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Soziologische Nation- und Nationalismustheorie

  • Dirk Richter

Zusammenfassung

Der Themenkomplex Nation/Nationalismus gehört sicherlich nicht zu den heraus-ragenden Forschungsbereichen innerhalb der Soziologie. Über lange Zeit dominierte auf diesem Feld die Geschichtswissenschaft, die es hier zu einer Publikationsflut von kaum mehr zu überschauendem Ausmaß gebracht hat.1 In der Soziologie hat man anderen Problemfeldern — etwa: soziale Ungleichheit — wesentlich größere Aufnnerk-samkeit geschenkt als der ‘Nation’. Selbst bis in die jüngste Zeit kann im Grunde nur eine zögerliche Annäherung an die Thematik konstatiert werden.2 Bis zur Wende zum 20. Jahrhundert haben im wesentlichen nur marxistische Analysen vorgelegen. Erst kurz vor dem Ersten Weltkrieg, vor dem ersten Höhepunkt nationalistisch inspirierter Konflikte, begann auch die Soziologie sich dieses Themenbereichs anzunehmen. Seither hat die Nationalismus-Forschung selbst aber nicht die Prominenz erreichen können, wie es andere Themen vermochten. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist dann die diesbezügliche Forschungskonjunktur erneut zurückgegangen und erst seit dem Ende der achtziger Jahre, seit der Renaissance des Nationalismus in Europa, kann ein immenser Aufschwung in der entsprechenden Literatur verspürt werden.

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Referenzen

  1. 1.
    Gleichwohl mangelt es auch innerhalb der Geschichtswissenschaft an einer systematischen historischen Analyse, wie Hans Mommsen (1986, S. 162) selbstkritisch angemerkt hat. Zu Desideraten der historischen Forschung vgl. weiter Wehler 1992. Einen Überblick über die historische Nationalismus-Forschung gibt auch A.D. Smith (1992); dort werden allerdings Marx, Engels, Renner, Bauer und Max Weber unter die historische Forschung subsumiert. Die Genannten werden in dieser Arbeit als Soziologen klassifiziert. Zur historischen Nationalismus-Forschung vgl. weiter ausführlich Alter 1985.Google Scholar
  2. 2.
    Dies zeigte sich u.a. darin, daB das Stichwort “Nationalismus” in der 1968 veröffentlichten renommierten “International Encyclopedia of the Social Sciences” vom Nestor der historischen Nation-Forschung, Hans Kohn, verfaBt wurde (vgl. Kohn 1968).Google Scholar
  3. 3.
    Daneben kann auf zwei ältere Bibliographien verwiesen werden: siehe Merrit/Deutsch 1970 und A. D. Smith 1973.Google Scholar
  4. 4.
    Natürlich hätte man auch schon bei anderen, d.h. früheren Theoretikern ansetzen können, etwa bei Hegel, dem soziologisches Denken durchaus nicht fremd war und dessen Ge-schichtsphilosophie einen bedeutenden Einfluß auf die Nation-Konzeptionen des Marxismus hatte. Auch die schottischen Moralphilosophen der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts (Adam Smith, Adam Ferguson u.a.), die heute als “erste” Soziologen gelten, haben sich mit Fragen der Nation beschäftigt. So verzeichnet etwa Ferguson in seinem 1767 erschienen Versuch über die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaftdie Beobachtung, daB patriotische Tugenden durch Kommerzialisierung, “Teilung der Künste und Berufe” und “Verfeinerung der Sitten” nachzulassen pflegen (vgl. Ferguson 1988, S. 369ff).Google Scholar
  5. 5.
    Zum Verhältnis von Tönnies und Marx vgl. Cahnman 1973a; Rudolph 1991.Google Scholar
  6. 6.
    Dirk Käsler (1991) hat die Ansicht vertreten, daß Tönnies‘ Ruhm sich weniger dem Werk selbst verdankt, sondern eher einer mißverständlichen Rezeption zuzuschreiben sei. Die simple Polarisierung von Gemeinschaft und Gesellschaft habe, so seine nicht unplausible These, dem “Zeitgeist” Deutschlands nach 1890 und insbesondere in der Weimarer Republik entsprochen.Google Scholar
  7. 7.
    Siehe etwa die wenige Zeit später bekannt gewordene Dichotomie Meineckes, der wesenhaft zwischen Kulturnation und Staatsnation unterschied. Deutschland war demnach selbstverständlich eine Kulturnation, die sich durch Sprache, Literatur, Religion auszeichnete und zusammengehalten wurde (vgl. Meinecke 1962 [1907], insbes. S. 10ff.). Zu den Versuchen (und den Grenzen) der “Nationalisiening” der Wissenschaft im Deutschland des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts vgl. Th. Schieder 1992 [1961], S. 72ff.Google Scholar
  8. 8.
    Die Vertauschung der Begriffe “organisch” und “mechanisch” im direkten Kontrast zu Tönnies geschah offenbar nicht zufällig. Zum nicht immer spannungsfreien Verhältnis von Tönnies und Durkheim, die ihre Arbeiten gegenseitig sehr genau zur Kenntnis nahmen und rezensierten vgl. Cahnman 1973b sowie Gephart 1982. Wie Tyrell (1985) darlegt, hat sich Durkheim aus “theoriepolitischen” Gründen immer wieder zu eigenen und eigenwilligen Begriffen verleiten lassen. Diese Abgrenzung geschah nicht nur gegenüber Tönnies, sondern auch gegenüber Herbert Spencer, hinter dessen Konzepte der “Differenzierung” und “Integration” Durkheim mit seinen Begrifflichkeiten der “Arbeitsteilung” und “Solidarität” zurückfalle. Die Spencerschen Kategorien wären nach Meinung von Tyrell dem Ansatz Durkheims weit besser zuträglich gewesen.Google Scholar
  9. 9.
    In Durkheims Theorie finden sich dennoch diverse Elemente, die man auch fuir die Nationalismus-Forschung fruchtbar machen kann. So wird gerade die Studie über die Arbeitsteilung von Smith zu Recht zur Ahnin der weiter unten zu behandelnden Modernisierungstheorien erklärt (vgl. A.D. Smith 1971, S. 45). Andererseits darf sie in ihrer weiteren Verwendungsfähigkeit nicht überschätzt werden, wie man etwa an Durkheims Unterschätzung der politischen Sphäre sehen kann.Google Scholar
  10. 10.
    Diese Wendung wird näher untersucht bei König 1976.Google Scholar
  11. 11.
    Am Rande sei auf eine Stelle bei Durkheim (1981) hingewiesen, in der auf die Heiligung profaner Symbole im auBerreligiösen Bereich aufmerksam gemacht wird. Zu diesen gehört demnach auch das Vaterland: “Die Fähigkeit der Gesellschaft, sich zu vergotten oder Götter zu erschaffen, ist nirgends deutlicher zu sehen, als in den ersten Jahren der Französischen Revolution. Unter dem Einfluß der allgemeinen Begeisterung wurden seinerzeit rein profane Dinge durch die öffentliche Vernunft vergöttlicht: das Vaterland, die Freiheit, die Vernunft. Sogar eine Religion wurde geschaffen, die ihre Dogmen, ihre Symbole, ihre Altäre und ihre Feste hatte.” (Ebd. , S. 294f.) Für eine historisch-soziologische Ausarbeitung dieser These siehe Hunt 1988.Google Scholar
  12. 12.
    Man denkt bei diesem Zitat natürlich unwillkürlich an Gregory Batesons Informationsbegriff: “Was wir tatsächlich mit Information meinen — die elementare Informationseinheit -, ist ein Unterschied, der einen Unterschied ausmacht (. ..).” (Bateson 1981, S. 582)Google Scholar
  13. 13.
    So auch Simmels Argumentation in seinem Essay über “Die GroBstädte und das Geistesleben” aus dem Jahre 1903. Demnach ist der Unterschied des Augenblicks gegenüber dem vorherigen ein zentrales Charakteristikum des Lebens in der modernen GroBstadt (vgl. Simmel 1984, S. 192).Google Scholar
  14. 14.
    Friedrich Balke (1992) hat jüngst herausgearbeitet, daß zwischen Simmel und dem Freund/FeindSchema Carl Schmitts eine auffällige Konvergenz besteht. Ein wichtiger Unterschied besteht allerdings darin, daß Schmitt als “Ontologe des Raumes” die von Simmel unterstellte soziale Konstruktivität desselben natürlich scharf zurückgewiesen hat. Zu Carl Schmitt vgl. auch meine Ausfuihrungen im Abschnitt 2.6.Google Scholar
  15. 15.
    Eine eingehende Darstellung und Diskussion der marxistischen Nation-Theorie findet sich bei Mommsen 1979b sowie bei Mârmora 1983, S. 21ff. Für eine kleine Zusammenstellung der Primärliteratur zu diesem Punkt vgl. Fetscher 1967, S. 571ff.Google Scholar
  16. 16.
    DaB es dennoch nationalistische Feindseligkeiten innerhalb des Proletariats gab, blieb freilich auch Marx nicht verborgen. Er führte die Animositäten auf die Klassensituation und die Interessen des Kapitals zurück, das damit eine Kooperation der Arbeiter über nationale Grenzen hinweg unterbinden wolle: “Dieser Antagonismus ist das Geheimnis der Ohnmacht der englischen Arbeiterklasse, trotz ihrer Organisation. Es ist das Geheimnis der Machterhaltung der Kapitalistenklasse.” Aus: Marx/Engels, Ausgewählte Briefe, Berlin 1953, S. 272, zit.n. Fetscher 1967, S. 575.Google Scholar
  17. 17.
    Aufgmnd dieser Hypothese entstand später unter den russischen bzw. sowjetischen Kommunisten die Diskussion um den “Sozialismus in einem Land”, eine Position, die vor allem von Stalin gegen Trotzki vertreten wurde.Google Scholar
  18. 18.
    So überraschend diese Positionen aus dem Munde von Marxisten heute anmuten mögen, so häufig wurden diese Positionen während der 1848er Revolution gerade von linksliberaler Seite vertreten. Wehler zitiert einen Redebeitrag aus der Paulskirche, wo etwa die deutsche Übermacht über die Slawen als “naturhistorische Tatsache” erklärt wurde (vgl. Wehler 1989b, S. 743). Die Wurzeln dieses Welt- und Geschichtsbildes liegen natürlich in der Hegelschen Geschichtsphilosophie. Dies gilt insbesondere auch fiir Engels’ These der “geschichtslosen Völker”.Google Scholar
  19. 19.
    Zu derartigen Typologien in der Geschichtswissenschaft, wo zwischen Kultur- und Staatsnation, integralem Nationalismus und Reformnationalismus unterschieden wird, siehe Alter 1985. Zum Teil sind diese Typologien auch in der Soziologie rezipiert worden; siehe etwa die Diskussion um die Staatsbürgernation (vgl. Abschnitt 1.4) oder A. D. Smiths Differenzierung in ethnische und territoriale Nationen (vgl. Abschnitt 1.5).Google Scholar
  20. 20.
    Conze und Groh vermerken in diesem Zusammenhang: “Die nationale Begeisterung auch der Arbeiter galt während des Krieges [ 1870/71, D. R. ] vornehmlich den deutschen Siegen und nicht der von Bebel, Liebknecht und in geringerem MaBe von Schweitzer erträumten groBdeutschen Einheit oder gar einer demokratischen Verfassung.”(Conze/Groh 1966, S. 96f.)Google Scholar
  21. 21.
    Otto Bauer (1881–1938) war sozialdemokratischer Funktionär und Redakteur der Wiener “Arbeiter-Zeitung”. Er hatte nach dem Ersten Weltkrieg kurzfristig auch Staatsämter inne, in denen er den AnschluB Österreichs an Deutschland zu betreiben versuchte. Bauer starb im Pariser Exil.Google Scholar
  22. 22.
    Zu den politisch-theoretischen Diskussionen der Nationalitäten-Problematik in Österreich vgl. Wehler 1971, S. 208ff.; 214ff. Keine Berücksichtigung in der vorliegenden Darstellung findet die Position Karl Renners, der eher politisch-strategische und verfassungsrechtliche Studien zur Nationalitätenproblematik im Habsburger Reich vorgelegt hat. Bauers Position schlieSt in wesentlichen Teilen an Renner an; aufgrund der soziologischen AnschluBfähigkeit wird daher Bauer hier der Vorzug gegeben. Zum Verhältnis von Bauer und Renner vgl. Mommsen 1979c.Google Scholar
  23. 23.
    Bauers Theorie hat erst in jüngster Zeit auch von marxistischer Seite eine positive Rezeption erfahren. Vgl. etwa die Position Mârmoras (1983, S. 131ff.), die im AnschluB an Bauers NationTheorie das Konzept der “populär-demokratischen Nation” entwickelt, das sie auf den “antiimperialistischen” Befreiungskampf Lateinamerikas zu übertragen sucht.Google Scholar
  24. 24.
    Michael Walzer hat in diesem Zusammenhang die These vertreten, daB allem Kampf gegen die imperialen Autokratien zum Trotz der EinfluB des Modells eines multinationalen Imperiums auf die sozialistischen Theoretiker nicht unterschätzt werden dürfe: “Here were practical examples of economic interdependence and political internationalism, and the idea of replacing them with a multitude of nation-states, each with its own ‘national bourgeoisie’, each cultivating its own narrow parochialism, was abhorrent to socialist leaders who had grown up in Petersburg, e.g., or in Vienna (or even, as with Rosa Luxemburg) in Warsaw. It was only necessary, they thought, to destroy the autocracy, democratize the central government, and allow some degree of local autonomy. The solidarity of the workers would sustain the unity of the empire against secessionist movements.” (Walzer 1983, S. 222)Google Scholar
  25. 25.
    Die Leninsche Nation-Theorie wurde vor allem nach Stalins Tod zur herrschenden Auffassung innerhalb der marxistischen Orthodoxie und somit auch in praktische Politik der meisten ehemaligen sozialistischen Staaten übersetzt. Als Folge wurde etwa der Aufstand in der früheren CSSR im Jahre 1968 als “kleinbürgerlich-nationalistisch” bewertet, da dieser sich gegen die Sowjetunion richtete. Gemäß der Gleichung, daB “Antisowjetismus” innerhalb des sozialistischen Blocks als “Nationalismus” einzuschätzen sei, muBte sogar eingestanden werden, daB marxistischleninistische Parteien davon infiziert werden könnten. Zur offiziellen Sichtweise der DDRFührung zur Nation-Frage vgl. Kosing 1976, zum CSSR-Aufstand vgl. ebd., S. 233ff.Google Scholar
  26. 26.
    Eine Übersicht über die Forschung bis zur Mitte der 1920er Jahre gibt Hertz 1927.Google Scholar
  27. 27.
    Unter Akademikern muB die emphatische Zustimmung zum neuen Nationalstaat und seinen politischen Konsequenzen aber ein besonderes AusmaB angenommen haben, wie Gordon Craig über diese Zeit schreibt: “Nirgendwo stieB man zur gleichen Zeit auf eine unkritischere Zustimmung zu den ArunaBungen des deutschen Nationalismus als in den akademischen Fakultäten.” (Craig 1981, S. 188)Google Scholar
  28. 28.
    Zur der Entwicklung imperialistischer und nationalistischer Semantiken während des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts vgl. auch meine Darstellung in Abschnitt 3.6. Max Webers politischer Nationalismus unterscheidet sich nicht wesentlich vom seinerzeitigen publizistischen Mainstream. Google Scholar
  29. 29.
    So behauptet Weber in seiner Antrittsvorlesung, die seinerzeit gängige Vermengung von ‘Rasse’ und ‘Nation’ aufnehmend, es bestünden physische und psychische Rassendifferenzen zwischen Deutschen und Polen und die Natur habe der slawischen Rasse niedrigere Ansprüche an die Lebenshaltung mitgegeben (vgl. M. Weber 1988a, S. 2ff.). Demgegenüber setzt er sich auf dem ersten Deutschen Soziologentag mit rassenbiologistischen Ansätzen dahingehend auseinander, daB rassische Differenzen eben keine natürlich gegebenen seien, sondern auf sozialen Konstrukten (Weber: “Massenglauben”) beruhten. Vgl. M. Weber 1913 sowie die Darstellung bei Peukert 1989, S. 92ff.Google Scholar
  30. 30.
    Askriptive Merkmale machen in Webers Theorieanlage noch keine Gemeinschaft aus. Erst wenn das askriptive Merkmal zur Grundlage intentionalen Handelns wird, entsteht “Gemeinschaft”: “Erst wenn sie auf Grund dieses Gefühls ihr Verhalten irgendwie an einander orientieren, entsteht eine soziale Beziehung zwischen ihnen — und nicht nur: jedes von ihnen zur Umwelt — und erst, soweit dieses eine gefiihlte Zusammengehörigkeit dokumentiert, ‘Gemeinschaft’.” (M. Weber 1972, S. 22)Google Scholar
  31. 31.
    Eine ähnliche Position im AnschluB an Weber vertritt Roffenstein: “Fremd ist lediglich ein psychologischer Begriff der primär auf den Gegensatz von gewohnt und ungewohnt zurückgeht. (...) Das als fremd Empfundene sind oft heterogene Eigenschaften, oft nur Trachten und Sitten.” (Roffenstein 1927, S. 161)Google Scholar
  32. 32.
    Über das starke irrationale Element, das der Nation anhafte, hat es in der Forschung der zwanziger Jahre offenbar einen Konsens gegeben. So bemerkt etwa Ziegler, daB es eine Parallelität von RationalisierungsprozeB und irrationalen Bindungen an die Nation gebe (vgl. H.O. Ziegler 1931, S. 258). Dezidiert äuBert sich auch Hertz: “Wesentlich ist die Irrationalität; es ist nicht möglich, daB eine Anzahl von Leuten sich zusammentun, um aus rationalen Erwägungen eine Nation zu bilden.” (Hertz 1927, S. 61)Google Scholar
  33. 33.
    Vgl. die von Weber an anderer Stelle niedergeschriebenen Ausfiihrungen. Danach ist ein Wert “das und nur das, was fähig ist, Inhalt einer Stellungnahme: eines artikuliert-bewußten positiven und negativen ‘Urteils’ zu werden, etwas, was ‘Geltung heischend’ an uns herantritt, und dessen ‘Geltung’ als ‘Wert’ ‘fuir’ uns demgemäß ‘von’ uns anerkannt, abgelehnt oder in den mannigfachsten Verschlingungen ‘wertend beuneilt’ wird. Die ‘Zumutung’ eines ethischen oder ästhetischen ‘Wertes’ enthält ausnahmslos die Fällung eines ‘Wertuneils’.” (M . Weber 1988e, S. 123ff.) Zu Webers Wernheo rie vgl. aus fiui hrl icher Schluchter 1979, S. 28ff.Google Scholar
  34. 34.
    DaB auch die Erinnerungen subjektiv konstruiert sind, ist Webers Analysen nicht explizit zu entnehmen. Doch wie anders soll man sich die Erinnerungen einer Gemeinschaft vorstellen, die auf Glauben basiert? Eine solche Annahme wäre auch zu Webers Zeit nicht unbedingt neu gewesen. Schon Adam Ferguson bemerkt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, “daB jene berühmten Nationen einen groBen Teil ihres Rufes nicht dem tatsächlichen Inhalt ihrer Geschichte verdanken, sondern vielmehr der Art und Weise, wie diese überliefert worden ist, d.h. der Fähigkeit ihrer Historiker und anderer Schriftsteller.” (Ferguson 1988, S. 355) In der historischen Forschung ist diese Konstmktion von Erinnerungen später als “Invention of Tradition” bezeichnet worden; vgl. den Sammelband von Hobsbawm/Ranger 1983.Google Scholar
  35. 35.
    Zudem trifft er sich mit Ernest Renans berühmter Rede über die Frage “Was ist eine Nation?” aus dem Jahre 1882 (vgl. Renan 1993). Hier wird die Nation ebenfalls als eine Solidargemeinschaft konzipiert, die sich im wesentlichen aus den Erinnerungen an die gemeinsam erlittenen Opfer speist.Google Scholar
  36. 36.
    Im übrigen sieht Ziegler die gleichen konstruktiven Mechanismen wie Max Weber am Werk, wenn es danm geht, Erinnemngsgemeinschaften zu konstituieren: “Das Volk als Nation beginnt, sich Kriege, Siege und Niederlagen zuzurechnen, ‘Kultur’, ‘Geschichte’ werden nun auf Nationen bezogen, die Vorstellungen von nationalem Prestige und nationaler Ehre entstehen und werden bald sozial wirksame Mächte. ” (H. O. Ziegler 1931, S. 7; meine Herv.)Google Scholar
  37. 37.
    Es sollte nicht unerwähnt bleiben, daB nahezu alle namhaften deutschen Soziologen sowie ein Teil ihrer internationalen Kollegenschaft während des Ersten Weltkriegs sich in irgendeiner Form zum Themenkomplex Nation und Krieg geäuBert haben. Dieser Umstand wäre einen Exkurs wert, den ich mir aus Platzgründen ersparen muB. In aller Regel gehen die ÄuBerungen bei den deutschen Autoren mit einem vorsichtigen bis deutlichen Nationalismus einher; vgl. etwa von Wiese 1914 sowie Simmel 1917. Die Publikationen Tönnies’ faBt Dreyer 1991 zusammen. Eine vergleichende Darstellung findet sich bei Joas 1989, eine weitere, über den Weltkrieg hinausreichende, bei Jansen 1993.Google Scholar
  38. 38.
    Sombart, der schon im Jahre 1933 emeritiert wurde, wandte sich nach anfänglicher Begeisterung vom Nationalsozialismus ab und übte vorsichtige Kritik an den Veränderungen innerhalb der deutschen Soziologie, die bekanntlich nun mit großem D geschrieben wurde (vgl. hierzu Rammstedt 1986, S . 86f.).Google Scholar
  39. 39.
    Die Ergebnisse dieses Abschnitts sind schon an anderer Stelle veröffentlicht worden; siehe D. Richter 1994b.Google Scholar
  40. 40.
    Zu Parsons’ Faschismus-Analysen vgl. ausführlicher Baum/Lechner 1981 sowie Gerhardt 1992.Google Scholar
  41. 41.
    Parsons konzediert nun: “Durkheim established the basic foundations for developing a fruitful theory of social integration.” (Parsons 1967a, S. 34)Google Scholar
  42. 42.
    Zum Konzept der Citizenship, das im Deutschen mit dem Begriff ‘Staatsbürgerschaft’ nur unzureichend übersetzt werden kann, weil der Citizenship gerade der staatliche Charakter abgeht, vgl. Turner 1990a. Die regionale Reichweite der Theorie Marshalls sei eher begrenzt und zudem zu eindimensional angelegt, meint hingegen Michael Mann (vgl. Mann 1987). Für Deutschland hat Wehler die These vertreten, daB die von Marshall aufgezeigte Entwicklung sich mehr oder weniger gleichzeitig als überlappende Konfliktfelder nach dem Vormärz darstellen lieBe (vgl. Wehler 1989b, S. 415).Google Scholar
  43. 43.
    Die Empirie hat allerdings die Charakterisierung der interethnischen Beziehungen in den USA als melting pot nicht bestätigt. Zu einem Überblick über die normative und empirische Assimilationsforschung in den Vereinigten Staaten vgl. Ch. Hirschman 1983.Google Scholar
  44. 44.
    Für ein ähnliches Modell, das allerdings den Faktor Ethniziät nicht derart rigoros verabschiedet wie Parsons’ Ansatz, vgl. Reiterer 1988.Google Scholar
  45. 45.
    Zu den Modernisierungstheorien, die hier in ihrem theoretischen Gehalt und den Differenzierungen nicht erörtert werden können, vgl. u.a. Zapf 1969 sowie ausführlich Flora 1974.Google Scholar
  46. 46.
    Während der 50er und 60er Jahre sind im Gefolge der Modernisierungstheorien eine Vielzahl empirischer Studien in der sog. Dritten Welt durchgeführt worden; vgl. etwa die berühmte Untersuchung über The Passing of Traditional Society von Lerner (1958) sowie die Beiträge in Geertz, Hrsg., 1963.Google Scholar
  47. 47.
    So formuliert Dietrich Rüschemayer noch Mitte der 70er Jahre, daB Nationalismus zwar auch aus äuBeren Konflikten entstehen könne, daB aber die internen Probleme des Nationen-Aufbaus höher eingestuft werden müßten (vgl. Rueschemayer 1976, S. 747).Google Scholar
  48. 48.
    Zur Unterscheidung von primordialen und zivilen Verbindungen und ihrem Anschluß an die Tönniessche Differenz von Gemeinschaft und Gesellschaft vgl. Shils 1957.Google Scholar
  49. 49.
    David Apter hat die emotionale Fokussierung auf die Politik als “political religion” bezeichnet, der die Funktion zukomme, die Einheit einer fragmentierten Gesellschaft wieder herzustellen. Aus diesem Grund könnten sich in den neuen Nationen auch überall charismatische Führer durchsetzen: “Men must be freed from these unnatural differences by both acts of leadership and exceptional public will. Harmony in the political sphere derives from the messianic leader who points out the dangers and noxious poisons of faction. Many such leaders are charismatic who represent the ‘ one’ . They personify the monistic quality of the system.” (Apter 1963, S. 78)Google Scholar
  50. 50.
    Der Terminus “extremer Nationalismus” hat sich im AnschluB an Deutsch in der Forschung eingebürgert; vgl. etwa die Studie von Lepsius 1966, die den Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland ebenfalls als extremen Nationalismus tituliert.Google Scholar
  51. 51.
    Das “integrative Paradigma” im Gefolge des Strukturfunktionalismus und der sich neu entwickelnden Kommunikationstheorie hat vor allem in den 60er Jahren eine groBe Breitenwirkung erzielt. Vor allem innerhalb der Politikwissenschaft werden diese Ansätze in eine Vielzahl von Studien umgesetzt; vgl. unter vielen anderen Almond und Verba (1963), die den Versuch unternehmen, eine Civic Culture zu beschreiben. In der Politikwissenschaft hat diese Art des Funktionalismus — im Gegensatz zur Soziologie — auch in der Gegenwart seine Bedeutung noch nicht verloren und wird als Modell fi.r die Integration Europas gehandelt (vgl. Zellentin 1992).Google Scholar
  52. 52.
    Für einen detaillierten Überblick über Ansätze des Nation-building vgl. Rokkan 1969 und 1971. Rokkan selbst favorisiert einen Ansatz, der sich stärker an Parsons’ AGIL-Schema orientiert (vgl. Rokkan 1975).Google Scholar
  53. 53.
    Vgl. auch Bendix’ groBangelegte historisch-soziologische Studie (Bendix 1980a; 1980b), die gerade die unterschiedlichen singulären Ausgangsbedingungen hinsichtlich Modernisierung und Herrschaftslegitimation verschiedener Länder und Regionen darlegt.Google Scholar
  54. 54.
    Empirisch zeigt sich jedoch, daB auch die westlichen Staaten, die über ein Staatsbürgerrecht verfügen, das vermeintlich auf askriptive Merkmale wenig Rücksicht nimmt, dieses Recht tendenziell ethnisieren. Siehe den Überblick über das deutsche, das französische, das britische und das US-amerikanische Staatsbürgerrecht bei Bös 1993.Google Scholar
  55. 55.
    Den expliziten Bezug des Verfassungspatriotismus zur ‘Nation’ fordert dagegen Gebhardt 1993. Zur Kritik des Verfassungspatriotismus vgl. ausführlicher Estel 1988, S. 197ff. sowie D. Richter 1994a.Google Scholar
  56. 56.
    Die singulären Entstehungsbedingungen des Aufstiegs des Westens sind in jüngster Zeit mehrfach betont worden; vgl. Titel wie “Der Sonderweg des Westens” (Weede 1988) oder “Das Wunder Europa” (Jones 1991).Google Scholar
  57. 57.
    Sie scheint zumindest nicht in der ursprünglich angenommenen Weise zuzutreffen. Für eine neuere Überprüfung der Kontakt-Hypothese mit sehr differenzierten Ergebnissen vgl. Sigelman/Welch 1993.Google Scholar
  58. 58.
    Eine Übersicht und Kritik dieser Ansätze findet sich bei Orridge 1981.Google Scholar
  59. 59.
    Wallerstein hat diesen Ansatz in gewisser Weise noch erweitert, indem er den Begriff ‘Rasse’ auf die Zentmm-/Peripherie-Unterscheidung im globalen MaBstab anwendet, den Begriff ‘Nation’ auf dieselbe Unterscheidung innerhalb einer Region bezieht (vgl. Wallerstein 1992, insb. S. 102f.). Google Scholar
  60. 60.
    Zur Programmatik der SNP und ihrer starken sozialistischen Fraktion vgl. Sonnert 1987, S. 287ff.; vgl. auch die Selbstdarstellung bei Gallagher, Hrsg., 1991.Google Scholar
  61. 61.
    Eine genauere Typologie findet sich bei Gellner 1991, S. 133ff.Google Scholar
  62. 62.
    Für einen AufriB dieser Theorielinie mit empirischen Anwendungsgebieten vgl. Weede 1992. Für eine kurze Darstellung vgl. Reinecke 1994.Google Scholar
  63. 63.
    Zu ähnlichen Schlüssen wie Esser kommt Sonnert, der mit Hilfe einer normativen Theorianlage im Anschluß an Habermas die Bedeutung des schottischen Nationalismus aufzuzeigen versucht. Seine These: “In einer Situation unvollständiger Moderne kann die Nation — die ‘theoretisch’, d.h. in einer idealtypischen Moderne, eindeutig als reaktionär und obsolet zu identifizieren ist — eine bedeutende und relativ dauerhafte Rolle spielen, da ihr eine Reihe wichtiger Funktionen zukommt, die ihren Grund in der unvollständigen Durchsetzung der Moderne und in den daraus resultierenden Krisen finden und sowohl anti-modern, als auch pro-modern ausgerichtet sein können.” (Sonnert 1987, S.121)Google Scholar
  64. 64.
    Einen Überblick über weitere Forschungen in diesem Zusammenhang gibt Newman 1991; eine vergleichende Studie über die Ansätze des “Ethnonationalismus” findet sich bei Yun 1990.Google Scholar
  65. 65.
    In der soziologischen Diskussion spielen die ‘Primordialisten’ keine Rolle, sieht man einmal von dem oben zitierten Werner Sombart ab, der Wesenhaftes fiir die Nation beanspruchte. Als Primordialisten können denn auch vielmehr Biologen bzw. Rassenbiologen gelten, deren Konjunktur in der Mitte des 19. Jahrhunderts begann.Google Scholar
  66. 66.
    “[M]an wird das, worauf sich ‘Nationalempfinden’ stützte, gar nicht einfach genug vorstellen dürfen: einige Namen (Napoleon, Blücher etc.), einige Schlachten und vor allem ein kleiner, aber vielfach tradierter Set von Eigenschaftsbestimmungen, mit deren Hilfe man sich als ‘Franzose’ im Gegensatz zum ‘ Deutschen’ oder vice versa verstehen konnte.” (Jeismann 1992, S. 389)Google Scholar
  67. 67.
    Anderson, ein Südost-AsienSpezialist, hat mit seinem Werk “Imagined Communities” (Anderson 1988) keine systematische Untersuchung vorgelegt, daher ist er vorher nicht vorgestellt worden. Seine Fallstudie, die gleichwohl großen Wert fiir einen soziologischen Ansatz hat, bezieht sich vornehmlich auf asiatische Entwicklungen.Google Scholar
  68. 68.
    A.D. Smith hat diesen Umstand als “methodological nationalism” ironisiert (A.D. Smith 1983, S. 26).Google Scholar
  69. 69.
    Ansätze dazu finden sich schon bei Habermas 1968 (Differenz zwischen Arbeit und Interaktion).Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1996

Authors and Affiliations

  • Dirk Richter

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