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Die erste biographische Spur: Wie zwei Diaristinnen ihr Tagebuch beginnen

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Zusammenfassung

Tagebücher gelten gemeinhin als ein typisch weibliches Genre, denn besonders (bürgerliche) Mädchen und Frauen haben sich seit dem 19. Jahrhundert dieser stillen und geheimen Selbstvergewisserung bedient (vgl. Lejeune 1993, S. 21; Melchior 1992, S. 280 – 290). Diese Vorliebe entspricht keiner Prioritätensetzung qua Geschlecht, sondern begründet sich aus historischen Zusammenhängen. Sie kann zum einen als Folge des sich im ausgehenden 18. Jahrhundert etablierenden bürgerlichen Weiblichkeitsideals gedeutet werden, das Frauen in die Welt des Privaten verweist sowie Männern den gesellschaftlichen, d.h. öffentlichen Machtbereich zuordnet. Hinsichtlich der weiblichen Schreibpraxis geht damit eine Konzentration auf private und subjektive Äußerungsformen wie Tagebücher und Briefe einher (vgl. Niemeyer 1986, S. 42). Zum anderen ist das Tagebuchschreiben ein tradierter literarischer Brauch, den—von pädagogischer Seite als (selbst)disziplinierendes Medium eingesetzt—heranwachsende Schreiberinnen und Schreibern als kulturelle Vorlage übernehmen (vgl. Bernfeld 1931, S. 125). Der Schreibprozeß selber weist allerdings über die rein erzieherische Funktion hinaus. Das selbstreflektive Diarium fungiert gleichsam als ‘Spiegel’, der einen Dialog zwischen dem schreibenden ‘Ich’ und dem zu entwerfenden ‘Selbst’ (Alter-Ego) ermöglicht. Hieraus leitet sich die Relevanz jener bislang selten genutzten Quellen fur die Biographieforschung ab: Tagebücher legen eine Forschungsperspektive nahe, die nach (selbst)sozialisatorischen Aneignungsprozessen und subjektiven Deutungsmustern fragt. Wieso nun widmen wir uns dem Beginn von Tagebüchern? Die Antwort lautet: Weil sich dort wichtige Anhaltspunkte ßlr die ‘Spurensuche’ entdecken lassen—wir nehmen an dieser Stelle die ‘Fährte’ auf. Mit dem Entschluß zum Schreiben wird auch die Notwendigkeit der Selbstdarstellung zwingend. Die Diaristinnen treffen eine erstmalige Auswahl an biographischen Informationen; sie beschränken sich nicht auf einen bzw. wenige Teilaspekt(e), sondern skizzieren ihre Person und die Bedeutung des Tagebuchschreibens vielschichtiger. In solch komprimierter und ausführlicher Form findet dies im Tagebuch sonst nur selten statt—so zumindest ist unsere Erfahrung, die wir im Kontext eigener Forschungsarbeiten mit einer großen Anzahl unveröffentlichter Tagebücher des 19. und 20. Jahrhunderts sowie im Rahmen eines Forschungsprojektes (DFG)1 sammeln konnten. Um nun die dargelegten Aspekte anschaulich zu machen, werden zwei dieser einleitenden ‘Inszenierungen’2 exemplarisch interpretiert und verglichen. Geschrieben haben sie Lucy Scholz, geb. Olfenius (1852-1918) im Kaiserreich und Hedwig Rahmer (1907-1990) in der Weimarer Republik.

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Literaturverzeichnis

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1997

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