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Differenzierung und Integration im Gesundheitssystem

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Part of the Forschung Politikwissenschaft book series (FPOLIT, volume 138)

Zusammenfassung

Im ersten Teil dieses Kapitels werden die wesentlichen Merkmale des Gesundheitswesens unter differenzierungstheoretischen Aspekten skizziert, um darauf aufbauend die Frage nach der gesellschaftlichen Integration des Gesundheitssystems abzuleiten. Im Rahmen der Differenzierungstheorie stellt Gesundheit ein gesellschaftliches Teilsystem dar, welches sowohl unter system- als auch unter akteurtheoretischer Perspektive skizziert werden kann. Bei der systemtheoretischen Betrachtung steht vor allem die sinnhafte Codierung im Mittelpunkt, die dem Gesundheitswesen den Status eines gesellschaftlichen Teilsystems verleiht, welches sich durch Selbstreferentialität und Autonomie von seiner gesellschaftlichen Umwelt abgrenzt. Aus den akteurbezogenen Ansätzen lassen sich im Anschluß weitere Erkenntnisse über die Binnendifferenzierung des Gesundheitswesens, seine kollektiven Akteure und seinen institutionellen Kontext gewinnen. Zunächst soll jedoch in kurzen Worten ein Überblick über die Entwicklung des Differenzierungsbegriffes innerhalb der Soziologie gegeben werden.

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Literatur

  1. 2.
    Neben den hier genannten Differenzierungsformen spielt außerdem die räumliche Diffe-renzierung in Zentrum und Peripherie eine Rolle (Luhmann 1997: 663).Google Scholar
  2. 3.
    Gesellschaftlicher Wandel meint in diesem Zusammenhang nicht, daß in der modernen Gesellschaft andere Differenzierungsformen außer der funktionalen obsolet werden (Hondrich 1987: 283 ff.). Lediglich deren Primat, also die dominante Form der Differenzierung, wechselt. So ist die moderne funktionale Gesellschaft ebenso segmental-und stratifikatorisch gegliedert und differenziert diese Gliederung auch weiter aus (z.B. durch die Pluralisierung der Sozialstruktur in Milieus und Lebensstile). Dabei lassen sich durchaus Entsprechungen zwischen den verschiedenen Differenzierungsformen diagnostizieren. So kann soziale Ungleichheit in der Semantik funktionaler Differenzierung über die Exklusion der Individuen aus den gesellschaftlichen Teilbereichen beschrieben werden — ein Thema, mit dem sich beispielsweise Nassehi beschäftigt (Nassehi 1997).Google Scholar
  3. 4.
    Wobei auch dieser Strang nicht durch Einheitlichkeit gekennzeichnet ist. So kann sich der Begriff der funktionalen Differenzierung a) auf ein Ganzes beziehen, was sich in unterschiedliche Subsysteme ausdifferenziert, b) auf die Prozesse der Trennung, die zu einem Nebeneinander von Teilbereichen fuhren, c) auf den internen Prozeß der Ausdifferenzierung einer Einheit. Nicht umsonst vermeidet Tyrell daher den Begriff,Theorie` und spricht von einem Differenzierungsdiskurs ` (Tyrell 1998: 123, 126 ).Google Scholar
  4. 5.
    Ebenso wie die Soziologie insgesamt steht auch die Entwicklung der Differenzierungstheo-rie unter der sog. Mikro-Makro-Problematik(Alexander u.a. 1987, Mayntz 1990a, Nolte 1994, 1999 ). Zugrunde liegt die Frage, wie das Verhältnis von individuellen und gesellschaftlichen Aspekten, subjektiven und objektiven Faktoren, Handlung und Struktur theoretisch einzuschätzen ist. Makrotheoretische Ansätze versuchen, Gesellschaft über objektive Faktoren wie System, Struktur oder Institution zu rekonstruieren (exemplarische Beispiele sind die Systemtheorie und marxistische Ansätze), mikrotheoretische Ansätze hingegen leiten Gesellschaft aus den Handlungen und Interpretationen ihrer Individuen ab (z.B. Rational Choice-Ansätze oder der Symbolische Interaktionismus). Der Versuch, diese Dichotomie zu überwinden, stand in den letzten Jahren im Mittelpunkt der Soziologie. Mesotheorien zielen explizit auf die Verknüpfung zwischen Akteur-und Systemtheorie ab. Beispiel ist die Dualität von Handlung und Struktur, wie sie von Giddens formuliert wurde: Struktur bildet in diesem Konzept einen Korridor, der die Handlungsalternativen einerseits vorgibt, andererseits durch Handlung beständig reproduziert oder auch verändert wird (Giddens 1988 ).Google Scholar
  5. 6.
    Komplexitätsreduktion heißt selektive Erhaltung eines Möglichkeitsbereiches auf der Grundlage von Strukturen (…) die die Möglichkeiten vorselektieren, die Elemente mitein- ander zu verknüpfen.“ (Baraldi u.a. 1998: 96). Dabei müssen Systeme eine der Umwelt-„Soziale Systeme müssen sachlich, zeitlich und sozial ausweisen, was in einem System wann von wem erwartet bzw. nicht erwartet werden kann. Systembildung geschieht dann sozusagen um bestimmte Sinnhorizonte herum. Spezialisiert ein System sich etwa auf eine bestimmte Aufgabe, so läßt sich an der jeweiligen selektiven Handhabung von Sinnselektionen erkennen, welche Operation zum System gehört und welche nicht.” (Kneer/Nassehi 1993: 120) komplexität angemessene Eigenkomplexität aufweisen, denn „nur Komplexität kann Komplexität reduzieren”(Schimank 1996: 141). Kühl zeichnet dies am Beispiel lean production nach: Auf den ersten Blick läßt sich diese als Komplexitätsvereinfachung in Organisationen deuten. Aufgezeigt wird aber, daß die interne Komplexität durch diese Vereinfachungsstrategie gesteigert wird - und somit ein Äquivalent zu einer turbulenter werdenden Umwelt darstellt (Kühl 1998: 104ff.). Dies deutet auf den paradoxen Sachverhalt hin, daß Mechanismen der Komplexitätsreduzierung selbst wieder zu einer Komplexitätssteigerung beitragen — was schließlich bedeutet, daß der funktional differenzierten Gesellschaft ein immanenter Wachstumsimpuls innewohnt.Google Scholar
  6. 7.
    So erweisen sich im Unterschied zur Arbeitsteilung nur die Leitdifferenzen als katalysato-risch für die Herausbildung eines Teilsystems. Leitdifferenzen erlauben einen spezifischen Zugriff auf die ganze Gesellschaft, sind also global angelegt. Sichtweisen hingegen, die aus unterschiedlichen Berufen und Tätigkeiten hervorgehen, sind auf einen engen speziellen Gesellschaftsbereich bezogen (Türk 1995: 173f.). Die Abgrenzung zur funktionsorientierten Differenzierung im Sinne Parsons ist komplizierter: Zwar übernehmen die Teilsysteme bestimmte Funktionen gesellschaftlicher Reproduktion, das Autopoiesis-Konzept verbietet aber die Ausrichtung der Teilsysteme an den Erfordernissen der Umwelt. Daher setzt Luhmann an die Stelle der Funktion die Leitdifferenz bzw. Codierung (Schimank 1996: 154f ).Google Scholar
  7. 8.
    Dies ist ein fundamentaler Unterschied zur primär stratifikatorisch differenzierten Gesellschaft. Hier werden die ungleichen Teilschichten der Gesellschaft noch „durch eine gesamtgesellschaftliche Grundsymbolik der Hierarchie und der direkten Reziprozität“ zusammengehalten (Kneer/Nassehi 1993: 127), die der Leitcodierung oben/unten folgt. In der funktional differenzierten Gesellschaft hingegen bildet jedes Teilsystem seine eigene Leitcodierung aus.Google Scholar
  8. 9….
    und nicht etwa Handlungen, Im Gegensatz zur Kommunikation erzeugt eine Handlung nicht notwendigerweise eine Anschlußhandlung (sondem verbleibt z.B. beim reinen Erleben). Diese ist aber essentiell für die fortwährende Reproduktion eines sozialen Systems. Insofern ergibt sich die Annahme von Kommunikation als elementare Operationseinheit logischerweise aus der Konzeption sozialer Systeme als autopoietische Systeme (Schimank 1996: 148f.). Kommunikation ist in diesem Sinne als dreistelliger Selektionsprozeß aufzufassen, der Information, Mitteilung und Verstehen miteinander kombiniert (Luhmann 1984: 193ff.). Jede Information ist eine Selektion aus einem Horizont an Möglichkeiten, für die mehrere Mitteilungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen und die außerdem mehrere Verständnisvarianten beinhaltet.Google Scholar
  9. 10.
    Daher geht nach Parsons funktionale Ausfifferenzierung mit einem steigenden Inklusionsgrad einher, verstanden als als fortschreitende Universalisierung von Teilhaberechten an allgemein begehrten gesellschaftlichen Leistungen. Im Gesundheitssystem kommt dies durch den existentiellen Charakter des Gutes und durch die Einbindung über die gesetzliche Krankenversicherung zum Ausdruck.Google Scholar
  10. 11.
    Stichweh unterscheidet folgende Formen der Inklusion (Stichweh 1988 ): Professionelle Betreuung (Personen sind als Professionelle oder Klienten in ein Funktionssystem integriert), Exit/Voice-Optionen (quantitativ angehäufte Kommunikationen wie z.B. bei Abstimmungen), wechselseitige Leistungs-und Publikumsrollen (zu finden in Familien-und Liebesbeziehungen, in denen Personen ihr Handeln am Erleben des Anderen orientieren), indirekte Inklusion (Personen profitieren von einem System durch Vermittlung, z.B. vom Wissenschaftssystem durch das Bildungssystem).Google Scholar
  11. 12.
    Dies ist ein spezifisches Merkmal der funktional differenzierten Gesellschaft (Luhmann 1991, 1997, Nassehi 1997). In segmentären und stratifizierten Gesellschaft erfolgt eine eindeutige und vollständige Zuordnung der Individuen zu einem gesellschaftlichen Segment (Zugehörigkeit zu einem Stamm oder Dorf bzw. zu einer Schicht). Bei der funktionalen Differenzierung ist die Zuordnung erstens nicht eindeutig; vielmehr erfolgt eine,Multiinklusion’ in alle gesellschaftlichen Teilsysteme. Zweitens bleibt diese unvollständig, da ja jedes Teilsystem nur spezifische personale Aspekte selektiert und andere exkludiert. Exklusion bezeichnet demnach die Freisetzung der Individuen aus den gesellschaftlichen Teilysteme und bringt jene Form der Individualisierung hervor, die für die moderne Gesellschaft charakteristisch ist.Google Scholar
  12. 13.
    Psychische Systeme reproduzieren sich durch Gedanken, während sich soziale Systeme durch Kommunikationen reproduzieren. Demnach bilden sie zwei emergente autopoietische Bereiche, die sich gegenseitig nicht beeinflussen können, obwohl sie aufeinander angewiesen sind. Denn: „Die Kommunikation kommuniziert und denkt nicht. Und: Das Bewußtsein denkt und kommuniziert nicht.“ (Kneer/Nassehi 1993: 73 )Google Scholar
  13. 14.
    Über die Schwellen der legitimen Indifferenz führt Tyrell drei weitere Merkmale funktionaler Differenzierung an, die aufschlußreich sind (Tyrell 1978: 183 f). So sind die Grenzen zwischen den Teilsystemen zumeist auch durch rechtliche Markierungen gegen externe Kontrolle oder Interventionen abgeschirmt (insofern sind Differenzierungsprozesse zugleich auch Delegitimierungsprozesse älterer Kontroll-und Interventionsstrukturen). Hieraus folgt zweitens, daß funktionale Differenzierung nicht nur konkurrenzlose,Zuständigkeit’ für bestimmte Funktionen beinhaltet, sondern auch,Unzuständigkeit’ für die anderen Teilsysteme. Und drittens geht mit funktionaler Differenzierung eine,thematische Reinigung’ einher: Die gesellschaftlichen Teilsysteme bilden spezifische Rationalitätsmuster aus, die untereinander inkommensurabel sind, d.h. ihre Übertragbarkeit in thematisch anders orientierte Teilsysteme ist strukturell blockiert (und wird je nachdem als sinnfremd, anstößig, komisch oder töricht interpretiert).Google Scholar
  14. 15.
    Nach Luhmann ist evolutionäre Anpassung das Ergebnis dreier Mechanismen: Variation produziert zufällige Veränderungen der Systemstruktur, Selektion regelt das Aufgreifen dieser Strukturänderungen und Retention steuert ihre dauerhafte Institutionalisierung (Baraldi u.a. 1998: 52f, Luhmann 1997).Google Scholar
  15. 16.
    FUr Luhmann ist nämlich die Gesellschaft als Gesamtheit aller Kommunikationen Weltgesellschaft,deren funktionale Teilsysteme globaler Natur sind. Entsprechend geht die Systemtheorie auch von einem weltweiten Gesundheitssystem aus. Gleichwohl räumt Luhmann ein, daß die segmentäre Differenzierung, die anhand nationalstaatlicher Grenzen verlaufen kann, durchaus Einfluß auf die Kommunikation in den funktionalen Teilsystemen hat (Richter 1997: 195).Google Scholar
  16. 17.
    Dies gilt ebenso für die beiden Stränge früherer akteurtheoretischer Ansätze wie den Symbolischen Interaktionismus und den Methodologischen Individualismus.Google Scholar
  17. 18.
    Diese Gefahr ist bei den Neofunktionalisten durchaus zu sehen, denn sie plädieren für eine entsprechende Arbeitsteilung: Die Systemtheorie liefere theoretische Muster, die eine grobe Richtung gesellschaftlicher Differenzierung angebe; die akteurtheoretische Betrachtung wäre hingegen dafür zuständig, nachzuzeichnen, wie sich die konkreten Akteure sich innerhalb dieses Rahmens bewegen. Die Systemtheorie wäre demnach ein Reservoir für spezifikationsbedürftige differenzierungstheoretische Behauptungen. Mönch macht darauf aufmerksam, daß dieses Reservoir allerdings irgendwann einmal erschöpft sein kann, zumal die Neofunktionalisten bislang nicht zur Weiterentwicklung der systemtheoretischen Grundlage beitragen, sondern diese „Stück für Stück demontieren“ (Schimank 1996: 241 ).Google Scholar
  18. 19.
    Mayntz spricht in diesem Zusammenhang von der „empirischen Wende“: Während sich in der Systemtheorie der spezifische Sinnhorizont eines Teilsystems immer auf einen funktionalen Imperativ bezieht, lassen sich in der Empirie unterschiedliche Arten sinnhafter Spezialisierung ermitteln (Mayntz 1988: 19).Google Scholar
  19. 20.
    Dies geschieht manchmal gezielt, ist aber meistens,transintentional`, also eine unbeabsichtige Nebenfolge der Akteurshandlungen.Google Scholar
  20. 21.
    Es ware sicherlich auch lohnenswert, die differenzierungstheoretische Handlungsagenda unter dem Blickwinkel des Symbolischen Interaktionismus durchzuspielen. Im UnterschiedGoogle Scholar
  21. 22.
    Denn der absolutistische Staat war als,junger’ Staat hinterfragbar und mußte die Notwendigkeit seiner Existenz begründen. Die Legitimationsformel war das naturrechtlich und vertragstheoretisch begründete „gemeyne Wohl“: Die Förderung der allgemeinen Wohl-fahrt wurde als oberstes Staatsziel begriffen. Die Medizin wurde in die Wohlfahrtspflege integriert, sie wurde eine öffentliche Aufgabe, die insbesondere durch die,medicinischen Policey’ wahrgenommen wurde, in der viele Ärzte beschäftigt waren. Diese richtete sich erstmals in spezifischer Weise auf eine öffentliche Gesundheit und entsprechende Maßnahmen (Bauch 1996a: 33ff., Labisch/Wolk 1998: 57ff.).Google Scholar
  22. 23.
    Im 16. und 17. Jahrhundert war die soziale Stellung des Arztes alles andere als bedeutend (Bauch 1996a: 30, Hillebrandt 1999: 128 ). Zu dieser Zeit war der Beruf in keiner Weise geschützt; jeder konnte sich medizinische Tätigkeiten aneignen, und insbesondere auf dem Land trieben Scharen von selbsernannten Heilem ihr Unwesen. Die akademischen Ärzte fühlten sich in diesem Rahmen zwar als die eigentlichen Ärzte, konnten sich aber wegen ihres Theoretisierens und der insgesamt gering ausgeprägten medizinischen Kenntnisse von der Konkurrenz der,Medikaster“ (Laienheiler, Quacksalber, Kurpfuscher) nicht positiv abheben.Google Scholar
  23. 24.
    Dies verdeutlichen insbesondere die Ergebnisse der Stressforschung. Ursprünglich dienten Stressreaktionen der kurzfristigen Anpassung an veränderte Umweltbedingungen. Belastungen in der Arbeitswelt, im privaten Beziehungsgefüge und in der Umwelt (z.B. Lärm) können jedoch zu einer Daueraktivierung der physiologischen Regulationssysteme führen, die langfristig zur Schwächung des Immunsystems und zur Schädigung des Herz-Kreislaufsystems beitragen (Siegrist 1996, Siegrist/Möller-Lehmkühler 1998: 96ff., Stock/Sachser 1998: 192 )Google Scholar
  24. 25.
    Geschweige denn als Voraussetzung für die Operationen von Sozialsystemen einbringen können. Denn: „Wenn die Gesellschaft die Menschen krank macht, dann machen die kranken Menschen die Gesellschaft,krank’, weil diese ihre Grundfunktionen dann nur sehr schwer realisieren kann. Das laßt sich gesundheitsökonomisch bilanzieren, wie die aktuelle,Kostendämpfungs-Diskussion’ immer wieder zeigt. Steigt die Morbiditätslast einer Gesellschaft, so sinkt durch Akzeleration der Lohnnebenkosten der Ertrag gesellschaftlicher Arbeit. Ein Übermaß an gesellschaftlich indizierter Krankheit beschränkt die Fähigkeit zur Variation, Selektion und Stabilisation der Sozialsysteme, weil diesen die zur Reproduktion notwendigen Ressourcen entzogen werden (…) “ (Bauch 1996a: 60 ).Google Scholar
  25. 26.
    Wobei natürlich auch dem politischen Umstand Rechnung getragen wird, daß das individuelle Gesundheitsverhalten eng verknüpft ist mit ungleich verteilten Lebenschancen. Die moderne Sozialmedizin spricht vom sozialen Gradienten: Hiermit wird der Umstand bezeichnet, daß Mortalität und Morbidität einem spezifischen Muster folgen: Sie sind umso höher, je niedriger die soziale Schichtzugehörigkeit ist, d.h. je bescheidener die Ausstattung mit zentralen gesellschaftlichen Gütern wie Einkommen, berufliche Stellung oder sozialer Rückhalt (Badura/Strodtholz 1998a: 154, Mielck u.a. 1998, Schnabel/Hurrelmann 1999: 108ff.).Google Scholar
  26. 27.
    Hier zeigen sich die Ambivalenzen der Individualisierung, wie sie von Beck beschrieben wurden (Beck 1986): Einerseits wird das Individuum in seinem Gesundheitsverhalten freigesetzt von traditionellen Bezügen, andererseits steigt die Abhängigkeit von,neuen Institutionen’, zu denen auch die Einrichtungen des Gesundheitswesens zu zählen sind. In der individualisierten Gesellschaft wird der Einzelne zur Wahl verpflichtet, wenn es um die,Gestaltung’ seiner Gesundheit geht - welchen Arzt, welches Krankenhaus, welches Fitnessangebot soll er wählen? Mit dieser Wahl ist wiederum das Risiko der falschen Entscheidung verknüpft: Versäume ich, eine zweite Diagnose einzuholen, betreibe ich den falschen Sport oder rauche ich, so werden mir die Konsequenzen dieses Verhaltens zugeschrieben.Google Scholar
  27. 28.
    Ein Beispiel für eine solche Teildisziplin ist Public Health. Diese befaßt sich mit der Analyse, Bewertung und Organisation von Gesundheitsproblemen und beruht ausdrücklich auf dem Verständnis, daß nicht nur die kurative Medizin, sondern auch soziale Variablen einen gewichtigen Einfluß auf das gesundheitliche Befinden haben (Mann 1997: 197).Google Scholar
  28. 29.
    Nicht umsonst führt z.B. Mayntz den Zusammenbruch der osteuropäischen Staaten auf ein Modernisierungsdefizit der gesellschaftlichen Funktionssysteme zurück, die - da staatlich gesteuert - in ihrer Autonomie und somit in ihrer Leistungsfähigkeit extrem eingeschränkt waren (Mayntz 1992: 22f.)Google Scholar
  29. 30.
    Was nicht bedeutet, daß die strukturelle Kopplung die Autonomie des Systems infrage stellt. Beide stehen in einem “orthogonalen Verhältnis” zueinander (Baraldi u.a. 1998: 186): Auch wenn sie sich voraussetzen, können sie sich gegenseitig nicht bestimmen. So ist der Finanzstrom aus anderen Systemen existentiell für die Operationen des Gesundheitswesens, kann diese aber nicht determinieren, geschweige denn ersetzen.Google Scholar
  30. 31.
    Beide Begriffe sind nicht eindeutig voneinander abzugrenzen. Der Begriff der Interpenetration geht auf Parsons zurück und stellt nicht nur auf gegenseitige Abhängigkeit, sondern zumeist auch auf das Verhältnis zwischen sozialen und psychischen Systemen ab (vgl. S. 28). Der Begriff der strukturellen Kopplung (zurückgehend auf Maturana) hingegen ist allgemeiner angelegt und bezieht sich auf die Verhältnisse, die in der Umwelt eines Systems für seine Reproduktion gegeben sein müssen.Google Scholar
  31. 32.
    Die deutlichsten Anzeichen finden sich derzeit wohl im Wirtschaftssystem. Die Steigerung der Produktionsfähigkeit löst nicht nur in der biologischen Umwelt, sondern durch die Folgewirkung der Arbeitslosigkeit auch in anderen gesellschaftlichen Teilsystemen massive Probleme aus, die die gesellschaftliche Integration gefährden.Google Scholar
  32. 33.
    Demgegenüber steht die Kompressionsthese. Hier wird davon ausgegangen, daß der hinausgeschobene Tod auch hinausgeschobene bzw. eingesparte Kosten bedeutet. Denn die Kosten für Versterbende liegen wzar weit über den Kosten für Überlebende, diese Differenz nimmt aber mit der Höhe der Altersstufe ab. So zeigt eine deutsche Untersuchung, daß der Tod eines 60jährigen 20mal, der eines 90jährigen aber nur 5mal teurer ist als die Versorgung von Überlebenden (Seidler u.a. 1996). Die Argumentation läuft darauf hinaus, daß sich die Manifestation tödlicher Krankheiten verstärkt an der Grenze der maximalen Lebensspanne kumulieren wird. Ein Großteil der kostenintensiven medizinischen Pflege, die gegenwärtig in den letzten Lebensjahren geleistet werden muß, würde somit zukünftig obsolet.Google Scholar
  33. 34.
    Hinzu kommt, daß viele dieser Krankheiten,junge’ Krankheiten sind, die in ihren Entstehungszusammenhängen und Therapiemöglichkeiten bislang nur unzureichend erforscht sind (z.B. Alzheimer, Parkinson). Es ist also zu vermuten, daß in Zukunft viele Ressourcen in ihre Erforschung investiert werden. Entsprechend konstatiert Kramer: „Weit entfernt von einem Halbgott in Weiß, der den Schlüssel zu ewiger Jugend verwaltet, gleicht der moderne Mediziner eher einem Sisyphus, dessen Nöte mit jedem Erfolg nur größer werden - je mehr er sich abmüht, desto weiter rückt das Ziel, desto unerreichbarer entweicht eine Gesellschaft glücklicher und gesunder Menschen in das Reich der fernen Utopie: die moderne Medizin sitzt ein für alle mal in einer großen Fortschrittsfalle fest. “ (Kramer 1993: 38 )Google Scholar
  34. 35.
    Dies bedeutet allerdings nicht, daß die wesentlichen Solidarprinzipien des Gesundheitssystems (Risikoausgleich, Umverteilung) in Frage gestellt werden. Gerade weil Gesundheit ein existentielles Gut mit hohem Risikograd ist, scheint die Solidaritätsbereitschaft im Vergleich mit anderen Sicherungssystemen starker ausgeprägt (Ullrich 1998 ).Google Scholar
  35. 36.
    Man muß aber auch Krämer Recht geben, wenn er konstatiert: “ (…) so muß ich hier an Leute denken, die sich waschen wollen, ohne naß zu werden. Von einer künstlichen Niere oder von einem Computertomographen kann man nun mal keine Gefühle erwarten, auch wenn sie uns zehnmal das Leben retten. Und eine Intensivstation wird nie so gemütlich wie ein Wohnzimmer.” (Krämer 1993: 10 ).Google Scholar
  36. 37.
    Man muß noch nicht einmal auf diese exemplarischen Bereiche zurückgreifen. Ich empfehle - auch auf die Gefahr extremer Beklemmungen hin - den Artikel einer GEO-Special zu den neuesten Methoden der Verbrennungsmedizin. Zitat eines Arztes: “Wir produzieren hier ein Monster. Und wir können nichts mehr dagegen machen - außer hoffen, daß die Kleine sich aufgibt und stirbt. ” (GEO-Wissen 1995: 68 ).Google Scholar
  37. 38.
    Postman berichtet z.B. von den Ressentiments der Patienten gegen den Einsatz des Stethoskops: “(Sie) erschraken oft bei (seinem) Anblick, weil sie es fur das Anzeichen eines unmittelbar bevorstehenden chirugischen Eingriffs hielten (…) ” (Postman 1992: 108). Aber auch die Ärzte hatten einen ernstzunehmenden Einwand, nämlich daß die Einschaltung eines Instrumentes zwischen Patient und Arzt die gesamte medizinische Praxis verändern werde: Die ärztliche Fähigkeit würde verlorengehen, da man sich mehr auf Apparate statt auf die eigene Erfahrung stützen würde!Google Scholar
  38. 39.
    Münch knüpft in seiner Konzeption an Parsons an. Bei Parsons bezeichnet der Begriff die Verflechtung normativer Strukturelemente in einzelnen Systembausteinen und damit zugleich den Prozeß der Verflechtung der Systeme zu einem Ganzen. Interpenetration ist also ein Prozeß der Bildung von homogenen Mustern in analytisch distinktiven Systemen (Jensen 1978: 126 ).Google Scholar
  39. 40.
    Nicht zuletzt deshalb wird das Konzept der Kontextsteuerung auch als Annäherung der Systemtheorie an handlungsorientierte Ansätze begriffen (Nolte 1999: 106f.)Google Scholar
  40. 41.
    Es ist ja schon aus logischen Gründen zwingend, daß alle Organisationen gemeinsame Merkmale aufweisen, sonst wurden sie ja nicht „Organisationen” genannt werden.“ (Turk 1995: 204)Google Scholar
  41. 42.
    So setzt beispielsweise Etzioni Entdifferenzierung mit der Regression zu einfacheren Systemen gleich, die die instrumentellen Gewinne der Differenzierung unterminieren. In seinem Evolutionsmodell folgt daher auf die differenzierte Gesellschaft die reintegrierte Geselllschaft, die die Fähigkeiten der differenzierten und die integrative,Ganzheit’ der undifferenzierten Gesellschaft kombiniert (Etzioni 1975: 580ff.). Unklar bleibt allerdings, wie sich denn genau der Prozeß der Reintegration vollziehen soll - sowohl auf der Ebene gesellschaftlicher Teilsysteme als auch auf Akteurebene.Google Scholar
  42. 43.
    Insbesondere Habermas räumt dem Recht aufgrund seiner Vermittlungsfunktion zwischen System-und Lebenswelt eine sehr exklusive Stellung ein: Lebensweltliche BotschaftenGoogle Scholar
  43. 44.
    Berger definiert noch konkreter: “Unter Reflexion kann man allgemein eine Selbstbeschränkung eines gesellschaftlichen Teilbereichs bei der Verfolgung der bereichsspezifischen Ziele verstehen” (Berger 1986: 94).Google Scholar
  44. 45.
    Zum Beispiel durch seine pofessionelle Ethik, die sich angesichts des technischen Fortschritts neuen Problemlagen anpassen muß. Außerdem verfügt das Gesundheitssystem über die außergewöhnliche Fähigkeit, alle anderen Systeme zur Anpassung zu drängen. Dies geht auf die durchschlagende prioritäre Logik von Krankheit zurück: Der Arzt hat Vortritt vor allen Funktionsbereichen; wenn der Körper aktuelle Hilfe verlangt, müssen alle anderen teilsystemischen,Uhren’ stillstehen (Luhmann 1990a: 188ff.).Google Scholar
  45. 46.
    Alle wichtigen gesellschaftlichen Teilbereiche haben Zweitcodierungen ausgeprägt, z.B. die Zweitcodierung der politischen Macht durch das Recht oder die des Eigentums durch das Geld. Zweitcodierungen sind besser technisierbar und führen zu einem gesteigerten Repertoire der Programme und der der Risikoabsorption (Luhmann 1990a: 188).Google Scholar
  46. 47.
    Nach Bauch entwickelt sich diese Unterscheidung zu einer gesamtgesellschaftlichen Leitcodierung,die eine Art Supervision über alle anderen gesellschaftlichen Teilbereiche ausübt. Diese Leitcodierung ist ebenfalls ein Integrationsmechanismus, denn sie bremst den Selbstlauf der Systeme insofern, als daß die Fremdgefährdung von Natur und Mensch nicht zur Selbstgefährdung der Gesellschaft durch sich selbst wird (Bauch 1996a). Obwohl diese These äußerst attraktiv ist, wird sie von der Verfasserin nicht geteilt. Denn andere Teilsysteme könnten aufgrund ihrer Relevanz ebenfalls die gesellschaftliche Leitcodierung beanspruchen. Bestes Beispiel ist derzeit das Wirtschaftssystem: Die wirtschaftliche Semantik diffundiert zunehmend in die Prozesse anderer gesellschaftlichen Teilsystemen (Stichworte Effizienz, Innovation, Kundenorientierung); insofern übt auch das Wirtschaftssystem eine Art Supervision über seine gesellschaftliche Umwelt aus.Google Scholar

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