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Theoretische Grundlagen für die Analyse sozialer Bewegungen

  • Lothar Rolke
Part of the Beiträge zur sozialwissenschaftlichen Forschung book series (BEISOFO, volume 97)

Zusammenfassung

Für die wissenschaftliche Erklärung gesellschaftlicher Phänomene wie das der sozialen Bewegung kann die Einsicht als unbestritten gelten, daß die Auswertung von empirischem und dokumentarischem Material immer “theoretisch präformiert ist” (Zinn 1983, 275) und folglich die Theorieebene selbst immer wieder reflexiv zur Disposition gestellt werden muß, eben well sie darüber entscheidet, was in welcher Weise wahrgenommen wird.

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Anmerkungen zum II. Teil

  1. 1.
    Folgt man der gängigen Literatur, so ist feststellbar, daß dieser Umstand bis heute beklagt wird (vgl. Heberle 1967; Deltgen 1969; Wilkinson 1974; Hartfield 1976; Rucht 1982; Roth 1983; Stöss 1983), weil er nur ein geringes allgemeines Erkenntnisniveau aufweist. Für die Rekonstruktion einer Verständnisgeschichte ist er gerade deswegen brauchbar.Google Scholar
  2. 2).
    In dieser Bedeutung wird der Begriff auch heute noch zum Teil verwendet (vgl. Wilkinson, 7), dann allerdings ohne weitere analytische Ansprüche (vgl. auch Haasis 1984).Google Scholar
  3. 3).
    Typisch für eine solche von Progress und Machbarkeit geprägten Auffassung war das sogenannte “Drei-Stadien-Gesetz”. Was Condorcet und Saint-Simon schon früherformuliert hatten, fand bei Comte (dem Namensgeber der Soziologie) seine konsequenteste Fassung (Hauck, 33). Die gesellschaftliche Entwicklung wurde begriffen “als gesetzmäßige Aufeinanderfolge von theologischem, metaphysischem und wissenschaftlichem Zeitalter” (ebd., 15). Erst im letzten Stadium wird gesellschaftliche Entwicklung rational und damit auch erst durch wissenschaftliche Erkenntnisse gestaltbar.Google Scholar
  4. 4).
    Dieses physikalische Grundverständnis wurde später von Popper (1965) und Deltgen (1969) heftig kritisiert.Google Scholar
  5. 5).
    Dieser ethische Grundgedanke der Befreiung des Menschen hat bei einigen Autoren zu der Auffassung geführt, daß soziale Bewegung per definitione Emanzipationsbewegung sei (vgl. Horkheimer 1936 und Hofmann 1971).Google Scholar
  6. 6).
    In diesem Sinne spricht etwa Nelson in bezug auf die “protestantische Reformation” und die “wissenschaftliche Revolution” von den “zwei großen Bewegungen des 16. und 17. Jahrhunderts. Zu Recht kritisiert Wilkinson an einem solchen Sprachgebrauch: “Historiker finden Gefallen daran, eine historische Bewegung dieser Art zu ‘entdecken’ oder ‘Bewegung’ als einen Deus ex machine einzusetzen, der ihre Erklärungs- und Interpretationsprobleme lösen hilft. Gewöhnlich kommt es sehr zu paß, wenn diese historischen Kräfte oder Tendenzen jenseits menschlicher Kontrolle oder Lenkung wirksam sind” (ders., 7 f).Google Scholar
  7. 7).
    W. Vogt hat vor einiger Zeit den interessanten Versuch unternommen, den progressiven Charakter des ökonomischen Liberalismus herauszuarbeiten (ders. 1979, 389).Google Scholar
  8. 8).
    Vgl. zur Rolle der Arbeiter neuerdings Bergmann, 28 ff. in der 48er Revolution in DeutschlandGoogle Scholar
  9. 9).
    Dieser im Marxschen Werk nicht aufgelöste Dualismus zeigt sich etwa auch daran, daß die Konstitutionsbedingungen der bürgerlichen Gesellschaft und der sozialen Revolution, auf die die Arbeiterbewegung zielen sollte, nicht in einem gemeinsamen System rekonstruierbar sind (vgl. etwa Frerichs/Kraiker 1979).Google Scholar
  10. 10).
    Gerade ein Jahr zuvor hatte Rammstedt mit aller Deutlichkeit auf dieses Problem hingewiesen: “Nur in der Geschichte der sozialen Bewegung werden deren soziale Voraussetzungen faßbar, werden die Faktoren deutlich, die die soziale Bewegung formen. Die Geschichte der sozialen Bewegung ist die Bedingung ihrer theoretischen Bestimmung” (ders. 1978, 31).Google Scholar
  11. 11).
    Gesellschaftsstrukturen sind für ihn nur aggregierte Handlungen (Beckmann, 25), deren spezifische Reproduktionslogik, sobald sie funktional etabliert sind, er nicht wahrnehmen kann. Insofern ist für ihn die Stabilität des Herrschaftsverhältnisses einer Gesellschaft auch nur als Problem der “sozialen Integration” thematisierbar (ebd., 30).Google Scholar
  12. 12).
    Denn alle in diesem Zusammenhang relevanten gesellschaftstheoretischen Grundbegriffe beinhalten eben diese Problematik. Der sozialwissenschaftliche Krisenbegriff muß sowohl die objektiven als auch die subjektiven Anteile solcher konfliktuöser Situationen erfassen (vgl. Habermas 1973, 9 ff; Vrobuba 1983, 93), Opposition wird nur begreifbar vor ihrem Gegenbild der Normalität (Schülein 1983), im Begriff der Ideologie spiegelt sich ebenfalls der erwähnte Dualismus (vgl. etwa Lenk 1978), und die Vorstellung von einem handlungsgeeigneten Gesamtplan von Gesellschaft scheint aus diesem Grund sogar völlig obsolet geworden zu sein (vgl. Offe 1968).Google Scholar
  13. 13).
    In der Regel wird von diesen drei Organisationssäulen der Arbeiterbewegung ausgegangen (vgl. etwa Ritter 1957, 25; Abendroth 1965, 53 und Klönne 1983, 13 f). Auf die damit verbundenen Konfliktfragen nach dem Verhältnis von Organisation und Spontaneität, wie es in den Auseinandersetzungen von Marxisten und Anarchisten (vgl. Rammstedt, 78) oder exponiert bei Rosa Luxemburg diskutiert wurde (vgl. Christoph, 365 ff), und nach dem Präferenzverhältnis von Parteien oder Gewerkschaften, das zumindest von Lenin deutlich entschieden wurde (vgl. Hofmann 1971, 167), gehe ich nicht ein. Denn wichtig für den hier diskutierten Zusammenhang ist lediglich die Frage der historischen Generalisierbarkeit der Merkmale der Arbeiterbewegung.Google Scholar
  14. 14).
    Während z.B. Habermas etwa nur der Frauenbewegung emanzipatori-schen Charakter zuspricht (ders. 1981 a, 159), können für andere auch Bürgerinitiativen “emanzipatorischen Wert” haben (vgl. Horn 1973, 311; Eckert 1973, 338). Müschen konstatiert bei der Alternativbewegung Versuche der “individualen Emanzipation” durch “Verbindung mit politischer Praxis” (ders. 1982, 33 f).Google Scholar
  15. 15).
    Nicht zuletzt auch deswegen, weil der Begriff selbst an praktisch brauchbarer Selbstverständlichkeit eingebüßt hat (Greiffenhagen, Hg. 1973; Hartfield, Hg. 1975).Google Scholar
  16. 16).
    Noch 1971 weigerte sich Hofmann, den Faschismus als soziale Bewegung wahrzunehmen und klammerte ihn definitorisch aus.Google Scholar
  17. 17).
    Sicherlich nicht unverständlich, aber dennoch historisch undifferenziert drückte sich dieser Zweifel gegenüber Massenhandeln in der tiefen Skepsis gegen plebiszitär-demokratische Vorstellungen aus, die für die institutionelle Konstituierung der Bundesrepublik wichtig werden sollte (vgl. III. 1).Google Scholar
  18. 18).
    Damit deutet sich bereits ein grunsätzliches Problem an, das in der Begründung einer Theorie sozialer Bewegungen wieder aufgegriffen werden muß (vgl. II. 3.2.4 und II. 3.3.2). Insofern nämlich soziale Bewegungen — wie noch zu zeigen sein wird — als Exponent der Lebenswelt gelten müssen, weil sie wie kein anderes soziales Gebilde die originären Lebensweltpotentiale kollektiv revitalisieren (etwa in der Propagierung von Gesellschaftsplänen, in der kommunikativen Koordination von Interessen, in der Motivation der Individuen zu Protesthandeln etc.) und weil soziale Bewegungen eben auch retrogressive Formen annehmen können, heißt das für die Lebenswelt insgesamt, daß sie genausowenig die prinzipielle Bürgschaft der Emanzipation repräsentiert wie die Systemstrukturen. Dieses Problem hat Bader (1985) vor Augen, wenn er Habermas vorwirft, daß er durch eine kate-goriale Vermischung von “entwicklungslogischen Möglichkeiten und empirischer Wirklichkeit” (ebd., 365) der Lebenswelt die möglichen re-trogressiven Reaktionen unterschätzt und durch Überbetonung des latenten Rationalitätspotentials die Lebenswelt-Kategorie mit mehr Hoffnungskonnotationen versieht, als die Theorie des kommunikativen Handelns durch ihren Begründungsversuch zu decken vermag. Wie man’s auch wendet und dreht, liegt heute das Dilemma des Emanzipationsbegriffs darin, daß sein Gehalt weder prinzipiell von den Institutionen noch von den empirischen Subjekten verbürgt werden kann (vgl. auch Claußen 1983, 93 ff).Google Scholar
  19. 19).
    So formulierte auch Helga Grebing 1966: “Soziologische wie politische Gründe könnten geboten sein lassen, auf den Begriff Arbeiterbewegung’ heute zu verzichten und von den politischen und sozialen Organisationen der Arbeitnehmerschaft zu sprechen” (dies. 1969, 17). Knapp 20 Jahre später ist Müller-Jentsch weniger vorsichtig. Für die Organisation der Gewerkschaften etwa prognostiziert er nur noch “die Zukunft von Interessensverbänden, auf die abhängige Beschäftigte ebensowenig verzichten können wie Autofahrer auf den ADAC oder ACE “ (ders. 1984, 28).Google Scholar
  20. 20).
    Die Unbrauchbarkeit des Klassenbegriffs in der Erklärung von Phänomenen wie der Studenten- und Alternativbewegung führte übrigens auch zu einer erneuten Verwendung dieses Konzepts (vgl. dazu Bartol 1977; Fogt 1982).Google Scholar
  21. 21).
    Subjektiv drückt sich die Klassenlage im Klassenbewußtsein aus, das immer wieder empirisch untersucht wurde. Ohne nun hier die einschlägige Literatur zum Klassenbewußtsein zu diskutieren, das häufig bereits theoretisch vorsichtiger bestimmt wurde (vgl. etwa Resch, 579), kann wohl, ohne große Widersprüche hervorzurufen, gesagt werden, daß sich das erhoffte oder befürchtete Klassenbewußtsein regelmäßig als mangelhaft erwiesen hat (vgl. etwa Mandel 1969, 6; Jaeggi 1974, 375 ff). Auch bei der gegenwärtigen Krisenrezeption werden kritischere “Bewußtseinsformen und... die Zunahme einer skeptischeren Haltung, die eine Überwindung der sozialen und politischen Bewegungslosigkeit einschließen kann” (Resch, 591). nicht erwartet.Google Scholar
  22. 22).
    Als Beispiel vgl. etwa das Wahl-Vernalten der Arbeitslosen (Bürklin/Wiegand, 273 ff) und das Bewußtsein von Arbeitern hinsichtlich des Problems von Arbeitslosigkeit (vgl. Zoll 1984).Google Scholar
  23. 23).
    Während sein Hauptwerk: “The making of the English Working Class” (London 1963) trotz mehrfacher Anläufe bisher nicht ins Deutsche übersetzt ist, liegen in deutscher Sprache eine Reihe wichtiger Nach- arbeiten (ders. 1980 b) und Beiträge zur theoretischen Auseinandersetzung (ders. 1980 a) vor. Für sozialhistorisehe Untersuchungen, die sich nicht mit der “Begriffs-Klempnerei” begnügen, geschichtliche Entwicklungen in eine vorgedachte Teleologie einzupressen, können die Forschungsbeiträge von Thompson als “bahnbrechend” (Peukert 1982, 9) gelten.Google Scholar
  24. 24).
    In den von Vereinen und Bünden getragenen Frauen- (vgl. Schenk 1980; Hervé 1982) und Jugendbewegungen (Laqueur 1978) wird dieses gegenkulturelle Moment sichtbar. Nicht politische oder ökonomische, sondern kulturelle Organisationen bildeten die Grundlage. Der Kern bzw. die Radikalen der jeweiligen Bewegung versuchten immer zugleich auch “Programm” und “Organisation” mit einem abweichenden praktischen Lebenszusammenhang zu verbinden.Google Scholar
  25. 25).
    Dies wurde auch bestätigt in Untersuchungen zur deutschen (vgl. Vester 1970) und zur französischen Arbeiterbewegung (vgl. Pruss-Kaddatz 1982).Google Scholar
  26. 26).
    Mit dem offensichtlichen Versagen des Klassenbegriffs, der mit dem Versagen eines Gesetzesbegriffs für die determinierte Regelmäßigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung korrespondiert, ist auch die marxistische Theorie in die Krise geraten. Diesen Befund hat Kallscheuer illusionslos zusammengefaßt: “Die Krise des Marxismus als politische Theorie ist das Ergebnis der Falsifikation der beiden Instanzen, in denen Marx die Perspektive der menschlichen Emanzipation angesiedelt hatte, und die bei Marxens Nachfahren zu konträren Lesarten der marxistischen Revolutionstheorie führten:Google Scholar
  27. -.
    Die Falsifikation der ‘objektivistischen’ Variante der Revolutionstheorie, die das Vertrauen in die revolutionäre Dynamik des kapitalistischen Systems gesetzt hatte.Google Scholar
  28. -.
    Die Falsifikation der ‘subjektivistischen’ Variante marxistischer Revolutionstheorie, die ihre emanzipatorischen Zielsetzungen primär an die revolutionäre Kapazität der Arbeiterklasse als ‘historisches Subjekt’ geknüpft hatte” (ders. 1981, 176).Google Scholar
  29. 27).
    Theoretisehwirft dieses Konzept jenes Problem auf, das sich schon in dem Versuch gezeigt hat, soziale Bewegung als einen “eigensinnigen” oppositionellen Teil der Gesellschaft zu identifizieren: den real historischen Handlungsaspekt mit der Systementwicklung insgesamt zu verbinden. An diesem Punkt setzt auch die Kritik Grohs an Thompson ein (ders. 1980, 23 ff; vgl. auch Peukert 1982, 23 ff).Google Scholar
  30. 28).
    Dieser Doppelcharakter ist in vielfältigen Arbeiten zur Entwicklung der deutschen Gewerkschaften mit sprechenden Titeln wie “Anpassung oder Widerstand”, “Zwischen Stillstand und Bewegung”, ‘Ordnungsfaktor oder Gegenmacht”, “Zwischen Mitgliederinteressen und ökonomischen Systemzwängen” problematisiert worden (vgl. ausführlich Müller-Jentsch 1981, 178 ff). Auch für die Sozialdemokratie wurde ein solcher “Doppel Charakter” rekonstruiert. So spricht Raschke beispielsweise von einer parteiinternen “Arbeitsteilung”, der “Partei im Staatsapparat” und der “Partei außerhalb des Staatsapparates”, die ein “funktionales Systemerfordernis darstellt (ders. 1974, 31).Google Scholar
  31. 29).
    Interessanterweise ging der Ausbau der Formalorganisationen Partei und Gewerkschaft mit der Erosion der beiden anderen “organisatorischen Säulen der Arbeiterbewegung” (Novy 1982, 120) einher, der Genossenschafts- und Kulturorganisationen (vgl. auch Pirker 1984).Google Scholar
  32. 30).
    So kritisiert die Frauenbewegung zu Recht: “Parteien und Gewerkschaften zielen von ihrer Funktion wie von ihrer Entstehungsgeschichte her auf einen öffentlich-rechtlichen bzw. betrieblichen Zusammenhang und gerade nicht auf die für die Frauen(politik) zentrale Reproduktionsproblematik (Berger u.a.. 227).Google Scholar
  33. 31).
    Die vorliegende Arbeit ist keine Theoriearbeit. Sie bedient sich lediglich der vielen verstreuten theoretischen Einsichten und historisch-empirischen Befunde von Einzeluntersuchungen, um die praktische Frage nach den Erfolgsaussichten sozialer Bewegungen adäquat zu beantworten. Daran muß deshalb erinnert werden, weil die vorliegende Rekonstruktion einer Theorie sozialer Bewegung nicht besser sein kann als die verfügbaren Theoriemittel. Nicht die offenen Fragen gilt es theorieimmanent möglichst weit zu diskutieren, sondern die neuen theoretischen Einsichten mit einer langzeitorientierten Realanalyse erstmalig zu kombinieren. Darin liegt das Novum der Untersuchung.Google Scholar
  34. 32).
    Als in analytischen Grundsatzfragen noch defizitärer haben sich die traditionell marxistischen Analysen erwiesen, weil sich die neuen Konflikte nicht mehr als Widersprüche in der Produktions- und Verteilungssphäre interpretieren lassen (Offe 1983, 59), Generations-Untersuchungen, weil sie bereits konzeptionell “ungenau” und “nebelhaft” bleiben (Heberle 1969, 99 f), und Analysen mit Konzepten der “politischen Deprivation”, weil sie sich gegenüber den Protestgegenständen als indifferent erweisen, gleichzeitig aber mit einem “traditionellen und normativ geschlossenen Politikverständnis arbeiten” (vgl. Brand 1982, 32).Google Scholar
  35. 33).
    Diese Unterscheidung ist sehr abstrakt und kann nur eine heuristische Funktion haben, denn genauso gut läßt sich unter anderen Gesichtspunkten eine andere Anzahl von Gesellschaftstheorien begründen. Die hier vorgenommene Unterscheidung läßt sich deshalb nur forschungsstrategisch rechtfertigen: durch das für eine Theorie sozialer Bewegungen grundlegende Problem der zwei Gesellschaftsdimen-sionen.Google Scholar
  36. 34).
    Die analytischen Defizite werden in der Untersuchung Mehlichs deutlich sichtbar. Indem er sich einseitig auf die Luhmannsche Er-kenntnisperspektive verläßt (ders. 1983, 135), erscheint Protest lediglich als “Entdifferenzierungsprozeß” mit erheblichen “Stabilitätsrisiken” für das Gesellschaftssystem (ebd., 139 ff).Google Scholar
  37. 35).
    Das wird auch von den als Kritiker unverdächtigen Autoren Esser und Hirsch bestätigt. Trotz aller Einwände heben sie hervor, daß es den Systemtheorien “wenigstens” gelingt, “die Dominanz struk-turaler, sich quasi hinter dem Rücken der Akteure durchsetzenden Bedingungskonstellationen administrativ-politischer Prozesse gegenüber intentionalen Strategien des handelnden Subjekts zu realisieren” (dies. 1982, 112).Google Scholar
  38. 36).
    Strittig ist dann “lediglich die Gewichtung situativer Faktoren (z.B. perzipierte issue-Kompetenz und Kandidatenpräferenz in Wahlen), die Anerkennung der Eigendynamik politischer Wertorientierungen gegenüber sozialstrukturell verankerten Parteibindungen und die Dimensionalität der determinierenden cleavages” (Gerdes 1984, 646 f).Google Scholar
  39. 37).
    Danach typologisierte auch Heberle die “Beweggründe politischer Betätigung” (ders. 1967, 80 ff) und leitete daraus entsprechende “Gefüge-Typen” sozialer Bewegung ab (ebd., 84ff).Google Scholar
  40. 38).
    Ein sehr einfaches, aber dafür umso einleuchtenderes Beispiel für eine solche kontra-intentionale Koordination der Handlungsfolgen ist das “Ostrogorski-Paradox” (vgl. Offe 1984, 163). Es zeigt, daß bei einer Wahl etwa, die Partei (X) mit 60 % der Stimmen gewinnt, obwohl sich bei jedem einzelnen issue 60 % der Wähler für die Aussage der Partei (Y) aussprechen: (math) Der Grund dieses Widerspruchs liegt offensichtlich in der handlungs-koordinierenden Funktion des formalen Mehrheitsprinzips.Google Scholar
  41. 39).
    So wird der Begriff Arbeiterklasse mal historisch-empirisch, mal analytisch-systematisch gebraucht.Google Scholar
  42. 40).
    Entsprechend der Entfaltung neuer Bewegungen hat Marcuse diese Hoffnungen jeweils präzisiert und etwa auf die Studenten- oder Frauenbewegung bezogen.Google Scholar
  43. 41).
    Die oppositionellen Kräfte etwa als “mit dem bestehenden Ganzen in unversöhnlichem Widerspruch stehen(d)” (Marcuse 1970, 190).Google Scholar
  44. 42).
    Eingeleitet wurde dieser Versuch offenbar von Lockwoods bahnbrechendem Aufsatz (1964): “Soziale Integration und Systemintegration” (1971). Lockwood konnte zeigen, wie sich diese beiden Theoriestrategien auf verschiedene Dimensionen gesellschaftlicher Reproduktion konzentrieren: “Während beim Problem der sozialen Integration die geordneten oder konfliktgeladenen Beziehungen der Handelnden eines sozialen Systems zur Debatte stehen, dreht es sich beim Problem der Systemintegration um die geordneten oder konfliktgeladenen Beziehungen zwischen den Teilen eines sozialen Systems” (ebd., 125). Indem sie sich aber auf verschiedene Realitätsaspekte beziehen, wie Lockwood zeigte, wurde auch bestätigt, “daß keine wirkliche Rivalität zwischen den beiden soziologischen Systemen besteht und daß sie im Gegenteil in ihren jeweiligen Schwerpunkten komplementär sind” (ders. (1956) 1971, 173). Damit aber stellte sich das Problem der Verknüpfung. Habermas hat dieses Problem aufgegriffen, um einen neuen Versuch vorzulegen, die Subjekt- und Objekt-Seite von Gesellschaften neu zu bestimmen (vgl. ders. 1973; 1976). In der Folgezeit gewann dieses Dualitätskonzept von Sozial- und Systemintegration an Popularität (vgl. etwa Offe 1979; Preuß 1979; Schimank 1980), ohne daß es hinreichend entwickelt war. Erst 1981, mit der “Theorie des kommunikativen Handelns”, ist ein Vorschlag formuliert, der sich “ausschöpfen” (Weiß 1983, 108) und an den sich anknüpfen läßt. Für eine Theorie sozialer Bewegung ist dieses Konzept deshalb besonders attraktiv, weil er. jenes Grundproblem bearbeitet, das für die Entstehung des Phänomens offenbar konstitutiv ist (vgl. oben). Nicht anders ist auch zu erklären, warum es sowohl Eingang in die Diskussion um die ‘neuen sozialen Bewungen’ gefunden hat (Roth 1983), als auch langsames Interesse in der historischen Forschung zur Arbeiterbewegung findet (vgl. Peukert 1982).Google Scholar
  45. 43).
    In den kritischen Reaktionen werden Probleme und Erkenntnisfortschritt mit unterschiedlicher Präzision herausgearbeitet: Vgl. dazu Breuer 1982, 132 ff; Söllner 1982, 97 ff; Luhmann 1982, 376 ff; Bubner 1982, 341 ff; Berger 1982, 353 ff; Weiß 1983, 109 ff; Cerutti 1983, 352 ff; Matthiesen 1983, 22 ff; Offe 1983, 58 f; Hesse 1984, 141 ff; Hauck 1984, 200 ff; Bader 1985, 355 ff. All diese Einwände belegen, daß die Habermassche Theorie des kommunikativen Handelns vorläufig nur als “Vorschlag” (Weiß) zu bearbeiten ist — ein Vorschlag allerdings, der verspricht, über die Grenzen anderer Gesellschaftstheorien hinauszuweisen.Google Scholar
  46. 44).
    “Anschließen” bedeutet hier zweierlei. Da sich erstens Habermas zwar zu den neuen sozialen Bewegungen geäußert, aber keine Theorie sozialer Bewegungen entworfen hat, muß sie erst aus seinem gesellschaftstheoretischen Vorschlag entwickelt werden. Da sich zweitens bestimmte Annahmen als problematisch erwiesen haben, wurde eine Ko»— rektur notwendig, die als Abweichung zu den Habermasschen Vorschlägen gekennzeichnet ist.Google Scholar
  47. 45).
    Aufgrunddessen eignete sich auch der Keynesianismus als politisch instrumentelles Handlungsprinzip für die Bearbeitung von Störungen. Zugleich implizierte diese Verwendung aber auch die “Hinnahme” der Rahmenbedingungen als vorgegeben und nicht weiter problematisierbar (vgl. Vrobuba 1979, 491 ff).Google Scholar
  48. 46).
    Unschwer i st erkennbar, was die kursgeleitete Fahrt eines solchen Güterschiffes alles voraussetzt: die “Idee” des schwimmenden Gegenstandes, der Bau von Schiffen, ihrer Meerestauglichkeit, ihren Einsatz für den Gütertransport, Navigationserfahrungen und Verarbeitung, Nachfrage von Gütern auf einem Seeweg, Einigungsformen des Personals, Risikobereitschaft usw. Temporal gestreckt sind die vorausgesetzten und aktualisierten Handlungen derart vielfältig und koordinierungsbedürftig, daß das historische Zustandekommen einer Güterschiffsfahrt von einem Ort zu einem anderen nicht als die Erfüllung eines zweckgerichteten und intentionsgeleiteten Gesamtplans erklärbar ist.Google Scholar
  49. 47).
    In einer generalisierteren Terminologie läßt sich dieses Problem auch als “dreifache Entzweiung des modernen Ich mit äußerer Natur, Gesellschaft und innerer Natur” (Habermas 1976, 102) beschreiben.Google Scholar
  50. 48).
    In Übereinstimmung mit Austin und Searle drücken sie “gleichzeitig einen propositionalen Gehalt” (Sachbezug), “das Angebot einer interpersonellen Beziehung” (“Sozialbezug”) und “eine Sprecherintention” (“Selbstbezug”) aus (Habermas 1981, I, 143).Google Scholar
  51. 49).
    “Das Gelingen kommunikativen Handelns hängt, wiewir gesehen haben, von einem Interpretationsprozeß ab, in dem die Beteiligten der drei Welten zu einer gemeinsamen Situationsdefinition gelangen” (Habermas 1981, I, 173).Google Scholar
  52. 50).
    Auf die Lebensweltstrukturen gehe ich weiter unten ausführlicher ein.Google Scholar
  53. 51).
    Auf den Zusammenhang von Sprache und Lebensform hat bereits frühzeitig Wittgenstein aufmerksam gemacht: “... eine Sprache verstehen heißt, sich eine Lebensform vorstellen” (ders. 1971, 20). Im Anschluß daran aber Rationalität auf der Suche nach einer “Gestalt ihrer historischen Verwirklichung” als Lebensform zu denken, ist nicht unproblematisch, weil Vernunft dann unmittelbar an ihre “substanziali-sierte” oder “verdinglichte” Form gebunden wird (Bubner 1983, 354 f).Google Scholar
  54. 52).
    Damit wird zwar kein höherer Wahrheits-, Richtigkeits- oder Authen-titätsgehalt in der Beurteilung garantiert, aber wahrscheinlicher gemacht. Auf jeden Fall tritt an die Stelle von “retrospektiver Besserwisserei” (Bader) eine differenzierte Würdigung von situativer und lebensweltlicher Angemessenheit.Google Scholar
  55. 53).
    Durch diese Substantialisierung lassen sich auch gesellschaftliche Krisenphänomene in der Lebenswelt bestimmen: Wenn etwa die Kultur keine konsensfähigen Deutungsschemata reproduzieren kann, entsteht ein Sinnverlust, wenn die Gesellschaft die interpersonellen Beziehungen nicht mehr legitim ordnen kann, werden Anomien wahrscheinlich, und wenn der Sozi alisationsprozeß die Ausbildung von interaktionsfähigen Subjekten nur unzureichend ermöglicht, dann muß mit Psychopathologien gerechnet werden (vgl. Habermas 1981, II, 212 ff).Google Scholar
  56. 54).
    Die bisher vortheoretisch begründete, nur am allgemeinen Gebrauch orientierte Definition bei Beckmann 1979, 289; Bottomore 1981, 37; Breuer 1983, 29 ff findet darin ihre gesellschaftstheoretische Begründung und ermöglicht den Anschluß an analytische Kategorien. Programme, Organisationen und Trägerschaften müssen sich messen lassen am Rationalitätsniveau der Strukturen der Lebenswelt. Damit deutet sich auch eine Lösung für die Frage an, ob sie in der Gesellschaft eine fortschrittliche Funktion haben.Google Scholar
  57. 55).
    In dieser Hinsicht läßt sich zwischen traditionalistischen und rationalistischen Bewegungen unterscheiden, wobei letztere “an die Vernunft appellieren, um ihre Zukunftsgesellschaft zu verwirklichen” (Heberle 1964, 15). Diese vernunftgeleitete Rückkoppelung an den gesellschaftlichen Wissensvorrat bedeutet immer auch Wieder-”Aneig-nung der Expertenkultur aus dem Blickwinkel der Lebenswelt” (Habermas 1981, a, 462).Google Scholar
  58. 56).
    Legitimität kann nur in dem Maße beansprucht werden, als die Bewegungen selbst eine Form basisdemokratischer und diskursiver Öffentlichkeit entwickeln, die sich am rationalen Konsens orientiert (vgl. Paris 1981, 119 ff): “Das Bewegungsprinzip der Öffentlichkeit kritisiert also bei des: den Devisionismus der Partei, die immer recht hat, und den Relativismus der Subkultur, in der jeder für sich selbst recht behalten darf” (ebd., 121).Google Scholar
  59. 57).
    In charismatischen Bewegungen etwa, die auf “Gefolgschaft” beruhen (vgl. Heberle 1967, 86 f) wird diese Bedingung nicht erfüllt, weil nur affektiv handelnde Akteure gefragt sind, also Personen, die ausschließlich expressiv-dramaturgisch handeln.Google Scholar
  60. 58).
    Übrigens ließe sich auch anhand anderer Phänomene zeigen, daß sich die Lebenswelt nicht prinzipiell rational gestaltet. Massenhysterien etwa beruhen auf einer Revitalisierung irrationaler Wissensbestände, dörfliche “Not- und Terrorgemeinschaften” sind von nicht legitim geregelten Sozialbeziehungen bestimmt, und auch die Handlungsteilnehmer müssen ja nicht zwingend kompetent und zurechnungsfähig sein.Google Scholar
  61. 59).
    Anstelle der Überlebenssicherung spricht Habermas von materieller Reproduktion. Diesen Begriff halte ich deswegen für irreführend, weil er lediglich auf die Bewältigung ökonomischer Probleme abzustellen scheint, tatsächlich aber allgemeiner als “Systemerhaltung” konzipiert wird (ders. 1981, II, 349).Google Scholar
  62. 60).
    Hier läßt sich schon ahnen, daß zwischen der gesellschaftlichen Funktion und dem Rationalitätsniveau unterschieden werden muß. Während unter dem ersten Aspekt Steuerungsprobleme thematisiert werden, problematisiert der zweite die kommunikative Begründungsfähigkeit der Orientierungsmittel.Google Scholar
  63. 61).
    Der Begriff “Entlastung” darf hier nicht im Sinne Gehlens mißverstanden werden, denn für Gehlen muß der von Institutionen aussortierte Handlungsüberschuß der Menschen zum Verschwinden gebracht werden, um nicht seinerseits die Institutionen zu gefährden. Für Luhmann bleiben demegegenüber gerade die Alternativen erhalten. “Entlastung durch sinnkonstituierende und sinnverwendende Systeme im Sinne Luhmanns bedeutet, daß im Moment der Entlastung das Woraus gerade erhalten und zugänglich bleibt” (Gabriel, 78). Systemische Entlastung erscheint demnach als “Simultanpräsentation von Möglichem und Wirklichem” (Luhmann 1981, 21). Einig ist sich Luhmann trotzdem mit Gehlen im Mißtrauen gegen den “anthropologisch beschränkten Menschen”. Uneingestanden kommt daher seine fortwährende Empfehlung von “Systemvertrauen” einer “Ethik der Anpassung” gleich (vgl. Gabriel, 67).Google Scholar
  64. 62).
    Entsprechend sieht Marx in diesem “Doppel Charakter der in den Waren dargestellten Arbeit” den “Springpunkt”, “um den sich das Verständnis der politischen Ökonomie dreht” (Marx, 56). Dabei gilt für die bürgerliche Gesellschaft: “Gebrauchswerte werden hier überhaupt nur produziert, weil und sofern sie materielles Substrat, Träger des Tauschwertes sind” (ebd., 201).Google Scholar
  65. 63).
    “Während eine antiinstitutionalisierte und verinnerlichte Moral die Regelung von Handlungskonflikten schließlich nur noch an die Idee der diskursiven Einlösung von normativen Geltungsansprüchen, an Prozeduren und Voraussetzungen moralischer Argumentation bindet, erzwingt das entmoralisierte Zwangsrecht einen Legitimationsaufschub, der die Steuerung sozialen Handelns über Medien ermöglicht” (Habermas 1981, II, 269).Google Scholar
  66. 64).
    Das läßt sich sowohl für die Arbeiterbewegung durch die Rückendeckung der Arbeiten von Thompson u.a. Sozialhistorikern behaupten als auch für die neuen sozialen Bewegungen (vgl. Habermas 1981, II, 581 ff).Google Scholar
  67. 65).
    In der Luhmannschen Systemtheorie etwa schmilzt Lebenswelt zu einer nicht weiter differenzierten Restkategorie Umwelt zusammen, die zugleich komplexitätssteigernd und bedrohend wirkt. Alltagstheoretiker nehmen die Vorherrschaft der Systemimperative über ihre Folgen wahr — etwa als “Pauperisierung des Alltagslebens” (Lefevre).Google Scholar
  68. 66).
    Wie oben angemerkt, spricht Habermas nicht von einem eigenständigen Orientierungssystem, weil er Wissenschaft und Massenmedien als verständigungsabhängig organisierte Handlungsbereiche begreift. Er muß aber zugeben, daß auch die Ausbildung von Expertenkulturen zu einer kulturellen Verarmung führt (ders. 1981, II, 483).Google Scholar
  69. 67).
    Ist die “Folgebereitschaft” nicht herstellbar, so gibt es gesellschaftliche Auffang- und Sonderrollen. Für den Nicht-leistungsfähigen die Rolle des physisch Kranken, für den Abweichler von der definierten Gruppenbeziehung die des Kriminellen und für den Nicht-zurechnungsfähigen die des Verrückten. Horn hat etwa auf die gesellschaftlichen Implikationen der Krankenrolle aufmerksam gemacht. In kritischer Anlehnung an Parsons zeigt er, wie Krankheit als schuldlose Nicht-Erfüllung der normalen Rollenaufgaben definiert ist, wobei diese Sonderrolle nur gewährt wird, wenn der Kranke sie gewissermaßen selbst als unerwünscht betrachtet und sie überwinden will (vgl. ders. 1982, 165).Google Scholar
  70. 68).
    Für das politisch-administrative System vgl. etwa die Rollen “des Beamten, des Abgeordneten, des Parteisekretärs, des Wählers, des Gesuchstellers” usw. (Luhmann 1971, 155). Eine ähnliche Rollenvielfalt läßt sich auch im Wirtschaftssystem erkennen.Google Scholar
  71. 69).
    Ökonomisches und politisches Subsystem garantieren zugleich die Funktion der Steuerungsmedien Geld und Recht (vgl. Luhmann 1981, 103).Google Scholar
  72. 70).
    Alles scheint kaufbar und/oder unter den Fittichen der Bürokratie regulierbar. Auf subtilste Weise scheint alles konditionierbar: “Der Herrscher sagt dort nicht mehr: du sollst denken wie ich oder sterben. Er sagt: es steht dir frei, nicht zu denken wie ich, dein Leben, deine Güter, alles soll dir bleiben, aber von diesem Tage an bist du ein Fremdling unter uns. Was nicht konformiert, wird mit einer ökonomischen Ohnmacht geschlagen, die sich in der geistigen des Eigenbrödlers fortsetzt” (Horkheimer/Adorno, 119 f).Google Scholar
  73. 71).
    Sowohl die Personen (Käufer und Verkäufer) sind austauschbar und damit situativ wählbar, als auch die Sache.Google Scholar
  74. 72).
    Ich spare mir an dieser Stelle eine Problematisierung von Vermischungserscheinungen, wie die Durchdringung von Amt und Person.Google Scholar
  75. 73).
    Ein deutlicher Beleg dafür ist die Tatsache, daß sich die politische Unzufriedenheit erst dann zu einem diagnostizierbaren Phänomen von “Staatsverdrossenheit” auswuchs, als sich ein hinreichendes Protestpotential entwickelt hatte (vgl. Teil III).Google Scholar
  76. 74).
    Darin lag übrigens auch der Denkfehler der altbekannten Wissenschaftsmetapher, das Staatssystem als ein Auto zu begreifen, das von den Machthabern gesteuert werde. Teilsysteme wie das politische sind eben nicht voluntaristisch steuerbar, sondern sie steuern sich selbst in Hinblick auf ihre Funktionserhaltung. Auf Umweltimpulse reagiert es im Interesse an sich selbst. Es integriert Neues nach vorhandenen Verarbeitungsmustern, wenn es eine Störung seiner Reproduktion dazu zwingt. Insofern können ni cht die Handlungszieie der Akteure als Bezugspunkt für die Analyse staatlichen Handelns gelten, sondern der “laufende Bezug von Politik auf Politik” (Luhmann 1981, 36) oder deutlicher: das “Interesse des Staates an sich selbst” (Offe 1975; Vrobuba 1983).Google Scholar
  77. 75).
    Auf die dazu nötigen politischen Rahmenbedingungen für die Entfaltung der kapitalistischen Wirtschaft, wie etwa die Notwendigkeit freier Rechtsformen, gehe ich nicht weiter ein. In der Staatsableitungsdiskussion ist das hinreichend herausgearbeitet worden (vgl. zur Übersicht Esser 1975: Abromeit 1976, 22 ff; Butterwegge 1977; Gerstenberger 1977, 21 ff).Google Scholar
  78. 76).
    In diesem Sinne lassen sich auch saubere Umwelt, intakte Ehebeziehungen, die Suche nach einem Lebenspartner, gute Schulnoten etc. als knappe Güter schematisieren, die sich mit einem Preis versehen egalisieren und präferenzieren, kurzum in die Logik der Kapitalverwertung überführen lassen.Google Scholar
  79. 77).
    Dadurch wird der Bezugspunkt der “Staatsableitungsdebatte” (zur Übersicht vgl. den auslösenden Aufsatz von Müller/Neusüß 1971 und die Zusammenfassungen von Esser 1975; Abromeit 1976, 22 ff; Butter— wegge 1977; Gerstenberger 1977, 21 ff) entscheidend relativiert. Für diese Theorieansätze stand und “steht außer Frage, zentraler analytischer Bezugspunkt bleiben die Strukturen und Bewegungsgesetzlichkeiten der Kapitalentfaltung selbst” (Ebbighausen 1981, 161). Gefragt wurde also nach den Funktionen des Staates für das ökonomische System. Der “bedeutsamste Beitrag zur allgemeinen Theorie des bürge»— lichen Staates” (Gerstenberger 1977, 41) lag allein in der Folgerung, daß sich “letzten Endes... die besondere Instanz Staat aus der Notwendigkeit der Sicherung der Rechtsförmigkeit des Tauschwertes auf der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft, der Sicherung der Verkehrsformen freier und gleicher Warenbesitzer” (Ebbighausen 1981, 157) ergibt. Für eine materialistische Staatstheorie aber war der “wissenschaftliche Ertrag” dieser lang und vehement geführten Debatte insgesamt sehr “begrenzt” (ebd., 164). Der Grund lag in der Hauptsache nicht in den allseits konstatierten “Defiziten an historisch-empirischer Forschung” (ebd., 165: so auch schon Esser 1975, 159), sondern offenbar in den Kategorien selbst, wenn man die Einsicht teilt, daß “Empirie eben nicht die Richtigkeit der Kategorien ‘beweisen’ (kann, L.R.), mittels deren sie selbst strukturiert worden ist” (Ronge 1977, 193). “Denn ihre kategorialen Formen präformieren den Gegenstand der Untersuchung und legen den Gang der Analyse eindeutig fest” (Vrobuba 1983, 27). Pointiert formuliert, hat die Staatsableitungsdiskussion die Ausdifferenzierung des politisch-administrativen Systems immer unter dem Blickwinkel der Ausgleichsfunktion ökonomischer Defizite untersucht: in der Retrospektive unter der Frage, welche Rahmenbedingungen die Kapitalentfaltung benötigte (siehe Rechtsform), in aktueller Perspektive, “auf welche Weise der Kapitalismus den immer wieder erwarteten Zusammenbruch bisher vermieden hat, welche Rolle dabei dem ‘Staat’ zukommt und ob die bisher angewandten Überlebensstrategien auf Dauer erfolgreich sein können” (Bermbach 1983, 17). Durch diese kategoriale Präformierung reduzierten sich die Ergebnisse auf Antwort-Typen, die in irgendeiner Weise auf die Kompensationsfunktion verwiesen (vgl. ebd., 16 f; Vrobuba 1983, 23). Um eine solche analytische Vorentscheidung im Sinne eines Primats der Ökonomie zu entgehen, wird man den Bezugspunkt in das politsch-administrative System zurückverlegen müssen (s.o.), d.h. das politisch-administrative System reproduziert sich durch Bezug auf sich selbst, indem es mit immanenten Mitteln auf die Effekte der Umwelt, (z.B. durch das ökonomische System) reagiert. In diesem Sinne wurde von der Staatsableitungsdebatte ein wichtiger Umweltaspekt thematisiert, der aber den Kern des Problems kategorial verfehlte. Ob dann allerdings eine solche “politische Theorie... noch ‘marxistisch’ ist, kann möglicherweise bezweifelt werden, freilich: dies dürfte eine Frage sein, die allenfalls von ‘dogmatischem’ Interesse ist” (Bermbach 1983, 29).Google Scholar
  80. 70).
    Dieser Vorschlag trug der Einsicht Rechnung, daß der Staat nicht auf die Funktion der ökonomisch notwendigen Kompensationsleistungen reduziert werden konnte (vgl. Schmidt 1982, 77 ff). Offenbar ließ sich die Einsicht nicht ohne Kategorienwechsel analytisch brauchbar verarbeiten (s.o).Google Scholar
  81. 79).
    Auch für die Qualität der Entscheidung selbst ergibt sich eine wichtige Einschränkung: “Ein System, das die Entscheidung aller aufgeworfenen Probleme garantieren muß, kann nicht zugleich die Richtigkeit der Entscheidung garantieren” (Luhmann 1978, 21).Google Scholar
  82. 80).
    So etwa bei Wahlverfahren der Parteienkonkurrenz, bei Gerichtsverfahren oder verwaltungsinternen Entscheidungsprozeduren, die Probleme behandeln, die sich über Routine- oder Zweckprogramme regeln lassen.Google Scholar
  83. 81).
    In diesem Sinne läßt sich jeder politische Beschluß als Rechtsoder Weisungsbeschluß vorstellen. Tatsächlich besteht ja die Aufgabe von Parlamenten gerade darin, legislativ tätig zu werden, Machtansprüche rechtsförmig zu kodifizieren.Google Scholar
  84. 82).
    “Für kapitalistische Gesellschaften bedeutet das. daß die Macht des Kapitals keineswegs darin besteht, die politische Ordnung und die Politik nach seinen Interessen zu organisieren, sondern vielmehr negativ darin, das System staatlicher Organisationsmittel... beständig zu desorganisieren und dadurch jenes ‘Selbstinteresse’ tätig werden zu lassen” (Offe 1975, 18). Im Vergleich zu den Antworten-Typen der “Staatsableitungsdiskussion” läßt sich deshalb herausstellen, der Staat reagiert eben nicht auf die Defizite des ökonomischen Systems, weil er seine Existenz dieser Kompensations-Funktion verdankt, wie die Staatsableitungstheoretiker kategorial unterstellten (Vrobuba 1983, 23), sondern weil er seinen eigenen Organisationsbestand durch Reorganisation sichern will. Der Vorteil diese neuen Modells liegt darin, daß nun systematisch erklärbar wird, warum der Staat als historisches Ergebnis von Reorganisationsprozessen (nach Luhmann als Ergebnis von Selektion, Variation und Stabilität) auch auf andere Störungsquellen reagiert hat und die internen reorganisierten Strukturen danach bestimmt sind, z.B. auf die erstarkende Arbeiterbewegung (vgl. Hirsch 1974, 53 f). Die partielle Legitimationsbindung des Staates läßt sich vor diesem Hintergrund “als Antwort des sich verselbständigten Staates auf seine Angst vor einer sozialen Revolution, der er sich nicht gewachsen glaubte” (Rammstedt/Rönsch, 145) interpretieren.Google Scholar
  85. 83).
    Der Hinweis auf die “Gleichzeitigkeit” trägt der Einsicht Rechnung, daß die Verfügung über Finanzmassen und die Sicherung von Massenloyalität eng miteinander zusammenhängen (vgl. Habermas 1973, 55 f). Allerdings wird das politisch-administrative System auch -wie sich neuerdings zeigt — mit Ansprüchen konfrontiert, die sich nicht materiell entschädigen lassen.Google Scholar
  86. 84).
    M.G. Schmidt hat in einer Realanalyse des politischen Systems der Bundesrepublik diesen Befund bestätigt (vgl. ders. 1982, 121 ff).Google Scholar
  87. 85).
    Mit der erzwungenen Reorganiation von Systemen greife ich bereits vor (vgl. 3.3). Aber es leuchtet schon bei diesem Stand der Argumentation ein, daß sich solche funktionalen Überformungen nicht ohne Umweltreaktion vollziehen können, sondern Störungen verursachen, die das betroffene Teilsystem zu einer Reaktion zwingen. Wie sich zeigen wird, stellen soziale Bewegungen das wichtigste Abwehr- und Störpotential der Lebenswelt dar, das Systeme zur Reorganisation zwingt.Google Scholar
  88. 86).
    Es berücksichtigt nicht die Austauschbeziehungen zwischen den Subsystemen oder die indirekten Einflußverhaltnisse (wie z.B. den Einfluß des ökonomischen Systems auf die Familie, die Fortschritte der Wissenschaft auf den Haushalt etc).Google Scholar
  89. 87).
    System und Lebenswelt sind ausbalanciert, wenn a) die Funktionslogik des Teilsystems die Handlungsrationalität hinreichend zuläßt bzw. die Handlungsrationalität nicht die funktionslogische Reproduktion des Teilsystems verhindert, wenn b) Organisations- und Handlungsbereiche hinreichend abgestimmt koordiniert sind und wenn c) die Rollen genügend personale Ansprüche zulassen und die Personen die Rollenvorschriften akzeptieren.Google Scholar
  90. 88).
    Der Übergang vom unorganisierten, vereinzelten zum organisierten Arbeiter läßt sich als eine solche Rollenveränderung beschreiben, die Einführung der Demokratie ist ein Beispiel für eine Variation auf der Ebene der Organisationssysteme,und das Primat des politischen Systems in realsozialistischen Ländern läßt sich als Wechsel des evolutionär führenden Subsystems einer Gesellschaft interpretieren.Google Scholar
  91. 89).
    Dieses neue Reflexionsniveau wurde von Zeitgenossen wie Condorat, Saint-Simon und Comte im sogenannten Dreistadiengesetz reflektiert. Ausgehend von der Prämisse, daß “Ideen die Welt regieren und umwälzen” (Comte), glaubten sie, daß “der Geist notwendig das theologische, metaphysische und wissenschaftliche Stadium hintereinander” durchlaufe (Hauck 1984, 28), wobei erst das letzte Stadium die bewußte Gestaltung der Gesellschaft ermögliche.Google Scholar
  92. 90).
    Das gleiche gilt für die Entfaltung der Subsysteme. Indem ihr evolutionärer Eigenwert zwar berücksichtigt wird, zugleich aber die Kategorien für pathologisierende Übergriffe (Habermas) offengehalten werden, wird keine positive Wertentscheidung für sie getroffen, wie ein totalisierter Luhmannscher Systemfunktionalismus nahelegt (vgl. Gabriel 1979, 67).Google Scholar
  93. 91).
    Hier weiche ich von Gerdes ab, der in bezug auf Schluchters Unterscheidung zwischen wissens- und erlebnisbestimmten Handlungsorientierungen (ders. 1984, 649) annimmt, Protesthandeln folge überwiegend der letzteren Orientierung. Das mag zwar im Einzelfall zutreffen, aber typisch erscheint dem Verfasser — aufgrund der eigenen Forschungsergebnisse — gerade die Kombination von beiden.Google Scholar
  94. 92).
    Gegen den Standard-Einwand, Betroffenheit fördere lediglich die Gruppenegoismen, “spricht... die Tatsache, daß sich ‘unmittelbar Betroffene’ in der Regel sehr viel eher zu Experten machen als die Bewohner von Gemeinden, die unmittelbar nicht betroffen sind” (Fetscher 1984, 204). “Die vermehrte Berücksichtigung wäre dann durch den höheren Informationsgrad und nicht allein durch die direkte Betroffenheit gerechtfertigt” (ebd., 205).Google Scholar
  95. 93).
    Das mag am Beispiel des “zivilen Ungehorsams” verdeutlicht werden. Er bedeutet demnach “Ungehorsam gegenüber dem Gesetz innerhalb der Grenzen der Gesetzestreue”, d.h. “das Gesetz wird gebrochen, doch die Gesetzestreue drückt sich im öffentlichen und gewaltlosen Charakter der Handlung aus, in der Bereitschaft, die gesetzlichen Folgen der Handlungsweise auf sich zu nehmen” (Rawls 1975, zit.n. Rucht 1984, 273).Google Scholar
  96. 94).
    Wenn jemand die atomare Rüstung als existentielle Bedrohung, absoluten Wahnsinn erlebt und infolgedessen das Ende der Menschheit gekommen sieht, so scheint er zwar sich selbst gegenüber glaubwürdig zu bleiben, wenn er einen spektakulären Freitod (etwa Selbstverbrennung) wählt, um darauf mit einem letzten “Verzweiflungsschrei” aufmerksam zu machen (für ihn hat das Leben so oder so nur noch einen begrenzten Wert), aber es ist zu bezweifeln, ob er sich vernünftig verhält bzw. Betroffenheit und Gemeinwohl angemessen vermittelt. Die Geschichte der außerparlamentarischen Bewegungen wird zeigen, daß es einige solcher Fälle gab.Google Scholar
  97. 95).
    Gegenbewegungen, so die These, sind demnach immer Verteidigungsreaktionen des Normalitätskonsens.Google Scholar
  98. 96).
    Eine Analyse faschistischer Bewegungen würde das vermutlich bestätigen. Sie war weltanschaulich bestimmt durch die Koppelung des “nationalistischen und sozialdarwinistischen Gedankenguts mit populistischen und plebejischen Motiven” (Breuer 1983, 30). ihre Organisationsstruktur zeichnete sich durch eine “Fusion von charismatischen und bürokratischen Elementen” (ebd., 31) aus, und sie evozierte vor allem ästhetisch-affektive Handlungspotentiale (vgl. Rammstedt 1978, 18 f), d.h. sie mobilisierte die retrogressiven Potentiale der Gesellschaft. Nur weil sie an ein solches Potential anschließen konnte, bestand überhaupt eine Entfaltungschance der faschistischen Bewegung, die aus anderen Gründen auch nicht vom politisch-administrativen System neutralisiert werden konnte. Auf eine genauere Überprüfung der These muß an dieser Stelle leider verzichtet werden. Von all jenen Erklärungsansätzen, die sich mit Mentalitätsstrukturen, Persönlichkeitsfragen etc. beschäftigen, wird sie indirekt bestätigt. Festzuhalten bleibt hier nur, daß der Anschlußzwang an die Normalbevölkerung eben nicht nur eine korrigierende, sondern eben auch eine sehr destruktive Wirkung haben kann, mögen die subjektiven Erwartungen noch so verständlich und der Anlaß noch so begründet sein.Google Scholar
  99. 97).
    Aus diesem Grund nimmt Guggenberger an, daß es “gewiß kein Zufall” sei, “daß, historisch gesehen, der verfassungspolitischen Errungenschaft des allgemeinen, gleichen Wahlrechts die kulturpolitische Errungenschaft der allgemeinen Schulpflicht voranging. Letztere ist die zweifellos notwendige (wenngleich keineswegs hinreichende) Bedingung der ersteren” (ders. 1984, 214). Wird der “Souverän” partizipatorisch tätig, dann muß er sich in komplexen modernen Gesellschaften “Sachkompetenz, Urteil und moralische Sensibilität in einer bis dato ganz beispiellosen Weise erwerben” (ebd.), um nicht unterhalb historisch möglicher Emanzipation zu bleiben.Google Scholar
  100. 98).
    Funktionale Modernisierungsprozesse verunsichern dieses einregulierte Balance-Verhältnis von systemischer Sei te. Soziale Bewegung und Modernisierung können von daher auch als Antworten aufeinander definiert werden.Google Scholar
  101. 99).
    Diesen Gesichtspunkt thematisiert Marx ökonomisch als Widerspruch zwischen Produktionsverhältnissen und Produktionsentwicklung.Google Scholar
  102. 100).
    Habermas thematisiert diesen Gesichtspunkt als “Kolonialisie-rung der Lebenswelt”.Google Scholar
  103. 101).
    Da in der kommunikativ rationalisierten Lebenswelt alles kritisch thematisierbar ist, gehört zur Krise eine objektive Komponente. Folgerichtig löst nicht alles, was als Krise empfunden wird, auch eine soziale Bewegung aus (Rammstedt 1978, 146).Google Scholar
  104. 102).
    So können beispielsweise bestimmte neue Krisensymptome dem ökonomischen System zugerechnet werden (etwa Ressourcenverknappung; Um-weltgefährdungen). Der Adressat des Protests ist aber das politische System, weil es für die Bewältigung des Problems verantwortlich gemacht wird.Google Scholar
  105. 103).
    Letztlich wird sie immer klarzumachen versuchen, daß es alle angeht, weil die Lösung des Problems allen dient (Gemeinwohlanspruch).Google Scholar
  106. 104).
    Über den Ablauf einer sozialen Bewegung läßt sich sagen, daß er sich “temporär in einer Krise als Bedingung der sozialen Bewegung, in einer Periode der Dynamik mit einer Überhöhung des Protests gegen die Krise in Form der Teleologisierung der Krise und das Ende der Bewegung: zumeist Institutionalisierung” (Rammstedt 1978, 135) vollzieht. Dieses “Dreistadiengesetz” von Desintegration, Konfliktdynamik und Integration bietet aber nur eine sehr allgemeine Orientierung. Rammstedt u.a. haben daher den Versuch unternommen, den Ablauf zu differenzieren (zur Kritik vgl. oben). Die weitere Phasendifferenzierung bleibt allerding solange Spekulation, als analytisch nicht erfaßt ist, in welcher Weise die Konfliktkontrahenten, System und Bewegung, lernen. Um die Lernprozesse zu erfassen, wird man fragen müssen, wie die gesellschaftlichen Teilsysteme auf die lebensweltlichen Desorganisationseffekte reagieren und wie Bewegungen die Ausgrenzungs- und Integrationsversuche des Systems verarbeiten. Auch darüber kann nur die realhistorische Untersuchung Auskunft geben (Gerdes 1984).Google Scholar
  107. 105).
    Andere Varianten als die genannten wären Agrarbewegungen, nationale Bewegungen oder Lebensreform-Bewegungen. Auch sie bringen Unzufriedenheit entweder mit dem ökonomischen, politischen oder Orientierungssystem hervor. Allein die Frauenbewegung bildet eine Ausnahme. Sie problematisiert ein gesellschaftliches Verhältnis (nämlich das der Geschlechter), dessen Problematik als vorbürgerliches Erbe von der bürgerlichen Gesellschaft übernommen wurde. Die internen Strukturen der Frauenbewegung richten sich nach der historisch dominanten Bewegung.Google Scholar
  108. 106).
    Wie das Beispiel der Arbeiterbewegung zeigt, richteten sich die dominanten Aktivitäten zwar auf das ökonomische System (Gewerkschaft und Genossenschaft), zugleich bildete sie aber auch Gegenorganisationen zum politischen System (Parteien) und zum Orientierungssystem (Kulturvereine) aus.Google Scholar
  109. 107).
    Diese innerweltiche Strukturierungsfunktion zeigt sich deutlich an der lange Zeit dominierenden Arbeiterbewegung. Sie distinguierte sowohl die Frauenbewegung in eine proletarische und eine bürgerliche Variante (vgl. Schenk 1981; Nave-Herz 1982) als auch die Jugendbewegung (entsprechend wurde auch konzeptionell unterschieden; vgl. Linse 133; Brake 187 f).Google Scholar
  110. 108).
    Ähnlich auch Hollstein /l973, 103): “Während früher Streiks, Aufstände und Erhebungen sich primär ökonomisch motiviert zeigten und auf bessere Sozialleistungen und höhere Löhne aus waren, ging diesmal die Stoßrichtung der Unzufriedenen wider die kulturelle Verelendung und soziale Entmündigung des Menschen in der bürokratisier-ten Gesellschaft” (vgl. auch Hirsch 1980, 37).Google Scholar
  111. 109).
    Andernfalls führen Krisen zur Lähmung und Passivität (vgl. Döbert/ Nunner-Winkler 1973).Google Scholar
  112. 110).
    Damit wird ausdrücklich der Deprivationsthese (vgl. Heinz/ Schöber 1973) widersprochen, die in der Beraubung der Lebenschancen bereits eine hinreichende Bedingung sieht.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1987

Authors and Affiliations

  • Lothar Rolke

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