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Modelle autobiographischen Schreibens

  • Klaus Bergmann
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Zusammenfassung

Die umfangreiche Literatur der Autobiographik von Gefangenen aus der Unterschicht bietet ein reiches Anschauungsmaterial zur Stigmaverarbeitung. Es liegen einerseits Beispiele vor über die fast ungebrochene Übernahme von Schuldzuweisungen und gegenteilige Beispiele von Täterstolz, Rebellion gegen die Gefangenenexistenz und Widerstand gegen die allgemeine Rechtsordnung.

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Zusammenfassung

  1. 1.
    Zeitgenössische ‘Täter’-Literatur erfaßt der Sammelband Autor und Täter (1980), hrg. von Klaus Lüderssen und Thomas-Michael Seibert (mit Dokumententeil). Weiter zurück reicht Sigrid Weigel “Und selbst im Kerker frei… !” (ebenfalls mit Dokumententeil; 1982). Die Autorin versammelt vornehmlich autobiographische Schriften von politischen Gefangenen, die mehrheitlich nicht aus den Unterschichten stammen. Ihre Begründung für dieses Verfahren entspricht jedoch nicht den Tatsachen: “Es existieren zwar relativ viele Veröffentlichungen von Literaten oder Theoretikern - von Autoren, für die Schreiben zu den normalen Lebensäußerungen gehört - und recht wenige Publikationen von anderen Gefangenen, für die sich heute der Begriff der ’sozialen Gefangenen’ eingebürgert hat, der historisch mit dem der Delinquenz zu vergleichen wäre.” (S. 17)Google Scholar
  2. 2.
    Zum Kerkermotiv in der Literatur vgl. Stephan Oettermann ( 1980, S. 17ff).Google Scholar
  3. 3.
    Um die Publikation von Gefangenentexten sicherzustellen, hat sich 1981 ein Selbsthilfeprojekt von Strafgefangenen gegründet: Texte aus dem Strafvollzug im Reiner Padligur Verlag, Dortmund (vgl. Kruklinski/Tiedt 1981, 5.156159).Google Scholar
  4. 4.
    Michel Foucault schreibt über das 1840 gegründete Rettungshaus von Mettray (Zitate nach E. Ducpétiaux): “’Die Isolierung ist das beste Mittel, auf die Moral der Kinder einzuwirken; hier vor allem gewinnt die Stimme der Religion, mag sie auch noch nie zu ihrem Herzen gesprochen haben, die ganze Erschütterungsmacht.’ Jede Strafinstitution, die das Gefängnis ersetzen soll, gipfelt doch in der Zelle, auf deren Mauern in schwarzen Lettern geschrieben steht: Gott sieht Dich.” ( 1976, S. 379 )Google Scholar
  5. 5.
    Bei der religiösen Seelenkultur in Deutschland erscheinen wieder die typischen Lebensformen, wie sie im Mittelalter beschrieben wurden und nach einem sozialpsychologischen Gesetz mit der Pflege der Innerlichkeit verbunden sind: Erbauungsvereine, halb öffentlich, halb geschlossen zum Zweck der Schriftenauslegung und anschließender Erörterung von Gewissensfällen, Fehlerbekenntnissen und -prüfungen, auch öffentlichen Lebensbeichten und neben der Selbstbiographie Tagebücher, zuweilen schon vor dem 10. Jahr angefangen, und eimal über 50 Bände stark, und Briefwechsel als Ausdrucksformen, ‘Collegia pietatis’, die Spener gründete, eine geistliche Geselligkeit zur Mitteilung und Besprechung von Seelenzuständen, auch wohl unter weiblicher Leitung und vielfach an frommen Grafenhöfen; ihre Verbreitung zeigen die Regierungsedikte, welche in einzelnen Ländern gegen sie erlassen wurden; in Herrenhut allein finden sich im Archiv gegen 20 000 Lebensläufe, die meist von den Frommen selbst geschrieben sind und bei ihrem Tode an ihren Gräbern vorgelesen wurden.“ (Misch IV/1969 S. 811)Google Scholar
  6. 6.
    Den ersten Schritt zur Säkularisierung des pietistischen Tagebuchs hat etwa 70 Jahre vorher Karl Philipp Moritz getan. Seine Autobiographie, der psychologische Roman Anton Reiser, hat viele Nachahmer gefunden. Ab etwa 1800 gibt es jedoch eine “Tendenz der deutschen Autobiographie, statt psychologischer Bekenntnisse den Welt-und Zeitbezug des Ich in den Mittelpunkt zu rücken. ” (Niggl 1977, S. 170 )Google Scholar
  7. 7.
    Verwiesen sei hier vor allem auf Hinter Kerkermauern, Autobiographien und Selbstbekenntnisse, Aufsätze und Gedichte von Verbrechern. Ein Beitrag zur Kriminalpsychologie (1906) herausgegeben von dem Strafanstaltspfarrer Johannes Jaeger. Weitere Literatur in: Huelke/Etzler 1959; 1963.Google Scholar
  8. 8.
    Dabei mag dahingestellt sein, ob in seinem Falle die ‘negative Identität’ ausschließlich als Resultat von Defiziten zu verstehen ist, “wo wirtschaftliche, ethnische und religiöse Grenzsituationen keine ausreichenden Grundlagen für eine positive Identität bieten.” (Erikson 1976, S. 206)Google Scholar
  9. 9.
    Vgl. Ostwald 1980; weitere Literatur zur Autobiographik von Vagabunden bei: Bergmann 1980. Der Begriff Vagabund wurde um 1930 offensiv und selbstbewußt von der ‘Internationalen Bruderschaft der Vagabunden’ benutzt. Der Titel der Zeitschrift dieses Zusammenschlusses wurde 1931 bewußt von Der Kunde in Der Vagabund umgeändert. In einem Geleitwort des ersten Heftes schreibt dort Gregor Gog: “Wir sind ihnen Lumpenpack! So nennen sie uns. Vom Papst bis zum blödesten Landjäger. Gut wir sind es! Wir sind Lumpen! Man muß ja in dieser von allen Göttern verlassenen Gesellschaft zerschunden, zerwalkt, zerrissen und zerfetzt sein wie ein Aufwaschlumpen, um in aller Klarheit zu wissen was Mensch sein heißt! Wir wissen es!”Google Scholar
  10. 10.
    Auch Hans Ostwald, aus dessen erstmals 1900 erschienenem autobiographischem Roman Vagabunden (1980) Stolz auf die vagabundische Subkultur spricht, hält gelegentlich nicht mit seiner Verachtung für Alkoholiker, Frauen und Juden auf der Landstraße hinterm Berg. Bei ihm findet sich jedoch auch der selstkritische Satz anläßlich der gemeinsamen Schmähung eines Vagabunden durch seine Kollegen: “Mich interessierte das Spiel auch. Mit einer ähnlichen Grausamkeit wie die anderen betrachtete ich ihn. Wenn man in niedriger Lage jemand findet, der noch unter einem steht, kann man sich wohl verleitet fühlen, an ihm seine Kräfte zu messen, an ihm sein Selbstbewußtsein zu erhöhen, ihn mit Verachtung zum Zeitvertreib zu benutzen.” (S. 98 )Google Scholar
  11. 11.
    Ähnlich grenzt sich z. B. der Schriftsetzer Carlo Kahapka in seinen Memoiren (1885) von seinen Kameraden auf der Landstraße ab; in seiner Einleitung stellt er sich vor: “Freilich darf man sich unter meiner Persönlichkeit keinen Bruder Straubinger vorstellen, der ‘fechtend’ die Welt durchzog… Ganz im Gegenteil! Ein Stück menschliches Elend ist es, das dem Leser vor Augen geführt werden soll, tief empfunden von einem Jüngling, der, im Besitze einer ziemlichen Dosis Ehrgefühl, es nicht über sich bringt, als junger, gesunder Mensch die Mildtätigkeit anderer in Anspruch zu nehmen und auf deren Kosten seine fernere Existenz zu fristen. Ich zweifle nicht daran, daß bei anderer Beschaffenheit meines Charakters sich meine Reiserlebnisse… wohl anders gestaltet haben würden… Von Hunger und Entbehrung hätte ich als echter Fechtbruder kaum etwas zu erzählen gewußt. Eben die vielfach ausgestandenen, aus meiner unüberwindlichen Abneigung gegen das Betteln resultierenden moralischen und physischen Unbilden drücken meinen Aufzeichnungen den Stempel einer Leidensgeschichte auf, die mir gewiß einige Sympathien eintragen wird.”Google Scholar
  12. 12.
    Von weiblichen Dienstboten sind u.a. folgende autobiographischen Schriften entstanden: Braun (1908); Sans Gêne (1908); Schober (1853); Stillich (1902, S. 324–347); Viersbeck 1910 )Google Scholar
  13. 13.
    Die Auflage lag 1929 bei 100 000.Google Scholar
  14. 14.
    Ganz im Sinne der Parole von Wilhelm Liebknecht “Wissen ist Macht!” Schon 1848 wurde beispielsweise im Bremer Verein ‘Vorwärts’ die ’Bildung’ proklamiert als ein, wenn nicht gar als das Mittel zur Lösung der sozialen Frage: “Mit dieser Bildung, welche jeder bei redlichem Streben zu erwerben in den Stand gesetzt werden muß, fällt zugleich für den Arbeiter die Schranke, welche ihn gesellschaftlich in einer manchmal drückenden Weise von den Leuten der sogenannnten höheren Klasse trennt.” (Zit. n. Engelsing 1975, S. 168)Google Scholar
  15. 15.
    Geprägt wurde dieser Topos von Christoph Rückler (1974) in seiner Kritik an der ‘sozialdemokratischen Arbeiterdichtung’, der er zu Recht “Anklänge an den Blut-und Boden-Mythos und… die Tendenz zur Naturalisierung sozialer Prozesse” vorwirft (S. 430). In Anlehnung an diese Kritik stellt Wolfgang Emmerich in Frage, ob die Autobiographik der ’Arbeiterdichter’ überhaupt den Arbeiterautobiographien zuzurechnen ist.Google Scholar
  16. 16.
    Zu Adelheid Popps Biographie, zu ihrer politischen und publizistischen Tätigkeit vgl. das Vorwort zur Neuauflage der Jugendgeschichte von Hans J. Schütz: Popp 1977, S. 7–16; Münchow 1973a, S. 33ff; Vogtmeier 1984, S. 227–238; Bollenbeck 1976, S. 277–290.Google Scholar
  17. 17.
    Dagegen Adelheid Popp im Vorwort zur dritten Auflage: “Ich schrieb die Jugendgeschichte nicht, weil ich sie als etwas individuell Bedeutsames einschätzte, im Gegenteil, weil ich in meinem Schicksal das von hunderttausenden Frauen und Mädchen des Proletariats erkannte, weil ich in dem, was mich Dies mündet in die Kritik, daß ”bei Adelheid Popp die Schilderung kollektiver Lebens-und Arbeitsverhältnisse weitgehend weg(fällt) zugunsten der gerafften und akzentuierten Beschreibung ihres persönlichen Entwicklungsgangs.“ (S. 231) umgab, was mich in schwere Lagen brachte, große gesellschaftliche Erscheinungen wirken sah. (1977, S. 21)Google Scholar
  18. 18.
    Dabei ist die sozialkritische Orientierung keine ausschließliche Besonderheit der klassenbewußten Arbeiterautobiographie. Als Beispiel seien hier die anonym verfaßten Memoiren einer Prostituierten oder die Prostitution in Hamburg (1847) genannt, die ökonomische Zusammenhänge und ‘moralische Ökonomie’ der Prostitution in der Darstellung mit einer Scharfsinnigkeit offenlegt, die in der zeitgenössischen Publizistik ihresgleichen sucht.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1991

Authors and Affiliations

  • Klaus Bergmann

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