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Theoretische Grundlagen

  • Monika Jungbauer-Gans

Zusammenfassung

In diesem Abschnitt soll eine Standortbestimmung vorgenommen werden, die aufzeigt, in welchem theoretischen Kontext die folgenden empirischen Analysen zu sehen sind. Damit entfernt sich die inhaltliche Argumentation noch einmal von der empirischen Fragestellung, die im zweiten Kapitel herausgearbeitet wurde, um einige allgemeine soziologische Überlegungen zum Thema „soziale Beziehungen“ anzustellen. Dazu wird in einem ersten Teil die Funktion von sozialen Beziehungen im Rahmen einer Gesellschaftstheorie herausgearbeitet. Dass soziale Beziehungen individuelle Akteure mit verwertbaren Ressourcen versorgen können und deshalb auch mit dem Begriff des „sozialen Kapitals“ umschrieben werden, ist der Gegenstand des zweiten Teiles. Und schließlich folgt ein Abschnitt zur Reziprozitätsnorm, die als Handlungsregel konstituierend für soziale Beziehungen ist.

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Literatur

  1. 13.
    Bereits 1960 untersuchte Peter M. Blau, wie man sich die Wirkung des Kontextes auf das Handeln der Individuen erklären kann. Nach Blau ist das individuelle Handeln zunächst einmal durch interne psychologische Prozesse motiviert. Gleichzeitig hat aber das dominierende Normen-und Wertemuster einen strukturellen Einfluss auf die Handlungsentscheidung. Eine dominierende Norm, die eine bestimmte Handlungsentscheidung favorisiert, fahrt dazu, dass diese Handlungsweise häufiger gewählt wird als andere Handlungsalternativen. Homans (1978: 59) wendet ein, dass Blau anstelle des Begriffs „struktureller Effekt“ besser den Begriff „kollektiver Effekt” benutzen sollte, weil Menschen nicht nur eine, sondern mehrere, möglicherweise konkurrierende Wertvorstellungen internalisiert haben. In Reaktion auf die soziale Umwelt können einzelne Vorstellungen zugunsten von anderen, dann als wichtiger bewerteten Wertvorstellungen aufgegeben werden.Google Scholar
  2. 14.
    Der zeitliche Aspekt wurde von George Homans (1978) herausgestellt: „Struktur“ ist ein fortdauemder Aspekt sozialen Verhaltens, der sich in formalen Organisationen, Institutionen, Berufs-und Einkommensverteilungen und in Interaktionsmustern in Kleingruppen niederschlägt.Google Scholar
  3. 15.
    Nach Esser (1993: 426–436) können soziale Beziehungen neben den Verteilungsstrukturen und den Interdependenzstrukturen als eine dritte Dimension der „sozialen Struktur“ einer Gesellschaft interpretiert werden. Unter Verteilungsstrukturen versteht Esser (1993) die Verteilung von sozial relevanten Merkmalen der Einheiten einer Gesellschaft, also beispielsweise demographische Merkmale, sozioökonomische Eigenschaften (Einkommen, Beruf, Bildung), kulturelle Zugehörigkeit und räumliche Verteilung. Im Prinzip ist dies das Gebiet, das in der „klassischen” Sozialstrukturanalyse untersucht wird. Die Interdependenzstrukturen beschreiben die Verteilung der Interessen und der Kontrolle über die Ressourcen für Produktion und Reproduktion. Die Beziehungsstruktur einer Gesellschaft besteht aus den Mustern der relationalen Eigenschaften der Einheiten.Google Scholar
  4. 16.
    Dies geht u.a. auf Blau (1977) zurück, der in seiner „makrosoziologischen Theorie sozialer Struktur“ Parameter bzw. sozial relevante Merkmale untersucht, die soziale Beziehungen ermöglichen oder verhindern und auf diesem Weg soziale Struktur konstituieren. Hinter dieser Vorgehensweise steht die Annahme, dass soziale Heterogenität eine Barriere für soziale Interaktionen bildet (vgl. Schenk 1984: 137 ).Google Scholar
  5. 17.
    Vgl. dazu auch Homans, der mit „Strukturen“ fundamentale Charakteristika eines „sozialen Ganzen” bezeichnet, das sich in interdependente Teile zerlegen lässt, jedoch als Ganzes größer ist als die Summe seiner Teile (Homans 1978: 56–58).Google Scholar
  6. 18.
    Der Gedanke dieser dualen Eigenschaften von Strukturen findet sich auch bei Bourdieu und Giddens. Bourdieu bezeichnet sich selbst als „strukturalistischen Konstruktivisten“ (1989), was ausdrücken soll, dass er auf der einen Seite davon ausgeht, dass objektive Strukturen in der sozialen Welt existieren, die nicht nur symbolische Systeme sind. Strukturen bilden den Hintergrund für die Entwicklung von Vorstellungen über die Gestalt der sozialen Realität. Auf der anderen Seite determinieren Strukturen jedoch nicht das Handeln, sondern schaffen vielmehr, ähnlich wie die Grammatik einer Sprache, erst die Möglichkeit zu kreativen, eigenständigen Handlungen (Turner 1991: 508–517). Fuir Bourdieu ist es also wichtig, dass individuelle Handlungen nicht strikt durch Strukturen determiniert sind. Anthony Giddens (1984; 1992) vertritt in seiner „Theorie der Strukturierung” eine vermittelnde Position, die sowohl den Zwang sozialer Systeme als auch bewusste Handlungen von Akteuren zu integrieren trachtet und damit weder eine Dominanz der „objektiven Struktur“, noch eine Dominanz der subjektiv motivierten Handlungen postuliert. Unter „Struktur” versteht Giddens ein Phänomen, das die Einbindung von Raum und Zeit in soziale Systeme ermöglicht (Giddens 1992: 69). Strukturen sind Regeln und Ressourcen, die in die Produktion und Reproduktion von sozialem Handeln einbezogen sind und stellen gleichzeitig ein Mittel der Systemreproduktion dar (Giddens 1992: 70). Obwohl Strukturen durch das intentionale Handeln und auch die unbeabsichtigten Nebenfolgen von Handeln hergestellt werden, sind sie nicht völlig beliebig veränderbar, sondern zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich der Kontrolle der einzelnen Akteure entziehen (Giddens 1992: 78). Struktur ist dabei nicht mit Zwang und Handlungsbegrenzung gleichzusetzen, sondern ermöglicht erst Handeln (Giddens 1992: 78). Dieser Aspekt wird als „Dualität der Struktur“ bezeichnet (Joas 1992: 14 ).Google Scholar
  7. 19.
    Hier findet man eine Affinität der Netzwerktheorie zur Austauschtheorie von Blau (vgl. Schenk 1984: 119).Google Scholar
  8. 20.
    Hinter dieser Aussage steckt die Annahme, dass die Norm der Reziprozität gilt. Ob und wann dies der Fall ist, wird im folgenden Teil des Kapitels eingehender diskutiert.Google Scholar
  9. 21.
    Dass das zivile Engagement in den U.S.A. in den letzten Jahren stark zurückgegangen sei, behauptet Robert D. Putnam (vgl. z.B. 1995, 2000 ). Diese bedenkliche Entwicklung gelle auf verschiedene gesellschaftliche Prozesse, so z.B. die zunehmende Erwerbsbeteiligung von Frauen, eine erhöhte Mobilität, veränderte demographische Prozesse und ein passiveres Freizeitverhalten zurück.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2002

Authors and Affiliations

  • Monika Jungbauer-Gans

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