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Die Form ‘Nation’ und die Struktur der Weltgesellschaft

  • Dirk Richter

Zusammenfassung

Die im ersten Teil der Untersuchung aufgezeigten Probleme einer theoretischen Bearbeitung des Topos ‘Nation’ lassen für die Auswahl einer adäquaten gesellschaftstheoretischen Herangehensweise nur wenig Spielraum. So haben sich normative Theorieanlagen, beispielsweise von Parsons und Habermas, als nur wenig hilfreich erwiesen und müssen für die weitere Bearbeitung ausfallen. Als ebenso problematisch haben sich indiviäualistische Theorien à la Rational Choice herausgestellt. Abgesehen von den in Abschnitt 1.5 dargestellten Defiziten der Behandlung des Themas ‘ Nation’, fällt es schwer, dem Rational Choice-Ansatz grundsätzlich einen gesellschaftstheoretischen Status zuzusprechen. Aufgrund der individualistischen Theorieanlage können hier spezifisch soziale Aspekte, etwa Emergenzphänomene, nicht oder nur unzureichend theoretisch begriffen werden. Rational Choice-Ansätze, kommen — so wertvoll sie aus Sicht der empirischen Sozialforschung auch sein mögen — kaum über eine Sozialpsychologie hinaus.

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References

  1. 1.
    Zur neueren Diskussion des Verhältnisses von Gesellschaftsstruktur und Semantik bzw. von Sozialstruktur und Kultur vgl. auch den Sammelband von Haferkamp (1990), und hier insbesondere die Beiträge von Shmuel Eisenstadt und Hans Haferkamp.Google Scholar
  2. 2.
    Siehe hierzu das von Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck herausgegebene Leχikon Geschichtliche Grundbegriffe, das 1992 mit dem siebten Band abgeschlossen worden ist.Google Scholar
  3. 3.
    “Alle Funktionsaussagen oder alle Aussagen über die moderne Gesellschaft, alle Aussagen über die Form und Funktion von Sinn, alle Aussagen über Kommunikationssysteme haben immer diesen historischen Vergleichspunkt. Das heißt, ich muß immer zugeben können, daß in älteren Gesellschaften bestimmte Aussagen nicht gelten (...).” (Luhmann 1991a, S. 940)Google Scholar
  4. 4.
    Es sollte mit dem hier verwendeten Evolutionsbegriff klar sein, daß sich mit den verschiedenen Differenzierungsformen keine wesensmäßigen Eigenschaften der an ihnen beteiligten Personen verbinden, etwa in der Art einer abwertenden Konnotation des Begriffs ‘ primitiv’ im Gegensatz zu ‘zivilisiert’. Vielmehr handelt es sich in jedem Fall um unterschiedliche Lösungen für unterschiedliche soziokulturelle Probleme, von denen keine für sich einen Vorrang behaupten kann.Google Scholar
  5. 5.
    Die Unterscheidung von Kommunikation und Handlung ist fundamental für den hier zugrunde gelegten Ansatz. Alle Funktionssysteme, von denen hier die Rede ist, operieren aus analytischer Perspektive ausschließlich über Kommunikation; es handelt sich also explizit nicht um Handlungssysteme. Da Kommunikation allerdings, wie Luhmann anmerkt, nicht direkt beobachtet werden kann, sondern nur erschlossen wird, wird Kommunikation immer einem Handelnden zugerechnet. Konsequenz: “Um beobachtet zu werden oder sich selbst beobachten zu können, muß ein Kommunikationssystem deshalb als Handlungssystem ausgeflaggt werden.” (Luhmann 1984a, S. 226)Google Scholar
  6. 6.
    Eine Erörterung der theoretischen Voraussetzungen sozialer Systeme würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen und kann daher an dieser Stelle nicht geleistet werden. Eine Erläuterung der entsprechenden Begrifflichkeiten soll nur dort geschehen, wo es aus gesellschaftstheoretischem Blickwinkel unverzichtbar erscheint. Ich verweise als Grundlage auf Luhmann 1984a, sowie auf die mittlerweile vorhandene Sekundärliteratur über die Theorie sozialer Systeme, beispielsweise Kneer/Nassehi 1993.Google Scholar
  7. 7.
    Eine ähnliche Evolutionstheorie, die zwar ein wenig differenziertere Einteilungen präsentiert, aber in vielem mit der Theorie Luhmanns kompatibel ist, hat Bernd Giesen vorgelegt (vgl. Giesen 1991a). Auch auf diesen Ansatz werde ich bei Bedarf zurückgreifen.Google Scholar
  8. 8.
    Ähnlich wie der Begriff Semantik ist auch die ‘Beobachtung’ aller ansonsten üblichen Konnotationen entkleidet worden. In dem hier verwendeten Kontext kann ‘Beobachtung’ also nicht anthropomorph verstanden werden, sondern als Operation eines sozialen Kommunikationssystems. Indem die Kommunikation etwas beschreibt, beobachtet sie zugleich mit Hilfe der Semantik. In Anlehnung an die Psychologie könnte man in der Semantik eine Analogie zur Kognition sehen: Ohne vorhergegangene Kognitionen kann auch das psychische System nichts erkennen. Der soziologische Beobachtungsbegriff wird im Zusammenhang mit der “Form” noch eingehender erläutert; vgl. den folgenden Abschnitt 2.2.Google Scholar
  9. 9.
    Die Möglichkeiten und Implikationen, die die Logik Spencer Browns bietet, können an dieser Stelle nicht einmal ansatzweise entfaltet werden. Vgl. hierzu die Darstellung bei Simon 1988, S. 27ff. sowie jüngst die beiden Sammelbände von Baecker 1993a und 1993b.Google Scholar
  10. 10.
    Man sieht hier eine erste Konvergenz zum Konstruktivismus, etwa zu Gregory Bateson, der Information als “Unterschied, der einen Unterschied ausmacht” beschreibt (Bateson 1981, S. 582). Wie oben deutlich wurde, hat schon Simmel mit derartigen Konstruktionen gearbeitet (vgl. Abschnitt 1.1).Google Scholar
  11. 11.
    Der Anschluß an phänomenologische Forschungen, etwa von Alfred Schütz, drängt sich schon an dieser Stelle auf (vgl. Schütz 1971a). Siehe hierzu beispielsweise Luhmann 1986b, wo die ‘Lebenswelt’ in der Form einer Differenz von vertraut und unvertraut analysiert wird.Google Scholar
  12. 12.
    Man denke etwa an Jacques Derridas Begriffsschöpfung ‘différance’, die ähnliches beschreibt, aber deren Ansprüche erheblich weitreichender sind; sie sucht die ursprüngliche Unterscheidung, die selbst noch der von Heidegger (1986) postulierten ontologischen Differenz von Sein und Seiendem vorausgeht: “Erfragt wird somit die Grenze, die uns immer schon gezwungen hat, die uns stets zwingt — uns, die Bewohner einer Sprache und eines Denksystems, — den Sinn von Sein überhaupt als Anwesenheit oder Abwesenheit, in den Kategorien des Seienden oder der Seiendheit (ousia) zu gestalten.” (Derrida 1988, S. 36) Dies muß natürlich zu dem Ergebnis fihren, daß es irgendwo nicht weitergeht: “Eine solche fifférance, ‘älter’ noch als das Sein, hat keinen Namen in unserer Sprache.” (Ebd., S. 51)Google Scholar
  13. 13.
    Wittgensteins “Sprachspiel”-Begriff steht dem Form-Begriff Spencer Browns relativ nahe. Bei Sprachspielen handelt es sich um “Vorgänge des Benennens” (Wittgenstein 1984, S. 241 [PU §7]).Google Scholar
  14. 14.
    Zu dieser Traditionslinie vgl. den Überblick bei Thürnau 1990, v.a. S. 284ff. Zum Anschluß des Sinnbegriffs an die systemtheoretische Forschung vgl. grundlegend Luhmann 1971 sowie jüngst Fuchs 1993, S. 61ff.Google Scholar
  15. 15.
    Beides zeigte sich während der sogenannten Barschel-Äffäre in Schleswig-Holstein. Die Regierungsmannschaft unternahm alles, von Bespitzelung bis zu gezielten Indiskretionen, um dem Oppositionsführer zu schaden. Selbst die Verletzungen des Regierungschefs durch einen Flugzeugabsturz wußte man publikumswirksam zu ‘verkaufen’. Als der Oppositionsführer, der als “politischer Saubermann” angetreten war, frühzeitig von den Informationen über Barschels Machenschaften erfuhr, konnte er sie sich in der Weise zunutze machen, daß die Opposition als unwissendes Opfer hingestellt wurde.Google Scholar
  16. 16.
    Eine Beobachtung 2. Ordnung beobachtet, wie ein anderer Beobachter beobachtet. Dies impliziert keine privilegierte Position, sondern nur eine andere, welche selbst wieder als Beobachtung beobachtbar ist. So kann, wollte man die Reihe weiterspinnen, ein Beobachter 3. Ordnung den Verfasser dieser Arbeit (als Beobachter 2. Ordnung) daraufhin beobachten, wie dieser das politische System (als Beobachter 1. Ordnung) daraufhin beobachtet, welchen Umgang es mit dem Topos ‘Nation’ pflegt.Google Scholar
  17. 17.
    Es gibt somit kein anderes Recht als positives Recht. Daß damit das Rechtssystem noch lange nicht einem blanken Dezisionismus à la Carl Schmitt anheimfällt, ist ein Problem, das hier nicht erörtert werden kann. Für eine Analyse dieses Problems müßte zuerst eine sorgfältige Unterscheidung von Systemcode und dem jeweils aktualisierten Programm vorgenommen werden.Google Scholar
  18. 18.
    In älteren Publikationen Luhmanns wurde in diesem Zusammenhang mit der Begrifflichkeit des ‘symbolisch generalisierten Kommunikationsmediums’ an die Theorie Parsons’ angeschlossen, vgl. etwa Luhmann 1975b. Der Begriff ‘Medium’ ist abstrakter angesetzt und vermag jenseits der Gesellschaftstheorie auch Phänomene wie ‘Sinn’ (vgl. Luhmann 1993b) oder ‘Sprache’ (vgl. Luhmann 1990a, S. 53ff.) als Medium zu fassen.Google Scholar
  19. 19.
    Vgl. Luhmanns diesbezügliche Beschreibung des Wissenschaftssystems: “[E]rst diese Unterscheidung von Code und Programm gibt dem Medium die Form, die diejenige Operationen anweist, die das Medium im laufenden Betrieb zu wahrheitsfähigen Sätzen koppeln und entkoppeln. Der Bereich, in dem dies geschieht, der Bereich möglichen Wissens, ist daher nicht unabhängig von Codierung zu denken. Er eχistiert nicht unabhängig, bevor die Wahrheitsproduktion beginnt. Er wird korrelativ zur Bildung der Formen für Formproduktion (eben: Code und Programm) erzeugt, und das fassen wir zusammen in der Aussage: Wahrheit ist ein codiertes Medium.” (Luhmann 1990a, S. 184f.)Google Scholar
  20. 20.
    Genauer gesagt, die Soziologie hat in ihren Anfängen zwischen globalen und regionalen (nationalstaatlichen) Problemstellungen geschwankt; vgl. die Rekonstruktion von Turner 1990b.Google Scholar
  21. 21.
    Aus der umfangreichen Literatur zu Wallersteins Ansatz vgl. den ersten Band seiner auf mehrere Jahrzehnte angelegten Sozialgeschichte des modernen Kapitalismus (Wallerstein 1986) sowie einen von ihm stammenden Überblick (Wallerstein 1987). Als Überblicksartikel anderer Autoren vgl. Chirot/Hall 1982 sowie Bornschier 1984. Zu Wallersteins Bestimmung der Nation innerhalb des kapitalistischen Weltsystems vgl. oben Abschnitt 1.5.Google Scholar
  22. 22.
    Giddens kommt daher zu folgendem Urteil: “Wallerstein’s arguments involve an uncomfortable amalgam of functionalism and economic reductionism.” (Giddens 1987, S. 167)Google Scholar
  23. 23.
    Die letzte Feststellung gilt im übrigen nicht nur historisch, sondern auch für die Gegenwart (vgl. Kohlhammer 1992). Eine gründliche Darstellung sowie eine vernichtende Kritik aller bisherigen Entwicklungstheorien, zu denen auch der Strukturfunktionalismus und die Weltsystem-Theorie gezählt werden, hat jüngst Ulrich Menzel vorgelegt (vgl. Menzel 1992).Google Scholar
  24. 24.
    Selbst Niklas Luhmann, der der Wissenschaft als sozialem System über 700 Seiten widmet, ist dieser Umstand nur fünf Sätze wert (vgl. Luhmann 1990a, S. 619). Spätestens wenn es jedoch um Technologie-Transfer für Massenvernichtungswaffen geht, wird die Problematik augenfällig: “The problem of horizontal proliferation — the spread of nuclear weapons capability to more and more countries — is a vivid reminder that technology is a global force which recognizes no national boundaries. Both the diffusion of knowledge and the unrelenting march of industrialization across the globe have bequeathed to an increasing number of states the capability to develop, or to acquire, extremely sophisticated and incredibly powerful military technologies on a hitherto historically unprecedented scale.” (McGrew 1992b, S. 104)Google Scholar
  25. 25.
    Siehe aber Swain (1992), der die These aufstellt, daß westliche Radiosender wie BBC oder Radio Free Europe ganz entscheidend zum Legitimationsverlust der realsozialistischen Regime in Osteuropa beigetragen haben. Aus den gleichen Gründen sah sich, wie der Tagespresse zu entnehmen war, wohl auch die Regierung der VR China genötigt, die unkontrollierte Anbringung von TV-Satellitenantennen zu unterbinden.Google Scholar
  26. 26.
    Die Zitate stammen vom damaligen US-amerikanischen Präsidenten Bush, zit. n. Sommer 1992.Google Scholar
  27. 27.
    Rudolf Stichweh hat aus Luhmanns Analysen den Eindruck gewonnen, “als sei die autopoietische Realisierung von Funktionssystemen nur auf der Ebene der Weltgesellschaft möglich, oder — forschungsstrategisch formuliert — als sei die Verwendung von Ländernamen in der Soziologie eine Art Kategorienfehler. “ Und er vermutet, “daß dies tatsächlich so gemeint ist” (Stichweh 1990, S. 257). Demgegenüber kann zum einen nur erneut betont werden, daß die segmentäre Differenzierung innerhalb des Primärtypus der funktionalen Differenzierung nicht kategorial ausgeschlossen ist. Zum anderen unterliegt auch die Weltgesellschaft einer Evolution, d.h. es macht einen großen Unterschied, ob ich beispielsweise Rechtsfindungsprozesse im 16. Jahrhundert untersuche, die vermutlich erheblich weniger mit Beobachtungen von Entwicklungen außerhalb des entsprechenden Territoriums befrachtet war, oder ob ich dies im 20. Jahrhundert untersuche.Google Scholar
  28. 28.
    Siehe auch die Diskussion von Tudyka 1989 und E. Richter 1990.Google Scholar
  29. 29.
    Der These Emanuel Richters, daß in Luhmanns Konzeption der Weltgesellschaft eine “in den Gesellschaftsstrukturen schon angelegte Gemeinschaftlichkeit” zu finden sei (E. Richter 1992, S. 172), kann ich daher nicht folgen. Offenbar geht dieses Mißverständnis auf einen inadäquaten Gebrauch der soziologischen Begriffstradition von ‘Gemeinschaft’ und ‘Gesellschaft’ zurück.Google Scholar
  30. 30.
    “Gesellschaft ist heute eindeutig Weltgesellschaft, — eindeutig jedenfalls dann, wenn man den hier vorgeschlagenen Begriff des Gesellschaftssystems zu Grunde legt.” (Luhmann 1984a, S. 585)Google Scholar
  31. 31.
    Eine Konvergenz läßt sich — wenn überhaupt — für die westlichen Industrieländer konstatieren; vgl. Kaelble 1987 sowie Bornschier 1988.Google Scholar
  32. 32.
    Vgl. hierzu die Darstellung bei E. Richter 1992, S. 204ff. Das Phänomen der “globalen Schicksalsgemeinschaft” wird ansatzweise auch in der Soziologie reflektiert, wenngleich bislang nur sporadisch und mit eher skeptischer Beurteilung. Siehe etwa die Analyse der “Globalisierung der Zivilisationsrisiken” in der “Weltrisikogesellschaft” bei Ulrich Beck (1986, S. 48ff.) Ganz ähnlich hat Norbert Elias den Prozeß der Globalisierung als einen “Übergang von einer weniger Menschen umfassenden, weniger differenzierten und komplexen zu einer mehr Menschen umfassenden und komplexeren Form der vorherrschenden Überlebensorganisation” bezeichnet (Elias 1987, S. 224f.). Aus diesem gemeinsamen Schicksal folgt aber noch nicht, so betont Elias vollkommen zu Recht und im Einklang mit der hier vertretenen Argumentation, dav sich eine gemeinsame Identität ausbilden wird. Der Grund: Es fehlt der gemeinsame Feind. “Auf allen anderen Stufen der Integration entwickelte sich das Wir-Gefühl im Zusammenhang mit der Erfahrung der Bedrohung der eigenen Gruppe durch andere Gruppen. Die Menschheit dagegen ist nicht durch andere, außermenschliche Gruppen bedroht, sondern nur durch Teilgruppen ihrer selbst.” (Ebd., S. 305) Als Ausnahme in soziologischer Hinsicht ist sicherlich Ralf Dahrendorfs auf Kant rekurrierende Utopie einer “Weltbürgergesellschaft” anzusehen (vgl. Dahrendorf 1992, S. 280).Google Scholar
  33. 33.
    So auch Bassam Tibis Argumentation zur Erklärung islamisch-fundamentalistischer Politik: “Mein Argument lautet, daß parallel zu der durch Globalisierung bedingten strukturellen Vernetzung der Welt eine durch die Vielfalt bereits vorhandene ‘kulturelle Fragmentation’ um sich greift und sich zunehmend verschäft. Unter ‘kultureller Fragmentation’ verstehe ich, daß sich die kulturell unterschiedlich verankerten Staaten unserer Welt nicht über gemeinsame Normen und Werte als Basis ihrer Orientierungen verständigen können. So gibt es z. B. kein allgemeingültiges Verständnis von Menschenrechten und Demokratie. Diese kulturelle Fragmentation trägt dazu bei, daß die durch Transport und Kommunikation einander nahegerückten Nationen sich kulturell voneinander entfernen.” (Tibi 1993, S. 29) Auch unter Politologen hat sich dieses Faktum herumgesprochen: “The world today can be viewed as fragmented into a number of mutually exclusive cultures that tend to foster divergent interpretations of the meanings of events.” (Rosenau 1990, S. 420) Der Autor fügt allerdings hinzu, daß beispielsweise ökologische Fragen auch Anstöße zu einer globalen Kultur geben könnten.Google Scholar
  34. 34.
    Siehe etwa die Position Friedrich Heckmanns: “Nation ist ein ethnisches Kollektiv, das ein ethnisches Gemeinschaftskeitsbewußtsein teilt und politisch-verbandlich in der Form des Nationalstaats organisiert ist.” (Heckmann 1992, S. 57; ähnlich Heckmann 1988) Oder siehe die Definition von A.D. Smith: “A nation can therefore be defined as a named human population sharing a historic territory, common myths and historical memories, a mass public culture, a common economy and common legal rights and duties for all members.” (Smith 1991, S. 14) Dem Verfasser stellt sich die Frage: Wo gehört er denn hin, wenn er zwar auf einem bestimmten Territorium wohnt, ohne aber die nach letzterer Bestimmung scheinbar dazugehörenden Mythen und Erinnerungen zu teilen?Google Scholar
  35. 35.
    Der Vollständigkeit halber sei hier Peters’ im Anschluß an Parsons gebildete Nation-Definition wiedergegeben: “Unter Nation verstehe ich eine symbolische Gemeinschaft, die im Selbstverständnis einer Gemeinschaft von Staatsbürgern (citizens) zentriert ist, aber in der Regel weitere symbolische Elemente enthält, die nicht unmittelbar auf die politisch-rechtliche Assoziation bezogen sind.” (Peters 1993, S. 177f.) Auch hier stellt sich die Frage: Wer gehört dazu? Mit bestimmten Personen, die mir zufällig politisch-rechtlich gleichgestellt sind, möchte ich einfach keine symbolische Gemeinschaft eingehen.Google Scholar
  36. 36.
    Für einen Überblick über die Forschungsliteratur zum Topos Rasse/Ethnizität vgl. O’Sullivan See/Wilson 1988.Google Scholar
  37. 37.
    Zum Bezug der ‘Nation’ auf den Staat vgl. beispielsweise Georg Elwert: “Unter Nation verstehen wir eine (lockere oder festgefügte) soziale Organisation, welche überzeitlichen Charakter beansprucht, von der Mehrheit ihrer Glieder als (imaginierte) Gemeinschaft behandelt wird und sich auf einen gemeinsamen Staatsapparat bezieht.” (Elwert 1989, S. 446) Ähnlich die Position von Heckmann nach Übersicht der Literatur: “Der Zusammenhang von ethnischem Gemeinsamkeitsbewußtsein und staatlicher Organisation wird (...) für ‘Nation’ als konstitutiv angesehen.” (Heckmann 1992, S. 52) Für eine entsprechende Definition aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive vgl. Otto Dann; demnach ist das wichtigste Ziel einer Nation “die eigenverantwortliche Gestaltung ihrer Lebensverhältnisse, politische Selbstverwaltung (Souveränität) innerhalb ihres Territoriums, ein eigener Nationalstaat.” (Dann 1993, S. 12)Google Scholar
  38. 38.
    In diesem Punkt ist die Theorie Luhmanns noch nicht ausgearbeitet und die Aussagen sind widersprüchlich. So bezieht Luhmann in einer früheren Publikation die Kontingenzformel ‘Gemeinwohl’ ausdrücklich nur auf vormoderne Politik und optiert füir ‘Freiheit’ als Legitimationsformel (vgl. Luhmann 1977, S. 203). Demgegenüber heißt es jüngst, das “Gemeinwohlprinzip” stelle als Kontingenzformel die Limitierung der Souveränität des politischen Systems dar (vgl. Luhmann 1990a, S. 396f.). Helmut Willke diskutiert beide Begriffe in diesem Zusammenhang und lehnt ‘Gemeinwohl’ als zu weit gefaßt ab, denn es sei nicht nur das politische System, das dem Gemeinwohl diene. Willke setzt daher auf ‘Legitimität’ (vgl. Willke 1992, S. 43ff.). Ich halte dies für nicht plausibel: Es mag zwar sein, daß man auch die Beiträge anderer Funktionssysteme entsprechend interpretieren kann, aber es ist ausschließlich das politische System, das sich primär mit dem ‘Gemeinwohl’ legitimiert, und nur auf das Faktum der Selbstbeschreibung kommt es hier an.Google Scholar
  39. 39.
    Die angesprochene Lückenhaftigkeit hängt sicherlich auch damit zusammen, daß nach dem Zweiten Weltkrieg über Jahrzehnte hinweg keine ernsthafte ‘ Staatssoziologie’ eχistierte. Im soziologischen Mainstream, Strukturfunktionalismus und Neo-Marxismus, wurde dem politischen System jegliche Autonomie abgesprochen. Es wurde entweder darauf reduziert, das Medium für eine gemeinsame Zielerreichung bereitzustellen (goal-attainment innerhalb Parsons’ AGIL-Schema), oder es war lediglich ein Überbau-Phänomen, das den Interessen des Kapitals zu dienen hatte. Erst seit wenigen Jahren gibt es Versuche, “to bring the state back in”. Es ist Theda Skocpol zuzustimmen, daß ein solches Unterfangen den Bruch mit den genannten Richtungen impliziert: “Bringing the state back in to a central place in analyses of policy making and social change does require a break with some of the most encompassing social-determinist assumptions of pluralism, structure-functionalist developmentism, and the various neo-Marxisms.” (Skocpol 1985, S. 20)Google Scholar
  40. 40.
    Ausnahmen bestätigen, wie immer, die Regel. Einen ähnlichen Ansatz, wie er hier vorgeschlagen wird, unternimmt Anthony Giddens, der “Nation-States in the Global State System” untersucht (vgl. Giddens 1987, S. 255ff.). Giddens’ Ansatz leidet aber unter seinen Prämissen. Der Staat wird bei ihm auf einen “power-container” reduziert, und die globale Dimension wird nahezu ausschließlich unter den friedensgefährdenen Konsequenzen aus dieser Ausgangsprämisse analysiert. Das Zusammenspiel von ‘innenpolitischen’ mit globalen Gesichtspunkten bleibt außer acht; vgl. auch die harsche Kritik von Breuilly: “It seems incredible that one can write a book about the modern state without including sections on the role of parliament of other kinds of elective or representative bodies and the role of parties and other organizations which mobilize large numbers of people for politics.” (Breuilly 1990, S. 284) Eine Rekonstruktion der Thesen Giddens’ über das Verhältnis von Nationalstaat und Weltsystem findet sich bei Dandeker 1990.Google Scholar
  41. 41.
    Der Form-Begriff findet hier nicht zum ersten Mal Anwendung auf die Untersuchung des Topos Nation. So hat A.D. Smith in Anlehnung an die aus der Philosophie bekannte Differenz Form/Inhalt die These vertreten, es gebe eine Kontinuität zwischen Ethnien und Nationen, die sich gerade in der Form ausdrücke: “Form is akin to style, in that, though the symbolic contents and meanings of communal creations may change over time, their characteristic mode of expression remains more or less constant.” (A. D. Smith 1986, S. 14) Eine weitere Verwendung dieses Begriff, die schon in die Richtung des hier vertretenen Ansatzes weist, stammt von Etienne Balibar. Demnach ist eine Nation “eine wirksame ideologische Form, in der tagtäglich die imaginäre Singularität der nationalen Formation konstruiert wird, wobei der Weg von der Gegenwart in die Vergangenheit führt.” (Balibar 1992, S. 108)Google Scholar
  42. 42.
    Andere Beobachtungsformen der Weltgesellschaft können beispielsweise entlang folgender Unterscheidungen gesehen werden: Schwarz/Weiß (Rasse), Dritte Welt/Erste Welt, Ost/West, Nord/-Süd, Islam/Westen, Sozialismus/Kapitalismus, Asien/Europa, Frau/Mann etc.Google Scholar
  43. 43.
    So interpretiert Reiterer (1991, S. 66f.) den gegenwärtigen Nationalismus als “Zeichen der Rückständigkeit” und als “anachronistisch”. Ählich meinte noch jüngst Pelinka (1993), die ethnischnationalen Konflikte Osteuropas stellten einen Rückfall in die Prämoderne dar.Google Scholar
  44. 44.
    Wenn von Kollektiven die Rede ist, handelt es sich um Selbst- und Fremdbeschreibungen, also um Semantiken. Die Gesellschaft beschreibt sich aus theoretischer Sicht paradox, sie beschreibt sich als etwas, was sie nicht ist, nämlich als Kollektiv (vgl. Luhmann 1987a).Google Scholar
  45. 45.
    Hier wird im Rahmen der neueren Systemtheorie ein Vorgehen vorgeschlagen, das darauf verzichtet, sich mit einer Art Empathie dem Forschungsgegenstand zu nähern. Man muß sich nicht in die Anwendung nationaler Semantiken hineinfühlen können, um diese zu beobachten. Siehe als Differenz dazu die Ansicht von A. D. Smith: “Methodologically, nationalism presents great difficulties of definition, classification and explanation; it involves a vast historical and geographical field, requires knowledge of several languages, familiarity with many events, customs and sentiments, and an empathy with various situations and problems of identity. “(A. D. Smith 1983, S. 25; meine Herv.)Google Scholar
  46. 46.
    Derartige Utopien halten sich nachdrücklich. So hat Ulrich Beck jüngst nach einer durchaus anregenden Rekonstruktion der Entstehung nationaler Feindbilder mit einem Blick auf die Konflikte im ehemaligen Jugoslawien vorgeschlagen, man solle der nationalen Propaganda eine Gegenpropaganda entgegenstellen: “Die gezielte Aufhebung nationaler Hoheitsräume der Information — von gemischtnationalen bis zu weltumspannenden Sendungen — wäre jedenfalls eine wichtige Voraussetzung für die Zivilisierung nationaler Konflikte.” (Beck 1993, S. 135)Google Scholar
  47. 47.
    Vgl. für ein derartiges Argument, das sich aber noch relativ differenziert gibt, etwa Krippendorff, der die Nationalisierung der Massen nach der Französischen Revolution analysiert: “Die Politik, von einer breiteste Schichten erfaßten Öffentlichkeit diskutiert, war zwar in der Substanz ebenfalls Große Politik wie bei den alten Mächten, aber sie begann in die Köpfe ‘des Volkes’ einzudringen — jedermann dachte in globalen Machtkategorien, internalisierte mit den Kategorien der Groβen Politik als der Politik der Groβen auch deren Abstraktion von den eigenen, konkreten Bedürfnissen, die ihm, dem kleinen Mann, von den an der Staatsmacht partizipierenden Publizisten und Intellektuellen als engstirnig, unpolitisch, egoistisch usw. ausgeredet wurden. “(Krippendorff 1985, S. 313)Google Scholar
  48. 48.
    Das betont aus einer politisch-psychologischen Perspektive auch Bloom: “[P]olitical ideologies and ideas of nationalism cannot out of themselves evoke identification. Political ideologies do not work in a psychological vacuum. They must provide appropriate modes of behaviour, appropriate attitudes, appropriate ideologies, appropriate identity-securing interpretive systems, for dealing with real, experienced situations.” (Bloom 1990, S. 52) Ähnliches findet man bei Hobsbawm, der anmerkt, daß nationale Versuche überall dort erfolgreich ‘von oben’ installiert werden konnten, “wo sie bereits auf inoffiziellen, bereits vorhandenen nationalistischen Gesinnungen aufbauen konnten (...).” (Hobsbawm 1991, S. 111)Google Scholar
  49. 49.
    Ein unter Soziologen gleich welcher Ausrichtung wohl unbestrittenes Faktum; vgl. Giddens 1987, S. 51: “Borders are nothing other than lines drawn to demarcate state’s sovereignty. “ Auch eine Disziplin wie die ‘Politische Geographie’ hat hier nicht mehr zu bieten: Die Grenze hat aus geographischer Sicht nur eine Funktion, “and this is to delimit the area in which authority is exercised.” (Prescott 1972, S. 72; vgl. Prescott 1965)Google Scholar
  50. 50.
    Gerade dieser Umstand macht aber jede Art von Grenzfragen so bedeutend für die moderne Politik. “Boundaries and frontiers are evocative subjects, which easily arouse patriotic or nationalist feelings (...). (...) Politicians know that boundaries are sensitive subjects in international relations, and that apparent threats against the state’s boundaries can be a powerful force for political cohesion.” (Prescott 1972, S. 54)Google Scholar
  51. 51.
    Dieses logische Problem bemerkte schon Otto Bauer, als er gegen eine voluntaristische IdentitätsTheorie, wie sie heutzutage etwa von Habermas vertreten wird, einwandte, diese sei unbefriedigend “da sie der Frage ausweicht, warum wir gerade mit diesen und nicht mit anderen Menschen zu einem Gemeinwesen vereinigt sein wollen.” (Bauer 1924, S. 172)Google Scholar
  52. 52.
    Vgl. auch Patterson, der die Entstehung ethnischer Identifikation beschreibt: “For specific ethnic groups, there is usually (...) a significant counter-distinctive other group, singled out from all the out-groups, which may be called the them-group. Without the them-group, many ethnic groups would simply have no raison d’etre.” (Patterson 1983, S. 32)Google Scholar
  53. 53.
    Diese These ist im übrigen nicht neu. Neben der in Abschnitt 1.2 referierten Position Otto Bauers, die das durch die kapitalistische Modernisierung ausgelöste Konfliktpotential betonte, vgl. den Standpunkt von Peter Heintz: “Der Kulturzusammenstoß, der durch die ‘Verkleinerung’ der Welt verfielfacht wurde (...) kann auch dazu führen, daß sich die eine Gruppe in dem Bestreben, sich gegen die andere zu verteidigen, dazu getrieben fühlt, die eigenen bisher für selbstverständlich gehaltenen Vorstellungen und Werte ins allgemeine Bewußtsein zu heben oder wenigstens bewußter zu machen als bisher, das heißt, diese Vorstellungen nunmehr zu formulieren und in einen möglichst kohärenten Zusammenhang zu bringen; mit anderen Worten wird dadurch ein gesellschaftliches Selbstbewußtsein aufgebaut, das in der bisherigen Gesellschaft keine Funktion auszuüben gehabt hätte. Gerade durch den Kulturzusammenstoß kann also ein Prozeß der Selbstdarstellung der einzelnen Kulturen ausgelöst werden, eine Selbstdarstellung, die ja auch eine Darstellung für (oder gegen) andere ist. Ob wir hierbei schon von einem entstehenden Nationalismus sprechen sollen, ist durchaus fraglich, jedoch nicht in allen Fällen von der Hand zu weisen.” (Heintz 1957, S. 12)Google Scholar
  54. 54.
    Ich vermeide hier bewußt den Ausdruck ‘Lebenswelt’, und zwar aus zwei Gründen. Zum einen wird diesem von phänomenologischer Seite nach wie vor im Anschluß an Husserl ein differenzloser Status zugeschrieben. Aus systemtheoretischer sowie differenztheoretischer Sicht bleibt dies jedoch fragwürdig; vgl. hierzu die Diskussion von Luhmann 1986b und Grathoff 1987 sowie die Analyse von Fuchs 1992, S. 117ff. Zum anderen kann mit dem Lebensstil-Begriff an die Untersuchungen Max Webers angeschlossen werden, der die Kondensierung ethnischer Differenzen an Lebensstil-Differenzen festmachte (vgl. M. Weber 1972, S. 236ff. sowie die Darstellung in Abschnitt 1.3).Google Scholar
  55. 55.
    Eine mittlerweile auch unter Phänomenologen verbreitete Ansicht: “[E]rst in der ‘experimentellen’ Gegenüberstellung Gruppe — Fremder wird die ‘natürliche’ Einstellung der Gruppenmitglieder aufgehoben und als ein Konstituiertes sichtbar.” (Srubar 1988, S. 210)Google Scholar
  56. 56.
    Zur Entstehung von Orientierungsunsicherheit durch den Verlust ‘alter’, fraglos geltender Ordnung im Zuge gesellschaftlicher Differenzierungsprozesse vgl. die theoretischen und empirischen Analysen von Franz-Xaver Kaufmann (1970, insb. S. 22ff.). Nationalismustheoretisch interessant ist die These, daß Orientierungs-Unsicherheit die rückwärtige Suche auf vergangene Zustände stimuliert: “Die Unsicherheit der Orientierung ist also im wesentlichen auf einen Zustand der Sozialverfassung zurückzuführen, der als ‘nicht in Ordnung’ empfunden wird, sei es infolge mangelnder gesellschaftlicher Integration, sei es infolge eines sozialen Wandels, wobei die neue Ordnung noch nicht zu ihrem Begriff gelangt ist. Ziel des ‘Strebens nach Sicherheit in diesem Sinne’ wird damit notwendigerweise die ‘alte Ordnung’, die ‘gute alte Zeit’, in der man noch geborgen war, wobei natürlich die Frage offen bleibt, wie es um die Ordnung tatsächlich bestellt war, und vor allem, welches das Element der Ordnung ist, dessen Ausfall den Verlust der Ordnung herbeigeführt hat.” (Kaufmann 1970, S. 24)Google Scholar
  57. 57.
    Ich befinde mich hier im Einklang mit der psychologischen Fremdheitsforschung, deren Leitgedanke von Alexander Thomas folgendermaßen formuliert worden ist: “Je unstrukturierter eine Situation für ein Individuum ist, desto größer ist der erlebte Fremdheitscharakter. Daraus entsteht eine Tendenz zur Wiedergewinnung von Vertrautheit, Orientierungs- und Handlungssicherheit.” (A. Thomas 1993, S. 259)Google Scholar
  58. 58.
    Vgl. etwa Schütz 1971b bzw. im Anschluß daran Srubar 1988, S. 208ff. Siehe auch die gesellschaftstheoretische Übersetzung des Schützschen Ansatzes für die Analyse des Topos ‘Nation’ bei Giesen 1993, S. 36ff. Ansätze für eine Phänomenologie des Fremdverstehens finden sich bei Hettlage 1988.Google Scholar
  59. 59.
    “Verstehende Systeme müssen selbstreferentielle Systeme sein, da Verstehen jedenfalls eine Art von Beobachtung und gegebenfalls eine Art von Beschreibung ist.” (Luhmann 1986c, S. 79)Google Scholar
  60. 60.
    Ich verweise etwa auf die ethnisch-nationalen Spannungen in vielen Ländern Afrikas oder auch auf die nach wie vor anhaltenden Feindseligkeiten von Niederländern gegenüber Deutschen.Google Scholar
  61. 61.
    In der Politikwissenschaft ist ein ähnlicher Vorschlag schon einmal mit einem älteren soziologischen Instrumentarium, der Rollentheorie, unternommen worden. Hier ging es aber nicht um das Problem ‘Nation’, sondern um die Frage, welches Bild Politiker von anderen Staaten haben (vgl. Gaupp 1983).Google Scholar
  62. 62.
    Auch Etienne Balibar sieht in seiner “Nation-Form” eine Analogie zur persona ficta der juristischen Tradition (vgl. Balibar 1992, S. 118). Zu dieser, aus der römischen Antike stammenden Begriffstradtion der ‘Person’ vgl. Fuhrmann 1979.Google Scholar
  63. 63.
    “‘Geographies of the mind’ can and do find expression in the way space is structured; landscapes as perceived by the occupants can have powerful symbolic links to a group’s national identity.” (Knight 1982, S. 517)Google Scholar
  64. 64.
    Vgl. etwa Friedrich Meineckes 1907 niedergeschriebene Anmerkungen zur Persönlichkeit der Nation: “Persönlichkeit heißt nicht nur Autonomie, sondern auch möglichste Autarkie und harmonische Einheit und Ausbildung aller inneren Kräfte und Anlagen. (...) Im Grunde ist dieser Hergang [Nationwerdung, D.R.] eine großartige Erweiterung der Einzelpersönlichkeit und ihres Lebenskreises. (...) Es ist also kein Zufall, daß der Ara des modernen Nationalgedankens eine Ära individualistischer Freiheitsregungen unmittelbar vorangeht. Die Nation trank gleichsam das Blut der freien Persönlichkeiten, um sich selbst zur Persönlichkeit zu erheben.” (Meinecke 1962, S. 15f.) Vgl. hierzu auch die vielfältigen Belege bei Schönemann 1992, der die semantische Grundlegung dieser Entwicklung bei Herder verortet. ‘Volk’ und ‘Nation’ wurden seinerzeit als synonym behandelt.Google Scholar
  65. 65.
    Es sei hier nur an die allgemeine Verwunderung über die Tatsache erinnert, daß auch in Ostdeutschland eine massive Ausländerfeindlichkeit anzutreffen war, wo sich keine bzw. nur wenige Ausländer aufhielten. Dies ist ein Zeichen dafür, daß der Begriff ‘Asylant’ “Amok im gesellschaftlichen Diskurs” gelaufen ist (Wong 1992, S. 410).Google Scholar
  66. 66.
    Vgl. die Studie von Nico Wilterdink (1992; 1993). Selbst in einer internationalen Hochschulorganisation, deren Angehörige einen hohen Sozialstatus, den besten Bildungshintergrund haben sowie ‘ internationalistische’ Ansichten vertreten, finden sich demnach “grundsätzlich nationale Klischees wieder, die weit verbreitet und populär sind.” (Wilterdink 1993, S. 144)Google Scholar
  67. 67.
    Bei der “Germania” des Tacitus handelt es sich um eine Reisebeschreibung, die auf ca. 100 n. Chr. datiert wird. Im Rahmen des Renaissance-Humanismus wurde diese Quelle wiederentdeckt und interpretiert. Während jedoch die italienischen Humanisten die Sitten der alten Germanen als barbarisch und tierisch lasen, wurden dieselben Bräuche von deutscher Seite als Sitte eines unverdorbenen Naturvolks gesehen. Vgl. die Darstellung bei Kloft 1990.Google Scholar
  68. 68.
    Zum Zusammenhang von ethnischen Ursprungsmythen und modernem Nationalismus vgl. ausführlich A.D. Smith 1986. Das Problem “sozialer Erinnerung” und seine Differenz zur geschichtswissenschaftlichen Forschung erörtert Connerton 1989.Google Scholar
  69. 69.
    Auch die Aufklänngsalternative wird bis in die jüngste Zeit vertreten. So folgert etwa Schaff aus den Funktionsweisen von Stereotypen “die Notwendigkeit, den Träger dieser Stereotypen über die faktische Situation aufzuklären, das heißt, ihm den zweifachen Inhalt des in diesen Fällen gebrauchten Wortes bewußt zu machen (...). Er muß sich darüber klar werden, daß das als Zeichen dienende Wort in diesen Fällen nicht nur einen Begriff, sondern auch ein Stereotyp bezeichnet und daß man diese beiden Erscheinungen weder gleichsetzen noch die zwischen ihnen stehenden Unterschiede verwischen darf.” (Schaff 1980, S. 111f.)Google Scholar
  70. 70.
    Vgl. auch Mall und Hülsmann, die im Rahmen einer ‘Weltphilosophie’ fordern, sich trotz der hermeneutischen Funktionen von Vorurteilen von jeglicher Voreingenommenheit zu befreien: “Besteht das hermeneutische Dilemma darin, daß man ohne Vorurteile nicht verstehen kann, daß man aber nur mit Vorurteilen das zu Verstehende doch nicht versteht, dann besteht der Ausweg nicht in dem Dogma, man könne den hermeneutischen Zirkel doch nicht verlassen, sondern in der realmöglichen Einsicht, daß man den hermeneutischen Zirkel zu reflektieren vermag, als stünde man außerhalb.” (Mall/Hülsmann 1989, S. 77)Google Scholar
  71. 71.
    Ein interdisziplinärer Überblick über die Vorurteils- und Stereotypforschung findet sich bei Schaff 1980, S. 27ff.Google Scholar
  72. 72.
    “[S]oziale Kategorisierung ist ein Prozeß, durch den soziale Objekte oder Ereignisse, die in bezug auf die Handlungen, Intentionen und das Wertsystem eines Individuums gleichwertig sind, zu Gruppen zusammengefaßt werden.” (Tajfel 1982, S. 101)Google Scholar
  73. 73.
    Würde man mit dem Vorurteils-Begriff weiterarbeiten, müßte eine soziologische Anwendung von einer (sozial-)psychologischen klar abgegrenzt werden. Vgl. zu einem solchen Versuch Estel 1983, der füir die Untersuchung der Gegenwartsverhältnisse den Begriff des sozialen Images vorschlägt. Soziale Images sollen beschreiben, daß mit zunehmender gesellschaftlicher Kompleχität Vorurteile ihre sozial geteilte Verbindlichkeit verlieren.Google Scholar
  74. 74.
    “Die weitgehende Kongruenz des Begriffs des Patrioten mit dem des Staatsbürgers liegt offen zutage. Die Tugenden des Patrioten wurden als Bürgertugenden angesehen, die von jedermann verlangt, aber nur denen ausgeübt werden können, die sich als Staatsbürger fühlen dürfen.” (Vierhaus 1980, S. 17)Google Scholar
  75. 75.
    Donate Kluxen-Pyta hat gegenüber Habermas, der seinen Verfassungspatriotismus strikt übernational versteht, eine Rückbindung zum Kern des Patriotismus vorgeschlagen, der die Nation wiederum universalistisch auflädt: “[D]ie ‘Ethik der Nation’ steht nicht im Gegensatz zum ethischen ‘ Universalismus’, sondern entspricht ihm unter den Bedinungen der Geschichtlichkeit, sofern sie unter dem universalistischen Gesichtspunkt der Moralität die kritische Affirmierbarkeit des Nationalen prüft und begründet.” (Kluxen-Pytha 1991, S. 154) Ähnlich argumentiert Gebhardt 1993.Google Scholar
  76. 76.
    Diese Nähe ist gerade in jüngster Zeit verschiedentlich festgestellt worden (vgl. etwa Lauermann 1992, S. 68f.; Wagner 1993, S. 309). Auch Beck 1993, S. 73f. sieht die Parallele und meint, hier wirke Schmitt als verdrängter Autor weiter, und Beck möchte dem Leser wohl die Frage stellen, ob dies nicht die Theorie Luhmanns diskreditiere. Ich meine: Nein!Google Scholar
  77. 77.
    Zur Einschätzung Schmitts als Soziologe vgl. Sontheimer 1978, S. 79ff. sowie Quaritsch 1989, S. 10f. Die erste Fassung des “Begriff des Politischen” erschien im Jahre 1927 im “Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik”, dem Publikationsorgan der frühen deutschen Soziologie. Zu den verschiedenen Fassungen dieser Abhandlung vgl. Meier 1988, S. 14f., Anm. 5. Auch in Rammstedts Übersicht über die deutsche Soziologie zwischen 1933 und 1945 wird Schmitt als Soziologe geführt (vgl. Rammstedt 1986, S. 98).Google Scholar
  78. 78.
    Ähnliches, wenngleich nicht in der Breite, findet sich etwa beim frühen Heidegger, wo das Geschick eines Volkes bzw. einer Gemeinschaft u.a. durch den “Kampf” ausgemacht wird (vgl. Heidegger 1986, S. 384f.). Dazu: Farías 1989, S. 110ff. sowie Benedikt 1993. Parallelen zwischen Schmitt und Karl Jaspers, einem weiteren Existenzphilosophen, zeigen Aleida und Jan Assmann 1990, S. 25f. auf. Zur Weimarer Republik und den seinerzeit kommunizierten ‘nationalen’ Attributionen auf das Judentum und den Westen vgl. auch meine Darstellung im Abschnitt 3.6.Google Scholar
  79. 79.
    Zum Verhältnis von Notwendigkeit und Kontingenz im mythischen Denken vgl. schon Ernst Cassirer: “Man hat es wenigstens als einen eigentümlichen Wesenszug des mythischen Denkens bezeichnet, daß es den Gedanken eines in irgendeinem Sinne ‘zufälligen’ Geschehens überhaupt nicht zu fassen vermöge. Häufig findet es sich, daß dort, wo wir, vom Standpunkt der wissenschaftlichen Welterklärung, vom ‘Zufall’ sprechen, das mythische Bewußtsein gebieterisch eine ‘Ursache’ verlangt und in jedem einzelnen Falle eine solche Ursache setzt.” (Cassirer 1987, S. 62f.)Google Scholar
  80. 80.
    Verschwörungstheorien liegen in der Konsequenz der politischen Beobachtung der Weltgesellschaft qua Differenz. Daß dies nicht notwendigerweise auf ‘nationale’ Freund/Feind-Unterscheidungen hinauslaufen muß, hat Bassam Tibi anhand des Verschwörungsdenkens im arabischislamischen Raum dargestellt. Seine Beobachtungen sind jedoch prinzipiell auf die Folgen der Verwendung der Form ‘Nation’ übertragbar: “Es gibt in einer Atmosphäre, in der das Verschwörungsdenken vorherrscht, keinen Platz für ein Korrektiv und ohnehin keinen Platz für eine politische Opposition. Die Wahrnehmung aller Menschen entweder als Freunde oder als Feinde, jeweils als Teile eines handelnden Kollektivs, also nicht als Individuen, stellt sicher, daß diese Zweiteilung der Welt als unerschütterlicher Glaube erhalten bleibt. Fehler und Fehlwahrnehmungen darf es in einer dermaßen konstruierten Welt nicht geben. Der Glaube an die Absolutheit des eigenen Wissens bietet die benötigte Sicherheit und die mit ihr korrespondierende Sicht der Welt. Die Ursache des Übels liegt bei den verteufelten anderen, und nur sie sind schuld an der Misere der arabo-islamischen Gemeinschaft; daher gilt es, sie und ‘ihre Verschwörung’ kompromißlos zu bekämpfen. Die Selbstbemitleidung als ‘Opfer der Verschwörung’ geht mit dem Aktionismus der Aufrufe gegen die Verschwörung einher.” (Tibi 1993, S. 41)Google Scholar
  81. 81.
    Für einen weiteren Beleg der Äquivalenz von Mythos/Nationalismus vgl. erneut die neukantianische Analyse des Mythos durch Cassirer: “An diesen Eindrücken, wie sie sich in einem jeweilig gegebenen Zeitmoment zusammendrängen, müssen bestimmte Züge als wiederkehrende und ‘typische’ festgehalten und anderen bloß zufälligen und flüchtigen entgegengesetzt werden; — müssen bestimmte Momente betont, anderen dagegen als ‘unwesentlich’ ausgeschaltet werden. Auf einer solchen ‘Selektion’ (...) beruht die Möglichkeit, die Wahrnehmung überhaupt auf ein Objekt zu beziehen.” (Cassirer 1987, S. 46)Google Scholar
  82. 82.
    Vgl. dazu auch Giesen 1991a, S. 200, der anmerkt, daß der Kosmopolitismus die unleugbaren Konfliktlinien, die der Absolutismus generiert hatte, nicht adäquat bewältigen konnte.Google Scholar
  83. 83.
    Zur ‘ Zivilgesellschaft’ als bis in die Gegenwart wirkende Begleitsemantik der Inklusion vgl. D. Richter 1995a.Google Scholar
  84. 84.
    Die Diskussion um die Erschöpfung des Wohlfahrtsstaates wurde seinerzeit von vielen unter die von konservativer Seite propagierte “geistig-moralische Wende” gefaßt. Heute muß den Konservativen eine gewisse Weitsichtigkeit in diesem Zusammenhang zugestanden werden. In anderen Ländern wurde dies auch von der Linken konstatiert. Vgl. etwa den gewiß keiner konservativen Denkweise anhängenden Bryan S. Turner (1988, S. 50ff.), der von “inflatory demands” bestimmter Interessengruppen schreibt.Google Scholar
  85. 85.
    In einer der wenigen Stellen, in denen sich Luhmann mit dem Problem kollektiver Identität in der Moderne beschäftigt, negiert er (gegen Habermas) die Möglichkeit einer solchen Identität in der Moderne; allein individuelle Leistungsansprüche seien hier noch wirksam: “Die Selbstidentifikation der Individuen kann nur noch über Ansprüche laufen und mit der Erfahrung vermittelt werden, daß diese Ansprüche erfüllt bzw. enttäuscht werden.” (Luhmann 1983b, S. 35) Hier wird jedoch davon ausgegangen, daß gerade die durch die Enttäuschung generierten Konflikte zur Identitätsausbildung über Differenz benutzt werden.Google Scholar
  86. 86.
    Mit einer anderen Akzentsetzung hat Reinhard Bendix einen ähnlichen Zusammenhang formuliert. Seine These lautet, “daß der Nationalismus eine universale Bedingung in der Welt geworden ist, weil das Gefühl der Rückständigkeit des eigenen Landes zu immer neuen Auseinandersetzungen mit dem ‘fortgeschrittenen Modell’ oder mit der Entwicklung eines anderen Landes führt.” (Bendix 1980a, S. 17) Bendix’ — nur rudimentär ausgearbeitete — Nationalismus-Theorie findet sich ausführlicher in Bendix 1979 und 1982.Google Scholar
  87. 87.
    Und dies nicht erst seit den gegenwärtigen Versuchen, Nationalismus gegen Wirtschaftsmigranten einzusetzen. Schon Otto Bauer hatte zu Beginn dieses Jahrhunderts beobachtet, daß Migranten infolge ungleicher Entwicklungszustände in die florierenden Gegenden abwandern, wo ihnen als ‘Lohndrücker’ entsprechender Haß entgegenschlägt (vgl. Bauer 1924, S. 246ff.).Google Scholar
  88. 88.
    “Governments’ provision of protection, by this standard, often qualifies as racketeering. To the extent that the threats against which a given government protects its citizens are imaginary or are consequences of its own activities, the government has organized a protection racket. Since governments themselves commonly simulate, stimulate, or even fabricate threats of external war and since repressive and extractive activities of governments often constitute the largest current threats to the livelihoods of their own citizens, many governments operate in essentially the same ways as racketeers.” (Tilly 1985, S. 171)Google Scholar
  89. 89.
    Welch fatale Konsequenzen eine Unterschätzung dieser werthaften Aufladung haben kann, machte das diplomatische Verhalten der westlichen Demokratien gegenüber Hitler in den dreißiger Jahren deutlich. Wie Craig und George analysieren, lag der eigentliche Grund für die in der Appeasement-Politik sich ausdrückenden Unterschätzung Hitlers darin, daß man im Westen ein erheblich rationaleres Politik-Modell verfolgte, das die Kriegführung als Mittel der Politik mehr oder weniger ausschloß (vgl. Craig/George 1984, S. 102f.).Google Scholar
  90. 90.
    “Rather, the initial stereotypic expectancies held by a perceiver tend to be confirmed by the target persons’s subsequent behavior in a self-fulfilling prophecy.” (Fisher 1990, S. 43) Dies ist übrigens keine neue Einsicht. Schon Schopenhauer führte die “Vorurtheile des Standes, des Gewerbes, der Nation, der Sekte, der Religion” auf den folgenden Umstand zurück: “Eine gefaßte Hypothese giebt uns Luchsaugen für alles sie bestätigende, und macht uns blind für alles ihr Widersprechende.” (Schopenhauer 1991, II, S. 252 [1859])Google Scholar
  91. 91.
    Man kann den gleichen Sachverhalt auch spieltheoretisch ausdrücken: “In der Runde 1 entsteht in Ethnie A eine nationalistische Vereinigung, die paranoid gegen Ethnie B argumentiert; dabei ist es unwesentlich, ob in Ethnie B eine wenn auch nur gemäßigte nationalistische Vereinigung existiert. In der Runde 2 reagiert Ethnie B. Wenn sie schon eine nationalistische Vereinigung hatte, sieht diese ihre Warnung aus Runde 1 bestätigt. Die Bedrohung wird nun von immer weiteren Teilen der Ethnie B als reell angesehen, die Bewegung erhält Zulauf. Wenn noch keine solche Vereinigung existierte, formiert sich nun eine aufgrund der offensichtlichen Bedrohung. Diese Entwicklung bestätigt wiederum die A-Nationalisten, die also in der 3. Runde weiteren Zulauf erhalten. In Runde 4 (Ethnie B) geschieht nun dasselbe mit den B-Nationalisten, die schon ‘ immer’ vor dem wachsenden Nationalismus der Ethnie A warnten. In Runde 5 (Ethnie A) und in Runde 6 (Ethnie B) registrieren die Opportunisten beider Ethnien den Zuwachs der nationalen Bewegungen und fangen an, sich in ihnen zu engagieren. So entstehen Rückkopplungskreisläufe.” (Gosztonyi 1993, S. 636) Gosztonyi kolportiert zur Illustration ein Gerücht, das besagt, der Krieg in Sarajevo habe nach einer moslemischen Hochzeit begonnen, als jemand zufällig während der traditionellen Sitte, in die Luft zu schießen, getötet worden sei, was zur Folge gehabt hätte, daß binnen weniger Tage das ganze Gebiet in Schießereien involviert gewesen sei.Google Scholar
  92. 92.
    Es ist daher unverständlich, wie Wolfgang Huber in seiner Kritik am Luhmannschen Konfliktkonzept behauptet, eine derartige theoretische Fassung lasse die Suche nach den Möglichkeiten der Beendigung gar nicht erst zu (vgl. Huber 1990, S. 53ff.). Große Hoffnung auf Versöhnung, welche Huber jeglichem Konflikt entgegen zu halten versucht, kann aber, da ist ihm recht zu geben, aus einem derartigen Ansatz nicht geschöpft werden. Ob jedoch gerade Versöhnung der adäquate Ansatz sein kann, mit dem nationalistischen Konflikten beizukommen ist, möchte ich angesichts der Verhältnisse im Kaukasus und Ex-Jugoslawien stark bezweifeln. Wenn überhaupt etwas, dann vermag militärischer und diplomatischer Druck von außen weiter zu helfen.Google Scholar
  93. 93.
    Dieser Umstand wird mittlerweile von verschiedenen Theorierichtungen vertreten, etwa von Giddens: “Self-identity is not a distinctive trait, or even a collection of traits possessed by the individual. It is the self as reflexively understood by the person in terms of her or his biography.” (Giddens 1991, S. 53)Google Scholar
  94. 94.
    Nachzulesen schon bei Schopenhauer: “Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, worauf er stolz seyn könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu seyn: hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Thorheiten, die ihr zu eigen sind, πυξ χαι λαξ zu vertheidigen.” (Schopenhauer 1991, IV, S. 3 5 8)Google Scholar
  95. 95.
    Eine philosophische Erörterung des Zusammenhangs von ‘ Einheit’,’ Ganzheit’ und ‘historischer Identität’ unter Bezugnahme auf ein individuelles Subjekt findet sich bei Angehrn 1985, S. 284ff. Auch Angehrn sieht eine wesentliche Funktion historischer Identität in der Sinnstiftung, die bei ihm formuliert wird als “Idee der innern Vollendung und Erfüllung, der Selbstverwirklichung.” (Ebd., S. 295)Google Scholar
  96. 96.
    Auch Gerold Schmidt merkt in seiner sprachwissenschaftlichen Untersuchung an: “Nationale Identität muß (...) den modernen politischen Schlagworten zugerechnet werden, die intellektuellrational einen nur geringen Sinn haben, dafür aber um so mehr mit unbestimmtem emotionalem Gehalt beladen sind.” (Schmidt 1976, S. 343)Google Scholar
  97. 97.
    Vgl. den lexikalischen Überblick bei Schenk 1990 sowie die gründliche begriffsgeschichtliche Darstellung bei Beierwaltes 1980. Ansätze in die hier vertretene Richtung finden sich philosophischerseits bei Heidegger 1957.Google Scholar
  98. 98.
    Vorstellungen über Identitätsbildung, welche die konstituierende Differenz vernachlässigen, müssen daher folgenlos bleiben. Zu einer derartigen Theorie vgl. Habermas 1992a, S. 187ff., der ein emphatisches ‘Wir’-Gefühl aus hermeneutischen Selbstvergewisserungsdiskursen als möglich erachtet. Kritisch hierzu: D. Richter 1994a.Google Scholar
  99. 99.
    Roland Robertson weist in diesem Zusammenhang zu Recht darauf hin, daß auch die weltweit sichtbare Suche nach Identität von globalen Vorgaben abhängt: “Identity, tradition and the demand for indigenization only make sense contextually. Moreover, uniqueness cannot be regarded simply as a thing-in-itself. It largely depends both upon the thematization and diffusion of ‘universal’ ideas concerning the appropriateness of being unique in a context, which is an empirical matter, and the employment of criteria on the part of scholarly observers, which is an analytical issue.” (Robertson 1992, S. 130)Google Scholar
  100. 100.
    Was übrigens schon bei Herder nachzulesen ist. Harold James hat dies folgendermaßen paraphrasiert: “Nationen (...) verglichen sich mit anderen und erkannten sich selbst, indem sie sahen, was sie nicht waren.” (James 1991, S. 54)Google Scholar
  101. 101.
    Als ähnlich identitätsstiftend hat Orrin Klapp die moralisch-politisch-religiösen crusades in den USA beschrieben, die diverse Aspekte mit dem Nationalismus gemein haben, beispielsweise Militanz, die Vorstellung eines Bösen und die Unfähigkeit zum Kompromiß — alles Anzeichen für eine Beobachtung mit einer rigiden Zwei-Seiten-Form (vgl. Klapp 1969, S. 257ff.).Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1996

Authors and Affiliations

  • Dirk Richter

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