1963.Google Scholar
  14. 14.
    Peter Graf Kielmansegg: Politikwissenschaft und Gewaltproblematik. In: Heiner Geissler, Der Weg in die Gewalt. Geistige und gesellschaftliche Ursachen des Terrorismus und seiner Folgen; Olzog Verlag, München/Wien, 2. Aufl. 1978, S. 69ff.Google Scholar
  15. 15.
    Alles im Schaubild genannte ohne Extremisten, Grüne und Bürgerinitiativen bzw. Alternativgruppen, die nicht zu den „Institutionen“ oder institutionsähnlichen Einrichtungen gezählt werden (zur Bildung der Skala vgl. S. 336).Google Scholar
  16. 16.
    Forschungsprojekt über Selbstschädigung, Sozialforschungsstelle, Universität Zürich. Vgl. auch Zeitschrift für Sozial-und Präventivmedizin. 22/1977. Dazu: Norman M. Bradburn: The Structure of Psychological Well-Being. Aldine, Chicago 1969.Google Scholar
  17. 17.
    Percy H. Tannenbaum und Dolf Zillmann: Emotional Arousal in the Facilitation of Aggression Through Communication. In: L. Berkowitz: Advances in Experimental Social Psychology. Volume 8, Academic Press, New York 1975.Google Scholar
  18. 18.
    G. Schmidtchen: Die Entscheidung fällt in letzter Minute. Ambivalentes Wählerverhalten. Bild der Wissenschaft. September 1976.Google Scholar
  19. 19.
    Der Begriff der Kontestation hat sich mit den Pariser Unruhen von 1968 auch im deutschen Sprachgebrauch eingebürgert als „aktives Infragestellen bestehender Gesellschafts-und Herrschaftsformen“.Google Scholar
  20. 20.
    Charles E. Osgood, George J. Suci, Percy H. Tannenbaum: The Measurement of Meaning. University of Illinois Press. Urbana, Chicago/London 1957.Google Scholar
  21. 21.
    Walter Lippmann: The Phantom Public. Macmillan, New York 1930.Google Scholar
  22. 22.
    Eine gesprächsweise Bemerkung von Richard von Weizsäcker.Google Scholar
  23. 23.
    CDU/CSU-Anhänger finden die Thesen zu 20 Prozent im weitesten Sinne glaubwürdig; SPD-Anhänger ebenfalls zu 27 Prozent.Google Scholar
  24. 24.
    Nach einer Untersuchung in der Agglomeration Zürich traten im Jahre 1981 zusammen 40 Prozent für Nullwachstum oder sogar Schrumpfung ein. 47 Prozent befürworteten langsames Wachstum. INSIDE 1/1982. Vertraulicher Informationsdienst des Tages-Anzeigers Zürich.Google Scholar
  25. 25.
    James D. Halloran, Philip Elliott, Graham Murdock: Demonstrations and Communications: A Case-Study. 1970.Google Scholar
  26. 26.
    Gerhard Schmidtchen: Irrational durch Information. Paradoxe Folgen politischer Massenkommunikation. In: Helga und Horst Reimann (Hrsg.): Information. Goldmann, München 1977. Gerhard Schmidtchen, Otto B. Roegele, Georg Moser: Kirchliche Medienarbeit. Herausgegeben vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn 1980. Hier insbesondere der Beitrag von Roegele.Google Scholar
  27. 27.
    A. Campbell, P. Converse, W.E. Miller, D. Stokes: The American Voter. Wiley, New York 1960.Google Scholar
  28. 28.
    Gerhard Schmidtchen: Zwischen Kirche und Gesellschaft. Herder, Freiburg i.B. 1972, 1973, S. 88ff. Ders.: Irrational durch Information, paradoxe Folgen politischer Massenkommuniaktion. In: Reimann und Reimann (Hrsg.): Information. Goldmann, München 1977.Google Scholar
  29. 29.
    Vgl. G. Schmidtchen: Auskunft über Frauen, Geschlechterrollendifferenzierung soziologisch betrachtet. In: Erika Weinzierl (Hrsg.): Emanzipation der Frau. Patmos, Düsseldorf 1980.Google Scholar
  30. 30.
    Als Indikator dient hier das politische Interesse, das mit Aktivität deutlich korreliert, wie Tabelle A 49 zeigt (S. 306).Google Scholar
  31. 31.
    Vgl. Angus Campbell, Gerald Gurin, Warren E. Miller: The Voter Decides, Evanston 1954, S. 189.Google Scholar
  32. 32.
    Max Kaase: Demokratische Einstellungen in der Bundesrepublik Deutschland. In: Rudolf Wildenmann (Hrsg.): Sozialwissenschaftliches Jahrbuch für Politik, Bd. 2. Günther Olzog München/Wien 1971, S. 252.Google Scholar
  33. 33.
    Zur Struktur politischer Einstellungen unter den Fernsehzuschauern, Bericht zur Strukturerhebung 1974 Bd. 5, Teleskopie, Arbeitsgemeinschaft von Allensbach und Infas, Allensbach und Bad Godesberg, Dez. 1975. Autor der Studie: Gerhard Schmidtchen.Google Scholar
  34. 34.
    Infratest Wirtschaftsforschung: Politischer Protest in der Bundesrepublik Deutschland. Kohlhammer, Stuttgart, 1980, S. 102ff.Google Scholar
  35. 35.
    Peter R. Hofstätter: Sozialpsychologie, Sammlung Göschen, de Gruyter, Berlin 1973, S. 69 f. Gerhard Schmidtchen: Zwischen Kirche und Gesellschaft. Herder, Freiburg 1972/73, S. 17 ff.Google Scholar
  36. 36.
    Es handelt sich um die in den kontemporären Formen und Stilen mobilisierbare Gewalt. Paramilitärisch organisierbare Gewalt wurde zum Beispiel nicht gemessen.Google Scholar
  37. 37.
    Vgl. dazu Friedhelm Neidhardt: Soziale Bedingungen terroristischen Handelns. Das Beispiel der Baader-Meinhof-Gruppe“ (RAF), in: Wanda Baeyer-Katte; Dieter Claessens; Hubert Feger; Friedhelm Neidhardt: Gruppenprozesse, Westdeutscher Verlag, Opladen 1982 (Reihe Analysen zum Terrorismus 3).Google Scholar
  38. 38.
    Z.B. Leonard Berkowitz: Roots of Aggression. Atherton Press, New York 1969.Google Scholar
  39. 39.
    Gerhard Schmidtchen: Katholiken im Konflikt. In: Karl Forster (Hrsg.): Befragte Katholiken. Herder, Freiburg 1973, S. 171.Google Scholar
  40. 40.
    Gerhard Schmidtchen: Die Kosten des Fortschritts. Psychologische und sozialstrukturelle Folgen der Modernisierung. In: Heiner Geissler (Hrsg.): Optionen auf eine lebenswerte Zukunft. Günther Olzog Verlag, München/Wien 1979, S. 156.Google Scholar
  41. 41.
    Gerhard Schmidtchen: Terroristische Karrieren. Soziologische Analysen anhand von Fahndungsunterlagen und Prozeßakten. In: Herbert Jäger; Gerhard Schmidtchen; Lieselotte Süllwold: Lebenslaufanalysen. Opladen 1981 (Reihe Analysen zum Terrorismus 2).Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1983

Authors and Affiliations

  • Gerhard Schmidtchen

There are no affiliations available

Personalised recommendations