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Soziale Identitäten und subjektive Handlungskompetenzen Jugendlicher

  • Albert Scherr
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Zusammenfassung

Dem Forschungsprojekt „Subjektive Handlungskompetenz und soziales Handeln Jugendlicher“ lag das Interesse zugrunde, mit Methoden qualitativer Sozialforschung einen Beitrag zur Klärung der Frage zu erbringen, wie sich Konzipierungen eigener Kompetenzen auf die Einschätzung der Möglichkeit auswirken, politische und berufliche Handlungsoptionen zu ergreifen sowie Handlungszwänge zu bewältigen. Individuen, das meint hier der Begriff der subjektiven Kompetenz, verfügen über ein Wissen über eigene Fähigkeiten und Unfähigkeiten sowie eigene Zuständigkeiten und Unzuständigkeiten. Dieses Wissen ist nicht notwendig bewußt, sondern ein Hintergrundwissen, das der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Handlungszwängen und Handlungsmöglichkeiten zugrundeliegt. Ebenso wie man als kompetenter Sprecher die Regeln der Grammatik beherrscht, ohne sie notwendigerweise benennen zu können, nehmen Individuen ein Wissen über eigene Fähigkeiten und Zuständigkeiten in Anspruch, ohne sich dieses Wissens in der Regel reflexiv zu vergewissern und ohne es sprachlich zu explizieren6. Es handelt sich um ein sozial erworbenes Wissen, über das individuell selbstverständlich und fraglos verfügt wird (vgl. Schütz 1971, 112ff.).

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Referenzen

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    Zum Begriff des impliziten Wissens s. auch Polanyi 1985.Google Scholar
  2. 7.
    Zum Begriff soziale Deutungsmuster s. De we & Sehen 1990, Lüders 1991 sowie Matthiesen 1994.Google Scholar
  3. 8.
    Zum Verständnis empirischer Forschung als Datenproduktion s. Bonß 1982; auf die methodischen Konsequenzen eines solchen Empiriekonzeptes kommen wir im Zuge der Dateninterpretation zurück. Insbesondere in den Kapiteln III und IV ist zu zeigen, daß die Dateninterpretation vom Erzeugungszusammenhang der Texte nicht abstrahieren kann.Google Scholar
  4. 9.
    Wir greifen also einen in der sozialwissenschaftlichen Diskussion in verschiedenen theoretischen Kontexten gängigen Begriff auf und versuchen, diesen in bezug auf unsere Fragestellung theoretisch zu präzisieren und forschungspraktisch zu opera-tionalisieren. Im Kontext der sozialpsychologischen Vorurteilsforschung verwendet Tajfel (1982) diesen Begriff. Tajfel definiert soziale Identität „als den Teil des Selbstkonzepts eines Individuums ..., der sich aus seinem Wissen um die Mitgliedschaft in sozialen Gruppen und der emotionalen Bedeutung ableitet, mit der diese Mitgliedschaft besetzt ist“ (ebd., 102).Google Scholar
  5. 10.
    Die von uns befragten Lehrlinge wären — wollte man subsumtionslogisch verfahren — in der Typologie von Schulze (1989 und 1993) mehrheitlich dem Unterhaltungsmilieu zuzuordnen, während die befragten Studenten zum einem Teil ebenfalls in das Unterhaltungsmilieu, zu einem anderen in das Selbstverwirklichungsmilieu einzuordnen sind. Eine solche Sortierung der Fälle übersieht jedoch die für die politischen und berufsbiographischen Orientierungen bedeutsamen internen Differenzierungen der sozialen Identitätsangebote innerhalb dieser Milieus. Und die Frage nach den biographischen und sozialen Gründen, die die Befragten veranlassen, sich die für die jeweiligen Milieus typischen Lebenstile zu eigen zu machen, erschließt sich erst in einer detallierten Rekonstruktion der Einzelfälle. D.h.: Sie kann nicht aufgrund einer Interpretation von Korrelationskoeffizienten zwischen sozialer Lage und und Milieuzugehörigkeit beantwortet werden.Google Scholar
  6. 11.
    Von Kompetenzen ist im folgenden im Doppelsinn des Begriffs die Rede: Gemeint sind einerseits Fähigkeiten/ Unfähigkeiten, andererseits Zuständigkeiten/ Unzuständigkeiten.Google Scholar
  7. 12.
    Es handelt sich überwiegend um männliche Jugendliche, da der Anteil der weiblichen Jugendlichen in beiden Untersuchungsgruppen gering war. In der Fachrichtung Maschinenbau beträgt der Anteil der Studentinnen 4%; in der Gruppe der befragten Auszubildenden fand sich eine weibliche Auszubildende.Google Scholar
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    Das soziale Erlernen solcher Grenzen beschreibt Goffman (1952) als Abkühlungsprozesse.Google Scholar
  9. 14.
    Auf die Debatte zu Bourdieus Konzepts des Habitus ist hier nicht im Detail einzugehen. Gegen den Vorwurf des Determinismus grenzt sich Bourdieu in verschiedenen Texten mit dem Hinweis ab, daß es sich nur um einen wahrscheinlichkeitstheoretisch gefaßten Zusammenhang von sozialer Lage und Habitus handele. Er kann meines Erachtens jedoch nicht angeben, wie unwahrscheinliche Habiti sozial möglich sind.Google Scholar
  10. 15.
    Offene Interviews sind eine Sonderform von Alltagsgesprächen; sie erlauben es, daß der Interviewer auf für ihn zunächst unverständliche Erzählungen und Erklärungen mit Nachfragen reagiert. Ein Übergang zum nächsten Fragenkomplex erfolgt in der Regel dann, wenn eine für den Interviewer verstehbare und in diesem Sinn situativ akzeptable Auseinandersetzung mit den gestellten Fragen erfolgt ist. Dies ermöglicht es, offene Interviews als einen Kommunikationsprozeß zu interpretieren, in dem -vergleichbar mit Alltagsgesprächen (s. Honer 1993) — Verständigung zwischen Interaktionsteilnehmern angestrebt wird.Google Scholar
  11. 16.
    Zur Debatte um den Identitätsbegriff in der Jugendforschung s. Breyvogel 1989; wir greifen die dort referierte Kritik klassischer Identitätskonzepte insofern auf, als wir nicht voraussetzen, daß Jugendliche mit sich selbst identische Subjekte sind, sondern lediglich ein Bedürfnis nach der Herstellung von Kohärenz und Kontinuität unterstellen.Google Scholar
  12. 17.
    vgl. dazu Joas 1980 sowie Honneth 1992;Google Scholar
  13. 18.
    Angesprochen ist damit auch die Debatte um die Krise der Arbeitsgesellschaft; zumindest für das Material unserer Untersuchung ist es nicht plausibel anzunehmen, daß Erwerbsarbeit den Stellenwert eines zentralen Sinnzentrums der individuellen Lebensentwürfe verloren hat.Google Scholar
  14. 19.
    Auch persönliche Identität ist bei Goffman ein aus der Außenperspektive sozialer Zuschreibungen und Identifikationen gefaßtes Konzept; s. Nunner-Winkler 1985.Google Scholar
  15. 20.
    Zudem ist in Rechnung zu stellen, daß „das Selbstbild oder Selbstkonzept eines Individuums in seinem Inhalt als auch in seinen Implikationen unendlich komplexer ist, als die ‘soziale Identität’“ (Tajfel 1982,102).Google Scholar
  16. 21.
    Jugendkulturelle Strömungen und Moden bieten Varianten einer Stilisierung des äußeren Erscheinungsbildes und ästhetische Präferenzen an, die keine unmittelbaren Rückschlüsse auf sub- oder gegenkulturelle Zuordnungen zulassen und die nicht notwendig umfassende Interpretationsangebote für die eigene Lebenswirklichkeit beinhalten. Stilisierungselemente können von ihrem Entstehungskontext abgelöst und zu Bestandteilen massenmedial transportierter Lebensstil-Moden werden. Ob Stilisierungsangeboten eine „quasi-identitätsstiftende Funktion“ (Ferchhoff 1990, 143) zukommt, ist deshalb jeweils zu untersuchen.Google Scholar
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    Zur Bedeutung von erfahrener und verweigerter Anerkennung für die Identitätsbildung s. Honneth 1992 und 1994.Google Scholar
  18. 23.
    Auch dies unterscheidet soziale Identitäten von den wesentlich über Konsumstile definierten Lebensstilen.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1995

Authors and Affiliations

  • Albert Scherr

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