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Der heilige Ursprung der archaischen Strafe und die Sakralisierung des modernen Strafens

  • Werner Gephart
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Zusammenfassung

Die Frage nach dem religiösen Ursprung der Strafe ließe sich unschwer den historischen und ethnologischen Spezialisten überlassen, ginge es nur darum, eine historische Entwicklungsreihe aufzudecken. Emile Durkheim geht es um weit mehr, den letztlich religiösen Kern einer jeden sozialen Institution nachzuweisen und für das Verständnis ihrer modernen Formen fruchtbar zu machen.

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Literatur

  1. 329.
    Eine nützliche Zusammenstellung der einschlägigen Fundstellen findet sich bei W. S. Pickering (Hrsg.), Durkheim on religion. A selection of readings with bibliographies, London - Boston 1975; noch ergiebiger ist die Text-Montage bei Victor Karady (Hrsg.), Emile Durkheim, Textes, Bd. 2, 1975.Google Scholar
  2. 330.
    Damit meine ich die Parallele zum Universalitätsanspruch der Hermeneutik; die Religionssoziologie Durkheims ist eine eigentümliche Mischung aus Philosophie und Soziologie, in der Religion “profanisiert” und Gesellschaft “sakralisiert” ist.Google Scholar
  3. 331.
    Um ein ganz abgelegenes Beispiel zu nennen: Leboyer Fréderick, Le sacre de la naissance, Paris 1981.Google Scholar
  4. 332.
    Vgl. z.B. die schulenbildende Studie von Ernst Topitsch. Vom Ursprung und Ende der Metaphysik. Eine Studie zur Weltanschauungskritik, Wien 1958. Übrigens spricht Durkheim in einer Rezension zu Guyau von “La religion une physique sociomorphique”, in: Revue philosophique 23, 1887, S. 307.Google Scholar
  5. 333.
    Die Rechtssoziologie Emile Durkheims, die sich aus Vorlesungen, Rezensionen und den Hauptwerken rekonstruieren läßt, ist in der Durkheim-Rezeption bislang völlig unterbelichtet. Ihre Darstellung erfordert eine eigene Studie. Steven Lukes hat kürzlich eine erste Textsammlung zur Rechtssoziologie Durkheims herausgegeben. Auch die verdienstvolle Erwähnung bei Klaus F. Röhl, Rechtssoziologie, Köln u.a. 1987, S. 20–27, und die differenzierte Darstellung bei Thomas Raiser, Rechtssoziologie, Frankfurt a.M. 1987, S. 46–57, können diese Lücke nicht füllen.Google Scholar
  6. 334.
    Vgl. Emile Durkheim, ‘Cours de science sociale. Leçon d’ouverture’ prononcé à la faculté des lettres de Bordeaux, in: Revue internationale de l’enseignement 15, 1888, S. 23–48.Google Scholar
  7. 335.
    Dahinter steht der Streit um die Einordnung der soziologischen Vorlesung in die akademischen Traditionen. Daß Durkheims Chance, die Soziologie in Frankreich zu institutionalisieren, in der traditionellen juristischen Fakultät weit geringer gewesen wäre als bei den ‘Lettres’, hierüber läßt sich wohl nur spekulieren. Zu der Problematik der Institutionalisierung der Soziologie um Durkheim vgl. die Studie von Victor Karady, Stratégies de réussite et modes de faire-valoir de la sociologie chez les durkheimiens, in: Revue française de sociologie 20, 1979, S. 49–82.Google Scholar
  8. 336.
    Emile Durkheim, Introduction à la sociologie de la famille, Leçon d’ouverture du cours de science sociale à la Faculté des lettres de Bordeaux, in: Annales de la Faculté des Lettres de Bourdeaux 10, 1888, S. 257–281.Google Scholar
  9. 337.
    An anderer Stelle habe ich in einer parallelen Lektüre von Aristoteles, Hobbes und Rousseau gezeigt, inwieweit sich soziologische und rechtsphilosophische Betrachtungsweisen im Problem sozialer Ordnung überschneiden. Vgl. demnächst Gesellschaftstheorie und Recht.Google Scholar
  10. 338.
    Emile Durkheim, Le Contrat social de Rousseau, histoire du livre, abgedr. in: Revue de metaphysique et de morale 25, 1918, S. 1–23 und S. 129–161.Google Scholar
  11. 339.
    Emile Durkheims lateinische These, Quid secundatus politicae scientiae institutandae contulerit, 1892, geht über Montesquieu.Google Scholar
  12. 340.
    Unter diesem Titel erschien der erste Teil des Reiseberichts in der Revue philosophique 24, 1887, S. 33–58, 113–142, 275–284.Google Scholar
  13. 341.
    Vgl. einerseits das erste Kapitel der ‘Règles’ sowie den aus der Einleitung zur ’Division du travail social’ von der 2. Aufl. an eleminierten Teil über den “fait moral”.Google Scholar
  14. 342.
    Hierin liegt der Prämissenirrtum des Artikels von Friedrich H. Tenbruck, Emile Durkheim oder die Geburt der Gesellschaft aus dem Geist der Soziologie, in: Zeitsschrift für Soziologie 10, 1981, S. 333–350.Google Scholar
  15. 343.
    Diese bei Parsons entwickelte Deutung haben wir oben in dem theoretischen Exkurs kritisiert.Google Scholar
  16. 344.
    Der Gebrauch der vitalistischen Metaphorik reicht von den allerersten Schriften über den Suicide (courrants suicidogènes) bis zu den späten Arbeiten. Die Differenzen einer Soziologie des sozialen Lebens gegenüber einer Soziologie des Handelns und der Gesellschaft wurden oben bereits angedeutet. Auf dem Wege zu dieser Durkheim-Deutung hat der Vergleich mit Georg Simmel eine wichtige Rolle gespielt. Vgl. Werner Gephart, Emile Durkheim. Die elementaren Formen des religiösen Lebens, oder: Das ‘unheimliche’ Verhältnis von Durkheim zu Simmel, in: Soziologische Revue 5, 1982, S. 11–17.Google Scholar
  17. 345.
    Robert Alun Jones demonstriert das Problem der Lektüre eines Klassikers anhand des präsumptiven Einflusses von Robertson Smith auf die Religionssoziologie Durkheims: On Understanding a Sociological Classic, in: American Sociological Review 83, 1977, S. 279–319.Google Scholar
  18. 346.
    La religion et les origines du droit pénale d’après un livre récent, in: Revue de l’histoire des religions 34, 1896, S. 269–295, S. 31–60. Die von Victor Karady besorgte Ausgabe der Schriften von Marcel Mauss: Oeuvres, 3 Bde., 1968, vermag bei allem Raffinement der Textgliederung die genannte Erstlingsschrift nur im ‘Annexe’ des 2. Bandes unterzubringen.Google Scholar
  19. 347.
    Nur hat Marcel Mauss niemals zu den großen Schriften gefunden, die Emile Durkheim als Autor der ‘Division du travail social’, des ’Suicide’ und der ’Formes élémentaires de la vie religieuse’ in die Wissenschaftsgeschichte haben eingehen lassen. Die klassische Studie über die “Gabe”, ’Essai sur le don. Forme et raison de l’échange dans les sociétés archaiques, in: L’Année Sociologique nouvelle série 1, 1925, S. 30–186, macht insofern eine Ausnahme.Google Scholar
  20. 348.
    Marcel Mauss ist auf dem Titel zur Rechten von Durkheim abgebildet. Die ironische Versetzung in eine tropische Naturlandschaft Rousseauscher Art (hier sind Philosoph und Zöllner gleichermaßen gemeint), ändert nichts an dem Respekt von den kühnen Schlußfolgerungen dieser Rocking-chair-ethnologists.Google Scholar
  21. 349.
    Rudolf Steinmetz, Ethnologische Studien zur ersten Entwicklung der Strafe, 2. Band 1882; 1. Band, Leiden und Leipzig 1894. Der berühmte Ethnologe juristischer Herkunft ist einer der wenigen ausländischen Wissenschaftler, die in der Année Sociologique ‘mémoires originaux’ beigesteuert haben. So den Beitrag im dritten Band, Classification des types sociaux et catalogue des peuples, in: American Sociological Review 3, 1900, S. 43–148.Google Scholar
  22. 350.
    Marcel Mauss, La religion et les origines du droit pénal d’après un livre récent, in: Revue de l’histoire des religions 34, 1896, S. 269–295; 35, S. 31–60, abgedr. in: Marcel Mauss, Oeuvres, 3 Bde., Paris 1968, hrsg. von Victor Karady.Google Scholar
  23. 351.
    Emile Durkheim, Rez. zu Marcel Mauss, La religion et les origines du droit pénal, in: L’Année Sociologique 1, 1898, S. 353–358, abgedr. in: Journal Sociologique, S. 126–130.Google Scholar
  24. 352.
    Dieser Begriff steht bekanntlich im Zentrum der Kunsttheorie von Walter Benjamin. (Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit.) Die “Aura” des Kunstwerks hat ihre Basis im Ritual, aus dem sie ihren ersten “Gebrauchswert” schöpfte, der in dem l’art pour l’art-Prinzip in eine ästhetische Theologie mündet. Der berühmte Aufsatz wurde im Pariser Exil in der Zeitschrift für Sozialforschung publiziert, in der neben Célestin Bouglé noch weitere Mitglieder des Durkheim-Kreises tätig waren. Ohne diesen kulturellen Kontext, der schließlich im ‘Passagenwerk’ als sozio-ästhetische Studie Ausdruck findet, bleibt die Ästhetik Walter Benjamins kulturgeschichtlich in der Luft.Google Scholar
  25. 353.
    Koselleks Deutung von Kriegerdenkmalen fußt auf dieser ethnologischen Hypothese, vgl. R. Kosellek, Kriegerdenkmale als Identitätsstiftungen der Überlebenden, in: O. Marquard, K. Stierle (Hrsg.), Identität, München 1979. Siehe auch Werner Gephart, Bilder vom großen Krieg. Zur Soziologie der Kriegskultur. (Erscheint demnächst in den Annalen der philosophischen Fakultät Neapel).Google Scholar
  26. 354.
    Marcel Mauss, La religion et les origines du droit pénal d’après un livre récent, S. 684.Google Scholar
  27. 355.
    Marcel Mauss, ebda.Google Scholar
  28. 356.
    Marcel Mauss, La religion et les origines du droit pénal d’après un livre récent, S. 685.Google Scholar
  29. 357.
    Marcel Mauss, La religion et les origines du droit pénal d’après un livre récent, Fußnote. 116, S. 680.Google Scholar
  30. 358.
    ebda., S. 688Google Scholar
  31. 359.
    ebda., S. 688Google Scholar
  32. 360.
    Die Blutrache paßt also nicht zur Logik der Magie, die insoweit rationalen Charakters ist.Google Scholar
  33. 361.
    Vgl. Marcel Mauss und Henri Hubert, Essai sur la nature et la fonction du sacrifice, in: L’Année sociologique 2, 1899, S. 29–138; abgedr. in: Oeuvres, Bd. 1, S. 193–307.Google Scholar
  34. 362.
    Die für Durkheims Straf-und Verbrechenslehre zentrale Konzeption kollektiver Gefühle findet bei Mauss eine interessante Fortsetzung in: L’expression obligatoire des sentiments, in: Journal de psychologie 18, S. 425–434.Google Scholar
  35. 363.
    Marcel Mauss, La religion et les origines du droit pénal d’après un livre récent, S. 692.Google Scholar
  36. 364.
    Marcel Mauss, ebda., S. 693.Google Scholar
  37. 365.
    Vgl. insbes. das Schlußkapitel zu: Essai sur de don. Form et raison de l’échange dans les sociétés archaiques, in: L’Année sociologique, Nouvelle série 1, 1925, S. 3–186.Google Scholar
  38. 366.
    Marcel Mauss, La religion et les origines du droit pénal d’après un livre récent, S. 694.Google Scholar
  39. 367.
    Marcel Mauss, ebda., S. 695.Google Scholar
  40. 368.
    Marcel Mauss, ebda., S. 696.Google Scholar
  41. 369.
    Marcel Maus, ebda.. Die Schriften von Marcel Mauss leben auch von seinem narrativen Talent, das in schärfstem Gegensatz zu Emile Durkheims Strenge steht. Die vielfach berichtete Anekdote, wonach Mauss, als er Durkheim in der rue d’Ulm bemerkte, hinter einem Baum verschwand, um nicht beim Zeitungslesen im Café erwischt zu werden, belegt ein wenig den Kommunikationsstil von Onkel und Neffe.Google Scholar
  42. 370.
    Vgl. zur Mythenanalyse bei Mauss, Kap. 2 in Bd. 2 der von Victor Karady herausgegebenen Textsammlung: Oeuvres, 3 Bde., Paris 1968. Das Beispiel des Mythos von Verbrechen und Strafe weist auf eine Möglichkeit der religionswissenschaftlichen Analyse von Recht hin, die bislang nicht einmal ansatzweise ausprobiert ist, die mythische Struktur des Rechts.Google Scholar
  43. 371.
    Dies war die Kritik an Gaston Richards Dissertation, Essai sur l’origine de l’idée de droit, Paris 1892, in: Revue philosophique 35, 1893, S. 290–296.Google Scholar
  44. 372.
    Vgl. Kap. 2 des ersten Buches der ‘Formes élementaires de la vie religieuse’, Paris 1912.Google Scholar
  45. 373.
    Emile Durkheim, De la définition des phénomènes religieux, in: Année sociologique 2, 1899, S. 1–28, abgedr. in: Journal Sociologique, S. 140–165.Google Scholar
  46. 374.
    Emile Durkheim, De la définition des phénomènes religieux, Journal Sociologique, S. 154.Google Scholar
  47. 375.
    Emile Durkheim, De la définition des phénomènes religieux, ebda., S. 156.Google Scholar
  48. 376.
    Diese Theorieanlage läßt sich insbesondere bei Parsons’ Technik der topologischen Anordnung und Identifikation in einem sog. Handlungs-“Raum” wiederfinden. Auf die Problematik einer derartigen “Verräumlichung” des soziologischen Denkens kann hier nicht näher eingegangen werden.Google Scholar
  49. 377.
    In der dualistischen Konzeption des über-weltlichen Schöpfergottes hat Strafe einen anderen Charakter als in der innerweltlichen Askese der Selbst-Disziplinierung.Google Scholar
  50. 378.
    Vgl. zum soziologischen Hintergrund der Pantheon-Bildung die ‘systematische’ Religionssoziologie Max Webers, in: Wirtschaft und Gesellschaft, a.a.O., S. 250.Google Scholar
  51. 379.
    Die eigenartige Verquickung von Straf-und Staatstheorien bei z.B. Hobbes, Pufendorf, Kant und Rousseau hat natürlich ihren tieferen Grund in der Entzauberung der religiösen Legitimation des Staates einerseits und der religiösen Rechtfertigung der Strafe andererseits.Google Scholar
  52. 380.
    Die gesamte Soziologie der Professionen lebt nicht nur metaphorisch von der PriesterLaien-Dyade.Google Scholar
  53. 381.
    Interkulturelle Differenzen lassen sich andererseits z.B. am “effet de manche” des plädierenden Anwalts in Frankreich ablesen.Google Scholar
  54. 382.
    Dieser räumliche Aspekt der sozialen Organisation des Strafverfahrens bedürfte einer eingehenden Deutung, in der neben der architektonischen Verwandtschaft mit religiösen Räumen die “choreographischen” Entsprechungen, die Bedeutung der ‘heiligen Bücher’, die Sequentialisierung der Eröffnungs-, Haupt-und Schlußrituale Beachtung finden sollten.Google Scholar
  55. 383.
    Über die Funktion des Geheimnisses vgl. vor allem den betreffenden Exkurs in Georg Simmels ‘Soziologie’ (1908).Google Scholar
  56. 364.
    Die Studie von Niklas Luhmann, Legitimation durch Verfahren, Neuwied und Berlin 1969, verzichtet unverständlicherweise auf den naheliegenden Bezug zur Religionssoziologie. Natürlich muß der Versuch, eine normative Legitimation durch Verfahren zu initiieren, schief gehen. Was bleibt, ist die weittragende Idee der Selbstbindung durch die Verstrickung in Rollen. Inwieweit sich sowohl über die Religionssoziologie von Luhmann (vgl. Funktion der Religion, Frankfurt 1977) und die “autopoietische” Theoriewende (vgl. Niklas Luhmann, Soziale Systeme, Frankfurt 1984, S. 60 ff., u.a.) notwendige Veränderungen ergeben, bedürfte einer weiteren Ausarbeitung. (Zur ‘Theoriewende’ vgl. demnächst: Gesellschaftstheorie und Recht.)Google Scholar
  57. 385.
    Zur bildhaften Darstellung der Gerechtigkeit vgl. jüngst Wolfgang Pleister und Wolfgang Schild (Hrsg.), Recht und Gerechtigkeit im Spiegel der europäischen Kunst, Köln 1988.Google Scholar
  58. 386.
    Max Weber hat in seiner systematischen Religionssoziologie die Eigengesetzlichkeit der Konfiguration von Priester, Laien und Gemeinde gegenüber den bloßen religiösen Ideen herauspräpariert. Vgl. § 5 der in ‘Wirtschaft und Gesellschaft’ abgedruckten Religionssoziologie, S. 275–279. Darin berührt sich Max Weber mit Emile Durkheim, dessen soziale Basis der Religion intern jedoch eine nach idealtypischen Formen gegliederte theoretische Differenzierung vermissen läßt.Google Scholar
  59. 387.
    Ebenso wie das Problem der Legitimität bei Weber in den Legitimitätsglauben verwandelt ist, so löst sich die Frage nach dem Realitätsgehalt von religiöser, ethnischer und kultureller Gemeinschaft in den Gemeinsamkeitsglauben auf. Vgl. z.B. Wirtschaft und Gesellschaft, S. 235 ff.Google Scholar
  60. 388.
    Das Problem der universalen Gemeinschaft ist bei Benjamin Nelson, Der Ursprung der Moderne, als Verwandlung der brüderlichen Ethik in die verflachende Ethik des “Anderen” beschrieben. Weber hatte hierfür den Begriff der Brüderlichkeitsethik reserviert, während der universalistische Sprung bei Mead bereits in der Figur des ‘generalized other’ auftaucht; vgl. Herbert Mead, Mind, Self and Society, ed. and with an introduction by Charles W. Morris, Chicago 1934.Google Scholar
  61. 389.
    Richard Münch hebt in seiner ‘Struktur der Moderne’, Frankfurt 1984, vor allem auf die “gemeinschaftliche” Komponente von Recht ab.Google Scholar
  62. 390.
    Der Richter-Spruch ist Paradigma des Sprechaktes, dessen Bindungswirkung bzw. illokutionären Bindungseffekte Jürgen Habermas aus der immanenten Rationalität der Rede herleiten möchte (vgl. Theorie des kommunikativen Handelns, II, S. 112 ff.), während sich bei Durkheim eine religionssoziologische Wurzel des bindenden Wortes finden läßt; vgl. die interessante Rezension zu Richard Lasch, Der Eid. Seine Entstehung und Beziehung zu Glaube und Brauch der Naturvölker, Stuttgart 1908, in: L’Année sociologique 11, 1910, S. 460–465.Google Scholar
  63. 391.
    Wenn man den Berichten über prominente Richter Glauben schenken darf; natürlich gibt es neben den Lokalgöttern auch lokale Richter, die in der Ortspresse zu Typen stilisiert werden, und dies gilt nicht nur im englischen Rechtssystem.Google Scholar
  64. 392.
    Die pädagogische Behandlung von Recht in Fernsehserien und Sendungen über “Mein” Recht im Alltag ließe sich aus diesem religionssoziologischen Blickwinkel interpretieren.Google Scholar
  65. 393.
    Die Untersuchungsausschüsse sind ein besonders interessanter Fall zur Reinigung von politischen Schandtaten. Die Verarbeitung politischer Unmoral ist zweifellos vom Stil der jeweiligen politischen Kultur bzw. Unkultur geprägt. So werden politische Skandale in Großbritannien (z.B. Profumo), den USA (Watergate) und der Bundesrepublik (Flick) ganz unterschiedlich entwickelt, in Szene gesetzt und “verarbeitet”. Gemeinsam ist den kuturell geprägten Reinigungstechniken, daß sie als Ritual vollzogen werden. Soziologisch darf man bei aller Verärgerung und Empörung nicht die positive Funktion des Skandals und der rituellen Abarbeitung vergessen. Es ist eine interessante dogmatische Frage, ob sich die juristischen Unsicherheiten in der Anwendung der Strafprozeßordnung auf die Untersuchungsausschüsse durch eine funktionale Betrachtung der jeweiligen Verfahren eingrenzen ließen. Zu Watergate vgl. den religionssoziologisch inspirierten Versuch von Jeffrey C. Alexander, Watergate and the crises of civil society, Mskr.Google Scholar
  66. 39.
    Der rechtliche Schutz der Bannmeile gehört zur modernen Sakralisierung des Raumes. Vgl. im übrigen auch Georg Simmel, Der Raum und die räumlichen Ordnungen der Gesellschaft, in: Soziologie, Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Berlin 1908, 1968, S. 460–526.Google Scholar
  67. 39.
    Emile Durkheim, Les formes élémentaires de la vie religieuse, S. 65.Google Scholar
  68. 396.
    Damit holen wir auch auf der begrifflichen Ebene die Gleichsetzung von religiösem Leben und sozialem Leben ein wie im theoretischen Exkurs oben ausgewiesen (S. 54 ff.).Google Scholar
  69. 397.
    Emile Durkheim, Brief vom 11. Mai 1899 an Gaston Richard, abgedr. in: Textes 2, S. 9 f.Google Scholar
  70. 398.
    Diese Logik von Durkheims Religionsbegriff der ‘Formes élémentaires’ wird weitgehend übersehen.Google Scholar
  71. 399.
    Emile Durkheim, Les formes élémentaires de la vie religieuse, S. 50.Google Scholar
  72. 400.
    ebda., S. 51Google Scholar
  73. 401.
    Am Beispiel der Nationalparks in den USA läßt sich eine “Sakralisierung der Natur” im Sinne Durkheims aufzeigen; vgl. Werner Gephart, The sacraliziation of nature. An analysis of national parks. Beitrag zu einem Colloquium der Werner-Reimers-Stiftung, Mai 1983.Google Scholar
  74. 402.
    Emile Durkheim, Les formes élémentaires de la vie religieuse, S. 53.Google Scholar
  75. 403.
    Emile Durkheim, Les formes élémentaires de la vie religieuse, S. 55. 400. ebda. (eigene Hervorh.)Google Scholar
  76. 405.
    Es ist zu vermuten, daß diese Grunddifferenzierung den religionssoziologischen Hintergrund der soziologischen Differenzierungslehre bzw. der Differenzierungspraxis in der Moderne abgibt.Google Scholar
  77. 406.
    Emile Durkheim, Les formes élémentaires de la vie religieuse, S. 611.Google Scholar
  78. 407.
    Die Geschichte des Naturverhältnisses enthält eine merkwürdige Kreisbewegung: Als Quelle der mit magischen und rituellen Mitteln zu beherrschenden Unsicherheit wird “Natur” von den Wissenschaften der “Natur” entzaubert, indem “Vergeltung” durch “Kausalität” abgelöst wird, und nunmehr - nachdem die Natur gleichermaßen politisiert ist - die beschädigte Natur in den Augen vieler “Vergeltung” für ihre Zerstörung übt.Google Scholar
  79. 408.
    Vgl. hierzu die Untersuchungen von Werner Rüther, Normgenese und Umweltschutz (unveröffentl. Manuskript), die aus dem Ansatz der Implementationsforschung geführt werden. Zur strafrechtlichen Problematik vgl. Dieter Dölling, Umweltstrafrecht und Verwaltungsrecht, Mskr. 1985.Google Scholar
  80. 409.
    So werden die Irrtümer der Totemismustheorie Durkheims nicht unbedingt dem gesamten Ansatz angelastet; vgl. insofern auch kritisch: René König, Die Religionssoziologie bei Emile Durkheim, in: Dietrich Goldschmidt und Joachim Matthes (Hrsg.), Probleme der Religionssoziologie, Opladen 1971, S. 36–49. Das Problem der integrativen Funktion der Religion unter den Bedingungen des religiösen Pluralismus ist bei Philipp A. Hammond, Religious Pluralism and Durkheims Integration Thesis, in: Allan W. Eister, Changing Perspectives in the Scientific Study of Religion, New York 1974, S. 115–142, behandelt.Google Scholar
  81. 410.
    Was mit “Korrespondenzen” letztlich gemeint ist, bleibt weitgehend ungeklärt im Strukturalismus.Google Scholar
  82. 411.
    Vgl. das Einleitungskapitel zu: Emile Durkheim. His Life and Work, a.a.O..Google Scholar
  83. 412.
    Vgl. Mircea Eliade, Das Heilige und das Profane, Frankfurt a.M. 1984Google Scholar
  84. 413.
    Vgl. Alexander Löffler, Die Schuldformen des Strafrechts, Leipzig 1895, S. 44 ff.Google Scholar
  85. 414.
    Vgl. Löffler, a.a.O., S. 51 ff.Google Scholar
  86. 415.
    Vgl. Theodor Mommsen, Römisches Strafrecht, Leipzig 1899, S. 85 ff.; vgl. zu diesem Komplex im übrigen die Studie von Paul Fauconnet, La responsabilité, Paris 1920.Google Scholar
  87. 416.
    Über den Zusammenhang von protestantischer Ethik und dem Geist des Ökologismus vgl. Werner Gephart, ‘Heilige’ oder ’profane’ Natur? Zur religionssoziologischen Differenz im deutschen und französischen Naturverhältnis (Vortrag im Goethe-Institut Paris 1987).Google Scholar
  88. 417.
    Ein Versuch scheint bei Ulrich A. Fay unternommen zu sein, der das Potential der Theorie des kommunikativen Handelns ausschließlich in der “kritischen” Theorieabsicht verortet. Vgl. Kriminologie im Rahmen kritischer Gesellschaftstheorie, in: Kriminologisches Journal 1, 1985, S. 3–18.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1990

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  • Werner Gephart

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