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Individuelles Prinzip und Autobiographik der Unterschichten

  • Klaus Bergmann
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Zusammenfassung

Allein steht Mahrholz nicht mit seiner These — sie kam in dem im letzten Abschnitt Zitierten deutlich zum Tragen -, daß unter den Bedingungen der Unterprivilegierung weder individualistische Lebens- und Denkformen noch die autobiographische literarische Ausdrucksform sich entwickeln können. Andere Literatur- und Kulturwissenschaftler teilen — oft ohne dies explizit zu formulieren — diese Auffassung. Die Tatsache, daß über Jahrzehnte hinweg, nachdem um die Jahrhundertwende viele Autobiographien von Autoren aus der Unterschicht, teilweise sogar mit sehr hohen Auflagen, und großer Resonanz erschienen waren, die Literaturwissenschaft diese Literatur weitgehend ignoriert hat,1 ist gewiß auch dieser herrschenden Auffassung mit zuzuschreiben.

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Literatur

  1. 1.
    Eine Ausnahme bildet das völkische Elaborat Die Autobiographien der deutschen Industriearbeiter von Cecilia Truntz aus dem Jahre 1943. Vgl. auch Wolfgang Emmerich, 1974, I, S. 16.Google Scholar
  2. 2.
    Ritter bezieht sich auf Forschungen Burnetts ( 1974, S. 9), der 6.500 veröffentlichte und 2.000 unveröffentlichte autobiographische Texte erfaßt hat.Google Scholar
  3. 3.
    Eine Ausnahme bildet die schon 1937 entstandene Studie des E. Stuart Bates Inside Out. An Introduction to Autobiography, in der er in einem umfangreichen der einzige gangbare Weg, eine Literatur von denjenigen, die nicht schreiben, hervorzubringen, sei die ethnographische Methode, daß also Schreibkundige als Nothelfer die literarische Produktion für diejenigen in die Hand nähmen, deren Leben zwar interessant sei, denen aber selbst die Nähe zur Schreibkultur, die Motivation und die Fähigkeit fehlten, die eigenen Erlebnisse schreibend zu einer Lebensgeschichte zu verdichten.Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. für die Literatur des Naturalismus: Bogdal 1978; Hamann/Hermand 1959, S. 130–225.Google Scholar
  5. 5.
    Ähnlich Schillers Brief vom 13.7.1793 an den Herzog von Augustenburg. Schiller knüpft an diesen Befund die Forderung nach einer hundert Jahre währenden Volksbildungsarbeit.Google Scholar
  6. 6.
    Ahnlich in der Reportageliteratur zu den untersten sozialen Schichten im 19. Jahrhundert; vgl.: Bergmann 1984.Google Scholar
  7. 7.
    In der Nachfolge Sombarts spricht Will-Erich Peuckert in seiner Volkskunde des Proletariats (1931) von der neuen Kultur des Proletariats: Das Proletariat ist eine neue Gesellschaftsbildung, Kultur, oder wie wir es nennen wollen. (S. 179 )Google Scholar
  8. 8.
    Vgl. auch Alfred Webers Nachruf auf Werner Sombart im Merkur 1941; zur Wirkungsgeschichte ebenfalls das von Nicolaus Sombart verfaßte Vorwort zur Neuherausgabe der Schrift von Werner Sombart im Jahre 1966.Google Scholar
  9. 9.
    Vgl. Stieg/Witte 1973, S. 59ff; Münchow 1973a, S. 19–22; Witte 1973, S. 41; Emmerich 1974, S. 398; Bollenbeck 1976, S. 130; Frerichs 1979, S. 304; Vogtmeier 1984, S. 97–119.Google Scholar
  10. 10.
    In einer differenzierteren und damit annehmbareren Weise verwendet Raymond Williams eine ähnliche Denkfigur, die zu einem wichtigen Leitgedanken der empirischen Kulturanalysen der Birmingham-School (Centre for Contemporary Cultural Studies) und in deren Gefolge von Studien zur Jugend-und Arbeiterkultur in England und Deutschland wurde. “Die Kultur der Arbeiterklasse ist in dem Stadium, das sie durchschritten hat, eher sozial… als individuell.” (1972, S. 392)Google Scholar
  11. 11.
    Die zitierte Schrift ist betitelt mit Anarchismus und Sozialismus. (Werke Bd. 5) Dort finden sich auch die Stichworte: “Der Anarchismus als Produkt der Verzweiflung. Die Mentalität des aus dem Geleise geworfenen Intellektuellen oder des Lumpenproletariers, aber nicht des Proletariers.” (S. 334f)Google Scholar
  12. 12.
    Zit. nach Willms 1969, S. 105; vgl. auch ebd., S. 60.Google Scholar
  13. 13.
    Michael Vogtmeier, der die Rezeptions- und Funktionsgeschichte der Autobiographik verfolgt, arbeitet heraus, daß die zeitgenössische sozialdemokratische Kritik individualistische Züge in den Autobiographien hervorgehoben haben ( 1984, S. 256f). Er läßt durchblicken, daß er dies für eine illegitime Verzerrung hält.Google Scholar
  14. 14.
    Wolfgang Emmerichs Position entspricht etwa der der KPD Ende der 20er Jahre. Noch 1928 sah die Komintern sich veranlaßt, im Rahmen einer umfassenden Abgrenzung von einigen dem Kommunismus feindlichen Ideologien in der Arbeiterklasse auch auf jene kleinbürgerlichen Strömungen hinzuweisen, die die Schwankungen der unselbständigen Gesellschaftsschichten zum Ausdruck bringen (in Zersetzung begriffenes städtisches Kleinbürgertum, Lumpenproletariat, deklassierte Intelligenz und Boheme, verarmte Handwerker, gewisse Schichten des Bauerntums usw.). Diese Strömungen’, so hieß es weiter, zeichnen sich durch äußerste politische Unbeständigkeit aus, sie verschleiern nicht selten durch eine linke Phraseologie rechte Politik oder verfallen dem Abenteurertum, indem sie die objektive Einschätzung der Kräfte durch prahlerische politische Gestikulation ersetzen; dabei ist bei ihnen das Umschlagen von haltloser revolutionärer Prahlerei zum tiefsten Pessimismus und voller Kapitulation vor dem Feind nicht selten. (Fähnders/Rector 1974, Bd.I, S. 86; Zitat aus Programm der kommunistischen Internationale, 1928 )Google Scholar
  15. 15.
    Anders sind einzuschätzen die ebenfalls schon im 19. Jahrhundert entstandenen Arbeiterchöre und Arbeitertheater.Google Scholar
  16. 16.
    Hans Medick ( 1980, S. 32) stellt fest: “Für ein… Verständnis von Volkskultur als materieller Kultur ist es… wichtig, den Bereich der Normen, Vorstellungen, Erfahrungen und kulturellen Praktiken als durchaus eigenständig anzuerkennen, aber dennoch in seinem unmittelbaren Zusammenhang mit den objektiv-gegenständlichen Lebens-und Produktionsverhältnissen zu sehen.”Google Scholar
  17. 17.
    Alltagsgeschichte muß jedoch nicht unbedingt, wie viele Beispiele zeigen, die Mentalität, das Fühlen und Denken der Agierenden mit einbeziehen. Auch Alltagsgeschichte kann an der Außenhaut der Phänomene verbleiben. Ein Beispiel besonders objektivistischer Alltagsgeschichtsschreibung bietet Jürgen Kuczynskis breit angelegte Geschichte des Alltags des deutschen Volkes (Bde. 15,1983; für den hier behandelten Zeitraum Bde. 4 und 5).Google Scholar
  18. 19.
    Noch mehr als die im weiteren zitierten Arbeiten setzt sich die vorliegende Darstellung der Kritik aus, insofern sie Prozesse, die sich über Jahrzehnte und Jahrhunderte - auch mit gegenläufigen Tendenzen - hingezogen haben, strafft und somit eine Gradlinigkeit suggeriert, die dem wirklichen historischen Prozeß nicht entspricht.Google Scholar
  19. 20.
    Vgl. auch Shorter 1984, S. 27–32; Maclean 1980, S. 105.Google Scholar
  20. 21.
    L. Stone (1977, S. 257) spricht in diesem Zusammenhang von der Ausbreitung eines affektiven Individualismus, der sich in konzentrischen Kreisen vom Bürgertum und der Gentry zu den niederen Klassen und Schichten ausgebreitet habe. Vgl. auch Jürgen Schlumbohm (1979).Google Scholar
  21. 22.
    Dies widerspricht der These von Stone (letzte Fußnote). Auch Rudolf Braun, der die Veränderungen der Lebensformen unter der Einwirkung verlagsindustrieller Heimarbeit im Züricher Oberland vor 1800 untersucht hat, stellt fest: “Zahllose Menschen erhalten erst durch das Verlagswesen die materiellen Voraussetzungen, eine Ehe einzugehen…. Damit wird die Eheeinleitung entsachlicht und die herkömmlichen bäuerlichen Erbbräuche werden verändert. Der Weg zur individuellen Partnerwahl ist frei.” (1970)Google Scholar
  22. 23.
    Vgl. Jürgen Habermas ( 1962, S. 184–192) über die “Polarisierung von Sozial-und Intimsphäre”. Seine Studie beschränkt sich jedoch “auf Struktur und Funktion des liberalen Modells bürgerlicher Öffentlichkeit… und vernachlässigt die im geschichtlichen Prozeß gleichsam unterdrückte Variante einer plebejischen Öffentlichkeit.” (S. 8 )Google Scholar
  23. 24.
    In diesem Rahmen kann keine differenzierte Foucault-Kritik geleistet werden, die auch die Positionsveränderungen der zu verschiedenen Zeiten entstandenen Schriften berücksichtigt. Zu den in diesem Zusammenhang interessierenden Fragen vgl. die Beiträge im Schwerpunktheft Michel Foucault and das Gefängnis in der Kriminalsoziologischen Bibliographie (5.Jg., 1978, Heft 19–20). In der Einführung zu diesem Heft wird u.a. auf den Widerspruch seiner Theopularer Autobiographik unter anderem auch die ‘repressive Individualisierung’ durch verschiedene Machtinstanzen herausgearbeitet wird, dann wird eine Denkfigur verfolgt, die Foucault in der Regel kaum berücksichtigt. Sein Hauptinteresse richtet sich auf die Wirkungen, die das anonyme Machtsystem mit seinen Verfügungsstrategien intendiert, und nicht auf die unabsehbaren Nebenwirkungen, die mit ihnen einhergehen. Widersprüche werden aus dem historischen Prozeß ausgeklammert; Intentionen und Strategien der “Macht” scheinen sich in ihren Objekten stets bruchlos zu erfüllen. So sieht Michel Foucault das Individuum als ein Produkt der Macht: “Man sagt oft, das Modell einer Gesellschaft, die wesentlich aus Individuen bestehe, sei den abstrakten Rechtsformen des Vertrags und des Tausches entlehnt. Die Warengesellschaft habe sich als eine vertragliche Vereinigung von isolierten Rechtssubjekten verstanden. Mag sein. Die politische Theorie des 17. und 18. Jahrhunderts scheint diesem Schema tatsächlich häufig zu entsprechen. Doch darf man nicht vergessen, daß es in derselben Epoche eine Technik gab, mit deren Hilfe die Individuen als Macht- und Wissenselemente wirklich hergestellt worden sind. Das Individuum ist zweifellos das fiktive Atom einer ideologischen Vorstellung der Gesellschaft; es ist aber auch eine Realität, die von der spezifischen Machttechnologie der ’Disziplin’ produziert worden ist. Man muß aufhören, die Wirkungen der Macht immer negativ zu beschreiben, als ob sie nur ausschließen, unterdrücken, verdrängen, zensieren, abstrahieren, maskieren, verschleiern würde. In Wirklichkeit ist die Macht produktiv sie produziert Wirkliches. Sie produziert Gegenstandsbereiche und Wahrheitsrituale: das Individuum und seine Erkenntnis sind Ergebnisse dieser Produktion.” (1976a, S. 249f) rie zu seinem praktischen Engagement in der französischen Gefängnisbewegung hingewiesen: “So gesehen kann man sich dann natürlich über Foucaults Militanz nur wundern, weil diese durch seine Theorie nicht gedeckt scheint.” (Burger u.a. 1978, S. 5 )Google Scholar
  24. 25.
    So stellt Erik H. Erikson fest: “Die Autobiographien hervorragender (und hervorragend selbst-einsichtiger) Menschen sind reiche Quellen für die Erschließung der Wege zur Identitätsbildung.” (1976, S. 136)Google Scholar
  25. 26.
    Der Leserbezug der Autobiographie und die sich in ihm aussprechende Intention auf Wahrhaftigkeit stellt sicher ein zentrales und bisher viel zu wenig beachtetes Strukturmoment der Autobiographie dar. Lejeune neigt allerdings dazu, es über Gebühr zu formalisieren. Das zeigt sich besonders in einem späten Aufsatz (Le pacte autobiographique, 1973; K.B.), der ausdrücklich der Vertiefung und Korrektur seines ersten Versuchs (L’autobiographie en France, 1971; K.B.) dient: hier wird der pacte autobiographique unter der gattungskonstitutiven Voraussetzung der Intention auf Wahrheit, auf die grundlegende Identität von Autor, Erzähler und dargestellter Person zugespitzt. Diese Identität findet Lejeune im Eigennamen, den er deshalb zum eigentlichen Gegenstand der Autobiographie erklärt.“ (Müller 1976, S. 18 )Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1991

Authors and Affiliations

  • Klaus Bergmann

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