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Wege zum Raum pp 185-207 | Cite as

Ein dynamisches Analyse-Modell für Raum

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Zusammenfassung

Nachdem ich im 3. Kapitel vornehmlich auf Möglichkeiten gedanklicher (Raum-)Konstruktionen eingegangen bin und dann weiter eher materialfokussierte Modelle der Physik und eher sozial-fokussierte Modelle der Gesellschaftswissenschaften vorgestellt habe, möchte ich nun im abschliessenden Kapitel einen Vorschlag unterbreiten für ein dynamisches Analyse-Modell 1, an dem sich Forschung über Raum orientieren kann. Dafür will ich nun zunächst sammeln, welche Kriterien aus den in dieser Arbeit diskutierten ‚Wegen‘ zum Raum Berücksichtigung finden sollen im Rahmen meiner Konstruktion.

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Literatur

  1. 1.
    Die sprachliche Nähe zur,Dynamischen Analyse’, wie sie Theodor Harder betreibt (1994), ist nicht zufällig gewählt. Es geht jeweils darum, nicht in isolierten Kausal-Ketten zu denken, sondern Realität als simultan und miteinander vernetzt auftretende Prozesse zu würdigen. Harder präsentiert dafür die mathematischen Grundlagen, um z.B. Zeitabstände und Änderungsraten bei Geschwindigkeiten oder Beschleunigungen von Anfang an in dynamischen Analyseformen zu berücksichtigen. Für mit Raum verknüpfte dynamische Wirkungszusammenhänge präsentiere ich hier keine mathematischen Modelle, sondern ein methodologisch ausgerichtetes.Google Scholar
  2. 2.
    Z.B. wird derzeit begeistert vom,Quantensprung in der-und-der Entwicklung’ gesprochen, wobei i.d.R. ein großer Fortschritt oder eine grundlegende Veränderung gemeint ist. Dagegen verweist der physikalische Quantensprung auf die Diskontinuität von Raum und bezeichnet eine extrem kleine Veränderung.Google Scholar
  3. 3.
    Ich verstehe hier den Begriff der,Aneignung` in seiner begrenzteren Konnotation als,Zugang zu’ bzw. als,Erschließung` und nicht in seiner auch gebräuchlichen Verwendung für ein Zueigenmachen des Ganzen, was hier alle von mir vorgeschlagenen Raumfacetten beträfe. verknüpft bleibt! Das erwünschte Modell müßte folglich so flexibel sein, daß Bewegung und Veränderungen darin denkbar sind.Google Scholar
  4. 4.
    Das Werk von Aurelius Augustinus (354–430) gehört zu den wirkungsmächtigsten Schöpfungen der abendländischen Geistesgeschichte. Im Ausklang der Antike legt Augustinus, indem er das Erbe der antiken Philosophie aufgreift, die Grundlagen für eine,christliche Philosophie’. Er wird damit zum Wegbereiter für das Mittelalter. In seinem Denken finden sich aber bereits viele Ansätze, die in die Neuzeit und Gegenwart reichen, und u.a. bei Descartes oder etwa in Husserls Analysen des inneren Zeitbewußtseins aufgegriffen werden. Wichtigstes Dokument für das Verständnis seiner Person sind seine,Confessiones “(Kunz-mann u.a., 1991, S. 69 ).Google Scholar
  5. 5.
    Immanuel Kant (1724–1804), vgl. Kap.4Google Scholar
  6. 6.
    Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716), vgl. Kap.4 bert Elias’ (1984) Raum wie Zeit als,menschliche Syntheseleistungen’, die im Wandlungsprozeß der Gesellschaft miteinander untrennbar vernetzt sind. — Dagegen entwickelten sich Alltagsleben wie auch neuzeitliche Naturwissenschaft eher raumdominant, ohne dieses besonders zu reflektieren. Die Raumvorstellung war zudem i.d.R. reduziert auf den dreidimensionalen Euklidischen Raum, der z.T. noch dimensional reduziert wurde. In der Alltagssprache finden wir zahlreiche Spuren unserer eher raumdominanten Wahrnehmung. Insbesondere in der Beschreibung von Gefühlen werden häufig raumkennzeichnende Attribute verwendet: Wir sprechen von,riesiger` Freude und von,großem` Schrecken, wir empfinden etwas als,abgrundtief` häßlich oder als,überirdisch` schön, wir zeigen,grenzenloses` Erstaunen — nicht,ewiges`, wir versprechen höchstens,ewige` Liebe in Mißachtung sowohl der alltäglichen Realitäten als auch der menschlichen Möglichkeiten. In Sprache und Alltagswahrnehmung wird Zeit sowohl für gegenwärtige als auch für überschaubare, körpernahe Vorgänge verräumlicht. Erst bei Grenzüberschreitungen, Überschreiten der Enden, der Endlichkeit sozusagen wird auch der Raum,unendlich` und nähert sich so der Ewigkeit und damit der Zeit an.Google Scholar
  7. 7.
    Norbert Elias (1897–1990), vgl. Kap.5 Fragestellungen in einem verändert definierten Feld. Das dialektische Aufgehobensein bedeutet schließlich nicht Aufgegebensein, sondern die veränderte Sicht auf eine,nicht mit sich selbst gleiche’ Gegebenheit. Um die Gleichzeitigkeit von Hervorbringen und Hervorgebrachtem in der Verwendung von Raumvorstellungen in gesellschaftswissenschaftlichen Konzepten zu beurteilen, habe ich im vorigen Kapitel das Modell des empirischen Relativs verwendet. Dieses auch als strukturierte/strukturierende Menge deklarierbare Modell reduziert zwar hermeneutische wie dialektische Vorstellungen stark, ist aber m.E. mit Rücksicht auf den derzeitigen Stand der Instrumentenentwicklung geeigneter, einen Methodenweg, wie ich ihn im 2. Kapitel dargestellt habe, zu operationalisieren. Für meinen Modellvorschlag folgert aus diesen Überlegungen, daß zumindest ein,Kreislauf abbildbar sein sollte, wobei jede Runde zu nicht mehr demselben raumzeitlichen Ort oder Problem führt.Google Scholar
  8. 8.
    Die erste Hälfte der Kategorien nannte er die,mathematischen`, die zweite die,dynamischen`, als Korrelate auftretenden Kategorien. Dem Relativ entspricht diese Anordnung, da jedem,mathematischen` Urteil über einen Gegenstand ein,dynamisches` quasi als Ergänzung gegenübersteht. Obwohl nen Göttinnen übernahm. Die Drei stand weiterhin für Stationen der Seele auf dem Wege zum Heil und vergleichbar für alle Prozesse, die zu einem guten Ende führen sollen — wie zahlreiche Sprichworte belegen. In jedem Fall wird mit der in der Dreiheit symbolisierten Kraft ein vorwärtsdrängendes Prinzip verkörpert. Das Dritte ist nicht die Summe der beiden vorangehenden, sondern entspringt deren Verbindung und weist zugleich darüber hinaus. Dieser Aspekt wird u.a. im dialektischen Dreischritt tragend. In der Philosophie war und ist so Dreiheit ein Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit (Haarmann, 1992, S. 264). Die Vier stand meist symbolisch für die Weltordnung bei den Sioux wie in der jüdischen Kabbala, bei den Jägern des Paläolithikums wie bei den Maya wie im Brahmanismus. In der Zwölf verbanden sich diese beiden Konnotationen zu einem Langzeitrhythmus für das Jahr, den Vegetationszyklus sowie Astronomie und Astrologie. Als Organisationsprinzip tauchte die Zwölf in der ägyptischen, orientalischen und in Folge der gesamten abendländischen Mythologie auf — in Nordeuropa teilweise überlagert von einer negativen Konnotation (z.B. die zwölf Rauhnächte,zwischen den Jahren’, die durch die Heiligen Drei Könige und ihr Signet gebannt werden; vgl. ebd., S. 265ff). Gemäß meiner Vorannahme, daß wissenschaftliches Denken nicht unabhängig von gesellschaftlicher Konstruktion geschieht, interpretiere ich Kants Setzung als Ausdruck dieser Wechselwirkung.Google Scholar
  9. 9.
    Mathematisch ist aus dem Griechischen entlehnt. Dort bedeutet mathema „das Gelernte, die Kenntnis“ (vgl. Kap. 3), und als Verb manthänein = „(kennen-)lernen, erfahren”. Dynamisch stammt vom griechischen dynamikös = „mächtig, kräftig, stark, wirksam“ und dem älteren dynasthai = „vermögen, können”. dynmis heißt „Vermögen, Kraft“.Google Scholar
  10. 10.
    Zum allgemeinen Urteil,alle S sind P` als Ausdruck der Quantität Einheit paßt das kategorische Urteil,S ist P` als Ausdruck der Relation Inhärenz versus Subsistenz; zum besonderen Urteil,einige S sind P` als Ausdruck der Quantität Vielheit paßt das hypothetische Urteil,wenn… dann’ als Ausdruck der Relation Kausalität versus Dependenz; zum einzelnen Urteil,ein S ist P` als Ausdruck der Quantität Allheit paßt das disjunktive Urteil,entweder… oder` als Ausdruck der Relation Gemeinschaft; zum bejahenden Urteil,S ist P` als Ausdruck der Qualität Realität paßt das problematische Urteil,es ist möglich` als Ausdruck der Modalität Möglichkeit versus Unmöglichkeit; zum verneinenden Urteil,S ist nicht P` als Ausdruck der Qualität Negation paßt das assertorische Urteil,in der Tat ist` als Ausdruck der Modalität Dasein versus Nichtsein; zum unendlichen Urteil,S ist Nicht-P’ als Ausdruck der Qualität Limitation paßt das apodiktische Urteil,notwendig ist` als Ausdruck der Modalität Notwendigkeit versus Zufälligkeit.Google Scholar
  11. 11.
    Spuren werden hinterlassen von vorherigen Nutzungen, z.B. als Abnützungsspuren oder im waidmännischen Sprachgebrauch als Fährten im Boden oder im Schnee. Beispiele, die für eine Raumanalyse bedeutsam sein könnten, sind: Trampelpfade, abgetretene Fußbodenbeläge, Fahrspuren, durch Spontanvegetation bewachsene Verkehrsflächen, abgegriffene Handläufe etc. oder weggeworfener Abfall. — Ein Zeichen ist eine sinnlich wahrnehmbare Gegebenheit — ein Gegenstand, eine Erscheinung, ein Vorgang oder eine Handlung, die eine vereinbarte Bedeutung oder Information trägt. Als Anzeichen wird es kausal verursacht von dem Ereignis, das es anzeigt — z.B. Rauch zeigt Feuer an. Zeichen repräsentieren immer eine andere Gegebenheit. Als konventionelle Zeichen sind sie willkürliche Repräsentanten (z.B. Wörter) und bedürfen der Interpretation. Beispiele, die für eine Bestandsaufnahme im Quartier informationsreich sein könnten, sind: Verkehrszeichen, Graffiti, Hüpfkästen o.ä. von Straßenspielen der Kinder, Plakate, Aufkleber, Kleidung von Passantlnnen, Schaufenstergestaltung, Fensterschmuck, wärtigen und vergangenen ökonomischen und politischen Lebens der in ihr agierenden Menschen. Landschaft trägt somit einen kulturellen Ausdruck, der für die Bewohnerinnen Heimat bedeuten kann oder zumindest eine Haltung hervorruft (egal, ob Identifikation oder Ablehnung oder,Leere`; vgl. Jüngst, 1984; Jüngst and Meder, 1986, 1988, 1993, 1995; Ipsen, 1993). Das Landschaftsbild dient so auch der Kontrolle bzw. Beurteilung jeglicher eingreifenden Regulation — und oft genug entspricht das Bewirkte nicht dem Plan.Google Scholar
  12. 12.
    Ausstattung von Autos, Wohnungen, Büros, Kneipen, etc. — Ein Symbol steht stellvertretend für einen Vorgang oder Gegenstand, der nicht unmittelbar wahrnehmbar ist, sondern eher abstrakt ist. Fast alle materiellen Objekte, Formen, Farben, Melodien oder Sprachformen und Verhaltensweisen können Symbolfunktion übernehmen. Als Codes in der Interaktion wirken sie als Ausschlußkriterium für Nichteingeweihte.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 2000

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