Advertisement

Modernisierungsstrategien in der Gesundheitsversorgung

Chapter
  • 61 Downloads
Part of the Forschung Politikwissenschaft book series (FPOLIT, volume 138)

Zusammenfassung

Die Debatte um die Reformierung des Sozialstaates kreist nicht nur um die notwendigen Anpassungen der Finanzierungs- und Versicherungssysteme, sondern zielt ebenso auf die Modernisierung der Versorgungsebene ab (Alber 1995, Gross/Badura 1977). Dies gilt vor allem für die sachleistungsdominierten Felder sozialer Sicherung, die eher auf die Versorgung mit Dienstleistungen als auf monetäre Transfers abstellen. Zu diesen Feldern zählt auch das Gesundheitswesen. Einkommenstransfers wie beispielsweise Krankengeld spielen hier eine eher untergeordnete Rolle; die Qualität und Effizienz dessen, was geleistet wird, ist vor allem eine Frage der Dienstleistung und eng verknüpft mit Leistungsvermögen und Zielsetzungen der Versorgungsinstitutionen. Diese sind die Schnittstellen, an der die Ansprüche der Klientel auf die monetären Ressourcen des Gesundheitswesens treffen. Hier entscheidet sich nicht nur, ob Leistungen bedarfsgerecht erbracht werden, sondern auch, ob mit vorhandenen Mittel effizient und ressourcenschonend gewirtschaftet wird. Die Integration des Gesundheitssystems ist somit auch eine Frage der organisatorischen Leistungs- und Entwicklungsfähigkeit, die die Rückkopplung des Systems an die gesellschaftlichen Bedarfe entscheidend beeinflußt.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. 111.
    Kenis und de Vroom sprechen in diesem Zusammenhang von der organisatorischen oder institutionellen,Antwort` auf Bedarfslagen. Anhand des Beispiels HIV/AIDS stellen sie dar, wie vielfältig die entsprechenden Arrangements in verschiedenen Ländern ausfallen können. Zu unterscheiden ist demnach nicht nur zwischen der Dichte der Organisationen, sondern auch, ob diese eine staatliche bzw. verbandliche Antwort „von oben“ oder eine gemeinschaftlich bzw. marktlich erbrachte Antwort „von unten” darstellen (Kenis/Vroom 1996)Google Scholar
  2. 112.
    Umstritten ist allerdings, ob Wohlfahrtspluralismus nun ein empirisches Fakt darstellt oder eine normative Intention. Viele sozialrechtlichen Reformansätze streben zwar eine Pluralisierung des Sektors an (z.B. die Änderungen des BSHG, die den privilegierten Status der Verbände im Pflegesektor aufheben, indem sie auch andere Trägerformen als prinzipiell gleichberechtigt und förderungswürdig anerkennen). Die Einführung von Wettbewerbselementen wird aber dadurch verhindert, daß viele Kommunen mit dem,Einfrieren’ der institutionalisierten Beziehungen reagieren (Heinze 2000a ). Ähnliches konnte bei der Liberalisierung der niederländischen Versicherungslandschaft in bezug auf die Vertragsschließungen zwischen Kassen und Anbietern beobachtet werden (vgl. Kap. 4 ).Google Scholar
  3. 113.
    Ein Blick auf den Schreibtisch der Verfasserin reicht aus, um die Durchlässigkeit zwischen Markt-und Wohlfahrtssektor anhand diverser Titel zu illustrieren: Wirtschaftlichkeit und Qualitätssicherung in sozialen Diensten (Knappe/Burger 1994), Produktivität Öffentlicher Dienstleistungen (Naschold/Pröhl 1994), Sozialmärkte und Management (Effinger/Luthe 1993), Vom Wohlfahrtsstaat zum Wettbewerbsstaat (Heinze u.a. 1999). Wie die Verbände auf diese,bkonomisierung` reagieren, zeigen Berger (1999) und Strünck (1998) auf.Google Scholar
  4. 114.
    Dies betrifft vor allem den sog.,Wandel des bürgerschaftlichen Engagaments`. So hat entgegen anderer Ansichten das freiwillige Engagament in quantitativer Hinsicht nicht abgenommen, allerdings haben sich Motive, Erwartungen und Einstellungen in der modernen Gesellschaft verändert. Demnach hat das bürgerschaftliche Engagament einen eher projektbezogenen Charakter bekommen — die Freiwilligen wechseln häufiger Tätigkeitsbereiche und Organisationen, die eigenen Erwartungen in bezug auf das Ehrenamt rücken gegenüber rein altruistischen Motiven starker in den Vordergrund (Blanke/Schridde 1999, Heinze/Strünck 2000, Klages 2000).Google Scholar
  5. 115.
    Unterscheiden lassen sich folgende Varianten (Geiser/Rosendahl 1995): Koordination zielt darauf ab, einzelne Strukturelemente sowie räumliche, finanzielle und organisatorische Rahmenbedingungen bei der Erbringung von Einrichtungen und Diensten im Hinblick auf ein definiertes Oberziel aufeinander abzustimmen. Im Unterschied dazu ist Kooperation handlungs-und problemorientiert und bezeichnet die aktiven Handlungsweisen der Akteure innerhalb der bestehenden Strukturen. Von Vernetzung wird schließlich gesprochen, wenn Kooperationen pratiktiziert werden, ohne daß diese Tatsache beständig reflektiert werden muß. Die Notwendigkeit der Abstimmung und Zusammenarbeit ist dann zur Selbstverständlicheit geworden und integraler Bestandteil der alltäglichen Arbeitspraxis.Google Scholar
  6. 116.
    Ein vielversprechender Ansatz in diese Richtung stellen in NRW die kommunalen Gesundheitskonferenzen dar. Sie führen Bürger und Fachleute aus verschiedenen Ressorts der Öffentlichen Verwaltung und der freien Träger zusammen, um Handlungsorientierungen für die Verbesserung des gesundheitlichen Versorgung zu erarbeiten (Brandenburg u.a. 1998 ). Weitere Vorschläge finden sich bei Damkowski/Luckey 1993, Derwein 1997.Google Scholar
  7. 117.
    Erinnern wir uns an die Aussage von Munch in Kap. 1, der darauf abstellte, daß Individuen über ihre Rollen an vielen gesellschaftlichen Teilsystemen partizipieren. Sie fungieren somit als Bindeglieder zwischen einzelnen Systemen und bewirken, daß Leitbilder und Sinnsphären von einem System in andere Systeme transportiert werden können.Google Scholar
  8. 118.
    Um so tragischer ist es dann, wenn personengebundene Kooperationen durch Fluktuation bedroht sind. So ist beispielsweise die lokale AIDS-Hilfe auf die Mitarbeit der Ärzte in den örtlichen Kliniken angewiesen. Gerade aber auf der Ebene der behandelnden Assistenzärzte vollziehen sich sehr häufig Personalwechsel. „Viele Ärzte sind nicht informiert über neue Behandlungsmethoden oder spezifische medizinische Anforderungen bei AIDS. Leider nehmen sie häufig auch keine Ratschläge entgegen, da sie sich für die alleinige medizinische Kompetenz halten.“ (Interview D7) Die Mitarbeiter der AIDS-Hilfen müssen also die Kooperation beständig neu anregen und die Ärzte von den Vorteilen der Zusammenarbeit überzeugen, was jedesmal ein „diplomatisches Vorgehen” von seiten der AIDS-Hilfen erfordert.Google Scholar
  9. 119.
    Wissenschaftlich begründen laßt sich dies durch das uno-actu-Prinzip: Dies besagt, daß der Kunde Qualität und Erfolg der Dienstleistung entscheidend beeinflußt (Häußermann/Siebel 1995: 24). Der Patient stellt somit einen wichtigen Akteur in der Gesundheitsversorgung dar — und zwar nicht als Versorgungs,objekt`, sondern als aktive Person, die entscheidend am Behandlungs-und Heilungsverlauf mitwirkt.Google Scholar
  10. 120.
    Hinsichtlich des medizinischen Informationsbedürfnisses lassen sich zwei Grundtypen unterscheiden. Die einen suchen und verlangen mehr Information über ihr Problem („monitors“), die anderen vermeiden eine weitergehende Aufklärung über ihre Krankheit, insbesondere wenn es um eine negative Diagnose gehen könnte („blunters”). Dies führt zu dem Paradox, daß gerade die Patienten, die sich über mangelnde Information beklagen, in Wirklichkeit am besten informiert sein können (Haase/Schwefel 1995: 39 ).Google Scholar
  11. 121.
    Zum Beispiel auch vom Sachverständigenrat der KAiG. Im Sondergutachten 1997 wird Patientenorientierung als Voraussetzung für mehr Ergebnisorientierung diskutiert. Hier wird auch auf das Konzept des,Laienexperten’ hingewiesen, in dem Bürgerinnen mit besonderer sozialer Kompetenz in die Planung gesundheitlicher Programme miteinbezogen werden (SVRKAiG 1997).Google Scholar
  12. 122.
    In der Euro-Med-Clinic ist der Patient Kunde und der Arzt Unternehmer“, so der exemplarische Titel eines Artikels im Handelsblatt vom 14.07.98. Eine ausführlichere Darstellung des Patienten als Kunden findet sich bei Armstrong 1991.Google Scholar
  13. 123.
    Total Quality Management (TQM) ist ein ganzheitlicher Ansatz, der alle Organisationsebenen einer Einrichtung umfaßt. Ziel ist die kontinuierliche Verbesserung von Ausstattung und Aufbauorganisation, von Leistungsprozessen und Ergebnissen und die konsequente Ausrichtung an den Wünschen und Erwartungen der Kunden. ISO-9000 meint die Zertifizierung von Leistungsabläufen (nicht Ergebnissen), die international normierten Qualitätsstandards entsprechen. Einen Überblick über diese und weitere Methoden des Qualitätsmanagement (Qualitatszirkel, Tracer, Business Process Reengeneering) findet sich bei Badura/Strodtholz 1998b, Glaeske 1998, Rienhoff 1998, Pollit 1997.Google Scholar
  14. 124.
    Interaktive und multimediale Technologien setzen genau an der zwischenmenschlichen Dimension personenbezogener Dienste an (Bischoff-Schilke 1992 ). Sie können das unoactu-Prinzip teilweise außer Kraft setzen, da sie Dienstleister und Kunde räumlich (VideoConferencing) oder auch zeitlich (Selbstbedienungsterminals) voneinander entkoppeln. Sie machen außerdem gewisse Dienstleistungsangebote wie z.B. Beratung und Information,lagerfähig’ (z.B. über Internet ). Dies führt dazu, daß sich die Rationalisierungspotentiale im Bereich personenbezogener Dienstleistung vergrößern.Google Scholar
  15. 125.
    Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine Studie von Kienbaum über multimediale Anwendungen im Gesundheitswesen (Kienbaum 1998 ). Zwar beschäftigen sich alle Gesundheitsakteure mit IuK-Technologien, die meisten Projekte sind jedoch Individuallösungen mit provisorischem Charakter, die auf die Lösung spezifischer Probleme ausgerichtet sind. Nach Kienbaum fehlen eindeutige Signale der relevanten Entscheidungsträger, des weiteren bedarf es einer koordinierten Planung und Steuerung, die alle am Versorgungsprozeß beteiligten Gruppen einschließt.Google Scholar
  16. 126.
    Eine Ausnahme bilden natürlich die großen spezialisierten Kliniken, die auch intensiv an internationalen Forschungskooperationen beteiligt sind. Besonders defizitär gestaltet sich hingegen die technischen Infrastruktur bei den ländlichen Distriktkrankenhäusem. Vorgeschlagen wurde hier eine Vernetzung mit den spezialisierten Kliniken, damit die Ärzte auf moderne Forschungserkenntnisse zurückgreifen können und bei komplizierten Fallen Spezialisten hinzuziehen können. Unterschiede gibt es des weiteren zwischen den einzelnen Fachrichtungen. So ist die Technikakzeptanz bei Radiologen sehr hoch, da sie den Umgang mit Technik gewohnt sind und ein hoher Bedarf nach bildgebenden Verfahren besteht. (Interview N8)Google Scholar
  17. 127.
    Im deutschen Sprachraum wird häufig der Begriff Gesundheitswissenschaft genutzt. Im Unterschied zum stark politikbezogenen Begriff Public Health wird hier stärker der interdisziplinäre Charakter betont.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2002

Authors and Affiliations

There are no affiliations available

Personalised recommendations