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Subjektive Vaterschaftskonzepte und väterliche Beteiligung — Einzeluntersuchung der wichtigsten Determinanten

  • Michael Matzner
Part of the Forschung Soziologie book series (FS, volume 201)

Zusammenfassung

Das subjektive Vaterschaftskonzept wird durch den Vater entworfen, indem dessen individuellen Merkmale, Einstellungen und Erfahrungen als Kind, Jugendlicher und Erwachsener darin Eingang finden. Insofern kommt der Persönlichkeitsentwicklung zum Mann und Vater eine zentrale Bedeutung hinsichtlich meiner Fragestellung zu, wobei in diesem Kapitel die Sozialisation zum Vater im Mittelpunkt steht. Diese vollzieht sich im Kontext einer bestimmten sozialen Lage und eines Milieus, die wiederum in einer bestimmten Kultur verortet sind.

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Literatur

  1. 16.
    So meint Hans Bertram: „… aber offenbar haben deutsche Sozialwissenschaftler Schwierigkeiten mit der Tatsache, daß der Sozialisationsprozess ohne biologische Entwicklungen kaum denkbar ist“ (Bertram 2000: 258).Google Scholar
  2. 17.
    Nach Katz und Konner (zit. nach Paul/Voland 1997: 132) war die Mutter in 90% der von ihnen untersuchten Kulturen derjenige Elternteil, der sich hauptsächlich oder ausschließlich um die Kinder bis zum Alter von zwei Jahren kümmerte. Enge Vater-Kind-Beziehungen fanden sich nur in 4% der von ihnen untersuchten Kulturen.Google Scholar
  3. 18.
    „Ein Zweijähriger kann sehr nachdenklich werden, wenn er gefragt wird, ob er. wenn er sich die Haare wachsen läßt, immer Mädchenkleider anzieht und „Claudia” statt „Claus“ genannt wird, ein Mädchen geworden ist.” (Kasten 1995: 9)Google Scholar
  4. 19.
    Wir sollten berücksichtigen, dass dieses theoretische Modell in den fünfziger Jahren entwickelt wurde, einer Zeit, in welcher es im Vergleich zu heute viel größere und gut zu beobachtende Unterschiede hinsichtlich der Über-und Unterordnung von Männern und Frauen in Öffentlichkeit und Familie gab. Insofern erleben längst nicht alle Jungen und Mädchen ihre Väter oder andere Männer als „machtvoll“ bzw. ihre Mütter oder andere Frauen als „machtlos”.Google Scholar
  5. 20.
    Neben Bertram und Snarey bezweifeln auch andere Forscher (z.B. Pedersen 1999, Schumacher 1988) auf der Grundlage eigener empirischer Forschung die Theorie von Parsons.Google Scholar
  6. 21.
    Nach Meuser (1998) ist das „gender“-Konzept durch analytische Offenheit gekennzeichnet und möchte durch empirische Rekonstruktion die soziale Konstruktion des Geschlechterverhältnisses erforschen. Die Gender-Perspektive basiere nicht auf einer einzelnen Theorie, sondern sei ein Forschungsprogramm bzw. Paradigma (vgl. auch Frevert 1995: 13ff.). Auch Gildemeister (2001: 687) konstatiert, dass sich das Konzept des Geschlechts als „sozialer Konstruktion” „weitgehend durchgesetzt habe“, jedoch „damit kein einheitliches Theorieprogramm verbunden” sei aufgrund bestehender Kontroversen hinsichtlich Theorie, Methodologie und der Verbindung von Wissenschaft und Politik.Google Scholar
  7. 22.
    Konsequenterweise plädieren die Vertreterinnen von Gender-Ansätzen wie zum Beispiel Gildemeister (2001: 686f.) gegen die Etablierung einer Männerforschung. Statt Frauen-und Männerforschung solle Geschlechterforschung betrieben werden, um nicht aufgrund einer solchen „Reproduktion der Polarität“ „hinter den Stand der inzwischen erreichten Theoriebildung” zurückzufallen.Google Scholar
  8. 23.
    Für den Männerforscher Winter (2001: 1162) trugen „Feminismus und Frauenbewegung (…) nicht unbedingt dazu bei, die Kategorie „Geschlecht’ durchgängig theoretisch und konzeptionell aufzugreifen und zu integrieren. In der Regel wurden Männer unter dem „Täterparadigma“ be-oder abgehandelt und auf problematische Facetten reduziert, um ein „Feindbild” zu rekonstruieren“.Google Scholar
  9. 24.
    Meuser (vgl. 1998: 79) unterscheidet den liberalen, marxistischen, sozialistischen, radikalen, psychoanalytischen, existenzialistischen und postmodernen Feminismus.Google Scholar
  10. 25.
    Koppetsch und Maier (vgl. 2001: 29ff.) verweisen darauf, dass der Begriff der Hegemonie, den Connell von Gramsci übernimmt, das Einverständnis in die eigene Unterordnung betont. Gerade dies sei mit hoher Wahrscheinlichkeit bei der Mehrzahl der Frauen und Männern in modernen Gesellschaften nicht der Fall. Insofern überschätze die aktuelle Männerforschung die kulturelle Akzeptanz männlicher Vorherrschaft.Google Scholar
  11. 26.
    Im Gegensatz zu Connells empirisch nicht abgesicherter These der Hegemonie der Männer über die Frauen in Gegenwart und Vergangenheit, „ist es längst Standard der Geschlechtergeschichte (…) dominante Positionen für Vertreter beider Geschlechter - also z.B. auch von Frauen gegenüber dem männlichen Personal - anzunehmen“ (Dinges 1998: l0).Google Scholar
  12. 27.
    Connells Konzept bezieht sich auf das Mannsein bzw. die Männlichkeiten in den mo-demen Industriegesellschaften Amerikas, Europas, Asiens und Australiens, ohne die erheblichen kulturellen Unterschiede, die ja gerade für die Konstruktion von Geschlechterordnungen von Bedeutung sind, zu berücksichtigen.Google Scholar
  13. 28.
    Die These der allgemeinen Abwertung von Frauen bzw. Männern oder männlichen Jugendlichen mit „abweichenden“ Männlichkeitskonzepten durch die Mehrzahl der Männer und Jungen ist empirisch nicht belegt. Winter, der zusammen mit Böhnisch in einer der kritischen Männerforschung verpflichteten Monographie Männliche Sozialisation (vgl. 1993) noch Anfang der neunziger Jahre diese These ohne entsprechende empirische Belege vertrat, ist mittlerweile aufgrund eigener empirischer Forschung zur Jungensozialisation skeptisch geworden. Im Folgenden eine Erkenntnis aus seiner Jungenstudie mit 181 13- bis 17jährigen männlichen Jugendlichen: „Das allgemeinplatzartig verbreitete Theorem, dass sich Männlichkeit nicht zuletzt durch Abwertung von Weiblichkeit, Homosexualität und statusniedrigeren Formen der Männlichkeit konstruiert, können wir für die befragten Jungen nicht bestätigen” (vgl. Neubauer/Winter 2001: 73, vgl. auch Winter 2001: 1164). Vielmehr „erscheint Jungesein heute im Durchschnitt einigermaßen freigesetzt aus traditionellen Männlichkeitszwängen“ (Neubauer 2001: 50). Hoffmann (1997: 176ff.) entwickelt die These der zunehmenden Herausbildung einer „feministischen” bzw. „androgynisierten“ Geschlechtsrolle und -identität bei vielen deutschen Jungen und Männern. „Der deutsche Mann hat eine feministische Geschlechtsidentität und präsentiert somit den Heranwachsenden eine androgyne Geschlechtsrolle” (201). Das Geschlechterverhältnis dieser „feministischen Generation“ sei durch eine „androgyne Revolution” geprägt, wodurch es modifiziert, aber nicht aufgelöst sei. Selbstverständlich würden sich Männer und Frauen weiterhin voneinander unterscheiden und damit das Geschlechtersystem aufrecht erhalten, jedoch erodiere die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung zunehmend. Dieser Prozess werde durch die „Maskulinisierung von Weiblichkeit“ komplementiert. Hoffmann untermauert seine These mittels umfassender empirischer Daten aus den Bereichen Recht und Politik, Schule, Arbeitswelt, Familie sowie Erwachsenen-und Jugendsozialisation.Google Scholar
  14. 29.
    Die von Meuser befragten Arbeiter trafen sich „allabendlich nach getaner Arbeit fur mehrere Stunden in ihrer Stammkneipe“ (Meuser 1998: 199) und sind deswegen eher untypisch für den heutigen Familienvater aus dem Arbeitermilieu.Google Scholar
  15. 30.
    Dieser Unterschied zu den anderen Studien kommt möglicherweise dadurch zustande, dass relativ wenige Familien erforscht wurden, so dass eine Binnendifferenzierung innerhalb eines Milieus, zum Beispiel nach dem Lebensalter der Arbeitereheleute, nicht vorgenommen werden konnte. Die folgende Passage mag diese Vermutung bestätigen: „Herr Merz erhebt Anspruch auf den Platz am Kopfende des Tisches, auf das Sprechen des Tischgebetes, auf einen bestimmten Sessel in der Sofagruppe und auf das Anschneiden und Teilen des Fleisches sowie auf den Verzehr des besten Stückes beim gemeinsamen Sonntagsmahl.“ (Koppetsch/Burkart 1999: 30)Google Scholar
  16. 31.
    Anfang der 90er Jahre gab es in Deutschland ca. 313.000 „Top-Manager“ und,,Führungskräfte der 1. Ebene”. Die Gesamtzahl der „oberen Führungskräfte’ lag bei etwas Ober einer Million Menschen. Der Frauenanteil betrug damals durchschnittlich 2% im Top-Management (Streich 1994: 30).Google Scholar
  17. 32.
    Der Historiker John Tosh (1998: 160ff) verweist ebenfalls auf die Verwobenheit der Kategorien von „Klasse“ und „Gender”, wenn es um die Erforschung der Geschlechtergeschichte geht. Ein soziales System müsse als.,Ganzes“ begriffen werden, welches die Dimensionen „Klasse” und „Gender“ beinhalte.Google Scholar
  18. 33.
    Hays (zit. nach Textor 2002: 32) vertritt im Gegensatz dazu auf der Basis kulturvergleichender ethnologischer Studien die These, dass die Praxis der Mutterschaft auch im Kleinkindalter kulturell bedingt und damit sehr variabel sei. In einer entsprechenden vergleichenden Untersuchung seien die Mütter nur in 20% von 186 untersuchten Kulturendie „wichtigste Bezugsperson“ ihrer Kinder gewesen. „In den meisten Gesellschaften werden die kleineren Kinder von mehreren Frauen oder von Frauen und älteren Kindern betreut.”Google Scholar
  19. 34.
    Es gibt auch zeitgenössische traditionelle Gesellschaften, wie zum Beispiel in Neuguinea, in denen nicht allein die Mutter für das Bemuttern zuständig ist. Bald nach der Geburt des Kindes unterstützen der Vater und weibliche Verwandte die Mutter bei der Betreuung des Kindes. Dieses sogenannte Allomothering „entlastet die Mutter, trennt jedoch Mutter und Kind nicht. Sobald das Kind Zeichen gibt, zur Mutter zu wollen, sich erschreckt, müde wird oder aus anderen Gründen weint, wird es sofort der Mutter zurückgegeben. Die Hälfte der Wachzeit verbringt das Kind in Körperkontakt mit seiner Mutter. Die andere Hälfte übernehmen andere Bezugspersonen, von denen der Vater nach der Mutter die zweitwichtigste Rolle spielt“ (Haug-Schnabel 1997: 24, vgl. auch Blaffer Hrdy 2002).Google Scholar
  20. 35.
    Mittlerweile hat Hausen ihre Polarisierungsthese bezüglich der Geschlechtscharaktere relativiert. Es sei deutlich zwischen ideologischen Entwürfen, damit verbundenen rechtlichen Diskriminierungen und der konkreten gelebten Realität zu unterscheiden (vgl. Habermas 2000: 263, vgl. hierzu auch Dinges 1998: 11 und Erhart 2001: 25ff.).Google Scholar
  21. 36.
    Tosh (1998: 192) verwendet den Begriff der „moralischen Mutterschaft“. Demnach galten Mütter der Mittelklasse seit den 1830er Jahren zunehmend ihren Männern als moralisch überlegen, wenn es um Fragen der Kindererziehung und Haushaltsführung ging.Google Scholar
  22. 37.
    z.B. Dr. Benjamin Spock The Pocket Book of Baby and Child Care: 40 Millionen Exemplare seit 1946, T. Berry Brazelton: Infants and Mothers, 1983, deutsch: Babys erstes Lebensjahr und Penelope Leach 1989: Baby and Child: From Birth to Age Five, deutsch: Die ersten Jahre Deines Kindes. Google Scholar
  23. 38.
    Wie bereits an anderer Stelle ausgeführt, ist die Intragruppenvarianz bezüglich psychologischer Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Männern und Frauen in sehr vielen Merkmalsbereichen deutlich höher als die Intergruppenvarianz zwischen Männern und Frauen.Google Scholar
  24. 39.
    Eine ähnlich hohe Kinderlosigkeit hatte es in Deutschland schon einmal, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, gegeben. So blieben vor allem aufgrund der mit dem Ersten Weltkrieg zusammenhängenden Männerverluste 26% der Frauen der Geburtsjahre 19011905 und 22% der Frauen der Geburtsjahre 1906–1910 kinderlos (vgl. Löscher 2001: 15).Google Scholar
  25. 40.
    So betrug im Jahr 1970 das Durchschnittsalter erstgebärender Frauen 24,3 Jahre, im Jahr 1996 lag es bereits bei 28,4 Jahren. Diese Entwicklung ist mit einer zunehmenden Altersstreuung verbunden, da es durchaus auch einen „erheblichen“ Anteil von jungen Müttern gibt (vgl. Peuckert 1999: 109).Google Scholar
  26. 42.
    In der zugrundeliegenden Stichprobe verdienten die befragten 520 Mütter überdurchschnittlich viel, so dass nur 33% finanzielle Gründe nannten. Immerhin jede Vierte der Befragten hatte gleich viel oder mehr als ihr Mann verdient. Entsprechende Forschungen weisen darauf hin, dass dies bezogen auf ganz Deutschland nur für jede zehnte Familie gilt.Google Scholar
  27. 43.
    Seit kurzem kommt es zu Abweichungen von dieser Linie wie zum Beispiel durch den SPIEGEL-Titel vom 16.07.2001: Der neue Mutterstolz — Kinder statt Karriere. Google Scholar
  28. 44.
    Sehr häufig wird in den entsprechenden Diskursen der Begriff der „Karriere“ benutzt, obwohl sehr viele Frauen und Männer gar keine Karriere im Sinne eines gewissen beruflichen Aufstieges machen.Google Scholar
  29. 46.
    Darauf deuten beispielsweise die von Frauen aufgegebenen Bekanntschaftsanzeigen in diversen Zeitschriften, wie zum Beispiel der ZEIT hin. Die annoncierenden Damen suchen zumeist Männer, die über eine adäquate Bildung vertilgen und beruflich erfolgreich sind.Google Scholar
  30. 47.
    Die durchschnittliche tatsächliche Arbeitszeit der Frauen ist im Vergleich deutlich mehr gesunken. Und zwar um 30% von 42,9 Stunden 1960 auf 29,2 Stunden im Jahr 1998 (vgl. Klammer u.a. 2000: 158).Google Scholar
  31. 48.
    In einer Pilotstudie über Familien mit nichttraditioneller Verteilung ion Erwerbs-und Familienarbeit befanden sich die Paare in der Minderheit, „bei denen davon ausgegangen werden kann, dass die übernommene nichttraditionelle Aufgabenteilung ihre Einstellungen widerspiegelt“ (Oberndorfer/Rost 2002: 33).Google Scholar
  32. 49.
    Wie bereits ausgefuhrt, beziehen sich die Daten auf die Gruppe der abhängig Beschäftigten. Bezüglich der Erwerbseinkommen kann man für die Gesamtgruppe der Familien von einem höheren Durchschnitt ausgehen, wenn man noch Freiberufler und Selbständige mit einbezieht. Hinsichtlich der Arbeitsteilung ist von keinen gravierenden Veränderungen auszugehen. Im Gegenteil, selbständige Väter werden in der Regel noch mehr Zeit für den Beruf aufwenden müssen.Google Scholar
  33. 50.
    Krüger/Born (2000: 217) zufolge hat „rund 70% der jüngeren Generation (…) eine Ausbildung in Berufen durchlaufen, die als geschlechtstypische gelten“.Google Scholar
  34. 51.
    Mit dem Inkrafttreten der Reform des Bundeserziehungsgeldgesetzes am 1.1.2001 wurde der Begriff des Erziehungsurlaubs durch den der Elternei[ersetzt.Google Scholar
  35. 52.
    Kolbe (2000: 58, vgl. auch 2002) vertritt die Auffassung, dass das Erziehungsgeldgesetz „eher eine Festschreibung als eine Veränderung der traditionellen Konzeptionen wie der sozialen Praxis von Mutter-und Vaterschaft“ bewirkt.Google Scholar
  36. 53.
    Flächendeckende Kinderbetreuungseinrichtungen erhöhen die Flexibilität der Eltern, insbesondere der Mütter. Allerdings können sie einen innerfamilialen Rollenwandel im Sinne eines verstärkten männlichen Engagements durchaus behindern. So beteiligen sich beispielsweise französische Väter nicht mehr bzw. vielleicht sogar weniger als deutsche Väter an der Kinderbetreung und -erziehung. Durch die Delegation der Kinderbetreuung an die Gesellschaft bleibt das Geschlechterverhältnis unangetastet. Die Eltern müssen die Erwerbs-und Familienarbeit nicht unter sich aushandeln und umverteilen. Somit kann eine ausschließliche Ausrichtung der Familienpolitik in Richtung Öffentliche Kinderbetreuung zu einer unbeabsichtigten Verfestigung klassischer Rollenmuster innerhalb der Familien führen (vgl. auch Sauerborn 2001: 43).Google Scholar
  37. 54.
    In Schillers Räuber heißt es: „Nicht Fleisch und Blut, die Liebe macht uns zu Vätern und Söhnen“ (zit. nach Grieser 1998: 14).Google Scholar
  38. 55.
    In den folgenden Ausführungen kann auf die spezifischen Unterschiede innerhalb verschiedener Kulturen und Epochen, Stände und Schichten nicht eingegangen werden. Vielmehr sollen wesentliche Gemeinsamkeiten, was das Vaterbild sowie die Vaterfunktionen betrifft, skizziert werden. Im Unterschied zu Frauen standen im deutschen Sprachraum Männer „als Personen mit Geschlecht“ bisher eher selten im Fokus der Geschichtswissenschaft. „Männergeschichte” ist im Gegensatz zur „Frauen-und Geschlechtergeschichte“ ein noch weitgehend zu konstituierendes Forschungsfeld (Dinges 1998: 8).Google Scholar
  39. 56.
    Macha (vgl. 1991: 201) verwendet den Begriff Hausvater schon für die römische Antike, während Drinck (vgl. 1999: 37) darauf verweist, dass dieser Begriff erst im Mittelalter eingeführt worden sei.Google Scholar
  40. 57.
    An anderer Stelle spricht Lenzen von „Vaterschaft - ein europäisches Abbruchunternehmen, gegr. Anno 0“ (vgl. Lenzen 2001).Google Scholar
  41. 58.
    Nach Münch (vgl. 1992: 193ff.) geht es lediglich in den einleitenden Kapiteln der bekanntesten und meist verbreiteten Hausväterbücher um die Sozialbeziehungen im Haushalt sowie die Rollen der Haushaltsmitglieder. Seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts liege der Schwerpunkt der Hausväterliteratur im Bereich der Hauswirtschaft.Google Scholar
  42. 59.
    Barbagli und Kertzer (vgl. 2001: XXV) verweisen auf die unterschiedlichen Hausvaterkonzepte in katholischen und evangelischen Familien. So versahen Luther und andere die Autorität des deutschen Hausvaters, wie beim König oder den Patriarchen des alten Israel, zusätzlich mit dem entsprechenden Auftrag durch den Gottesvater. In vielen Familien übernahm der Hausvater eine umfassende Rolle auch als religiöser Erzieher, indem er priesterliche Aufgaben übernahm. So lasen die Väter jeden Tag ihrer Familie Passagen aus der Bibel vor.Google Scholar
  43. 60.
    So zitiert beispielsweise Hausen (2001: 30) Aussagen des Freiherrn von Knigge am Ende des 18. Jahrhunderts folgendermaßen: „Männer, die meinen „sie könnten als Staatsmänner oder Richter, Hunderte beglücken, und lassen während dieser Zeit sechs Kinder verderben, die nachher Tausende elend machen“, handeln unverantwortlich. „Sie haben Berufsgeschäfte, können nicht jede Stunde des Tages ihren Kindern widmen: und doch muss, wer Kinder erziehen will, darauf Verzicht tun, irgend etwas Anderes nebenher zu treiben.”Google Scholar
  44. 61.
    Schmidt (1998) untermauert diese These mittels einer Untersuchung von Ehestreitigkeiten vor Ehe-und Sittengerichten im deutschsprachigen Raum zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert. Während Klagen von Männern eher selten auftraten, klagten die Frauen ihre Männer wegen der Anwendung von Gewalt sowie der Vernachlässigung weiterer hausväterlicher Pflichten, wie die wirtschaftliche Sicherstellung des Haushaltes an. Dabei stießen sie auf den Rückhalt der Obrigkeit, die bestrebt war, die Hausväter und damit die Gesellschaft zu pazifizieren. Schmidt resümiert, dass „der Patriarchalismus keineswegs eine einseitige Dominanz der Männer über die Frauen vorangetrieben hat. Ganz im Gegenteil wurde den Frauen über die patriarchalen Ideale, die als Pflichten an die Hausväter herangetragen wurden, ein Stück Definitionsmacht an die Hand gegeben, das sie nutzen konnten, weil die Obrigkeit durch die Zielvorgabe der Verchristlichung der Gesellschaft mit ihnen zusammenarbeitete. Für eine beträchtliche Zahl von Hausvätern wurde das Ideologem, dem sie ihr Amt verdankten, zu einer schweren Hypothek. Sie wurden von Herren zu Untertanen der Hausvaterideologie, die sich damit als ein zweischneidiges Schwert erweist.“ (ebda.: 230) Münch (1992) plädiert gar für den Ersatz des Begriffes des Patriarchalismus, wenn es um die Kennzeichnung des Lebens im Ganzen Haus in der Zeit vom 16. bis zum 18. Jahrhundert geht. Er selbst spricht lieber von „formeller männlicher und informeller weiblicher Herrschaft im Haus”, da die Menschen damals „mit dem Begriff des Patriarchats jedenfalls andere Inhalte als die feministische Historiographie heutzutage“ verbanden. Münch kritisiert die zu indifferente idealtypische Dichotomie von Ganzem Haus/Patriarchat und moderner Familie/Partnerschaft (ebda.: 198f.). „Die existenzielle Notwendigkeit der Aufgabenteilung im patriarchalischen System hat partnerschaftliche, oder besser: kollegiale, Verhaltensformen wahrscheinlich sogar vielfach erzwungen, und zwar gegen alle rechtlichen Einschränkungen und traditionalen Begründungen, welche der Frau lediglich eine generell vom Mann abhängige Position einräumen wollten und ihr jede originäre Gewalt absprachen.” (ebda.: 199)Google Scholar
  45. 62.
    Rousseau selbst war Vater von fünf Kindern, die er alle in ein Findelhaus abgab (vgl. Schäfer 2002: 149).Google Scholar
  46. 63.
    Barbagli und Kertzer (vgl. 2001: XXVIII) sowie auch Erhart (2001) betonen die Erosion des patriarchalischen Modells, die sich über Jahrhunderte in den verschiedenen Nationen, Regionen, Kulturen und Milieus unterschiedlich schnell vollzogen habe und sich infolgedessen nicht als schneller Bruch im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert darstelle. Wenngleich sich die symbolische Position des Vaters als Familienoberhaupt oft lange erhalten habe, hätten die Väter doch zunehmend an autokratischer Macht verloren bzw. Kompetenzen an ihre Frauen bzw. an Dritte abgegeben. Als wesentliche Veränderung sei auch die Intensivierung der sozialen Beziehungen innerhalb der Familie anzusehen.Google Scholar
  47. 64.
    So wurde das Alter der Volljährigkeit im Jahr 1792 auf 21 Jahre gesenkt. 1m Jahr 1790 wurde das väterliche Züchtigungsrecht eingeschränkt. 1793 wurden die Bestimmungen im Erbrecht so verändert, dass Kinder nicht mehr vom Erbe ausgeschlossen werden konnten (vgl. Knibiehler 1995: 210).Google Scholar
  48. 65.
    Münch (1992: 199) zufolge hat es „sogar den Anschein, als ob die Gewalt des Mannes erst in einer Zeit absolut wurde, in der die Trennung von Haushalt und Betrieb den Mann zum alleinigen Ernährer seiner Familie machte.“Google Scholar
  49. 66.
    Die Wahrung der männlichen Autorität kam auch im sogenannten „Kampf um die Hosen“ zum Ausdruck. Notfalls hatte der Mann zu erzwingen, „wer die Hosen anhat”. Hausen (2001: 26ff.) verweist auf entsprechende Bilder, auf denen Männer, die diesen Kampf verloren haben, lächerlich gemacht werden, indem sie beim Wäschewaschen abgebildet werden und die Frau dabei den Degen führt. Pollock (vgl. 2001: 205) beschreibt die symbolische Funktion der Bekleidung am Beispiel der Hosen für die Hersteliung der Geschlechterordnung bzw. die geschlechtsspezifische Sozialisation. So erhielten in vielen europäischen Ländern der Frühneuzeit die Jungen im Alter von sieben Jahren im Rahmen einer besonderen Zeremonie („known as breeching”) ihr männliches Gewand. Dieses Ritual war der offizielle Beginn einer entsprechenden Geschlechtsrollensozialisation. Die Jungen bekamen neben der Hose auch andere Attribute von Männlichkeit verliehen, wie zum Beispiel ein Schwert. „After the ceremony, a boy left the world of women and prepared to enter that of men.“ (ebda.)Google Scholar
  50. 67.
    Tosh (1998: 171) zufolge gilt „in den meisten uns bekannten Gesellschaften (…) die Einrichtung eines eigenen Haushaltes als unerläßliche Qualifikation für das Mann-Sein“. Die männliche Identität basiere auf den „Mindestkomponenten” Haus/Familie, Erwerbsarbeit und „Männerzusammenschlüsse“ (ebda.: 176).Google Scholar
  51. 68.
    Im Ersten Weltkrieg starben ca. 1,8 Millionen deutsche Soldaten, im Zweiten Weltkrieg starben ca. 5,25 Millionen deutsche Soldaten. Die Gefallenen und Vermissten des Zweiten Weltkrieges hinterließen mehr als 1,7 Millionen Witwen sowie fast 2,5 Millionen Halbwaisen. Jedes vierte Kind wuchs nach dem Zweiten Welkrieg auf Dauer ohne Vater auf (vgl. Petri 2002: 178, Radebold 2003: 11).Google Scholar
  52. 69.
    Das väterliche Prinzip bzw. die „symbolische Funktion des guten Vaters“, welche auch das Setzen von Grenzen beinhalte, könne nicht nur durch Väter, sondem auch durch Mütter oder Lehrerinnen und Lehrer verkörpert werden (Overbeck 1994: 60).Google Scholar
  53. 70.
    „Das heißt aber auch, daß kritische Begleitung, Ge-und Verbote durch die Erwachsenen, einfühlsam vertretene Grenzen und erträgliche Sanktionen zum Heranwachsen gehören. Männliche und weibliche Personen, die die symbolische Funktion des guten Vaters ausüben, gehören zur Vorgeschichte des autonomen und zugleich sozial bezogenen Subjekts.“ (Overbeck 1994: 60)Google Scholar
  54. 71.
    „Eine besondere Form, in der sich der werdende Vater mit seiner Vaterschaft und mit der Schwangerschaft der Frau beschäftigt und seine unsichere Position in bezug auf seine Vaterschaft zu bewältigen versucht, ist in vielen außereuropäischen Kulturen die Couvade, das Männerkindbett, wo sich der Mann so verhält, als ob er an der Stelle der Frau der Gebärende wäre.“ (Grieser 1998: 14)Google Scholar
  55. 72.
    In seinem Buch Fatherless America — Confronting our most urgent social problem (1995) beschreibt Blankenhom die USA als eine Gesellschaft, welcher der Vater real und symbolisch abhanden gekommen sei. In dieser Kultur der Vaterlosigkeit ließen sich folgende Typen von Vaterschaft unterscheiden: The unnecessary father, the old father, the new father, the deadbeat father, the visiting father, the sperm father, the stepfather and the nearby guy. Als Alternative zu diesen Typen entwirft Blankenhom den Typus des good family man als eines father for every child. Google Scholar
  56. 73.
    Auffassungen basieren auf Annahmen, beispielsweise über die Bedürfnisse von Kindern, über die Bedeutung von Eltern für die kindliche Entwicklung oder die Instrumentalität bestimmter Erziehungsmaßnahmen. Solche Auffassungen entstehen aus Überzeugungen also subjektiven Annahmen, die Wissen repräsentieren und mit einer gewissen Sicherheit vertreten werden. Mit diesen Begriffen steht derjenige der Einstellung in engem Zusammenhang. Dieser meint die Bewertung eines Beurteilungsgegenstandes (vgl. Kalicki u.a. 2002: 170f.).Google Scholar
  57. 74.
    „Erstens wird die Familie nicht mehr nur als statisches System, sondern als sich verändemdes dynamisches System verstanden, das sich notwendigen Veränderungen durch Wandlung bestehender Strukturen anzupassen versucht. Zweitens wird Familie als spezifischer Kontext innerhalb der allgemeineren Umwelt mit ihren Rahmenbedingungen als wesentliche Einflußquelle in Ergänzung zur genetischen Ausstattung des individuellen Kindes verstanden.“ (Kreppner 1991: 323)Google Scholar
  58. 75.
    Heinz und Witzel (1995: 110) bemerken hierzu: „ (…) die Ansprüche und Orientierungen von Individuen [sind] weder - in einer deterministischen Verkürzung des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft - Produkt gesellschaftlicher Steuerungs-und Kontrollmechanismen oder durch Sozialisationsagenturen Elternhaus, Schule und Peers geprägt, noch sind die Akteure - die Subjekt-Objekt-Problematik idealistisch verkürzend — autonome Gestalter der eigenen sozialen Welt. (…) der strukturelle Kontext setzt den Individuen - als Handlungschancen und -risiken - Bedingungen für ihre Orientierungen und Handlungen; letztere werden durch das strukturelle Bedingungsgefüge aber nicht determiniert. Individuen übernehmen die gesellschaftlich zugeschriebene Verantwortung für ihre Biographie in verschiedener Weise, da sie unterschiedliche Bedingungsfelder für die Verwirklichung ihrer Ansprüche vorfinden.“Google Scholar
  59. 76.
    Rosenbaum (1992: 239) verweist ebenfalls auf die große Bedeutung der Erfahrungen für zukünftiges Handeln: „Für die individuelle Verarbeitung an sich gleicher Arbeitsbedingungen spielen nicht nur berufsbiographische Besonderheiten, sondern generell vorgängig erworbene, auch unbewußte Erfahrungen und darauf bezogene Deutungs-und Wahmehmungsmuster, einschließlich kollektiver Weltdeutungen, eine Rolle. Brose spricht in diesem Zusammenhang von „individuellen Relevanzstrukturen“, die die Verarbeitung der aktuellen Lebensbedingungen bestimmen. Nur durch den Rekurs auf derartige vor-gängige Erfahrungen und auf im Laufe des Lebens erworbene Wahmehmungsstrukturen läßt sich erklären, daß Menschen in sehr differenter Weise identische Bedingungen wahrnehmen, verarbeiten und handlungsleitend werden lassen. Verhalten läßt sich daher nicht allein aus der aktuellen Situation, den momentanen Lebensumständen erklären.”Google Scholar
  60. 77.
    Krappmann (1988) nennt folgende Interaktionskompetenzen als Voraussetzung einer erfolgreichen Balance persönlicher und sozialer Identität: Rollendistanz, Ambiguitätstoleranz, Empathie und Identitätsdarstellung.Google Scholar
  61. 78.
    „Such approaches are primarily interested in the meanings and features of everyday live, the,lived experience’ of fatherhood, seeing fathers interactions and negotiations with others, including their partners, children and other family members, as central to individuals’ construction of the meaning of fatherhood.“ (Lupton/Barclay 1997: 56)Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2004

Authors and Affiliations

  • Michael Matzner

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