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Populare Autobiographik

  • Klaus Bergmann
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Zusammenfassung

Die Würdigung der popularen Autobiographik als Ganzer, also der Autobiographien, der autobiographischen Skizzen und Fragmente und der veröffentlichten Lebensläufe von Kleinbürgern, Bediensteten, kleinen Handwerkern und unteren Angestellten, von Arbeitern verschiedener Kategorien und Mitgliedern von „Randgruppen“ (Kriminellen, Vagabunden, Prostituierten und denen, die man diskriminierend ‚Lumpenproletarier‘ nennt), also von Autoren, die nicht den klassischen Bildungsschichten zuzurechnen sind, steht noch aus. Gemeinsam ist den Autobiographen aus der Unterschicht, daß sie sich das vormals fremde Medium ‚Schreiben‘ erst aneignen mußten, um ihren lebensgeschichtlichen Stoff einer literarischen Öffentlichkeit vorzustellen.

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Literatur

  1. 1.
    Vgl. Sammlung Dieter Richter, BremenGoogle Scholar
  2. 2.
    Er versteht darunter lebensgeschichtliche Texte, die einen längeren Überblick beinhalten. (S. 20) Bernd Jürgen Warneken beschäftigt sich in seiner Studie primär mit aktuellen Autobiographien, die anläßlich von Schreibaufrufen eingereicht worden sind.Google Scholar
  3. 3.
    Zur Praxis des Briefeschreibens: Mannzmann 1981; Steinhausen 1899/1907; Schwarzmaier 1976; Schelbert/Rappolt 1977; Dröge 1970; zur Praxis des Tagebuchschreibens: Bernfeld 1931; Hopf-Droste 1982; Bondy 1922.Google Scholar
  4. 4.
    Sautter ( 1935; S. 81) schätzt die Briefe und Postkarten, die die Feldpost 1870/71 befördert hat, auf 90 Millionen.Google Scholar
  5. 5.
    Eigentlich fast alle Theoretiker teilen - implizit oder explizit - die Vorstellung von der ganzheitlichen Autobiographie. So gibt auch Bruce Mazlish eine Definition der Autobiographie: “Sie ist die kohärente Gestaltung einer individuellen Vergangenheit unter einem spezifischen gegenwärtigen Gesichtspunkt, erzielt mit den Mitteln von Selbstbeobachtung und Rückerinnerung einer besonderen Art, worin das Selbst als eine sich entwickelnde Einheit, die sich in definierbaren Phasen wandelt, gesehen wird.” (1982, S. 247)Google Scholar
  6. 6.
    Vgl. auch Roy Pascal ( 1965, S. 16): “Es gibt keine Autobiographien, die nicht in gewissem Sinne Memoiren sind und keine Memoiren ohne autobiographische Züge; beide gründen auf persönlichen Erlebnissen und deren Reflexion, beide sind chronologisch angelegt.” ihm Hervorgebrachte hält. Der Bezug des Menschen kann aktiv oder passiv gefaßt werden. “ (Misch I, 1 /1948, S. 17 )Google Scholar
  7. 7.
    Dagegen tritt Georg Bollenbeck am entschiedensten für eine möglichst präzise soziale Ortung der Verfasser von Autobiographien ein. Er orientiert sich dabei an der marxistischen Klassentheorie. Die von ihm gestellte Frage: “Wer ist Arbeiter?” (1976, S. 21–38) sieht er beantwortet in der Berücksichtigung der Eigentums-und Produktionsverhältnisse. Damit glaubt er ein Kriterium gefunden zu haben, das die von ihm behandelte literarische Gattung Arbeiterlebenserinnerung genau zu fixieren in der Lage sei: “Die Produktionsverhältnisse umfassen vor allem die Eigentumsverhältnisse, aber auch die Verteilungsverhältnisse des Austauschs der Tätigkeiten der Kooperation der Arbeitsteilung und der Beziehungen der verschiedenen sozialen Gruppen und der Klassen in der Produktion. Der Rekurs auf die Produktionsverhältnisse verhindert zum einen, daß man die Arbeiterklasse durch zugeordnete Abstrakta wie Armut und Öde oder gar schlicht die Arbeit definiert, er verbietet zum anderen, Klassenzugehörigkeit am Bewußtsein des einzelnen Individuums festzumachen.” (S. 26) sellschaftlichen Stufenleiter einzuordnen, kann ein Anstoß zum Abfassen einer Autobiographie sein.Google Scholar
  8. 8.
    Michael Vogtmeiers Verzicht auf exakte, durch ihre Exaktheit jedoch auch statische soziale Eingrenzungen, verleiht seinem Ansatz eine gewisse Flexibilität. In seiner Studie über Die proletarische Autobiographie 1903–1914 bezieht er auch Texte von Dienstmädchen, Handwerkern, Vagabunden, Prostituierten usw. ein und arbeitet die Differenz zu vergleichbaren Schreibproduktionen von Arbeitern heraus, ohne vorschnell seine Argumentation einzuschwören auf gängige Muster und Gegenüberstellungen wie proletarisch - kleinbürgerlich, produktiv(e Arbeit) - unproduktiv(e Arbeit), politisch - unpolitisch, fortschrittlich - rückschrittlich, klassenbewußt - individualistisch, organisiert - spontaneistisch. (Vgl. auch Kapitel 3 dieser Arbeit.)Google Scholar
  9. 9.
    Vgl.Thorstein B. Veblen, 1919.Google Scholar
  10. 10.
    Vgl. Fußnote 7 dieses Kapitels.Google Scholar
  11. 11.
    Die einzige Publikation, die Autobiographien einfacher Leute in einer weiten Bandbreite ohne berufliche und andere soziale Spezifikationen vorlegt, ist der von Alfred Messerli herausgegebene Sammelband Flausen im Kopf Schweizer Autobiographien aus drei Jahrhunderten (1984). Messerli stellt zwölf deutsch-schweizer Autobiographien (teilweise in Auszügen) vor. Im Nachwort legt er die Kriterien seiner Textauswahl offen: “Bei der Auswahl der Texte kam der erzählerischen Qualität große Bedeutung zu. Sie wurden nicht an ‘historischen Tatsachen’ gemessen. Damit sollte mit einer Tradition gebrochen werden, der die Autobiographie als Geschichtsquelle grundsätzlich verdächtig ist.” (S. 307 )Google Scholar
  12. 12.
    Vgl. die sozialwissenschaftliche Forschungsliteratur: Sombart 1906; Broda/Deutsch 1910; Koch 1929; Hirschberg 1928; Uhlen 1964; Bertlein 1966; ebenso die Sammelwerke von Georg Eckert (1949; 1953).Google Scholar
  13. 13.
    Diese Feststellung ist zumindest richtig in Bezug auf die Arbeiterautobiô- graphie. Misch erwähnt aber die Autobiographie von Ulrich Bräker, ebenso z.B. Karl Philipp Moritz und Johann-Heinrich Jung-Stilling, die man im weiteren Sinne zur plebejischen Autobiographie zählen kann.Google Scholar
  14. 14.
    So beispielsweise Andreas Grießinger 1981, S. 56: “… die literarischen Autobiographien aus dem Handwerksbereich, die Moritz, Jung-Stilling, Bräker und Zelter verfaßt haben, (werden) nicht benutzt. Aufgrund ihrer stilisierten Kunstform und der literaturtheoretischen Problematik des Referenzobjekts solcher Formen liegen ihnen Artikulationsmodi zugrunde, die Generalisierungen für die Gesellenkultur nicht zulassen. An einer individuenzentrierten Autobiographik besteht in unserem Zusammenhang aber kein Interesse.”Google Scholar
  15. 15.
    Vgl. auch Glagau 1908; Gruhle 1923; Koch 1929; Fischer 1958.Google Scholar
  16. 16.
    Problematisch erscheinen mir die exzessiv vorgenommenen Kürzungen in diesem Band; damit kann zwar der Herausgeber eine große Anzahl und Bandbreite von Dokumenten vorstellen, sie sind aber notwendigerweise zerstückelt und in ihrer literarischen Form zerstört.Google Scholar
  17. 17.
    Angeführt seien die Beiträge in den Sammelwerken: Aus Kerkermauern. Bilder aus dem Verbrecherleben, herausgegeben von Heinrich Spengler (1884); Hinter Kerkermauern. Autobiographien und Selbstbekenntnisse, Aufsätze und Gedichte von Verbrechern, gesammelt von Johannes Jäger (1906).Google Scholar
  18. 18.
    Die von Paul Göhre im Diederichs Verlag herausgebenen Autobiographien der Arbeiter Carl Fischer, Moritz Bromme, Wenzel Holek und Franz Rehbein fanden große öffentliche Resonanz. Innerhalb der Arbeiterbewegung waren die Autobiographien von August Bebel und Adelheid Popp sehr wichtig.Google Scholar
  19. 19.
    Mein Lebenslauf, 1736 vom Meister Johann Dietz des Großen Kurfürsten Feldscher niedergeschrieben, wurde erst 1915 verlegt.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1991

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  • Klaus Bergmann

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