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Die Verteilung des Geldes ist Sache der Frauen

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Part of the Reihe Geschlecht und Gesellschaft book series (GUG, volume 27)

Zusammenfassung

Die ökonomische Bedeutung von Frauen in der palauanischen Gesellschaft hat ihre Grundlage im Tauschsystem der matrilinearen Verwandtschaftsgruppen. Frauen hatten darin in vorkolonialer Zeit eine bedeutende Rolle durch den Erwerb von Werten (palauanische Geldstücke) durch Heirat, als mengol und durch die Taroproduktion für den Tausch. Sie hatten eine distributive Rolle, die ihnen Prestige vermittelte, indem sie als älteste Schwester und in der Funktion des weiblichen Oberhauptes die Verteilung der Ressourcen ihrer Lineage im Tausch (Ehe und Erbe) mit anderen Lineages regelten. Die Entwicklung zu einer modernen Gesellschaft unter dem Einfluss der Kolonisierung und Modernisierung bedingte eine Veränderung der Tauschökonomie der palauanischen Gesellschaft hin zu einer Warenökonomie mit kapitalistischen Erwerbsbedingungen. Es stellt sich die Frage, ob die ökonomische Bedeutung von Frauen in der vorkolonialen palauanischen Gesellschaft in der modernen palauanischen Gesellschaft weiterbestehen kann oder ob die „Integration vorkapitalistischer Sozialgeftige in die kapitalistische Weltwirtschaft“ (Moore 1990, 141) die hohe ökonomische Bedeutung von palauanischen Frauen dem patriarchal geprägten Lohnarbeitsbereich unterordnet.

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Literatur

  1. 1.
    Eine Prestigeökonomie ist dadurch gekennzeichnet, dass Subsistenzprodukte mit anderen geteilt und getauscht werden und durch diese Produkte sozialer Status und soziale Anerkennung vermittelt und gewonnen werden (vgl. Bascom 1970, 85).Google Scholar
  2. 2.
    Evelyn Heinemann spricht in ihrer ethnopsychoanalytischen Untersuchung Ober Palau von einer „oralen Fixierung“ der palauanischen Kultur und Mythologie. „Grundlage der Gemeinschaft ist der Tausch von Essen gegen Geld. Das Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen soll den Wunsch, dem anderen etwas zu nehmen, und die Angst, nicht genug zu bekommen, abwehren” (Heinemann 1995, 125).Google Scholar
  3. 3.
    Verbunden mit dieser Regel soll vor allem Frauen in einem bestimmten Alter (erste Menstruation und Frauen zu Beginn des Klimakteriums) der beste Fisch und die beste Nahrung zukommen.Google Scholar
  4. 4.
    Homer Barnett (1960), einer der bekanntesten amerikanischen Forscher über Palau, gibt die Beobachtung eines Freundes wieder, der bei einer palauanischen Familie zum Essen eingeladen war. Der Ehemann aß sämtlichen Fisch bis auf die Köpfe der Fische und ließ diesen, in unseren Augen „unwerten Rest“ der Frau zum Essen Orig. Barnett benutzt dieses Beispiel, um die minderwertige Stellung der Frau in der palauanischen Familie darzustellen. Die Bedeutung des Kopfes in der palauanischen symbolischen Ordnung, die besonders bei der Gabe der Nahrung in soziale Hierarchieregeln umgesetzt wird, wurde von Barnett nicht nachvollzogen (vgl. Barnett 1960, 22 ).Google Scholar
  5. 5.
    Auf der anlässlich des internationalen Frauentages veranstalteten nationalen Frauenkonferenz 1994 gab eine der beiden ranghöchsten Titelfrauen, Bilung,eine Erklärung zur Einschränkung der customs ab, um die übermäßige Beanspruchung von Arbeit und Geld der Frauen, vor allem von unverheirateten Frauen, einzugrenzen. Vergleiche dazu auch die Ausführungen in Kapitel 9.4.Google Scholar
  6. 6.
    Die von mir befragten Männer konnten in dieser Auflistung nicht berücksichtigt werden, da ich zahlenmäßig weniger Männer als Frauen befragte und fast alle befragten Männer in führenden Positionen in Politik und Wirtschaft stehen. Siehe dazu die Auflistung des Gesamtsamples in Kapitel 4.3.Google Scholar
  7. 7.
    In die Zahlen des statistischen Jahrbuchs gehen auch die Zahlen der berufstätigen Nicht-palauanerinnen ein.Google Scholar
  8. 8.
    In der ehemaligen DDR war das Arbeitseinkommen von Frauen im Jahr 1989 um 24% niedriger als das der Manner (vgl. Müller 1996, 193).Google Scholar
  9. 9.
    Das teilweise höhere Einkommen von Frauen in Dörfern erklärt sich daraus, dass dort mehr Frauen als Lehrerinnen oder Köchinnen arbeiten und zusätzlich ihre angebauten Feldprodukte wie Taro und Tapioka verkaufen, während mehr Männer arbeitslos sind und ihren Lebensunterhalt allein durch den Verkauf des von ihnen gefangenen Fischs bestreiten.Google Scholar
  10. 10.
    In diesem Kapitel werde ich bei Zitaten aus den Interviews die Berufsangaben berücksichtigen, da sie inhaltlich hier von Interesse sind.Google Scholar
  11. 11.
    Allerdings lebt auch rund ein Drittel der palauanischen Bevölkerung im Ausland, um zu arbeiten und zu studieren.Google Scholar
  12. 12.
    Eine besondere Bedeutung bekommt das palauanische Geld inzwischen dadurch, dass es von reichen Lineages oder Individuen zu hohem Wert (US Dollar) gekauft wird und im Unterschied zu seiner früheren Bestimmung als Tausch-und Zirkulationsmedium heute auch privat akkumuliert wird.Google Scholar
  13. 13.
    Mit Patricia S. führte ich ein Expertlnneninterview, das sich inhaltlich nicht nach dem Leitfaden der anderen Interviews richtete, deshalb nahm ich dieses Gespräch nicht in mein Sample auf.Google Scholar
  14. 14.
    Die Autorität des Bruders über die Kinder der Schwester gründet nach Norman B. auf der Versorgungsverantwortung gegenüber der Schwester und ihren Kindern und der Möglichkeit der Schwester, mehrere Ehen einzugehen und ihm dadurçh Geld zukommen zu lassen.Google Scholar
  15. 15.
    Auf die Frage, warum Frauen mehr Verpflichtungen übernehmen in ihrer Rolle in der Verwandtschaftsgruppe, gibt Norman B. ein Argument wieder, das sehr oft in Palau zu hören ist: Es gäbe zahlenmäßig mehr Frauen als Manner und so müssten sich die Frauen vermehrt um die Brüder kümmern. Nach der offiziellen Bevölkerungsstatistik gibt es aber sogar einen geringfügigen Männerüberschuss in Palau (vgl. Yearbook 1992, 9). Die Wahrnehmung eines Frauenüberschusses könnte darin begründet sein, dass in allen Tauschzeremonien der Verwandtschaftsgruppen die Frauen im Vordergrund stehen. Da diese Zusammenkünfte immer noch einen wesentlichen Teil der Öffentlichkeit in Palau bilden, werden Frauen auch eher öffentlich wahrgenommen und lassen so das Bild einer angeblichen Frauenmehrheit in der palauanischen Bevölkerung entstehen.Google Scholar
  16. 16.
    Die Emanzipation der Frau hat in Palau schon vor Tausenden von Jahren stattgefunden, wie Joseph P. lachend bemerkt. Seine Stimme wird lauter, als er ironisch hinzufügt, dass die Idee der „women’s liberation“ aus den USA in Palau eigentlich umgekehrt eine „men’s liberation” sein müsste.Google Scholar
  17. 17.
    Vergleiche dazu die Untersuchungen von Marshall 1979; Hezel/Rubinstein/White 1985; Lynn/Sparks 1987; Hezel 1989/1993a.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 2001

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