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Ausblick: Das Heilige Diesseits

  • Heiner Barz

Zusammenfassung

In einer der seltenen bedeutsamen religionssoziologischen Arbeiten der letzten Jahrzehnte, in Thomas Luckmanns “Invisible Religion”, wurden bereits vor annähernd 30 Jahren wichtige Fragen aufgeworfen:

„Welche Normen bestimmen die tatsächlichen Prioritäten im Alltagsleben durchschnittlicher Mitglieder der Gesellschaft? Welche subjektiven Relevanzsysteme sind im heutigen Leben von überragender, sinnintegrierender Bedeutung? ... In welchem Maße wird das traditionelle Modell der Religion noch verinnerlicht, und welches Verhältnis hat es zum vorherrschenden System ‚letzter‘ Bedeutung?“2

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Literatur

  1. 1.
    “Die unsichtbare Religion”, Frankfurt a.M. 1991, S. 132. Luckmanns “Invisible Religion” wurde 1967 in den USA als erweiterte Fassung einer bereits 1963 in Freiburg i.Br. erschienenen Arbeit veröffentlicht. Ich zitiere die “Unsichtbare Religion” nach der 1991 bei Suhrkamp erschienenen Rückübersetzung.Google Scholar
  2. 2.
    Luckmann a.a.O. S. 133.Google Scholar
  3. 3.
    Vgl. die Desiderat-Anzeigen zuletzt z.B. bei Karl-Fritz Daiber: Einleitung. In: Ders./Thomas Luckmann (Hrsg.): Religion in den Gegenwartsströmungen der deutschen Soziologie. München 1983, S. 11–17, hier S. 13; Karl Ernst Nipkow/Ekkehard Martens Lernbereich Philosophie - Religion - Ethik. In: Dieter Lenzen (Hrsg.): Enzyklopädie Erziehungswissenschaft Band 3. Stuttgart 1986, S. 167–192, hier S. 180; Joachim Matthes: Religionssoziologie. In: Günther Endruweit/Gisela Frommsdorff (Hrsg.): Wörterbuch der Soziologie. Band 2. Stuttgart 1989, S. 535–543, hier 539ff; Siegfried von Kortzfleisch: Fahnen, die fast himmlisch flattern. Massenkulte und Ideologien ahmen Christliches nach. In: Lutherische Monatshefte Nr. 10 1990 S. 440–442, hier S. 441.Google Scholar
  4. 4.
    Luckmann a.a.O. S. 134.Google Scholar
  5. 5.
    Luckmann a.a.O. S. 153.Google Scholar
  6. 6.
    Wen nun der Verdacht beschleicht, diese Ergebnisse seien womöglich durch die Luckmannsche Brille entsprechend präformiert, dem sei an dieser Stelle versichert, daß ich Luckmanns “Unsichtbare Religion” erst in der deutschen Neuauflage vom Juni 1991 nach der Befundaufbereitung eingehend und mit wachsendem Respekt studiert habe.- Eine echte Zusammenfassung und systematische Würdigung der hier vorgestellten Befunde steht freilich noch aus. Auch die folgenden, bestenfalls aphoristischen Bemerkungen können eine systematische Aufarbeitung nicht ersetzen. Die eingehende Interpretation, die Rückvermittlung in die religionssoziologische Theoriebildung und die Auswertung im Blick auf die Neuorientierung der kirchlichen Jugendarbeit war nicht Teil meines Forschungsauftrags. Für die letztere Aufgabe wurde vielmehr im Hause der aej eigens ein wissenschaftlicher Mitarbeiter eingestellt. Da mit dieser umfassenden Interpretation und Fruchtbarmachung der recht umfangreichen Forschungsresultate derzeit aus den verschiedensten Gründen kaum zu rechnen ist, versucht dieser Ausblick wenigstens die Umrisse einer Bilanz anzudeuten. Freilich können dabei viele interessante Fragestellungen nicht einmal gestreift werden. So wäre allein der Vergleich mit der bisherigen Forschung unter wissenschaftssoziologischen Gesichtspunkten ein lohnendes Thema. Denn das Material legt den Abschied von etlichen Gemeinplätzen nahe, die der Kirchensoziologie lieb und teuer waren: Zum Beispiel vergleiche man nur einmal “die Wahrnehmung religiöser Menschen” (S. 154ff) und das überwiegend negative Image der Kirchen (S. 165–181) mit dem folgenden Satz von Renate Köcher (Tradierungsprobleme in der modernen Gesellschaft. In: Feifel, Erich/Kasper, Walter [Hrsg.]: Tradierungskrise des Glaubens. München 1987. S. 168–182, hier S. 181): “Religion und Kirche sind keineswegs von einem ablehnenden, feindseligen gesellschaftlichen Klima umgeben; im Gegenteil: der religiöse Mensch wird weitaus positiver gesehen als der überzeugte Atheist.”Google Scholar
  7. 7.
    Luckmann a.a.O. S. 145.Google Scholar
  8. 8.
    Luckmann a.a.O. S. 154ff.Google Scholar
  9. 9.
    Vgl. “Worauf kommt es im Leben an?” S. 92.Google Scholar
  10. 10.
    Luckmann a.a.O. S. 156.Google Scholar
  11. 11.
    Vgl. hierzu die jüngsten Arbeiten des Soziologen Ulrich Beck, z.B.: Jenseits von Frauen-und Männerrolle oder: Die Zukunft der Familie. In: Universitas 46. Jg. (1991) Heft 1, S. 1–9.Google Scholar
  12. 12.
    Vgl. dazu auch die Ausstellung “Heiligtümer Jugendlicher” (1986) in Aachen von Ulrich Deller und Roland Wentzler: Im Ausstellungskatalog - zu beziehen über die Abteilung Jugendarbeit in der Hauptabteilung Gemeindearbeit des Bischöflichen Gemeindevikariates Aachen - auf S. 37: Ein Bett, nebst Bett-Biografie!Google Scholar
  13. 13.
    Luckmann a.a.O. S. 139 und S. 130.Google Scholar
  14. 14.
    Vgl. Heiner Barz: Religion ohne Institution? Opladen 1992, S. 69.Google Scholar
  15. 15.
    Luckmann a.a.O. S. 158.Google Scholar
  16. 16.
    Vgl. z.B. die Artikel “Totenverehrung” und “Trauerbräuche” im 3RGG, Band 6, 1962, Sp. 959ff bzw. 998ff.Google Scholar
  17. 17.
    Zur Begriffsgeschichte vgl. H. Reiner: Eudämonismus. In: Joachim Ritter (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 2, Basel/Stuttgart 1972 Sp. 819823.Google Scholar
  18. 18.
    Komelis Heiko Miskotte: Eudämonismus. In: 3RGG Band 2. Tübingen 1958 Sp. 723–726, hier Sp. 723.Google Scholar
  19. 19.
    Miskotte a.a.O. Sp. 724f.Google Scholar
  20. 20.
    Nach “Glossolalie” etwa geht es in diesem nicht nur größten, sondern ebenfalls jüngsten, noch unabgeschlossenen Nachschlagewerk (geplant sind 25 Bände) nahtlos mit der “Gnade” weiter. “Glück” also wird gnadenlos übergangen. Im Unterschied übrigens zum ungefähr 30 Jahre alten 3RGG, wo auch der zitierte, hervorragende Artikel “Eudämonismus” von Kornelis Heiko Miskotte zu finden ist.Google Scholar
  21. 21.
    Miskotte a.a.O. Sp. 725.Google Scholar
  22. 22.
    Odo Marquard: Zur Diätetik der Sinnerwartung. In: Ders.: Apologie des Zufälligen. Stuttgart 1986, S. 33–53, hier S. 42.Google Scholar
  23. 23.
    Erich Maria Remarque: Der schwarze Obelisk. Köln/Berlin 1956, S. 95.Google Scholar
  24. 24.
    Georg Schmid: Jugend und Religion in der Schweiz. In: Nembach, Ulrich (Hrsg.): Jugend und Religion in Europa. Frankfurt a.M. 1987. S. 261–270, hier S. 264.Google Scholar
  25. 25.
    Schon Klaus Allerbeck und Wendy Hoag (Jugend ohne Zukunft? München/Zürich 1985, S. 46) machten sich Gedanken über die Fokussierung der Aufmerksamkeit auf Minderheiten: Zwar sei es ganz normal, daß das Auffällige, Abweichende und nicht das Normale in den Medien Beachtung finde und überrepräsentiert werde. Als Ergebnis allerdings hätten wir ein merkwürdiges Bild der Jugend in unserer Gesellschaft: “Die 5 Punks prägen das Jugendbild der Öffentlichkeit mehr als die 37, die in der Freiwilligen Feuerwehr sind oder die 17 Rettungsschwimmer. Letztere sind nicht ‘interessant’ genug. (Dies soll kein Vorschlag an die Medien sein, ihre Berichterstattung zu ändern: Wenn es berichtenswert wäre, daß junge Leute bereit sind, Feuer zu löschen oder Ertrinkende zu retten, wäre die Situation in unserer Gesellschaft besonders trostlos, weil diese dann seltene Ausnahmen darstellen würden).” (Die Zahlen sind absolute Zahlen einer Umfrage unter 2066 Jugenlichen)Google Scholar
  26. 26.
    Sommer, Carlo/Wind, Thomas: Mehr oder minder einflußreich oder wie das Allerletzte zum letzten Schrei wird. In: Bucher, Willi/Pohl, Klaus (Hrsg.): Schock und Schöpfung. Jugendästhetik im 20. Jahrhundert. Darmstadt/Neuwied 1986. S. 170–172, hier S. 172.Google Scholar
  27. 27.
  28. 28.
    Vgl. Heinrich von Lersner: Die ökologische Wende. Berlin 1991.Google Scholar
  29. 29.
    Rudolf Tippelt: Jugendforschung in der Bundesrepublik. Opladen 1984. S. 39.Google Scholar
  30. 30.
    Nipkow, Karl Ernst: Neue Religiosität, gesellschaftlicher Wandel und die Situation der Jugendlichen. In: Zeitschrift für Pädagogik. 27. Jg. (1981) S. 379–402, hier S. 385.Google Scholar
  31. 31.
    Die Individualisierungsthese im Anschluß an Ulrich Beck: Die Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt a.M. 1986 war das beherrschende Thema der Sozialwissenschaften der letzten Jahre.Google Scholar
  32. 32.
    Vgl. Heiner Keupp: Auf dem Weg zur Patchwork-Identität? In: Verhaltenstherapie und psychologische Praxis 4, 1988 S. 425–438.Google Scholar
  33. 33.
    Beispielsweise bekannte sich eine Gymnasiastin aus dieser Quote so zum Mercedes-Stern: “Find ich gut, denn es bedeutet: absoluter Kapitalismus. Den hatte ich mir früher auch mal in die Glatze rein rasiert.”Google Scholar
  34. 34.
    Friedrich Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches. In: Kritische Studienausgabe Band 2, S. 41 f.Google Scholar
  35. 35.
    Ich gestehe, daß mir die Apostel der Neuen Zeit von Anfang an suspekt waren. Allerdings häufen sich auch für mich inzwischen die Indizien dafür, daß wir Zeugen eines größeren Umbruchs sind. Nicht zuletzt irritiert mich, daß gerade einige von mir hochgeschätzte Autoren gute Gründe für die behauptete Epochenschwelle zusammentragen: So verglich Egon Friedell bereits 1931 unser Jahrhundert mit dem Ende des Mittelalters. Und er sprach damals bereits von der Wendezeit zwischen dem Zeitalter der Fische und dem des Wassermanns (freilich mit zahlreichen Belegen, die auch nur anzudeuten, mir hier verwehrt ist. Vgl. Egon Friedell: Kulturgeschichte der Neuzeit. Die Krisis der europäischen Seele von der schwarzen Pest bis zum Ersten Weltkrieg. München 1979, S. 105–179 und S. 14931523). Und die erst in jüngerer Zeit in Deutschland entdeckte Philosophin Susanne K. Langer sah gerade in der Hinwendung der neueren Philosophie zum Symbol ein Indiz von epochaler Relevanz: “Ein neues philosophisches Thema ist für die Zukunft angeschlagen, ein erkenntnistheoretisches Thema, das Verständnis der Wissenschaft. Sein Stichwort ist die Macht des Symbolismus, so wie die Endgültigkeit der Sinnesdaten das einer früheren Epoche war.” (Philosophie auf neuem Wege. Das Symbol im Denken, in der Kunst und im Ritus. Frankfurt a.M. 1984, amerik. Original 1942). Schließlich schreibt das “enfant terrible” der Wissenschaftstheorie, Paul Feyerabend - ebenfalls lange bevor die New Age-Bewegung die astrologische Zeitrechnung populär gemacht hatte - über seine anarchistische Erkenntnistheorie: “Wir sehen, dieser Anarchismus ist sowohl rational, als auch irrational, als auch humanitär. Außerdem paßt er sehr gut in das Zeitalter des Aquarius. Was kann man mehr von einem Forschungsprinzip verlangen?” (Die Wissenschaftstheorie - eine bisher unerforschte Form des Irrsinns? In: Ausgewählte Schriften Band 1 Braunschweig/Wiesbaden 1978, S. 293–338, Erstveröffentl. 1972)Google Scholar
  36. 36.
    Maximen und Reflexionen Nr. 310. In: Werke. Hamburger Ausgabe Band 12, S. 407 (München 1988).Google Scholar
  37. 37.
    Susanne K. Langer a.a.O. S. 289.Google Scholar
  38. 38.
    Zitiert nach Hans Otto Wölber: Religion ohne Entscheidung, Göttingen 21960, S. 64.Google Scholar
  39. 39.
  40. 40.
    Vgl. Heiner Barz: Religion ohne Institution? Opladen 1992, S. 13ff.Google Scholar
  41. 41.
    Ich spreche ausdrücklich von Nicht-Vernunft, und nicht etwa von Un-Vernunft! Wie auch der sog. Irrationalismus in seiner aufgeklärten Variante so aufzufassen ist, daß er die Existenz von den jeweiligen Rationalitätshorizont transzendierendem Außerrationalem postuliert, ohne dieses damit a priori für arational zu erklären. Hans Georg Gadamer, einer der bedeutendsten, lebenden Philosophen, hat dies in unübertrefflicher Schlichtheit und Prägnanz in Worte gefaßt: “Das Universum ist mehr als ein Gewußtes!” (vgl. auch seinen brillanten Essay: Mythos und Vernunft in: Kleine Schriften 4 Tübingen 1977, S. 48ff; sowie meinen Essay: Lob des rationalen Irrationalismus in: Barz, Heiner: Dämonen im Klassenzimmer Weinheim/Basel 1990, S. 22–27)Google Scholar
  42. 42.
    Theodor W. Adorno: Philosophische Terminologie. Band 1. Frankfurt a.M. 1982, S. 128.Google Scholar
  43. 43.
    Alfred Lorenzer: Das Konzil der Buchhalter. Die Zerstörung der Sinnlichkeit. Eine Religionskritik. Frankfurt a.M. 1988.Google Scholar
  44. 44.
    Lorenzer a.a.O. S. 11.Google Scholar
  45. 45.
    Daß einige unverbesserliche Ideologiekritiker von gestern (sprich: von ‘68) sich heute häufig ausgerechnet unter dem Dach der Kirche (oder der zweiten großen, verkrusteten Institution unserer Gesellschaft, der Universität) in Sicherheit vor den Stürmen der Wirklichkeit gebracht haben, ist alles andere, nur kein Gegenbeweis. Schon Bloch sprach von dieser einäugigen Spezies schlicht als “Aufkläricht”.Google Scholar
  46. 46.
    Egon Friedell: Kulturgeschichte der Neuzeit. Die Krisis der europäischen Seele von der schwarzen Pest bis zum Ersten Weltkrieg München 1979, S. 11. Sueton (um 70–140 n.Chr.); Claudius (10 v.Chr. bis 54 n.Chr., Kaiser ab 41 n.Chr.)Google Scholar
  47. 47.
    Friedell a.a.O. S. 1523.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1992

Authors and Affiliations

  • Heiner Barz
    • 1
  1. 1.OffenbachDeutschland

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