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Die Ehe — Spannungsfeld zwischen ökonomischer Strategie und Verpflichtung

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Part of the Reihe Geschlecht und Gesellschaft book series (GUG, volume 27)

Zusammenfassung

In der palauanischen Gesellschaft haben Frauen, wie vorangegangene Ergebnisse zeigen, als Schwestern einen großen Einfluss in ihrer Matrilineage und in den sozialen Beziehungen zwischen den Verwandtschaftsgruppen. Im reproduktiven Bereich sind sie in der Mutterrolle als Vermittlerinnen neuen Lebens von Bedeutung. Durch die Ehe und über die Kinder schaffen sie das soziale Netz der Verwandtschaftsgruppen und bringen Werte in die eigene Matrilineage. Um die Kontinuität der Lineage, der Abstammungsgruppe, zu sichern, ist in Gesellschaften mit matrilinearen Verwandtschaftsgruppen die Geburt von Töchtern wichtig. Im folgenden Kapitel soll die Bedeutung der Ehe als Aktionsfeld der Frau den Veränderungen im reproduktiven Bereich durch Modernisierungsprozesse gegenübergestellt werden.

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Literatur

  1. 1.
    Nicht nur die Ehefrau, auch die Brüder und Mutter-Bruder jeder Lineage und deren Ehefrauen tragen dazu bei, die Beziehung der Verwandtschaftsgruppen und den Tausch zu intensivieren. Deshalb besteht das Erbe nach dem Tod des Ehemannes aus genau definierten Zahlungen, die auch dem Mutter-Bruder und den Brüdern zugute kommen.Google Scholar
  2. 2.
    Allerdings werden heute Trennungen durch die Vermischung von überlieferten Regeln und modernen Gesetzen verkompliziert, wie Judy L. (29 Jahre) meint.Google Scholar
  3. 3.
    In den Angaben des statistischen Jahrbuchs 1992 werden wesentlich niedrigere Scheidungszahlen für Palau genannt (5,5%) und auch eine wesentlich niedrigere Anzahl verwitweter Frauen (9,5%) (vgl. Yearbook 1992, 21). Beide abweichenden Ergebnisse sind auf die Altersstruktur (mein Fokus liegt bei der Altersgruppe der 35–55jährigen) und auf die hauptsächlich urbane Herkunft der von mir befragten Frauen zurückzuführen sowie darauf, dass im statistischen Jahrbuch Arbeitsmigrantlnnen anderer ethnischer Herkunft, meist jüngere unverheiratete Personen, einbezogen sind.Google Scholar
  4. 4.
    If matrilinear descent groups are to be maintained, therefore, and if women are necessary to those groups for continuity, women’s ties to their husbands must not be such that the priority they assign their marital ties supersedes that which they give to their matrilinear descent group“ (Gough 1961,17).Google Scholar
  5. 5.
    Nur eine jüngere Frau lehnt die Praxis ab und wehrt sich gegen den Gedanken, sich „zurückkaufen“ zu lassen.Google Scholar
  6. 6.
    Vergleiche dazu auch die Kritik an entsprechenden ethnozentrischen Annahmen bei Moore 1990, 107.Google Scholar
  7. 7.
    Mary K., (49 Jahre, Anthropologin) erzahlt, dass aufgrund der früher generell üblichen arrangierten Heirat Legenden von unerfüllter romantischer Liebe zwischen Mann und Frau entstanden, die bis heute erzahlt werden.Google Scholar
  8. 9.
    Die weitverzweigte Kette des Tausches stellt ein Gegengewicht dar zu der Autoritäts-und Machtverteilung zwischen Ehemann und Bruder (vgl. Schneider/Gough 1961; Schlegel 1977 ). Nur vordergründig bestehen Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Individuen, im Hintergrund wird der Tausch getragen von vielfältigen, vemetzten und verzweigten Ketten von Abhängigkeitsverhältnissen der in Beziehung miteinander getretenen Gruppen. Das „matrilineare System“ fußt meines Erachtens auf der Abhängigkeit zwischen Gruppen, vermittelt durch einzelne Personen.Google Scholar
  9. 10.
    Als Grundlage dieser Diskussion möchte ich auf die von Lévi-Strauss (1969/1971) entfachte Debatte in der Anthropologie über die Frau als Tauschmittel in Ehebeziehungen hinweisen.Google Scholar
  10. 11.
    Auch Annette Weiner weist in ihrer Studie über die Trobriand-Inseln auf das Tabu der öffentlichen Erörterung sexueller Beziehungen und des Zeigens von Emotionen zwischen Eheleuten hin (vgl. Weiner 1978, 196).Google Scholar
  11. 12.
    So beinhalten die Neckereien Anspielungen auf die den weiblichen Genitalien gleichende Riesenmuschel, die von den Männern vom Meeresboden geholt wird und auf die dem männlichen Penis gleichenden Seegurken, die von den Frauen bei Ebbe gesammelt werden.Google Scholar
  12. 13.
    Diese Regel wird von jüngeren Männern konsequent eingehalten, wie ich in meiner Gastfamilie beobachten konnte. Die jüngeren Männer der Verwandtschaft betraten niemals das Haus, wenn Frauen anwesend waren. Selbst bei einer Einladung blieben sie mit gesenktem Kopf als Zeichen des Respekts an der Türschwelle stehen.Google Scholar
  13. 14.
    Keine der von mir befragten palauanischen Frauen und auch kein Mann erwähnt entsprechende komplementäre Reiferiten für junge Männer. Obwohl Karen Nero auch für die vor-koloniale Gesellschaft von Palau keine Reiferiten für junge Männer angibt (vgl. Nero 1990, 71), kann, wie in Kapitel 2.2.2 beschrieben, meines Erachtens die Initiation der Klubs der jungen Männer als ein Reiferitus gesehen werden, der allerdings in der modernen palauanischen Gesellschaft keine Entsprechung mehr findet.Google Scholar
  14. 15.
    Um gerade bei diesem Thema die Anonymität der Informantinnen zu wahren, verwende ich hier keine Zitate zur Veranschaulichung.Google Scholar
  15. 16.
    Nero stellt, im Gegensatz zu Heinemann, in der modernen palauanischen Gesellschaft einen relativ hohen Grad von Gewalttätigkeit fest. Zumeist spielen sich Gewalttätigkeiten aber in der gleichen Alters-und Geschlechtsgruppe ab und sind oft mit Alkohol-und Drogenmissbrauch verbunden (vgl. Nero 1990, 78). Heinemann greift meines Erachtens einseitig bestimmte harmonisierende Strukturen der vorkolonialen palauanischen Gesellschaft auf. So entsteht bei Heinemann das Bild einer friedfertigen matrilinearen Gesellschaft in Palau, das nicht den früheren und auch nicht den modernen Gegebenheiten entspricht (vgl. Heinemann 1995, 66 und 1311 ).Google Scholar
  16. 17.
    Inzwischen finden alle zwei Wochen an den „pay day“- Wochenenden (Lohntag) customs statt, bei denen Tauschzahlungen eingebracht werden müssen (wie bei den „house parties” zum Gelderwerb für ein neues Haus).Google Scholar
  17. 18.
    Im amerikanischen Sprachgebrauch wird die Erst-Geburts-Zeremonie auch als „coming out“ oder „baby shower” bezeichnet. Das palauanische Wort ngasech bedeutet „heraustreten“ und bezeichnet den Vorgang, wenn die Frau nach den heißen Bädern geschmückt vor die Öffentlichkeit tritt. Der englische Begriff „baby shower” entspricht dagegen nicht dem wirklichen Vorgang der Zeremonie, da nicht das Kind, sondern die Mutter die heißen Bader bekommt und auch die Ehrung durch die Zeremonie der Mutter gilt.Google Scholar
  18. 19.
    Die früheren Grasröcke werden jetzt aus anderen Materialien gefertigt, aber der Haarknoten und der Haar-und Blumenschmuck richten sich noch immer nach der Ranghöhe der Lineage und den Farben des Herkunftsdorfes der Frau.Google Scholar
  19. 20.
    Je nach Ranghöhe und Reichtum kann es ein einzelnes Geldstück oder eine Kette mit vielen wertvollen Stücken sein.Google Scholar
  20. 21.
    Da der Körper der heraustretenden Mutter mit Ingweröl eingerieben ist, kleben die Dollarscheine überall auf dem Oberkörper. Beim Einkauf im Supermarkt bekommt man ab und zu einen gelb vertbrbten Geldschein — das moderne Geld ist so gezeichnet von der Farbe der überlieferten Rituale.Google Scholar
  21. 22.
    Ida H. (32 Jahre) erzählt von ihrem ngasech auf einer palauanischen Insel, auf der es heute noch üblich ist, nach überlieferter Form eine Plattform auf hohen Leitern zu bauen, auf der die Frauen sich präsentieren. „When we ‘go up’, we go up the steps - and it depends on how many steps - its like the three (or six) highest clans, they would go up the steps. They build kind of a platform - I did it, they cut mine three times, because they made it too high and my mom got scared (…).“ (Seite: 15)Google Scholar
  22. 23.
    Ähnliche Prozesse der Veränderung von Familienstrukturen und Akzeptanz von alleinerziehenden Frauen waren während dieser Zeit überall auf der Welt, auch in europäischen Ländern zu beobachten (vgl. Moore 1990, 21).Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 2001

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