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Arbeits- und Betriebsverhältnisse

  • Klaus Schlottau
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Zusammenfassung

Den Arbeits- und Lebensverhältnissen der Gerber und Lederarbeiter wird in den bisherigen Veröffentlichungen nur wenig Aufmerksamkeit gewidmet.1 Dies hat einleuchtende Gründe: Den Gerbern wird durch die Familienforschung, durch die Heimat- und Regionalforschung auch nicht annähernd die Aufmerksamkeit geschenkt, die andere Gewerbe auf sich ziehen konnten. Das Forschungsdesiderat ist auf mehrere Ursachen zurückzuführen. Eine davon liegt in der mangelnden Überlieferung staatlicher Archive. Die Gerber standen anders als z.B. Wasserkraftnutzer aller Art, Glashüttenbesitzer, Gewerke etc. nicht in einem auf den Ort und die Person zurückführbaren Schriftwechsel mit archivbildenden Institutionen der Grund- oder Territorialherrschaft: ihr Gewerbe tangierte in aller Regel keine Regalien oder herrschaftlichen Besitztümer. Das Wasser konnten sie, auch wenn sie es arg verschmutzten, im Rahmen des Gemeingebrauchs benutzen.

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Literatur

  1. 1.
    Aus Mange] an wissenschaftlichen Forschungen zu diesem Thema sei auf die vergleichbare Situation der Arbeiter in Schlachthöfen hingewiesen: Als Quelle und Einstimmung kann der Roman „Der Dschungel“ von Upton Sinclair aus dem Jahre 1905 verstanden werden.Google Scholar
  2. 2.
    Für die Entwicklung des Verbandes der Lederarbeiter und die Herausbildung von Berufsbezeichnungen vgl.: Klaus Schlottau, a.a.O., S. 103 ff. Besonders: Ebd., Akkordlohnvertrag der Firma Knecht & Wördemann, Schleswig-Klosterfeld, 21.12.1912, S. 107 ff. Ebenfalls Anhang 5, S. 173 f.Google Scholar
  3. 3.
    Vgl.: Ebd. S. 98 ff. Es wurden insbesondere die Personalakten einer großen Lederfabrik mit durchschnittlich 1.000 Beschäftigten für den Zeitraum 1938 bis 1955 statistisch ausgewertet. In der Personalkartei waren nicht nur die betrieblichen Daten aller Art, sondern auch eine große Anzahl von Daten zur persönlichen und familiären Situation verzeichnet, so daß dieses Material aufgrund der Fülle kaum ausgeschöpft werden kann.Google Scholar
  4. 4.
    Der Milzbrandbazillus, erstmals 1876 durch den Bakteriologen Robert Koch (1843 — 1910) nachgewiesen, ist unter dem Mikroskop als charakteristisches kräftiges Stäbchen mit abgerundeten Enden zu erkennen. Es vereinigt sich mit anderen Milzbrandbazillen zu langen Doppelketten, die das Bild eines Eisenbahngeleises erwecken. Diese Stäbchen sind die vegetative Form des Bazillus. Sie sind nur innerhalb des Körpers vorhanden und verursachen in der Regel durch ihre Häufung in den kleineren Blutgefäßen Verstopfungen und zehren Sauerstoff, so daß das befallene Lebewesen auf mechanischem Wege zu Tode kommt. Sobald Bazillen den Körper des Tieres verlassen, sei es durch die Darmentleerung oder durch das Ausbluten beim Schlachten, bilden die Bazillen unter Sauerstoffzufuhr ihre Dauerform, die Milzbrandspore. Sporen sind die eigentlichen Infektionserreger. Sie sind resistent gegen Austrocknung, gegen Hitze und relativ widerstandsfähig gegen Chemikalien, bilden also für die Desinfektion befallener Häute, Lebewesen und landwirtschaftlichen Flächen ein fast unlösbares Problem, weil sie über Jahrzehnte virulent sind. Vgl.: Willi Hausam: Bakterienschäden an Haut und Leder, Wiesbaden o. J., S. 99 f.Google Scholar
  5. 5.
    In einem Liter Wasser aus der Weiche einer Lederfabrik wurden 122.000 Millionen Keime nachgewie- sen. Davon waren nur 25 virulente Milzbrandsporen. Vgl.: Klaus Schlottau, a.a.O., S. 138.Google Scholar
  6. 6.
    In der modernen Lederfabrik ließ sich feststellen, daß die Arbeit in der Wasserwerkstatt für neu eintretende Arbeiter zu einer Bewährungsprobe wurde. Sobald in einer der anderen Abteilungen eine Arbeitskraft benötigt wurde, setzte sich eine Kettenreaktion durch alle anderen Abteilungen in Bewegung, die in der Wasserwerkstatt und deren schlimmsten Arbeitsplatz, in der Weiche endete. Quer durch alle Abteilungen erfolgte ein Aufrücken in etwas bessere Arbeitsbedingungen, so daß letztlich nicht ein neuer Stoller etc. eingestellt wurde, sondern ein neuer Arbeiter für die Weiche oder die Abfallbeseitigung. Hatte die neue Arbeitskraft ein oder zwei Jahre in diesen Abteilungen mit den unerträglichsten Belastungen überstanden, hatte sie die Chance, auf einen etwas besseren Arbeitsplatz aufzurücken — nur wenige Arbeiter haben die Bewährungsprobe bestanden. Sie kamen meistens als junge kräftige Männer aus landwirtschaftlichen Arbeitsverhältnissen. Vgl.: Ebd., S. 116 f.Google Scholar
  7. 7.
    Vgl.: Neues vollständiges Handbuch, a.a.O., S. 54.Google Scholar
  8. 8.
    Von einem derartigen Unfall waren 1889 gleich drei Arbeiter in einer Wandsbeker Lederfabrik betroffen. Nachdem der erste Arbeiter in der Grube zusammengebrochen war, wollten ihm nacheinander zwei Kollegen zur Hilfe kommen, die, kaum in der Grube, ebenfalls zusammenbrachen. Vgl.: Klaus Schlottau, a.a.O., S. 99.Google Scholar
  9. 9.
    Vgl.: Klaus Schlottau. a.a.O., S. 98 ff. Zu den Vorschriften der Berufsgenossenschaft gehörte auch das Verbot, mit der Arbeitskleidung und ungewaschen die Sozialräume und Toiletten aufzusuchen. Dennoch wird immer wieder berichtet, daß die Arbeiter nach Feierabend sich nicht duschten und die Kleidung wechselten, daß sie sich mit ihrem Pausenbrot auf Fellstapel und Karren setzten, daß sie auf die Toilette gingen ohne sich gewaschen zu haben. Die Folge war, daß Flöhe und Zecken, Milzbrandkeime und Schmutz in den Haushalt eingeschleppt wurden. Der äußere Milzbrand mit Pusteln und Geschwüren trat bei den Fabrikarbeitern ant häufigsten an den Unterarmen und am Hals auf. Gleich darauf aber folgten Infektionsherde an den Genitalien.Google Scholar
  10. 10.
    Jerome de Lalande: Die Kunst das Leder auf ungarische Art zu bereiten, a.a.O., S. 73.Google Scholar
  11. 11.
    Die kaum entwickelte Arbeitsteilung in den frühneuzeitlichen Gewerben verteilte auch die beruflichen Belastungen auf ein emägliches Maß. Die Auswirkungen sind allerdings recht wenig untersucht, obwohl in modernen Fabrikbetrieben aus Gründen der Produktivitätssteigerung die Arbeitsteilung zum Teil bereits wieder aufgehoben worden ist. Vgl.: Herbert Aagard: Gefahren und Schutz am Arbeitsplatz in historischer Perspektive. Am Beispiel des Nadelschleifens und Spiegelbelegen im 18. und 19. Jahrhundert. In: Technologie und Politik Band 16, Reinbek 1980, S. 155 ff.Google Scholar
  12. 12.
    Vgl.: Johannes Sandig, a.a.O., S. 125.Google Scholar
  13. 13.
    Vgl. Kapitel 8.1 und Tabelle Nr. 7 sowie die dort genannten Quellen.Google Scholar
  14. 14.
    Vgl.: Jerome de Lalande: Die Lohgerberkunst, a.a.O., S. 423 f.Google Scholar
  15. 15.
    Im Jahre 1802 wurde durch v. Meidinger, der die Kalkulation Lalandes unverändert übernahm, die Währungseinheit Livre mit dem zeitgenössischen österreichischen Gulden derart in Relation gesetzt, daß 2,5 Livres einem Gulden entsprachen. Vgl.: Carl Freiherr v. Meidinger, a.a.O., S. 37.Google Scholar
  16. 16.
    Um den Wert zu relativieren und auf einer Bezugsgröße abzubilden, die der zeitgenössischen Gerberei gemäß war, seien entsprechende Werte genannt: So konnte sich der Geselle z.B. für seinen Jahreslohn drei grüne Rindshäute, oder 1.500 kg Eichenlohe, aber auch 50 Malter Gerste kaufen. Eine Person verzehrte zu damaliger Zeit im Monat etwa einen halben Malter Getreide als Brot, vorwiegend aber als Grütze. Ein Tagelöhner konnte, zufolge der bekannten Tagelohnverordnungen, am Ende des 18. Jahrhunderts auf einen Jahresverdienst von 80 bis 90 Rtlr. hoffen.Google Scholar
  17. 17.
    Vgl.: Klaus Schlottau, a.a.O., S. 103 ff.Google Scholar
  18. 18.
    Vgl.: Hermann Bartenstein, a.a.O., S. 7 und 34.Google Scholar
  19. 19.
    Vgl.: Stickelberger, a.a.O., S. 64 f. Noch am Ende des 18. Jahrhunderts betonte Johann Beckmann, daß Gerbereien möglichst außerhalb der Städte oder an abgelegenen Orten angelegt werden sollten, damit die übrigen Einwohner nicht belästigt werden könnten. Vgl.: Beckmann, a.a.O., S. 211.Google Scholar
  20. 20.
    Vgl.: Bravo/rrupke, a.a.O., S. 248.Google Scholar
  21. 21.
    Vgl.: Theodor Körner, a.a.O., S. 54.Google Scholar
  22. 22.
    Vgl.: Cramer, a.a.O., S. 69.Google Scholar
  23. 23.
    Vgl.: Günter Bayerl: Die Papiermt[hle. Vorindustrielle Papiemiacherei auf dem Gebiet des alten Deutschen Reiches — Technologie, Arbeitsverhältnisse, Umwelt, Teil I, Frankfurt/Main, Bern, New York und Paris 1987. Zugleich Diss. phil. Hamburg 1983, S. 456 f.Google Scholar
  24. 24.
    Die Walkmühlen, die die Weißgerber benutzten, trugen ebenso zur Verschmutzung der Wasserläufe bei. Es gelangten Seifen, Fette und Öle jeder Art, meist im oxidierten Zustand, also stark stinkend, in den Fluß.Google Scholar
  25. 25.
    Nachdem sich Neumünster im 20. Jahrhundert zum Zentrum der Lederindustrie entwickelt hatte, wurde die Stör, einer der größten Flüsse in Schleswig-Holstein nur noch mit dem Styx, dem toten stinkenden Fluß der Unterwelt in der griechischen Mythologie, verglichen. Vgl.: Klaus Schlottau a.a.O., S. 137.Google Scholar
  26. 26.
    Theodor Koller: Handbuch der rationellen Verwertung, Wiedergewinnung und Verarbeitung von Abfallstoffen jeder Art, Wien und Leipzig 1921, S. 21 f.Google Scholar
  27. 27.
    Bei meinem ersten Besuch einer Gerberei verließ ich fluchtartig und mit einem heftigen Brechreiz ringend die Wasserwerkstatt, als die Weichbrühe eines Waschfasses in einer kleinen Flutwelle über den Estrich heranfloß.Google Scholar
  28. 28.
    Vgl.: Jerome de Lalande: Kunst das Leder auf ungarische Art zuzubereiten, a.a.O., S. 56.Google Scholar
  29. 29.
    Vgl.: Helmtraud Hendinger: a.a.O., S. 65. Die Folge war, daß sich in dieser Region, statistisch betrachtet, aus dem Gerberhandwerk nur wenige Lederfabriken herausbildeten. Vgl.: Ebd.Google Scholar
  30. 30.
    So hielten z.B. die Pariser Pestärzte die Gerber für teilweise immunisiert, „weil die Gerbung mit Kalk, Alaun, Galläpfeln, Eichenrinde und anderen ähnlichen Substanzen bewirkt werde, die alle starkriechend und krankheitshindernd seien.“ So der Kommentar des Turiner Oberarztes nach der Pestepedemie des Jahres 1630. Zitiert nach: Bravo/Trupke, a.a.O., S. 251.Google Scholar
  31. 31.
    Vgl.: 5. Aufzug, 1. Szene. Die Lohgerberleichen benötigten angeblich 9 Jahre.Google Scholar
  32. 32.
    Wenn es auch nicht der Gestank war, der die Pest hervorrief, so hatten die Mitbürger indirekt sicherlich recht mit der Unterstellung eines Zusammenhanges von Pest und Gerberei. Es ist zu vermuten, daß die erste Pestepedemie durch den Import von Häuten aus dem Schwarzmeergebiet nach Italien gelangte. Dariiberhinaus lebten besonders viele Ratten auf dem Anwesen eines Gerbers. Sie waren zwischen den Vorräten und den Abfällen kaum zu beseitigen.Google Scholar
  33. 33.
    In einem kolorierten Kupferstich von 1725 wird der Pestarzt in Marseille, Chicogneau Tankler, im Jahre 1720 abgebildet. Die Beschreibung auf dem Stich lautet:,,Er trug daselbst ein langes Kleid von CorduanLeder mit einer Masque, die Augen von Crystal] hatte und deren lange Nase mit wolriechenden Sachen wieder das Gift angefüllet war.“ Zitiert nach der Abbildung Nr. 103 in: Bravo/rrupke, a.a.O., S. 250. Herrn Prof. Dr. Troitzsch verdanke ich den Hinweis, daß die Kleidung auf dieser Abbildung auch als aus Wachstuch bestehend interpretiert wurde. So die Beschreibung in der Brockhaus Enzyklopädie, Bd. 14, „Pestarzt”, Ausgabe 1972.Google Scholar
  34. 34.
    Die Darstellung der innerbetrieblichen Hierarchie und ihrer Funktion ist der Gliederung einer modernen Lederfabrik entnommen. Aufgrund der funktionalen Zuordnung für die Produktion ist sie allerdings auch auf frühere Fabriken übertragbar. Vgl.: Klaus Schlottau, a.a.O., S. 58 ff.Google Scholar
  35. 35.
    Vgl.: Carl Knoderer: a.a.O., S. 41.Google Scholar
  36. 36.
    Vgl.: Neues vollständiges Handbuch a.a.O., S. 30 ff.Google Scholar
  37. 37.
    Vgl.: Ludwig Gall, a.a.O., S. 124.Google Scholar
  38. 38.
    Vgl.: Ebd., Tab III und IV.Google Scholar
  39. 39.
    Vgl.: Carl Knoderer„ a.a.O., S. 34 ff.Google Scholar
  40. 40.
    Vgl.: Ebd., S. 61.Google Scholar
  41. 41.
    Vgl.: Ebd., S. 34.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1993

Authors and Affiliations

  • Klaus Schlottau

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