Advertisement

Von der alternativen zur konformistischen Revolution?

Zum Strukturwandel von „Lebenschancen“ und „Lebensführung“ im westdeutschen Studierendenmilieu
  • Thomas Köhler
  • Jörg Gapski
  • Martin Lähnemann
Part of the Leviathan Zeitschrift für Sozialwissenschaft book series (LSOND, volume 20)

Zusammenfassung

Die Unterscheidung zwischen „Gleichheit“ und „Gerechtigkeit“, die Wolfgang Clement, der Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens, hier trifft, löst wahrscheinlich nicht nur bei den Interviewern Irritationen aus. Wir wollen dieser Unterscheidung gleichsam stellvertretend nachgehen — stellvertretend für jenes unübersichtliche, keineswegs abgeschlossene Projekt einer Politik des „Dritten Weges“, der es ja um ein für Sozialdemokraten und ihr Gerechtigkeitsverständnis neuartiges Modell der „Modernisierung“ geht. Anthony Giddens, einer der Ideengeber für diese Strategie, hat im Zusammenhang mit entsprechenden Theoremen über die Kultur und Politik der Moderne vorgeschlagen, die klassisch-sozialdemokratische „Politik der Lebenschancen“, die sich um Fragen des Ausgleichs ökonomischer Ungleichheit drehte, von einer „Politik der Lebensweisen“ zu unterscheiden.1 Die für eine Lebensweise-Politik systematisch erst noch zu entwickelnden politischen Programme würden, so die Prognose, in denjenigen Gesellschaften immer wichtiger, die der „reflexiven Modernisierung“ unterliegen — nach Giddens’ (und, variiert, auch nach Ulrich Becks) Auffassung ist damit eine globale Dynamik gemeint, mit der die Gewissheiten der ersten, industriegesellschaftlichen Moderne erodieren und die permanente Entbettung aus tradierten Strukturen nur noch mit einer hoch informierten Neuerfindung von kontingenten, zunehmend freiwillig einzugehenden Traditionen beantwortet werden kann. Giddens’ modernisierungstheoretisch fundierte Kritik an der Politik der Lebenschancen wendet sich gegen die Blindheit für neu entstehende „riskante Freiheiten“: Viel zu paternalistisch, viel zu bürokratisch geht die Politik der Chancengleichheit mit den immer kompetenteren und eigenwilligeren Akteuren um, die dann auch dieser Politik der ersten Moderne zunehmend die Folgebereitschaft, gar Aufmerksamkeit entziehen.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. Bargel, Tino, Frank Multrus and Michael Ramm, 1996: Studium and Studierende in den 90er Jahren — Entwicklung an Universitäten and Fachhochschulen in den alten and neuen Bundesländern (hrsg. vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung and Technologie), Bonn.Google Scholar
  2. Barlösius, Eva and Barbara Maria Köhler, 1999: Öffentlich Bericht erstatten — Repräsentationen gesellschaftlich umkämpfter Sachverhalte, Berliner Journal für Soziologie, 9. Jg., H. 4, S. 549–565.Google Scholar
  3. Becker, Egon (Hrsg.), 1983: Reflexionsprobleme der Hochschulforschung, Weinheim/Basel: Juventa.Google Scholar
  4. Becker-Schmidt, Regina and Gudrun-Axeli Knapp (Hrsg.), 1995: Das Geschlechterverhältnis als Gegenstand der Sozialwissenschaften, Frankfurt a.M./New York: Campus.Google Scholar
  5. Berger, Peter R., 1995: Life politics — Zur Politisierung der Lebensführung in nachtraditionalen Gesellschaften, Leviathan, 23. Jg., H. 3, S. 445–458.Google Scholar
  6. Bundesministerium für Bildung and Forschung — BMBF (Hrsg.), 2000: Frauenstudiengänge in Ingenieurwissenschaften and Informatik — Chancen für die Zukunft, Bonn.Google Scholar
  7. Bourdieu, Pierre, 1982: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt a.M.: Suhrkamp.Google Scholar
  8. Bourdieu, Pierre, 1996: The State Nobility. Elite Schools in the Field of Power, Cambridge: Blackwell.Google Scholar
  9. Bourdieu, Pierre, 1997: Die männliche Herrschaft, in: Irene Dölling and Beate Krais, Ein alltägliches Spiel. Geschlechterkonstruktion in der sozialen Praxis, Frankfurt a.M.: Suhrkamp.Google Scholar
  10. Bourdieu, Pierre, 1998: Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns, Frankfurt a.M.: Suhrkamp.Google Scholar
  11. Bude, Heinz, 1987: Deutsche Karrieren. Lebenskonstruktionen sozialer Aufsteiger aus der Flakhelfer-Generation, Frankfurt a.M.: Suhrkamp.Google Scholar
  12. Bude, Heinz, 1995: Das Altern einer Generation. Die Jahrgänge 1938 bis 1948, Frankfurt a.M.: Suhrkamp.Google Scholar
  13. Bultmann, Torsten and Sabine Kiel, 1997: Politische Sozialisation von Studierenden and die Anforderungen an linke Hochschulpolitik (Gutachten i.A. der PDS-Bundestagsfraktion), MS.Google Scholar
  14. Clark, Burton R. and Martin Trow, 1966: The Organizational Context, in: Theodore M. Newcomb and Evertett K. Wilson, College Peer Groups. Problems and Prospects for Research, Chicago: Aldine.Google Scholar
  15. Daxner, Michael, 1991: Entstaatlichung and Veröffentlichung. Die Hochschule als republikanischer Ort ( Gutachten i.A. der Grünen im Bundestag, hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung ), Köln.Google Scholar
  16. Demirovic, Alex, 1996: Die politische Metapher links and die politischen Orientierungen von Studierenden, Prokla, H. 104, S. 371–394.Google Scholar
  17. Demirovic, Alex and G. Paul, 1996: Demokratisches Selbstverständnis and die Herausforderung von rechts. Student and Politik in den neunziger Jahren, Frankfurt a.M.Google Scholar
  18. Die Zeit, 1995: Zeit-Umfrage Student ‘85. Teil I in Nr. 43, S. 41–43; Teil II in Nr. 44, S. 47–49.Google Scholar
  19. Dahrendorf, Ralf, 1994: Der moderne soziale Konflikt. Ein Essay zur Politik der Freiheit, München: DTV.Google Scholar
  20. Derrida, Jacques, 1995: Marx’ Gespenster. Der verschuldete Staat, die Trauerarbeit and die neue Internationale, Frankfurt a.M.: Fischer.Google Scholar
  21. Diedrichsen, Diedrich, 1999: Der lange Weg nach Mitte. Der Sound and die Stadt, Köln: Kiepenheuer and Witsch.Google Scholar
  22. Dölling, Irene and Beate Krais, 1997: Ein alltägliches Spiel. Geschlechterkonstruktion in der sozialen Praxis, Frankfurt a.M.: Suhrkamp.Google Scholar
  23. Elias, Norbert, 1989: Studien über die Deutschen. Machtkämpfe and Habitusentwicklung im 19. and 20. Jahrhundert, Frankfurt a.M.: Suhrkamp.Google Scholar
  24. Engler, Steffani, 1993: Fachkultur, Geschlecht and soziale Reproduktion, Weinheim: Juventa.Google Scholar
  25. Esping-Andersen, Gosta, 1998: Die drei Welten des Wohlfahrtskapitalismus. Zur politischenGoogle Scholar
  26. Ökonomie des Wohlfahrtsstaats, in: Stephan Lessenich and Ilona Ostner, Welten des Wohlfahrtskapitalismus. Der Sozialstaat in vergleichender Perspektive, Frankfurt a.M./New York: Campus, S. 19–56.Google Scholar
  27. Featherstone, Mike, 1991: Consumer Culture and Postmodernism, London.Google Scholar
  28. Flaig, Berthold B., Thomas Meyer and Jörg Ueltzhöffer, 1993: Alltagsästhetik and politische Kultur. Zur ästhetischen Dimension poltischer Bildung and politischer Kommunikation, Bonn: Dietz.Google Scholar
  29. Fraser, Nancy, 1997: Justice Interruptus. Critical Reflections on the „Postsocialist“ Condition, New York: Routledge.Google Scholar
  30. Friebertshäuser, Barbara, 1992: Übergangsphase Studienbeginn, Weinheim: Juventa.Google Scholar
  31. Gapski, Jörg, Thomas Köhler and Martin Lähnemann, 1999: Struktur-und Wertewandel im westdeutschen Studierendenmilieu der 80er and 90er Jahre, Hannover: HIS.Google Scholar
  32. Gapski, Jörg, Thomas Köhler and Martin Lähnemann, 2000: Alltagsbewußtsein and Milieustruktur der westdeutschen Studierenden in den 80er and 90er Jahren, Hannover: HIS (Download unter http://www.his.de ).Google Scholar
  33. Giddens, Anthony, 1997: Jenseits von Links and Rechts. Die Zukunft radikaler Demokratie, Frankfurt a.M.: Suhrkamp.Google Scholar
  34. Gilcher-Holtey, Ingrid, 1995: Die Phantasie an die Macht: Mai 68 in Frankreich, Frankfurt a.M.: Suhrkamp.Google Scholar
  35. Glotz, Peter, 1999: Die beschleunigte Gesellschaft. Kulturkämpfe im digitalen Kapitalismus, München: Rowohlt.Google Scholar
  36. Glotz, Peter and Wolfgang Malanowski, 1982: Student heute: Angepaßt? Ausgestiegen?, Hamburg: Rowohlt.Google Scholar
  37. Habermas, Jürgen, 1985: Die Krise des Wohlfahrtsstaates and die Erschöpfung utopischer Energien, in: Jürgen Habermas, Die Neue Unübersichtlichkeit, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 141 ff.Google Scholar
  38. Hauffe, Thomas, 1994: Fantasie and Härte. Das „Neue deutsche Design“ der achtziger Jahre, Gießen: anabas.Google Scholar
  39. Hofmann, Gunter and Werner A. Perger, 2000: Wir brauchen Leistungseliten. Interview mit Wolfgang Clement, in: Die Zeit, htm 27/2000.Google Scholar
  40. Hradil, Stefan (Hrsg.), 1992: Zwischen Bewußtsein and Sein. Die Vermittlung „objektiver“ Lebensbedingungen and „subjektiver” Lebensweise, Opladen: Westdeutscher Verlag.Google Scholar
  41. Huber, Ludwig, 1990: Disciplinary Cultures and Social Reproduktion, European Journal of Education, 25. Jg., S. 241–26.Google Scholar
  42. Huber, Ludwig, Eckard Liebau, Gerhard Portele and Wolfgang Schütte, 1983: Fachcode and studentische Kultur. Zur Erforschung der Habitusausbildung in der Hochschule, in: Egon Becker (Hrsg.), Reflexionsprobleme der Hochschulforschung, Weinheim/Basel: Juventa, S. 144–170.Google Scholar
  43. Luke, Tim, 1998: Miscast Canons? The Future of Universities in an Era of Flexible Specialization, Telos, H. 111 ( Special Issue on: The Crisis of Education ), S. 15–31.Google Scholar
  44. Jarausch, Konrad H., 1984: Deutsche Studenten 1800–1970, Frankfurt a.M.: Suhrkamp.Google Scholar
  45. Knapp, Gudrun-Axeli, 1995: Unterschiede machen: Zur Sozialpsychologie der Hierarchisierung im Geschlechterverhältnis, in: Regina Becker-Schmidt and Gudrun-Axeli Knapp (Hrsg.), Das Geschlechterverhältnis als Gegenstand der Sozialwissenschaften, Frankfurt a.M./New York: Campus, S. 163–194.Google Scholar
  46. Köhler, Thomas and Jörg Gapski, 1997: Lebenswelt Studierender. Analysen zum Alltag and Milieu, zu Bildungs-und Studienstilen, zur Lebensphase Studium bei Studierenden der Universität Hannover, Hannover: agis.Google Scholar
  47. Krais, Beate, 1980: Der deutsche Akademiker and die Bildungsexpansion, Soziale Welt, 31. Jg., S. 68–87.Google Scholar
  48. Kraushaar, Wolfgang, 2000: Die Anti-Elite als Avantgarde, Mittelweg 36, 9. Jg., S. 3–27.Google Scholar
  49. Kurz-Scherf, Ingrid, 1993: Krise des Sozialstaats — Krise der patriarchalen Dominanzkultur?, Zeitschrift für Frauenforschung, 11. Jg., S. 13–48.Google Scholar
  50. Lessenich, Stephan and Ilona Ostner (Hrsg.), 1998: Welten des Wohlfahrtskapitalismus. Der Sozialstaat in vergleichender Perspektive, Frankfurt a.M./New York: Campus.Google Scholar
  51. Lyotard, Jean-François, 1993: Das postmoderne Wissen. Ein Bericht, Wien: Passagen.Google Scholar
  52. Maase, K., 1994: Spiel ohne Grenzen. Von der „Massenkultur“ zur „Erlebnisgesellschaft”, Zeitschrift für Volkskunde, 90. Jg., S. 13–35.Google Scholar
  53. Maase, K., 1996: Das Recht der Gewöhnlichkeit. Zur Durchsetzung der Gemeinkultur in der Bundesrepublik, Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen Forschung, 37. Jg., S. 102–120.Google Scholar
  54. Metz-Göckel, Sigrid, Christa Schmalzhaf-Larsen and Eszter Belinski (Hrsg.), 2000: Hochschulreform and Geschlecht. Neue Bündnisse and Dialoge, Opladen: Westdeutscher Verlag.Google Scholar
  55. Meulemann, Heiner, 1995: Gleichheit and Leistung nach der Bildungsexpansion, in: K.-H. Reuband (Hrsg.), Die deutsche Gesellschaft in vergleichender Perspektive, Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 207–219.CrossRefGoogle Scholar
  56. Moffatt, Michael, 1991: College Life. Undergraduate Culture and College Life, Journal of Higher Education, H. 62, S. 44–61.Google Scholar
  57. Neusel, Aylâ and Angelika Wetterer, 1999: Vielfältige Verschiedenheiten. Geschlechterverhältnisse in Studium, Hochschule and Beruf, Frankfurt a.M./New York: Campus.Google Scholar
  58. Newcomb, Theodore M. and Evertett K. Wilson, 1966: College Peer Groups. Problems and Prospects for Research, Chicago: Aldine, S. 17–70.Google Scholar
  59. Miyoshi, M., 2000: Der versilberte Elfenbeinturm. Globale Wissensindustrie and akademischer Kapitalismus, Lettre International, H. 49, S. 70–80.Google Scholar
  60. Oevermann, Ulrich, 1998: Ein unverwüstliches Bildungsideal für das Universitätsstudium?!, Perspektiven, H. 34 /35, S. 18–20.Google Scholar
  61. Parsons, Talcott and Gerald M. Platt, 1990: Die amerikanische Universität. Ein Beitrag zur Soziologie der Erkenntnis, Frankfurt a.M.: Suhrkamp.Google Scholar
  62. Reich, Robert B., 1996: Die neue Weltwirtschaft. Das Ende der nationalen Ökonomie, Frankfurt a.M.: Fischer.Google Scholar
  63. Reuband, Karl-Heinz (Hrsg.), 1995: Die deutsche Gesellschaft in vergleichender Perspektive, Opladen: Westdeutscher Verlag.Google Scholar
  64. Rutschky, M., 1980: Erfahrungshunger. Ein Essay über die siebziger Jahre, Köln: Kiepenheuer and Witsch.Google Scholar
  65. Schnitzer, Klaus, 1999: Wirtschaftliche and soziale Lage der ausländischen Studierenden in Deutschland (hrsg. vom Bundesministerium für Bildung and Forschung), Bonn.Google Scholar
  66. Schnitzer, Klaus, Wolfgang Isserstedt, Peter Müßig-Trapp and Jochen Schreiber, 1998: Das soziale Bild der Studentenschaft in der BRD. 15. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (hrsg. vom Bundesministerium für Bildung and Forschung), Bonn.Google Scholar
  67. Theweleit, Klaus, 1998: Ghosts. Drei leicht inkorrekte Vorträge, Frankfurt a.M.: Stroemfeld.Google Scholar
  68. Vester, Michale, Peter von Oertzen, Heiko Geiling, Thomas Hermann and Dagmar Müller, 1993: Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel. Zwischen Integration and Ausgrenzung, Köln: Bund.Google Scholar
  69. Wagner, Peter, 1995: Soziologie der Moderne. Freiheit and Disziplin, Frankfurt a.M./New York: Campus.Google Scholar
  70. Wehler, Hans-Ulrich, 1995: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Dritter Band: Von der „Deutschen Doppelrevolution“ bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1849–1914, München: Beck.Google Scholar
  71. Wetterer, Angelika, 1999: Ausschließende Einschließung — marginalisierende Integration. Geschlechterkonstruktionen in Professionalisierungsprozessen, in: Aylâ Neusel and Angelika Wetterer, Vielfältige Verschiedenheiten. Geschlechterverhältnisse in Studium, Hochschule and Beruf, Frankfurt a.M./New York: Campus, S. 223–253.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2001

Authors and Affiliations

  • Thomas Köhler
  • Jörg Gapski
  • Martin Lähnemann

There are no affiliations available

Personalised recommendations