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Zweierbeziehungen als Forschungsgegenstand

  • Karl Lenz
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Zusammenfassung

Für die Familienforschung ist die Namensgebung Programm; sie ist mit Familien befasst, Ehen kommen bis heute ganz überwiegend nur in bezug auf die Familie in den Blick. Eine Eheforschung hat sich im Bereich der Familienforschung nie — besonders ausgeprägt im deutschsprachigen Bereich — zu einem eigenständigen Teilbereich entwickelt (vgl. Kaufmann 1995; Lenz 1990; Matthias-Bleck 1997); entsprechend wurde es nie als notwendig angesehen, von „Ehe- und Familienforschung“ zu sprechen. Ein als grundlegend aufgefasster enger Verweisungszusammenhang von Ehe und Familie (vgl. Tyrell 1985) hat dazu geführt, dass Ehe primär aus dem Blickwinkel der Familie thematisiert wurde. Die Ehe wurde — und wird z.T. auch weiterhin — lediglich als ein kurzer und dadurch auch unbedeutender Vorlauf zu einer als dem „eigentlichen Zweck“ oder „eigentlichen Motiv“ aufgefassten Familienbildung angesehen. Dieser Verweisungszusammenhang war noch in den soziologischen Ehedefinitionen aus den 80er Jahren ein gängiges Element1:

„Ehe ist nach traditioneller und im Zivilrecht vorherrschender Auffassung eine (relativ) dauerhafte und rechtlich legitimierte Lebens- und Sexualgemeinschaft zweier (ehe-)mündiger verschiedengeschlechtlicher Partner, die den Vorsatz haben, die von der Frau geborenen Kinder rechtsverbindlich als die eigenen anzuerkennen“ (Gukenbiehl 1986: 55; Hervorhebung K.L.).

„Mit Ehe bezeichnet man eine durch Sitte oder Gesetz anerkannte, auf Dauer angelegte Form gegengeschlechtlicher sexueller Partnerschaft. Weiterhin ist ein wesentliches Strukturmerkmal aller Ehen, auch der modernen, dass sie über das bloße personale Paarverhältnis auf Gruppenbildung — auf Familie — hinausweist“ (Nave-Herz 1989a: 6; Hervorhebung K.L.).

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Literature

  1. 1.
    Dieser Verweisungszusammenhang kehrt auch in der strukturtheoretisch angelegten Familienso- ziologie von Tilman Allert (1998: 214) wieder: Das Hauptanliegen sei, “die Vielfalt der Hand- lungsmuster in Paarbeziehungen aus dem dynamischen Potenzial des Dritten” heraus zu erklären.Google Scholar
  2. 1.
    In der aktuellen Ausgabe des “Wörterbuches der Soziologie” von Günther Endruweit und Giesela Trommsdorff (2002) wiederholt Rosemarie Nave-Herz in ihrem Artikel zur Ehe ihre bereits zu Beginn dieses Kapitels zitierte Definition: “Weiterhin ist ein wesentliches Strukturmerkmal aller Ehen, auch der modernen, dass sie über das bloße personale Paarverhältnis auf Gruppenbildung - auf Familie - hinausweist”.Google Scholar
  3. 1.
    Als nichteheliche Lebensgemeinschaften werden hier nur solche Zweierbeziehungen bezeichnet, die in einem gemeinsamen Haushalt zusammenleben. Diese Definition ist weithin üblich (vgl. Trost 1989; Peuckert 1999; Vaskovics et al. 1997; Schneider et al. 1998), aber es gibt auch Abweichungen, die diesen Hinweis notwendig machen. Z.B. in der ersten deutschen Repräsentativstudie zu nichtehelichen Lebensgemeinschaften im Auftrag des Bundesministeriums für Jugend, Familie und Gesundheit (1985), bei der die Zuordnung aufgrund der Selbstdefinition der Befragten erfolgte, was zur Folge hatte, dass auch Paare (1/3 der Gesamtbefragten), die in getrennten Wohnungen lebten, als nichteheliche Lebensgemeinschaften benannt wurden. Da aber die Haushaltsgründung ein markanter Einschnitt ist, erscheint es ratsam, beide Typen von Paaren begrifflich auseinanderzuhalten. Auch findet sich weiterhin ein Nebeneinander unterschiedlicher Begriffe zur Bezeichnung nichtehelich zusammenlebender Paare (z.B. Ehen ohne Trauschein, Paare ohne Trauschein, Konkubinat ). Ich habe mich für den Begriff nichteheliche Lebensgemeinschaften entschieden, da er am gebräuch-lichsten ist und die beiden Merkmale, dass das Paar nicht verheiratet ist und in einem Haushalt zusammenlebt, deutlich zum Ausdruck bringt.Google Scholar
  4. 1.
    Eine sehr enge Fassung des Begriffs “living-apart-together-Beziehung” findet sich bei Schneider/RosenkranzlLimmer (1998), die darunter nur jene “Partnerschaften” verstehen wollen, bei denen der doppelte Haushalt nicht - oder zumindest nicht vorrangig - durch berufliche Zwänge verursacht, sondern freiwillig aus Gründen ihres Partnerschaftsideals gewählt wurde.Google Scholar
  5. 1.
    Zunehmend scheint der Begriff des Geliebten, der im Deutschen lange wenig gebräuchlich war, den des Liebhabers zu verdrängen.Google Scholar
  6. 2.
    Ausnahmen aus dem englischsprachigen Bereich sind Laurel Richardson 1985; 1988; Anette Lawson 1990; Janet Reibstein/Martin Richards 1992. Für den deutschen Sprachraum finden sich Materialien zu diesem Thema im Sammelband von Elisabeth Flitner und Renate Valtin (1987).Google Scholar
  7. 1.
    Zur hohen Instabilität afroamerikanischer Paare vgl. Adler 2003.Google Scholar
  8. 1.
    Es gibt Vermutungen, dass die offizielle Zahl der Ein-Personen-Haushalte in Großstädten um ca. 10% zu hoch eingeschätzt wird (vgl. Peuckert 1999).Google Scholar
  9. 1.
    Anzumerken ist, dass diese Studien den Begriff der Alleinstehenden (“Single”) nicht immer streng fassen; es werden auch Personen mit einbezogen, die zwar alleine leben, aber aktuell in eine livingapart-together-Beziehung integriert sind.Google Scholar
  10. 1.
    Einzuschließen sind hierbei durchaus auch die Weiterentwicklungen innerhalb des austauchtheoretischen Theorierahmens, wie sie z.B. von Johannes Huinink (1995) in seiner Analyse der Attraktivität von Partnerschaft und Elternschaft in der Gegenwart aufgegriffen werden.Google Scholar
  11. 1.
    McCall steht in der Tradition des Symbolischen Interaktionismus, wenngleich er in der Publikation mit Simmons darauf hinweist, dass dessen Hauptrichtung - sie dürften hier vor allem den von Herbert Blumer geprägten Zweig im Auge haben - für ihre Arbeit “wenig mehr als ein paar allgemeine Richtlinien” liefert. Stattdessen seien sie einem “schlichten interaktionistischen Ansatz (verpflichtet), ohne Beiwörter und Bindestriche, in der allgemeinen Form, wie er von Georg Simmel und Robert E. Park begründet worden ist” (McCall/Simmons 1974: 39). Aber auch die Austauschtheorie und Erving Goffman haben in dieser Arbeit deutliche Spuren hinterlassen.Google Scholar
  12. 1.
    Da Zweierbeziehung eine dyadische Struktur aufweisen, soll hier nicht eigens problematisiert werden, ob die Gleichsetzung von persönlicher Beziehung und Dyade berechtigt ist. Diese Gleichstellung unterstellt, dass persönliche Beziehungen prinzipiell die Gestalt einer Dyade haben.Google Scholar
  13. 2.
    Diese Bezeichnung lädt zu Missverständnissen ein: Präziser wäre es gewesen, statt von “interpersonaler” von einer “individuum-zentrierten Beschreibung” zu sprechen.Google Scholar
  14. 1.
    Neidhardt (1983: 14) versteht das Merkmal der Unmittelbarkeit als Differenz zur Gesellschaft.Google Scholar
  15. 2.
    Dass aber eine Vereinigung von zweien zwar nicht ihrem Leben nach, aber ihrem Tode nach von jedem ihrer Elemente für sich allein abhängt, - denn zu ihrem Leben bedarf sie des zweiten, aber nicht zu ihrem Tode - das muss die innere Gesamtattitüde des Einzelnen zu ihr, wenn auch nicht immer bewusst und nicht immer gleichmäßig, mitbestimmen. Es muss diesen Verbindungen für das Gefühl einen Ton von Gefährdung und von Unersetzlichkeit geben, der sie zu dem eigentlichen Ort einerseits einer echten soziologischen Tragik, andrerseits einer Sentimentalität und elegischen Problematik macht“ (Simmel 1983: 60).Google Scholar
  16. 1.
    Zum Vergleich von Eltern-Kind-Beziehungen, Freundschaften und Zweierbeziehungen vgl. Lenz 2001 a.Google Scholar
  17. 1.
    Forschungsbedarf besteht auch bei der Frage, wie die Verbindlichkeit in Gesellschaften geregelt ist, die Polygamie zulassen. Zu fragen ist hier, ob es sich dabei um ein Nebeneinander von Zweierbeziehungen handelt oder die dyadische Struktur durch eine Gruppenstruktur ersetzt wird. Die wenigen Dreiecksbeziehungen, die sich in unserer Gesellschaft finden lassen - meist als Übergangsphase einer Paarbeziehung zur nächsten - sind m.E. als parallele Zweierbeziehungen zu fassen.Google Scholar
  18. 1.
    Im Rahmen unseres Forschungsprojektes “Institutionalisierungsprozesse in Zweierbeziehungen” des Dresdner Sonderforschungsbereiches 537 wurde dieser Ansatz zu einem institutionellen Forschungsprogramm ausgebaut (vgl. Lenz 2002, Lenz 2003b).Google Scholar
  19. 1.
    Letzteres war jedoch von beiden Autoren durchaus angedacht: Sie wollten zeigen, “dass es möglich ist, eine soziologische Theorie der Ehe, die auf soziologischen Voraussetzungen aufgebaut ist, zu entwickeln, ohne mit psychologischen oder psychiatrischen Kategorien (chrw(133)) zu operieren” (Berger/Kellner 1965: 235).Google Scholar
  20. 1.
    Altert (1998: 230) fasst dies in die Formel des “symmetrischen Antagonismus der Geschlechter”.Google Scholar
  21. 2.
    Auf ihren Konstruktionscharakter aufmerksam zu machen, steht keineswegs im Widerspruch zu dem, dass die geschlechtliche Differenzierung - wie Tyrell (1986; 1989) zeigt - offenkundig große klassifikationstechnische Vorzüge und Ausbauchancen besitzt, was entscheidend zu ihrer starken Verbreitung beigetragen haben dürfte.Google Scholar
  22. 1.
    Zum Wandel der Männerbilder vgl. Böhnisch 2001; Meuser 1998; Mosse 1997.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 2003

Authors and Affiliations

  • Karl Lenz

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