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Die Evolution der Form ‘Nation’: Zur Entwicklung europäischer nationaler Semantiken in historisch-soziologischer Perspektive

  • Dirk Richter

Zusammenfassung

Die Forderung, soziologische Theoriebildung solle sich historischer Erkenntnis stellen, ist nicht neu. Versuche zur Einlösung dieser Forderung sind schon von Klassikern wie Max Weber und Norbert Elias zur Grundlage ihrer Gesellschaftstheorien gemacht worden. Allgemeine Literatur zum Verhältnis von Soziologie und Geschichtswissenschaft füllt mittlerweile nicht nur Sammelbände (wie Wehler, Hrsg. , 1984), sondern ganze Bibliotheksregale. Dennoch muß soziologische Theoriebildung, die sich spezieller Themen annimmt, immer wieder daran erinnert werden, nicht in zu vereinfachende Vorstellungen von der Realität vergangener Zeiten zu verfallen. Auch in der vorliegenden Untersuchung wurde in Teil 1 deutlich, daß ein großer Teil der unzutreffenden Annahmen über die Entwicklung und das Potential nationaler Semantiken auf die Ahistorizität der Theorien zuriickzuführen war Es sei hier nur an die allzu simple Dichotomie von Tradition und Moderne innerhalb des Strukturfunktionalismus und der Modemisierungstheorien erinnert.

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References

  1. 1.
    Siehe zum Mittelalterforschungsschwerpunkt ‘Nationes’, der die Herausbildung europäischer Nationen erforscht, den einführenden Sammelband von Beumann/Schröder 1978.Google Scholar
  2. 2.
    So hat Tilman Mayer (1986, S. 40) die ebenso starke wie historisch unzutreffende These vertreten, das deutsche Volk habe sich schon im 9. Jahrhundert politisch Geltung verschafft und sei so zur Nation geworden.Google Scholar
  3. 3.
    Unter dem Signum der ‘segmentären Gesellschaft’ werden hier auch nicht-seßhafte frühe Gesellschaftsformationen eingeordnet. Für eine andere Differenzierung, die zwischen Sammlern und Jägern sowie seßhaften segmentären Gesellschaften unterscheidet vgl. die rechtsethnologische Studie von Wesel 1985.Google Scholar
  4. 4.
    Genauer gesagt, handelte es sich bei den ständischen Einteilungen um trinäre Differenzierungen, die erheblich stabiler sind, als dies binäre sein können. Das dominante soziale Deutungsschema um die erste nachchristliche Jahrtausendwende herum etwa beschrieb die “Funktionale Dreiteilung”; sie bestand aus “solchen, die beten, solchen, die Waffen führen, und solchen die arbeiten, aus oratores, bellatores (pugnatores) und laboratores (agricultores).” (Oexle 1987, S. 66) Zu diesen einflußreichen trinären Strukturen vgl. auch Giesen 1991a, S. 35.Google Scholar
  5. 5.
    Die folgende Darstellung stützt sich vornehmlich auf die ausgezeichnete deutschsprachige Forschung zur Entstehung mittelalterlicher Nationen, wie sie sich etwa in der Reihe ‘Nationes’ findet. Für eine Zusammenstellung älterer historischer Forschungspositionen vgl. den Sammelband von Tipton 1972.Google Scholar
  6. 6.
    Natürlich begann das theoretische Nachdenken über die andere Seite nicht erst im Mittelalter. Schon in der Antike wurde mittels des Barbaren-Begriffs darüber reflektiert (vgl. Koselleck 1984a, S. 218ff.; Borst 1990, S. 20f.). Dieses “Denken zweiter Ordnung”, das “Nachdenken über das Denken”, wie Elkana (1986, S. 344ff.) mit Bezug auf die Antike formuliert hat, ist theoretisch auf den ähnlichen, auf Schichtung beruhenden Gesellschaftsbau in Antike und Mittelalter zurückzufüihren.Google Scholar
  7. 7.
    Auch von Mittelalter-Historikern wird der Begriff Nation nicht leichtfertig auf die vormodernen Verhältnisse übertragen. Ihr Problem: “Es fehlt ein zeitgenössischer Oberbegriff für Elemente, deren konstruktives Wirken deutlich nachzuweisen ist.” (Ehlers 1989, S. 22)Google Scholar
  8. 8.
    Man nimmt heute an, daß sich die europäische Bevölkerung von der Jahrtausendwende bis zur Pestkatastrophe in der Mitte des 14. Jahrhunderts verdoppelt hatte (vgl. Wehler 1989a, S. 69).Google Scholar
  9. 9.
    Das ‘perfide Albion’, das noch die Nationalsozialisten zur Denunziation der Briten benutzt haben, ist ein mittelalterliches Stereotyp!Google Scholar
  10. 10.
    Zur natio in den mittelalterlichen Universitäten vgl. den Lexikonartikel von Verger 1992.Google Scholar
  11. 11.
    Auch Charles Tilly hat immer wieder die zentrale Bedeutung der zwischenstaatlichen Beziehungen und hier vor allem die Konkurrenzen und Kriege für die Herausbildung des Staates betont: “In the nature of the case, national states always appear in competition with each other, and gain their identities by contrast with rival states; they belong to systems of states. ”(Ch. Tilly 1990, S. 23)Google Scholar
  12. 12.
    Die Anzahl der in die Konflikte einbezogenen Personen darf man sich nicht zu groß vorstellen. Am Ende des Mittelalters umfaßten die Heere selbst bei größeren Kriegen nicht mehr als 10.000 bis 40.000 Mann. Allerdings waren auch andere Bevölkerungsgruppen durch Steuern, Dienstleistungen oder direkte Kriegseinwirkungen in den Gebieten betroffen. Diese Angaben stammen von Luard 1987, S. 25.Google Scholar
  13. 13.
    Die im Zusammenhang mit der Pestepidemie auftretenden Judenpogrome des Spätmittelalters nimmt auch René Girard zum Ausgangspunkt seiner anthropologischen Sündenbock-Theorie (vgl. Girard 1992).Google Scholar
  14. 14.
    Ich folge hier der Periodisierung des Globalisierungsprozesses von Roland Robertson, der die Keim-Phase der Weltgesellschaft vom 15. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts datiert (vgl. Robertson 1992, S. 58f.). Auch Immanuel Wallerstein sieht die Grundlagen des Weltsystems in der Ausbildung der europäischen Weltwirtschaft nach 1450 (vgl. Wallerstein 1986, S. 100). So richtig dies mit Bezug auf die Globalisierung auch ist, die Europa-interne Verflechtung hatte schon viel früher begonnen, wie oben gezeigt wurde.Google Scholar
  15. 15.
    Ähnlich, allerding mit einer anderen theoretischen Akzentuierung, hat Wolfgang Schluchter in Anschluß am Max Weber die Reformation zu fassen versucht. Mit der Reformation sei deutlich geworden, daß die “symbolische Klammer” des Okzidents zerbrochen sei, unter der sich im Mittelalter die institutionellen Teilordnungen ausdifferenziert hätten (vgl. Schluchter 1979, S. 252f.).Google Scholar
  16. 16.
    Zur Konfession als ‘Inklusionscode’ vgl. auch Giesen 1991a, S. 194ff.Google Scholar
  17. 17.
    Marc Raeff, der die “Polizeiordnungen” der deutschen Lande untersucht hat, fand eine prominente Stellung des konfessionellen Anliegens im neuzeitlichen Staat: “As the secular authorities stepped in to fill the gap created by the rejection of traditional ecclesiastical institutions, they issued laws and ordinances intended to help organize the new Protestant church establishment and, in the case of Catholic lands, to counteract the neglect of traditional religious practices. ”(Raeff 1983, S. 56)Google Scholar
  18. 18.
    Soziologisch ist der Aspekt der Konfessionalisierung bislang eher unterbelichtet geblieben. Große Theorien, die den Aufbau moderner Staatlichkeit thematisieren, wie die Disziplinargesellschaft Michel Foucaults oder der Zivilisationsprozeß Norbert Elias’ betonen allein die strukturelle Macht, die ihrer Ansicht nach ausgereicht hat, um zu disziplinieren. Demgegenüber wird in neueren historischen Forschungen gerade die religiöse bzw. konfessionelle Begleitung des Machtaufbaus betont, ohne die, wie es scheint, die Machttechniken semantisch gar nicht vermittelbar gewesen wären. Vgl. zu diesem Sachverhalt, dessen gesellschaftstheoretische Würdigung noch aussteht: Schilling (1991); Winkelbauer (1992); Roeck (1993); Gorski (1993).Google Scholar
  19. 19.
    So hat der deutsche Calvinismus in der Fläche wohl erheblich mehr Probleme gehabt, nach einer Konversion des Fürsten die Bevölkerung ‘von oben’ zu gewinnen, als dies bei den anderen Konfessionen der Fall war (vgl. W. Ziegler 1990, S. 73f). Man kann vermuten, daß dieser Umstand auf die weitaus rigideren Ansprüche an die Lebensführung zurückzufiihren ist. Zudem haftete dem Calvinismus lange der Makel einer offiziell nicht anerkannten Konfession an. In anderen Gebieten, etwa in den Niederlanden, konnte der Calvinismus hingegen seine ganze Kraft entfalten (vgl. Lademacher 1983, S. 42ff.).Google Scholar
  20. 20.
    In der Soziologie wird nach wie vor der “Strukturwandel der Öffentlichkeit” (Habermas 1990a [1962]) in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als erste Grundlage fir ‘nationale’ Kommunikation betrachtet (vgl. etwa Giesen/Junge 1991 oder Fuchs 1991).Google Scholar
  21. 21.
    Den historischen Hintergrund hat Andreas Kappeler beschrieben: “Der Mongolensturm und die gleichzeitige Bedrohung von Westen her führten zu einer gewissen geistigen Abkapselung der nordöstlichen Rus’, es entstand ein Isolationismus, eine Abwehrhaltung gegenüber den ungläubigen Tataren im Osten und Lateinern im Westen. Diese stark religiös bestimmte Xenophobie erhielt zusätzliche Nahrung, als Moskau (. ..) in der Mitte des 15. Jahrhunderts zum einzigen Hort der Orthodoxie wurde, nun von lauter irrgläubigen Nachbarn umgeben war. ”(Kappeler 1986, S. 86)Google Scholar
  22. 22.
    Die Bedeutung des politischen Systems fiir die Revolutionen betont auch Theda Skocpol 1979. Dort findet sich zudem ein Überblick über die soziologische Revolutionsforschung (ebd., S. 3ff.).Google Scholar
  23. 23.
    Eine Variante dieses Themas ‘fremder Herrschaft’ findet sich ebenfalls in der russischen Geschichte. Die von weiten Teilen der Bevölkerung abgelehnten Modernisierungsversuche Peters des Großen zu Beginn des 17. Jahrhunderts riefen entsprechende Legenden hervor: “Die Legenden vom — in seiner Kindheit oder auf einer Auslandsreise — gegen einen Ausländer ausgetauschten Zaren schließen den Herrscher aus der Gemeinschaft des ‘Heiligen Rußland’ aus; ein ausländischer ungläubiger Herrscher ist kein Herrscher mehr.” (Kappeler 1986, S. 90)Google Scholar
  24. 24.
    Elisabeth Fehrenbach steht mit dieser Definition nicht allein. Vgl. u.a. Peter Alter: “Die politische und soziale Gemeinschaft rechtsgleicher Bürger wollte sich selbst bestimmen, Subjekt, nicht länger Objekt des politischen Willens sein. ‘Nation’ war der Kampfbegriff, den die Revolutionäre der ständischen Gesellschaft entgegenhielten. Der traditionellen Legitimierung von Herrschaft war damit der Boden entzogen worden. Im revolutionären Verständnis war die Nation die Gemeinschaft aller politisch bewußten Staatsbürger, die nun Staat und Herrschaftsausübung legitimierte.” (Alter 1985, S. 61)Google Scholar
  25. 25.
    So die These etwa von Hans Kohn, der den massenintegrierenden Nationalismus auf die Kriege zurückführt: “In this war France, threatened by disintegration as result of the fall of the uniting symbol of monarchy, found a new authority and a new stability in the nation-state... (...) Victory on the battlefield converted France from loyal monarchism to republican nationalism. ”(Kohn 1976, S. 47) Ausführlich dazu auch Jeismann 1992, S. 103ff.; ähnliches bei Alter 1985, S. 62.Google Scholar
  26. 26.
    Der französische ‘Rassen-Streit’ ist kein singuläres Thema der Revolution. Er ist eingebettet in eine Diskussion, welche die französische Historikerzunft lange vor und nach der Revolution beschäftigte (vgl. hierzu ebenfalls Poliakov 1993, S. 33ff.) Weitere Belege finden sich bei Borst 1961, S. 1606 (Bezug auf Sieyès); Conze/Sommer 1984, S. 156f. (Bezug auf die Historikerdiskussion mit Autoren wie den Gebrüdern Thierry, Giuzot und Michelet); Conze 1985, S. 192. Es ist erstaunlich, daß diese Historikerdiskussion in der jüngeren historischen Forschung so gut wie gar nicht thematisiert worden ist.Google Scholar
  27. 27.
    Nach Girard 1992, S. 34 mußte auch Marie Antoinette nicht nur deshalb sterben, weil sie Repräsentantin des Ancien Régime war, es wurde ihr zudem zum Verhängnis, daß sie österreichischer Herkunft und mithin Ausländerin war.Google Scholar
  28. 28.
    Seit der Französischen Revolution hat die Formel “Fremdherrschaft ist illegitime Herrschafft” weite Kreise gezogen und sämtliche Unabhängigkeitsbewegungen der Welt angespornt (vgl. Connor 1977).Google Scholar
  29. 29.
    Diese Jahreszahlen sollen eine ungefähre Orientierung geben; sie gelten nicht absolut in dem Sinne, daß etwa ab 1750 vollkommen neue Semantiken kommuniziert worden wären.Google Scholar
  30. 30.
    Zur Anwendung des systemtheoretischen ‘Programm’-Begriffs auf das Wirtschaftssystem siehe Luhmann 1988a, S. 249ff. Vgl. dazu meine generalisiertere Darstellung im Abschnitt 2.2.Google Scholar
  31. 31.
    Die Entwicklung des deutschen Nation-Begriffs während der Transformation zur Moderne ist historisch-soziologisch gut erforscht (vgl. Fuchs 1991 und 1992, S. 44ff.; Giesen/Junge 1991; Giesen 1993).Google Scholar
  32. 32.
    Quellentexte zum Patriotismus des 18. Jahrhunderts finden sich u.a. abgedruckt bei Batscha/Garber, Hrsg., 1981, S. 246ff.Google Scholar
  33. 33.
    Die folgende Darstellung stützt sich in erster Linie auf die hervorragende historische Studie zur Entwicklung nationaler Feindbilder in Deutschland und Frankreich von Michael Jeismann 1992.Google Scholar
  34. 34.
    Zur ’ Menschheit’ und weiteren Konnotationen wie ‘Übermensch’ oder ‘Untermensch’ siehe Koselleck 1984a, S. 244ff.Google Scholar
  35. 35.
    Auch die Idee eines deutschen Sonderweges, der im 19. Jahrhundert positiv bewertet wurde, verdankt sich dieser Antithese gegen die westliche Kultur (vgl. Niethammer 1992, S. 26ff.).Google Scholar
  36. 36.
    Selbst 100 Jahre nach der Verurteilung Dreyfus’ wird diese Affäre im heutigen Frankreich noch kontrovers und quasi aus den alten Positionen heraus diskutiert. Katholizismus und Antisemitismus stehen wiederum Republikanismus und Sozialismus gegenüber; vgl. Der Spiegel, Heft 7/1994, S. 182f.Google Scholar
  37. 37.
    Zum europäischen Merkantilismus vgl. Braudel 1986b, S. 600ff. sowie Hinrichs 1986.Google Scholar
  38. 38.
    Während der formal ab 1806 geltenden Kontinentalsperre war es allen englischen Schiffen verboten, den seinzerzeit bekanntlich großen französischen Herrschaftsraum anzulaufen; Handel mit britischen Waren wurde als Komplizentum bestraft.Google Scholar
  39. 39.
    Realhistorisch hat die protektionistische Politik, wie sie etwa im Deutschen Zollverein der 1830er Jahre ausgeübt wurde, wohl nicht die erwartet positiven Effekte auf die deutsche Industrie gehabt; allenfalls die Schaffung eines Binnenmarktes hat positive Auswirkungen gezeigt. Nach dem Stand der Stand der historischen Forschung hat — selbst wenn man die Kriterien von wirtschaftlicher Dominanz akzeptiert — wohl niemals eine echte britische Überlegenheit existiert (vgl. Wehler 1989b, S. 134ff.; R.H. Tilly 1968).Google Scholar
  40. 40.
    Eine historisch wohl kaum bestrittene Tatsache: “Auch der deutsche Nationalismus stellte in seiner zweiten Entwicklungsphase noch eine eindeutig liberale, progressive Oppositionsideologie in scharfem Gegensatz zum autoritären fürstenstaatlichen Partikularismus dar. ”(Wehler 1989a, S. 130). Ähnlich der Standpunkt von Dieter Langewiesche: “Für eine unitarische Nation sprach sich nur aus, wer die Einzelstaaten für reformunfähig hielt. Das taten die entschiedenen Demokraten und vor allem die Republikaner. ”(Langewiesche 1992, S. 350)Google Scholar
  41. 41.
    Im Jahre 1840 wurden in den deutschen Landen französische Annexionsbestrebungen auf das linke Rheinufer bekannt. Den Grund, weshalb gerade zu dieser Zeit der französische Nationalismus ausuferte, erklärt Michael Jeismann mit einer allgemeinen Unzufriedenheit und Krisenstimmungen.Google Scholar
  42. 42.
    Paul Kennedy bezeichnet das Jahr 1870 als eine bedeutende “Wasserscheide in der europäischen Geschichte” (Kennedy 1989, S. 293).Google Scholar
  43. 43.
    Den Zusammenhang von Identifikation und Demokratisierungsprozessen hat auch Norbert Elias betont: “Es ist ein Merkmal von Demokratisierungsprozessen, das vielleicht noch nicht die Aufmerksamkeit gefunden hat, die es verdient, daß Menschen im Zuge dieser Prozesse, ob sie auf einen Mehrparteien- oder Einparteienstaat, eine parlamentarische oder diktatorische Regierungsform hinauslaufen, solche numinosen Qualitäten und die entsprechenden Emotionen an die Gesellschaft heften, die sie selbst miteinander bilden. ”(Elias 1989, S. 189f.)Google Scholar
  44. 44.
    Auch nach Fernand Braudel war die Große Depression nichts anderes als ein zyklische ökonomische Abwärtsbewegung, also ein ‘normaler’ Konjunkturabschwung (vgl. Braudel 1986a, S. 684f.), ähnlich der Rezession, die die Weltwirtschaft seit dem Ende der 1980er Jahre durchgemacht hat.Google Scholar
  45. 45.
    Die starke Motivation durch die globale Konkurrenzangst hat fir das Deutsche Reich Klaus Bade rekonstruiert: “Die Vorstellung, daß das Reich bei dieser letzten Chance, in Übersee ‘das Versäumnis von Jahrhunderten gutzumachen’, unter historischem Zeitdruck stehe, und die damit verbundene Sorge, bei dieser vermeintlich letzten welthistorischen Mächtekonkurrenz abermals ‘zu spät’ zu kommen, ließen die Forderungen nach deutscher Kolonialexpansion immer schriller werden. ” (Bade 1989, S. 187f.)Google Scholar
  46. 46.
    Wie weit dieses Konglomerat aus ‘Nation’ und ‘Rasse’ verbreitet war, kann an dem französischen Religionswissenschaftler und Orientalisten Ernest Renan gezeigt werden. In der Nationalismus-Forschung wird Renan gewöhnlich als ein Vertreter eines voluntaristischen Nation-Begriffs gehandelt, was an seiner Rede Was ist eine Nation ? aus dem Jahre 1882 festgemacht wird (vgl. Renan 1993). Nur wenige Jahre zuvor aber hatte Renan einen, von dem Rassentheoretiker Gobineau übernommenen, ausgeprägten Rassenbegriff auch politisch vertreten und beispielsweise die französische Niederlage bei Sedan im Jahre 1870 als Beweis fir die Überlegenheit der deutschen Rasse gewertet (vgl. Poliakov 1993, S. 52). Renans späterer Nation-Begriff ist offensichtlich auf eine reflektierte Differenz zu Deutschland nach dem Krieg zurückzufiihren. Zu Renans wechselhaften theoretischen Vorstellungen vgl. Finkielkraut 1989, S. 34ff.; Leiner 1989, S. 133ff.; Poliakov 1993, S. 234ff.; sowie zum Hintergrund Jeismann 1992, S. 207ff.Google Scholar
  47. 47.
    Zur modernisierungstheoretischen Forschung über die Entwicklung des europäischen Wohlfahrtsstaates vgl. u.a. Flora/Alber/Kohl 1977; Flora 1986; Alber 1987. Auch Abram de Swaan kommt aus einer anderen theoretischen Perspektive zu ähnlichen Schlüssen wie Flora und Mitarbeiter (vgl. de Swaan 1990, S. 152ff.).Google Scholar
  48. 48.
    Siehe auch die Analyse der britischen und der deutschen öffentlichen Meinung vor dem Weltkrieg bei Kennedy 1980, S. 3 61 ff.Google Scholar
  49. 49.
    Treitschke, Unsere Aussichten, in: Preußische Jahrbücher 44 (1879), 572ff.; zit n. Rosenberg 1967, S. 109.Google Scholar
  50. 50.
    Es ist kein Zufall, daß die Idee einer jüdischen Weltverschwörung, wie sie anhand der ‘Protokolle der Weisen von Zion’ weltweit verbreitet wurde, gerade zu dieser Zeit in massenwirksamen Publikationen auftauchte (vgl. Cohn 1969).Google Scholar
  51. 51.
    Eine noch immer lesenswerte Analyse der Entwicklung Ost-Mitteleuropas der Zwischenkriegszeit stellt die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geschriebene Misere der osteuropäischen Kleinstaaterei des Ungarn István Bibó dar (vgl. Bibó 1992).Google Scholar
  52. 52.
    Ähnlich der Sch1uß von Lepsius: “Plötzlich, im Zeichen einer Krise, verbanden sich alle diese offenen Deutungserlebnisse: das Kriegserlebnis projizierte sich auf die Volksgemeinschaft, die Kriegsschuld auf das historische Sonderschicksal Deutschlands, die inneren Konflikte auf die außenpolitische Abhängigkeit, die Ressentiments gegen die Sieger auf demokratischen Institutionen. ” (Lepsius 1966, S. 40).Google Scholar
  53. 53.
    Nach Max Weber ist eine charismatisch legitimierte Herrschaft in der modernen Gesellschaft eher selten, aber nicht unmöglich. Allerdings muß das fir die charismatische Herrschaft idealtypische Moment des ’ Außeralltäglichen’ in der Moderne in den Modus der “Veralltäglichung” transformiert werden (vgl. M. Weber 1972, S. 140ff.).Google Scholar
  54. 54.
    Zum Amerikanismus als “Chiffre fir vorbehaltlose und bedingungslose Modernität”, der während der zwanziger Jahre nicht nur bekämpft, sondern auch positiv vertreten wurde, vgl. Peukert 1987, S. 178ff. (Zit. S. 179).Google Scholar
  55. 55.
    Die Parallelen zwischen Faschismus und Bolschewismus im Gebrauch ‘gemeinschaftlicher’ Semantiken hatte schon Helmuth Plessner im Jahre 1924 betont: “Marschiert heute die Diktatur, in Rußland den Privatbesitz enteignend, in Italien und Spanien ihn schützend, so wagt sie es doch nur aus dem Gemeinschaftsethos heraus, das ihr, ob bolschewistisch oder faschistisch, als Unterstützung ihrer Macht immer willkommen ist. ”(Plessner 1981, S. 43) Zum Zusammenhang von Orientierungslosigkeit und Nationalismus in der Weimarer Republik vgl. auch meine Diskussion der Position Carl Schmitts in Abschnitt 2.6.Google Scholar
  56. 56.
    Ähnliches ließe sich vermutlich auch für das Verhältnis des französischen Nationalismus und seine Verbindung zum Katholizismus nachweisen. Die von Charles Maurras geführte, zutiefst antisemitische Action Française erhielt über lange Jahre Unterstützung vom Vatikan. Ein zwischenzeitlicher Bann des Vatikan gegenüber der AF wurde 1939 (!) wieder aufgehoben. Zu diesem Komplex vgl. die Darstellung bei Ravitch 1990, S. 104ff.Google Scholar
  57. 57.
    Natürlich gab es während der zwanziger Jahre nicht nur links- und rechtsradikale Semantiken. Für einen anschaulichen Überblick über die Weimarer Zeit vgl. Sloterdijk 1983, S. 704ff.Google Scholar
  58. 58.
    Auch innerhalb der intellektuellen Rechten hatte die ’ Nation’ einen relativ größeren Stellenwert als die ‘Rasse’ (vgl. Breuer 1993, S. 95).Google Scholar
  59. 59.
    Siehe dazu schon Franz Neumann: “Was verstehen die deutschen Nationalsozialisten unter Volkstum und Rasse, und warum bestehen sie auf ihrer Oberhoheit? Warum vermeiden sie so ostentativ den Gebrauch des gängigen Begriffes ‘Nation’?” (Neumann 1977, S. 131) Neumanns Antwort: Die ‘Rasse’ sei präferiert worden, weil die ‘Nation’ einen zu politischen Bezug habe und sich im deutschen Sprachgebrauch in diesem Sinne nie habe durchsetzen können.Google Scholar
  60. 60.
    “Es besteht auch kein Zweifel, daß viele marxistische Faschismustheoretiker die Bedeutung der antisemitischen Ideologie und der Judenpolitik im Dritten Reich unter- und damit falsch eingeschätzt haben, weil sie eben die prokapitalistische Funktion ‘des’ Faschismus fiir wichtiger hielten und im Antisemitismus nur eine systemstabilisierende ’ Verschleierungsideologie’ , nur ‘falsches Bewußtsein’ sehen wollten. ”(Wippermann 1989, S. 102)Google Scholar
  61. 61.
    Einen ähnlichen Zusammenhang zwischen ‘Rasse’ und ‘Ethnie’ sieht Floya Anthias. Ihre These lautet, “that all those exclusionary practices that are formulated on the basis of the categorization of individuals into groups, whereby ethnic or ‘racial’ origin are criteria of access or selection, are endemically racist.” (Anthias 1992, S. 433)Google Scholar
  62. 62.
    “Das Zentrum der jüdischen Gefahr erblickte man im jüdischen Bolschewismus, der, mit der westlichen Plutokratie durch die Juden verbunden, die Existenz des deutschen Volkes und damit des wahren, d.h. arischen Menschentums bedrohe.” (Y. Bauer 1990, S. 147)Google Scholar
  63. 63.
    Nur nebenbei sei angemerkt, daß im politischen Systen auch auf sozialwissenschaftlichen Sachverstand in diesem Zusammenhang gesetzt wurde (vgl. Rammstedt 1986, S. 151 ff.). Dem SD und dem Reichssicherheitshauptamt gehörten mehrere Soziologen und Ökonomen an. Otto Ohlendorf, vormals wissenschaftlicher Assistent am Kieler “Institut füir angewandte Wirtschaftswissenschaften”, leitete während des Krieges eine jener berüchtigten ‘Einsatzgruppen’, die mit Massenexekutionen in Osteuropa den Genozid vorbereiteten. Zu Ohlendorfs Mitwirkung daran vgl. die erschütternden Berichte bei Shirer 1961, S. 875ff.Google Scholar
  64. 64.
    Zur nationalsozialistischen Sozialpolitik vgl. grundlegend: Mason 1977 sowie Kranig 1992; Frerich/M. Frey 1993, S. 245ff.Google Scholar
  65. 65.
    Die Semantik der ‘Volksgemeinschafl’ war nicht allein Propaganda des Regimes, sondern offenbar weitestgehend anschlußfähig im Publikum: “In der reduzierten politischen und gesellschaftlichen Bandbreite, die nach der Ausschaltung von Juden und Linken aus dem öffentlichen Leben und ihrer teilweisen Emigration verblieben war, hatte sich bis ungefähr 1938 durchaus so etwas wie eine neue volksgemeinschaftliche Identität entwickelt und verfestigt. Davon und vom Nimbus des ‘Führers’ zehrte das Regime bis weit in die zweite Hälfte des Krieges hinein. ”(Frei 1990, S. 291) Zum Zusammenhang von Führermythos, ‘Volksgemeinschaft’ und die Erinnerung an die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg vgl. auch Kettenacker 1981, S. 111.Google Scholar
  66. 66.
    Den Unterschied zwischen dem Publikum und dem politischen System hat in anderen Worten auch Yehuda Bauer betont: “Das Gros der deutschen Bevölkerung verharrte in nicht-mörderischer Judenfeindschaft. Bei der Elite, den true believers, also den Hitler am nächsten Stehenden (aber auch nicht bei allen von ihnen im selben Maße), war die Überzeugung von der jüdischen Weltgefahr tief verwurzelt, und der Krieg wurde als ideologischer Vernichtungskrieg in erster Linie gegen das Weltjudentum aufgefaßt.” (Y. Bauer 1990, S. 159)Google Scholar
  67. 67.
    Die Begrifflichkeiten Intentionalismus vs. Funktionalismus stammen von Mason 1981.Google Scholar
  68. 68.
    Am Rande des Ost-West-Konflikts kam es allerdings schon seit den sechziger Jahren zu Erosionserscheinungen, festzumachen etwa am sowjetisch-chinesischen Konflikt oder an den Selbständigkeitsbestrebungen der “Dritten Welt” . Paul Kennedy nennt diesen Vorgang “Das Zersplittern der bipolaren Welt” (Kennedy 1989, S. 587); Roland Robertson spricht von einer “Uncertainty Phase” (Robertson 1992, S. 59). Gleichwohl war es bis weit in die achtziger Jahre hinein undenkbar, daß einer der beiden großen Blöcke in sich zusammenfallen würde. Insofern, auf der Ebene politischer Kommunikation, stimmt die Aussage über den strukturbildenden Ost-West-Gegensatz.Google Scholar
  69. 69.
    Zu diesem Punkt siehe die Position von Nijman und van der Wusten: “This implies that at a time of geopolitical order, structure prevails over contingency. Deviation from the rules by the agencies involved is limited and/or ineffective in creating change. Thus, a geopolitical order consists of a set of more or less established and compatible geopolitical codes adhered to by individual states that prescribe norms, rules, and expectations that guide mutual behaviours.” (Nijman/van der Wusten 1993, S. 17)Google Scholar
  70. 70.
    Man denke etwa an jene ominöse Geheimorganisation ’ Gladio’ , die offenbar verhindern sollte, daß der italienische Staat nach einem Wahlsieg der Kommunisten das westliche Lager verlassen würde.Google Scholar
  71. 71.
    Vgl. zum folgenden auch meine Darstellung in D. Richter 1995a, Abschnitt II.Google Scholar
  72. 72.
    “Der politische Gegner, ohne den keine Politik existiert, wurde nach außen verlegt, als Feind oder Verräter ausgegrenzt, als Widersacher des Sozialismus im allgemeinen. Wer autonom politisch handelte oder bloß dachte, fand sich unter solchen Umständen per definitionem im Feindeskreis wieder. ” (Bayer 1991, S. 158)Google Scholar
  73. 73.
    Zur polnischen Gewerkschaft ‘Solidarität’ als “Modernisierungsbewegung” siehe die Studie von Melanie Tatur 1989.Google Scholar
  74. 74.
    Siehe die auf aktuelle Entwicklungen transformierte exit-voice-Theorie von Albert O. Hirschman 1993.Google Scholar
  75. 75.
    Eine Variante dieses Themas findet sich an prominenter Stelle selbst im russischen Nationalismus, bei Alexander Solschenizyn. In seiner sozialromantischen Theorie, die eine ‘Rückkehr’ zu den ‘spirituellen Wurzeln’ Rußlands verfolgt, wird der Westen nicht nur für alle modernen Verwerfungen verantwortlich gemacht, darüber hinaus wird auch der Kommunismus als eine im Westen erfundene Ideologie gesehen, die Rußland ‘fremd’ sei und gegen den Willen des Volkes importiert wurde. Zu Solschenizyn vgl. Confino 1992; Laqueur 1993, S. 136ff.Google Scholar
  76. 76.
    Daß auch in anderen Teilen Osteuropas schon vor dem Zerfall des Sozialismus semantische Verbindungen von Nationalismus und Kommunismus nicht unüblich waren, zeigt die detaillierte kulturanthropologische Studie über Rumänien unter Ceauşescu von Katherine Verdery 1991.Google Scholar
  77. 77.
    “Imperial and ethnic ways of thinking are therefore coming together in an alarming way, and producing dangerously exaggerated charges of ‘apartheid’ and ‘genocide’ being perpetrated against the Russians, which bear little relation to what is actually going on and certainly offer no way out of the impasse. ”(Holden 1994, S. 182)Google Scholar
  78. 78.
    “Bei nahezu allen innenpolitischen Konflikten Jugoslawiens — ob in der Zwischenkriegszeit, in den 60er und 70er Jahren oder in der Gegenwart — spielte der wirtschaftliche Verteilungskampf eine ausschlaggebende Rolle. Der rasante ökonomische Verfall Jugoslawiens seit Beginn der 80er Jahre sowie die dadurch ausgelösten Enttäuschungen, Verunsicherungen und Ängste boten einen ‘idealen’ Nährboden für die Flucht in den Nationalismus. ”(Sundhaussen 1992, S. 28; ähnlich: Krizan 1992, S. 128f.)Google Scholar
  79. 79.
    Man denke etwa an die Ermordung vieler Serben durch das mit Nazi-Deutschland kollaborierende Ustascha-Regime in Kroatien während des Zweiten Weltkriegs. Im Kosovo spielt natürlich das ‘Amselfeld’ eine zentrale Rolle in den serbischen Mythen. Auf dem Amselfeld, das in den hiesigen Breiten nur durch einen schlechten Rotwein bekannt ist, wurde im Jahre 1389 ein ‘serbisches’ Heer von ‘Türken’, also von Truppen des Osmanischen Reiches, vernichtend geschlagen. Aus dem Konflikt mit den muslimischen Türken wird noch heute in Serbien die Verpflichtung zum Kampf gegen den Islam abgeleitet. Der Amselfeld-Mythos ist ein klassischer Fall der Verbindung nationalistischer “legends and landscapes” (vgl. A. D. Smith 1986, S. 176ff.).Google Scholar
  80. 80.
    Für einen Überblick über ähnliche Bedrohungsvorstellungen in weiteren südosteuropäischen Ländern siehe Stölting 1992.Google Scholar
  81. 81.
    Eine gute Darstellung und Analyse der komplizierten interethnischen Beziehungen Südosteuropas auf kleinstem Raum liefert die Studie von Georg und Renate Weber 1985, v.a. S. 69ff.Google Scholar
  82. 82.
    Zur Kopplung des kroatischen an den serbischen Nationalismus vgl. Jill Irvine: “[A]ny attempt to achieve the national aims of one group necessarily involved the other because of their intermeshed population and often mutually exclusive national goals. (...) Hence, the emergence of the Serb question in the 1980s — for now it was the Serbs who protested that they were oppressed and who sought to change the state arrangement — intimately involved the question of Croatia’s status in the Yugoslav state. ”(Irvine 1993, S. 273)Google Scholar
  83. 83.
    Ähnlich die Position eines renommierten Historikers: “Diese Vision einer wohlhabenden und hannonischen Weltordnung, die sich auf laisserfaïre, weltumspannenden Devisenhandel und das alles durchdringende Fernsehen stützt, scheint im Lichte der demographischen, ökologischen und regionalen Probleme dieses Planeten atemberaubend naiv.” (Kennedy 1993, S. 75) Google Scholar
  84. 84.
    Siehe etwa die These Ernst-Otto Czempiels, in globaler Hinsicht würde sich die “Staatenwelt” zugunsten der “Gesellschaftswelt” verabschieden, was Czempiel durch die zum Teil friedlichen Demokratisierungsprozesse in Osteuropa und in anderen Teilen der Welt zu begründen versucht (vgl. Czempiel 1991, v.a. S. 86ff.). Dagegen meint Gerard Holden gerade im Hinblick auf Osteuropa, der Staat dürfe als analytische Kategorie nicht ausfallen, da es in vielen Regionen um die Frage des Gewaltmonopols gehe (vgl. Holden 1994, S. 12ff.). Hinzuzufügen wäre auch die Frage der Sozialpolitik, die nach wie vor staatliches Engagement erwarten läßt.Google Scholar
  85. 85.
    Offenbar stößt selbst innerhalb des russischen Nationalismus dieses krude Feindbild auf Widerstand. Unter der Überschrift “Jelzin verbietet Nationale Rettungsfront” zitiert ein Artikel der TAZ vom 6.10.1993 den Vorsitzenden der Nationalrepublikanischen Partei, Lyssenko, mit den Worten, er wolle sich von Leuten trennen, “die nicht zwei Sätze sagen können, ohne vom jüdisch-freimaurerischen Komplott” zu sprechen.Google Scholar
  86. 86.
    Aus der umfangreichen Literatur zu diesem Thema siehe unter anderem: Esman, Hrsg., 1977; Gourevitch 1979; Rokkan/Urwin, Hrsg., 1982; Gerdes 1985; Waldmann 1985; 1989; 1993.Google Scholar
  87. 87.
    Trotz einer Bevölkerungszahl, die um etwa ein Drittel unter der Deutschlands liegt, verzeichnet Großbritannien ca. dreimal so viel rassistisch motivierte Gewalttaten wie Deutschland (vgl. Thränhardt 1993, S. 338).Google Scholar
  88. 88.
    Zur Tradition sowie zum Wiedererstarken der europäischen Rechten siehe die gründliche Darstellung bei Greß/Jaschke/Schönekäs 1990.Google Scholar
  89. 89.
    Interessant in diesem Zusammenhang ist, wie innerhalb der rechtsintellektuellen Szene, der sog. Nouvelle Droite oder Neuen Rechten, der Anschluß an moderne und sogar postmoderne Theoriebildungen gesucht wird. So erfreuen sich etwa kybernetische Ansätze und Jacques Derridas Differenz-Theorem großer Beliebtheit in diesen Kreisen, um ein ‘Recht auf Differenz’ und kulturelle Eigenständigkeit zu begründen (vgl. Tsiakalos 1983, S. 65; Ansén 1994). Daß es sich dabei nicht um ernstzunehmende theoretische Positionen handelt, sondern eher um politische Begründungen für rassistische Positionen, ist augenfällig. Man wird nicht postmodern, wenn man nur den Universalismus verabschiedet, aber auf Relativität und Kontingenz-Denken zugunsten einer Ontologisierung von ‘Volk’ und ‘Identität’ verzichtet.Google Scholar
  90. 90.
    Daß sich die Vorwürfe des ‘Sozialschmarotzertums’ auch gegen solche Personen richten, die in der Tat schon seit Jahren ihre Beiträge zur wirtschaftlichen Stabilität und zum Sozialstaat leisten, etwa gegen die schon lange hier lebenden türkischen Familien, spielt in der rechten Perspektive keine Rolle. Selbst wenn die Beiträge anerkannt werden, wird ihnen vorgehalten, einfach zu viele Kinder in die Welt gesetzt und eben dadurch wieder ungerechtfertigt profitiert zu haben. Die Form ‘Nation’ ist immun gegen solche relativierenden Einwände.Google Scholar
  91. 91.
    Eine interessante Variante rechtspopulistischer Parteien stellen die norditalienischen ‘Ligen’ wie die Lega Lombarda dar. Zum Teil auf dem oben besprochenen Regionalismus aufbauend, aber darauf verzichtend, einen ‘ethnischen’ Kern zu konstruieren, richtet sich der Protest sowohl gegen den italienischen Staat wie auch gegen die Immigration. Oberstes Ziel ist aber die Loslösung vom italienischen Süden, auf den man die nicht enden wollende Staatskrise attribuiert. Zur Lega Lombarda siehe Schmidtke/Ruzza 1993.Google Scholar
  92. 92.
    Bei näherem Hinsehen stellt sich heraus, daß sich die Einflußmöglichkeiten des Staates durch den Globalisienngsprozeß gleichzeitig erweitert und verengt haben (vgl. M. Smith 1992, S. 259). So kann zwar der einzelne Staat über Probleme in anderen Regionen heute weitaus mehr als früher mitreden und mitbestimmen, andererseits ist aber ein Machtverlust in dem Sinne zu konstatieren, daß eine direkte Einwirkung auf globale soziale Prozesse kaum möglich ist.Google Scholar
  93. 93.
    So auch die Position Paul Kennedys: “Es mag in der Tat eine gewisse Erosion in der Macht des Nationalstaats in den letzten Jahrzehnten gegeben haben, aber er bleibt immer noch der primäre Ort der ldentität für die meisten Menschen. (. ..) Und gerade, wenn neue Schwierigkeiten auftauchen — ob es nun illegale Einwanderung oder die Biotech-Landwirtschaft ist —, wenden sich die Menschen instinktiv an ihre Regierungen, um Lösungen zu fordern. Die globale Bevölkerungsexplosion, die Luftverschmutzung und die von der Technologie getriebene Veränderung haben alle eine transnationale Dynamik; aber es sind die nationalen Regierungen und Parlamente, die entscheiden, ob sie Währungskontrollen aufheben, die Biotechnologie erlauben, Fabrikemissionen herabsetzen oder eine Bevölkerungspolitik einleiten. ”(Kennedy 1993, S. 176) Gilbert Ziebura hat das zentrale Dilemma des modernen Staats wie folgt beschrieben: “Einerseits muß er die eigene Gesellschaft vor den erheblichen negativen Auswirkungen des Globalisierungsprozesses schützen, zugleich aber alles tun, sie für diesen Prozeß ‘fit’ zu machen und damit ihr Überleben in einem sich ständig verschärfenden Wettbewerbskampf garantieren, weil Rückzug, Abschließung gleichbedeutend mit Niedergang ist. ”(Ziebura 1993, S. 41)Google Scholar
  94. 94.
    Harold James (1991) hat eine nicht unplausible, in vielem mit der hier vorliegenden Untersuchung konform gehende Interpretation der deutschen ’ Nation’ geliefert, die er vor allem anderen als einen Ausdruck ökonomischer Potenz sieht. Seine Argumentation stützt sich auf eine Linie, die von Friedrich List über die deutschen Nationalökonomen, die Nationalsozialisten als ’ Überwinder’ ökonomischer Probleme bis hin zum Wirtschaftwunder der Nachkriegszeit reicht.Google Scholar
  95. 95.
    Nach einer Analyse von Akten von Tatverdächtigen durch Willems und Mitarbeiter sind 90% dieses Personenkreises unter 25 Jahre und 75 % unter 20 Jahre alt (vgl. Willems 1993, S. 110).Google Scholar
  96. 96.
    Siehe etwa die äußerst anschauliche, fast als qualitative Feldforschung zu beschreibende Darstellung des britischen Schriftstellers Bill Buford, der eine Zeitlang unter Fußball-Hooligans lebte: “Die Liste der Abneigungen, stellte ich fest, war dagegen kurz und schlicht. Was sie nicht mochten, war (von Tottenham Hotspur mal abgesehen) nur eines: der Rest der Welt. Der Rest der Welt ist ein großes Land, und sein hauptsächlicher Bewohner ist der Fremde. Den Fremden mochten die Fans überhaupt nicht. Der Fremde (. ..), kurz, alle, die im Weg sind, ist verabscheuenswert. Und kein Fremder ist so fremd und so verabscheuenswert wie der Ausländer. (. ..) Das Schlimme an den Ausländern war, daß ihnen etwas fehlte. Aus irgendeinem Grund waren die Ausländer niemals alle Sprossen der Evolutionsleiter hinaufgeklettert, und darum war an Ausländern immer ein bißchen weniger dran — besonders an dunkelhäutigen Ausländern, ganz zu schweigen von dunkelhäutigen Ausländern, die auch noch versuchten, einem was zu verkaufen. Das waren die Schlimmsten.”(Buford 1992, S. 107f.)Google Scholar
  97. 97.
    “The search for thrills, or more soberly for the sense of mastery that comes with the deliberate confrontation of dangers, no doubt derives from its contrasts with routine. ”(Giddens 1991, S. 133)Google Scholar
  98. 98.
    “Warum machen junge Männer jeden Samstag Randale? Sie machen das aus demselben Grund, aus dem frühere Generationen sich betranken, Hasch rauchten, Drogen nahmen, sich wüst und rebellisch auffihrten. Gewalttätigkeit bereitet ihnen einen antisozialen Kitzel, sie ist fiir sie ein bewußtseinsveränderndes Erlebnis, eine vom Adrenalin bewirkte Euphorie, die vielleicht umso stärker ist, weil der Körper sie selbst hervorbringt, mit vielen meiner Überzeugung nach suchtbildenden Eigenschaften, wie sie auch für synthetisch hergestellte Drogen charakteristisch sind.” (Buford 1992, S. 246)Google Scholar
  99. 99.
    Andere Milieus verfügen über andere Möglichkeiten: Reality-TV, S/M-Sexualität, Bungee-Jumping, Hochsee-Segeln; alles Ausdruck der zutreffenden Zeitdiagnose der Erlebnisgesellschaft (G. Schulze 1992). Die jugendliche Gewaltbereitschaft ist nichts als ein funktionales Äquivalent dieser Beschäftigungen. Schon Erving Goffmans klassische Analyse der Action behandelte Phänomene vom Glücksspiel bis hin zu körperlichen Auseinandersetzungen (vgl. Goffman 1981 [1967]). Wissenschaftler holen sich darüber hinaus ihre Kicks beim Schreiben oder durch die labor-gestützte Bestätigung von langgehegten Vermutungen.Google Scholar
  100. 100.
    So auch die These von Farin und Seidel-Pielen: “Das ‘Spiel’ mit der nationalsozialistischen Zeichensprache (...) ist zu großen Teilen die provokative Zuspitzung eines intergenerationellen Konflikts. Es handelt sich um mehr oder weniger gezielte Versuche, die Grenzen des Alles-undJeden verstehenden linksliberalen Bildungsbürgers auszuloten, ihm aggressiv vor Augen zu führen, daß seine gerne zur Schau gestellte Toleranz und Weltoffenheit durchaus Grenzen hat und widerspriichlich ist. ”(Farin/Seidel-Pielen 1993, S. 201) Ähnlich argumentiert Willems 1993, S. 93f.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1996

Authors and Affiliations

  • Dirk Richter

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