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Einleitung

  • Lothar Rolke
Part of the Beiträge zur sozialwissenschaftlichen Forschung book series (BEISOFO, volume 97)

Zusammenfassung

Zunächst kaum zur Kenntnis genommen, dann aber plötzlich seit Ende der 60er Jahre von einer sich sprunghaft entwickelnden Traktatliteratur, tagespolitischen Stellungnahmen und einer in Gang gekommenen “offiziösen Frühwarnforschung” (Offe) kommentiert, ist die Geschichte der Bundesrepublik “zugleich eine Geschichte großer außerparlamentarischer Bewegungen” (Bayartz 1979, 428), die unterschiedlich vehement, aber regelmäßig zum Ausdruck brachten, daß ein “Widerspruch zwischen den Zielen des politischen Systems und den Vorstellungen seiner Bürger bestand” (Pirker, in Küsel 1978, 7).1)

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Anmerkungen zum I. Teil

  1. 1).
    Ähnlich Riemeck 1968, 74; Buro 1977, 31; Fülberth/Harrer 1979, 487; Otto 1980, 181; Buro 1982, 40 ff; Brand u.a. 1983, 13.Google Scholar
  2. 2).
    Von dieser Grundannahme der Veränderung eines bestehenden oder in Folge der Entwicklung zu erwartenden Status Quo sind alle gängigen Definitionen sozialer Bewegung bestimmt: vgl. Heberle 1967, 11; Wilkinson 1974, 27; Rammstedt 1978, 130; Beckmann 1979, 286 ff und zur neueren amerikanischen Diskussion Rucht 1982, 4.Google Scholar
  3. 3).
    Indirekt hat bereits Buro (1977, 31) auf die Notwendigkeit einer solchen Analyse aufmerksam gemacht. Unterschiedlich akzentuiert wurde diese Forderung später dann präzisiert (vgl. Rucht 1982, 40; Stöss 1983, 19; Schülein 1983, 253).Google Scholar
  4. 4).
    Die zusätzliche Erwartung, daß die Untersuchung international vergleichend zu verfahren habe, scheint mir bei einem solchen Zeitraum gegenwärtig nur bei Einzelbewegungen einlösbar zu sein, wie etwa der Friedensbewegung. Eine darüber hinausgehende “Pionierarbeit” wurde 1985 von Brand u.a. vorgelegt (vgl. Brand 1985).Google Scholar
  5. 5).
    Dieses Prozeß-Argument ist nicht nur kompatibel mit dem Begriff der “Bewegung”, sondern wird auch ihrem Grundgedanken gerecht, nämlich die “Interessenswahrnehmung der Benachteiligten als Prozeß” zu untersuchen (vgl. Wirtz 1981, 19). “Gerade die Defizite der jüngeren ‘systematischen Ereignisforschung’ (Hausen)”, so hebt Wirtz hervor, “weisen auf die Bedeutung einer prozessualen Betrachtung hin” (ebd.).Google Scholar
  6. 6).
    Keinen Beitrag für eine Begründung der Grundeinheitlichkeit des Phänomens leistet die historisch unerlaubte Begriffsverwischung, so etwa wenn Rausch (1980, 48) in Hinblick auf die Kampagne KdA und Engelmann bezüglich der Antifas von “Bürgerinitiativen” sprechen.Google Scholar
  7. 7).
    Da die Friedens- und Abrüstungsproblematik in den verschiedenen Protestphasen immer wiederkehrte, überrascht es nicht, daß sich darauf das Interesse der nach Kontinuität suchenden Forscher konzentrierte (vgl. Schmidt-Vöhringer 1982; Wienecke/Krause 1982; v. Bredow 1982; Knorr 1983).Google Scholar
  8. 8).
    Offe sprach schon frühzeitig vom oppositionellen “Learning on the job” (ders. 1968, 64). Auch Ebert geht von einem solchen Prozeß der Erfahrungskontinuierung aus: “Es ist... zu vermuten, daß die Zahl der sich Bewegenden im Laufe der Jahre — trotz Ausfallserscheinungen — doch wächst und daß zumindest wichtige Teile der inhaltlichen Ziele und der* methodischen Erfahrungen früherer Bewegungen in die nachfolgenden aufgenommen werden” (ders. 1982, 25). Mit Hirsch ließe sich auch von “plebejischem Wissen” reden (ders. 1980, 139). Interessanterweise operieren inzwischen übrigens auch Untersuchungen zu historisch früheren Protestphasen mit der Annahme eines kollektiven Lernprozesses (vgl. etwa Engelhardt 1984, 250).Google Scholar
  9. 9).
    Bereits im Hinblick auf die Aktionen der Studentenbewegung sprach Habermas frühzeitig von Testversuchen, die der “Logik von Versuch und Irrtum auf der Ebene praktischer Vernunft” folgen (ders. 1969, 44). Buro prägte für die Protestsituation Ende der 60er Jahre den Begriff der “Experimentierbaustelle der AP0” (ders. 1977 a, 33). Auch im Zusammenhang der verschiedenen Projekte der neuen sozialen Bewegungen taucht immer wieder der Begriff des Experiments (vgl. z.B. Huber 1983. 41) bzw. des “sozialen Labors” (Beywl/Brombach 1984, 28) auf.Google Scholar
  10. 10).
    Im nachfolgenden beziehe ich mich nur exemplarisch auf Standardliteratur. Zur Bürgerinitiativ- und Ökologiebewegung vgl. neben den Bibliographien von Benedict 1977, 179 ff; Murphy 1982, 361 besonders: Matthöfer 1977, Guggenberger/Kempf 1984, Karl 1981, Mayer-Tasch 1981; Müller 1983. Zur Alternativbewegung: Kraushaar 1978; Mast 1980; Scheer/Espert 1982; Kohlenberger/Schwarz 1983; P. Schmidt 1983; zur Selbsthilfebewegung: Beywl/Brombach 1982; dies. 1984. Zur neuen Friedensbewegung die beiden Reader: Die neue Friedensbewegung 1982; Pestalozzi u.a. 1982 und Knorr 1983.Google Scholar
  11. 11).
    Dies gilt allerdings nicht in gleichem Maße für den gesamten Untersuchungszeitraum.Google Scholar
  12. 12).
    Um zu vermeiden, daß die theoretischen Annahmen sich das Material einfach begriffsimperialistisch unterwerfen, wurden kategoriale Ungereimtheiten sensibel verwertet. Die Revidierung des Theorieobjekts wurde bewußt einkalkuliert.Google Scholar
  13. 13).
    Gerade für diesen Aspekt stellt die Literatur zur Studentenbewegung ein einmaliges Lehrmaterial dar. Ein besonders drastisches Beispiel ist noch immer das Schlußurteil in Allerbecks Dissertation, das später korrigiert werden mußte. Ausgehend von einer Merkmalskombination, die zwar in der Studentenbewegung vorhanden war, wie sich aber erweisen sollte, für das Entstehen und die Entwicklung von Bewegungen völlig unerheblich ist, kam er zu dem weitreichenden Schluß: “Über die Studentenbewegung hinaus wird die Soziologie künftighin so wenig wie gegenwärtig soziale Bewegungen zu erklären haben” (ders.: Soziale Bedingungen für studentischen Radikalismus. Köln 1970, 347). Ein Vergleich von Bewegungen hätte nicht nur das Urteil, sondern auch die dafür verantwortliche Kategorienbildung verhindert.Google Scholar
  14. 14).
    Stellvertretend für andere sei etwa auf die Untersuchungsaussage Görlichs hingewiesen, derzufolge die “Kampf-dem-Atomtod-Kampagne” zunehmend durch “kommunistische Tarnorganisationen” gesteuert gewesen sei (dies. 1965, 88 ff). Wie sich später herausstellte, handelte es sich dabei hauptsächlich um die wissenschaftliche Kodifizierung eines zeittypischen politisch-kulturellen Vorurteils. Ein besonders drastisches Beispiel war ferner der Vorwurf des linken FaschismusGoogle Scholar
  15. an die Studentenbewegung (Habermas 1969, 148 f). Später wurde er vom Urheber korrigiert (vgl. “Der Spiegel” 42/1977, 32). — Gleichzeitig gibt es aber auch Beispiele dafür, daß dieses Problem selbstkritisch wenigstens mitbedacht wurde (vgl. etwa Brand 1982, 9).Google Scholar
  16. 15).
    Bereits Popper stellte 1934 unmißverständlich klar: “Es gibt keine reinen Beobachtungen: sie sind von Theorien durchsetzt und werden von Problemen und Theorien geleitet” (ders. 1982, 76). An diese Grundeinsicht wird zu Recht immer wieder erinnert (vgl. etwa Habermas 1981, I, 161 f; Zinn 1983, 274). Als Problem stellt sich dann, wie sich Theorien kritisch überprüfen lassen. Eine solche Möglichkeit eröffnet sich offenbar dann, wenn Theorien selbst als historisch und damit als abhängig von der gesellschaftlichen Entwicklung begriffen werden, denn dadurch lassen sich realgeschichtliche Prozesse und historische Rezeptionsformen in einen reflexionszugänglichen Zusammenhang bringen.Google Scholar
  17. 16).
    Zunächst war es vor allem der Wechsel der “historiographischen Perspektive”, der neue Fragestellungen hervorbrachte und neue Untersuchungsgegenstände salonfähig machte (Peukert 1977, 745 f). An der Geschichte der Bundesrepublik interessierten plötzlich auch Systemalternativen und Protesterscheinungen. Interessanterweise sind alle relevanten Untersuchungen zu den Bewegungen der 50er und 60er Jahre und zu den Protestformen der unmittelbaren Nachkriegszeit erst nach der Studentenbewegung erschienen. Häufig weisen die Autoren sogar ausdrücklich darauf hin, daß die Studentenbewegung der Anstoß ihrer Untersuchung war (vgl. etwa Rupp 1970; Arbeiterinitiative 1945 (1976); Otto 1977).Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1987

Authors and Affiliations

  • Lothar Rolke

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