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Die Rolle der Medien bei der Verbreitung von Gewalt

  • Hans-Bernd Brosius
  • Frank Esser

Zusammenfassung

Wir befinden uns zur Zeit wieder in einer Hochphase der Diskussion über das Thema „Massenmedien und Gewalt“. War es in den fünfziger Jahren die Einführung des Fernsehens allgemein, in den frühen achtziger Jahren die Verbreitung des Videorecorders, so ist es zur Zeit die Zunahme privater Fernsehanbieter, die diese Diskussion stimuliert (vgl. Kunczik, 1993). Fernsehdiskussionen, Talkshows, Landesmedientage, Gutachten und Anhörungen widmen sich der Gretchenfrage: Hat die Gewaltdarstellung in den Massenmedien eine schädliche Wirkung auf die Gewaltbereitschaft von Kindern und Jugendlichen? Die Argumentationslinien, so Kunczik, gleichen denen früherer Debatten: Seit Jahrhunderten, so belegt er, führen „Kulturpessimisten“ immer wieder gleiche Argumente gegen die Gewalt in dem jeweils neuen Medium an. Sie wetterten gegen den Unterhaltungs- und Schauerroman („Frankenstein“, 1816), gegen den Kinematographen, den Stummfilm und schließlich den Tonfilm. Auf der anderen Seite stehen die „Modernisten“, die die Gefährlichkeit von Gewaltdarstellungen eher geringschätzen und in jedem neuen Medium eher dessen Vorzüge sehen.

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Literatur

  1. 41.
    Gewalt der guten Helden wird positiv, Gewalt der Bösewichter negativ bewertet.Google Scholar
  2. 42.
    Kunczik (1993) spricht von 5.000 Studien zur Wirkung von Gewalt.Google Scholar
  3. 43.
    Vgl. Huesman & Eron (1986), Feshbach (1961, 1976, 1989 ). Feshbach (1989) selbst ist von seiner Katharsis-Theorie abgerückt. Er stellt einschränkend fest, daß Bedingungen, unter denen kathartische Effekte möglich sind, wesentlich seltener vorkommen als Bedingungen, unter denen von Gewaltdarstellungen eine stimulierende Wirkung ausgeht.Google Scholar
  4. 44.
    Vgl. Andison (1977), Hearold (1986), Wood, Wong & Chachere (1991), Selg (1993).Google Scholar
  5. 45.
    Vgl. Bandura, Ross & Ross (1961, 1963a, b), Bandura & Walters, 1963 ).Google Scholar
  6. 46.
    Unter dem Stichwort der Kultivierung haben Gerbner und seine Mitarbeiter die Wirkungen der Gewaltdarstellung auf Vielseher untersucht (vgl. Gerbner, Gross, Morgan & Signorelli, 1982; Gerbner, Gross, Signorelli & Morgan, 1980 ). Sie stellten fest, daß die subjektive Realität der sogenannten Vielseher durch das Fernsehen kultiviert wurde. Beispielsweise schätzten Vielseher die Chance, Opfer eines Verbrechens zu werden, viel höher ein. Dies führen Gerbner et al. auf die Vielzahl von gesehenen Verbrechen im Fernsehen zurück.Google Scholar
  7. 47.
    Titel wie “Ein Mann sieht rot” oder Western und Kriegsfilme stellen die gerechtfertigte Gewalt in den Mittelpunkt.Google Scholar
  8. 48.
    Bandura selbst beispielsweise befürchtet, daß die Zahl der Morde durch die Verbreitung von Schußwaffen ansteigt (vgl. Bandura, 1973), weil die Verfügbarkeit von Waffen die Nachahmungsbereitschaft erhöhen müßte.Google Scholar
  9. 49.
    Aufmerksamkeit, d.h. eine Zuwendung zu dem Verhalten der Modellperson, ist nach Bandura eine Schlüsselbedingung für die mögliche Nachahmung.Google Scholar
  10. 50.
    Hier ergeben sich Ähnlichkeiten zu sozialpsychologischen Ansätzen. Die “Vividness” (Lebhaftigkeit) oder “Salience” (Auffälligkeit) von Stimuli beeinflußt, so die Forschungsergebnisse, Lernen, wahrgenommene Bedeutsamkeit von Themen, Urteile und Meinungen (vgl. im Überblick Brosius & Mundorf, 1990 ).Google Scholar
  11. 51.
    Vgl. den Überblick in Bandura, 1973, und die noch zu schildernden Studien in Kapitel 4.Google Scholar
  12. 52.
    Vgl. schon Dollard, Doob, Miller, Mowrer & Sears (1939).Google Scholar
  13. 53.
    Dies wird weiter unten noch ausführlicher erläutert.Google Scholar
  14. 54.
    Comstock (1977) nennt sechs Merkmale der dargestellten Gewalt, die ein Lernen des Modells fördern und eine spätere Ausführung des Verhaltens erleichtern. Die Gewalt muß (1) belohnt werden, sie muß (2) aufregend, (3) realistisch und (4) gerechtfertigt sein. Der Gewaltausübende wird (5) nicht kritisiert oder bestraft und (6) er will seinem Opfer den Schaden tatsächlich zufügen.Google Scholar
  15. 55.
    Vgl. Tarde (1912), Berkowitz (1970), Brosius & Weimann (1991).Google Scholar
  16. 56.
    Über die große Bedeutung der Nachahmung schreibt Tarde: “One kills or does not kill, because of imitation… one assassinates or does not assassinate, because of imitation”; vgl. Tan (1988, S. 22).Google Scholar
  17. 57.
    Redl (1949) betont den inneren Konflikt einer nachahmungsbereiten Person. In Anlehnung an psychoanalytische Konzeptionen unterstellt er bei Nachahmern einen starken Impuls zu dem entsprechenden Verhalten und eine Triebregulierung durch kognitive Instanzen.Google Scholar
  18. 58.
    Vgl. beispielsweise die unter dem Begriff “Versuchsleitereffekt” beschriebenen unerwünschten Wirkungen der experimentellen Situation (Rosenthal, 1966).Google Scholar
  19. 59.
    So ist beispielsweise denkbar, daß die Bevölkerung legitmierte Gewalt (z.B. von Polizisten) generell eher akzeptiert als nichtlegitimierte Gewalt. Studenten lehnen womöglich beide Formen gleichermaßen ab.Google Scholar
  20. 60.
    In der Sozialpsychologie wird seit längerem die Frage der Diskrepanz zwischen Einstellungen und Verhalten diskutiert (vgl. Kim & Hunter, 1993a, b). In vielen Fällen, vor allem wenn soziale Erwünschtheit eine Rolle spielt, findet sich nur geringe Übereinstimmung zwischen Einstellungs-und Verhaltensmaßen.Google Scholar
  21. 61.
    Aber auch in Experimenten wird die Validität der verwendeten Verhaltensmaße angezweifelt. Die Gewaltbereitschaft wird beispielsweise häufig über die Intensität und Länge von Elektroschocks gemessen, die Versuchspersonen vermeintlichen Gegenspielern zufügen (vgl. Berkowitz, 1970). Ob damit Gewaltbereitschaft in einer realen Situation simuliert werden kann, bezweifeln viele (vgl. Kunczik, 1987 ). Das gleiche gilt für physiologische Maße der Erregung (vgl. Schachter & Singer, 1962), die auch nur sehr unspezifisch Auskunft über den emotionalen und kognitiven Zustand einer Person geben.Google Scholar
  22. 62.
    Phillips (1982) führt darüber hinaus aus, daß solche Studien meist auch in institutionellen Umgebungen wie Kindergarten oder Schule stattfinden. Von den acht Feldexperimenten zum Thema Gewalt, die er gesammelt hat, sind alle mit Einschränkungen der externen Validität behaftet.Google Scholar
  23. 63.
    Unter natürlichen Experimenten versteht man Versuchsanlagen, in denen Veränderungen in der Realität genutzt werden, um Experimental-und Kontrollgruppen zu definieren. Solche natürlichen Experimente wurden beispielsweise bei der Einführung des Fernsehens durchgeführt. Personen aus Gegenden, in denen das Fernsehen eingeführt wurden, wurden verglichen mit Personen aus (soziodemographisch vergleichbaren) Gegenden, in denen das Fernsehen schon länger oder noch gar nicht eingeführt wurde (vgl. die Studien in Williams, 1986 ). Entsprechend werden in den Studien zum Selbstmord Phasen verglichen, in denen Selbstmorde bzw. keine Selbstmorde publiziert werden.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1995

Authors and Affiliations

  • Hans-Bernd Brosius
  • Frank Esser

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