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Theoretische Spurenlegung

  • Clemens Dannenbeck
Chapter
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Part of the DJI — Reihe Jugend book series (DJI, volume 14)

Zusammenfassung

Der Begriff Ethnizität ist in aller Munde, ebenso wie die Begriffe kulturelle und nationale Identität. Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit nehmen sie gleichermaßen für sich in Beschlag — etwa wenn es darum gehen soll, Erklärungen für militärische Konflikte zwischen Bevölkerungsteilen ehemaliger Nationalstaaten zu finden7. Dabei sind uns bisweilen die Namen dieser sich auf ihre ethnische Souveränität berufenden Gruppen ziemlich unbekannte8 — und so bedürfen wir der Aufklärung über ihre spezifische Geschichte,von der sie ihre Forderungen und Handlungsmotive ableiten. Ethnizität wird seit Beginn der 90er Jahre des abgelaufenen Jahrhunderts auch wieder als Schlüsselkategorie zur Erklärung von offenbar unvermeidlichen und unüberwindbaren Konflikten vor unserer eigenen multikulturellen Haustüre herangezogen. Der Hinweis auf unterschiedliche ethnische Herkünfte von Bevölkerungsteilen — beziehungsweise auf zwischen Nationen bestehenden kulturellen Differenzen — genügt dabei häufig schon, um allseits und weithin — auf seiten der Politik wie gleichermaßen in der breiten Öffentlichkeit — Einvernehmen zu erzeugen: Einvernehmen mit der Überzeugung, dass unterschiedliche Ethnizitäten (in denen sich kulturelle Differenzen manifestieren) die Menschen nicht nur voneinander unterscheiden, sondern sie auch mehr oder weniger unüberbrückbar voneinander trennen. Politische und soziale Konflikte werden mit der Argumentationskette erklärt, dass ethnischen Gruppen aufgrund historischer Gegebenheiten eine nationalstaatliche Verfasstheit verwehrt geblieben ist, eine solche ihnen aber auf Dauer nicht vorenthalten werden kann, da sie eine unverzichtbare Voraussetzung für die Ausbildung kollektiver Identität9 bietet. Die Zurückweisung einer solchen Konfliktanalyse — zum Beispiel mit dem programmatischen Anspruch eine multikulturelle/ethnisch heterogene Gesellschaft zu etablieren — birgt dieser Sichtweise entsprechend zwangsläufig gefährliche Konfliktpotentiale in sich, da sie per se Unvereinbares auf einen Nenner zu zwingen trachtet.

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Literatur

  1. 6.
    Abschnitt 3.1 ist in einer frühen Fassung erschienen in Bruner/Dannenbeck/Eßer (1998, S. 5-121) und wurde für diese Arbeit eingehend überarbeitet und ergänzt.Google Scholar
  2. 7.
    Vgl. Woodward (1997, p. 8ff).Google Scholar
  3. 8.
    Vgl. hierzu unter anderem: Domaschke/Schliewenz (1996, S. 19-30). Uremoviç/Oerter (1994).Google Scholar
  4. 9.
    Geschichte und Gefahren der Verpflichtung, kollektive Identität(en) auszubilden, arbeitet Niethammer (2000) auf.Google Scholar
  5. 10.
    Vgl. hierzu zentrale Beiträge zu Individualisierung und Moderne wie beispielsweise Beck (1986) Taylor (1994), Bauman (1992a), Schulze (1992), Giddens (1996), Keupp (1993).Google Scholar
  6. 11.
    Vgl. hierzu die von Keupp u.a. (1999) vorgelegte empirische Untersuchung zu Identitätskonstruktionen, die auch eine Einführung in den bzw. eine Aufarbeitung des sozialpsychologischen Identitätsdiskurs leistet.Google Scholar
  7. 12.
    Die Erosion der grundlegenden Differenz zwischen Natur und Kultur wird mit den gentechnisch erzeugten Produkten sichtbar, aber es weichen zum Beispiel auch die kommunikationstechnischen Globalisierungseffekte nationalstaatliche Grenzziehungen auf. Vgl. unter anderem Haraway (1995a, S. 33ff) und Eßer (1998, S. 90f0.Google Scholar
  8. 13.
    „What, after all, is new about conflicts between ethnic groupschrw(133)? First of all, we would suggest, there seem of late to be far more of such conflicts, and they are more intense“. (Glazer/Moynihan 1975, S. 5)Google Scholar
  9. 14.
    Einen umfangreichen Uberblick über den vornehmlich anglo-amerikanischen Ethnizitätsdiskurs mit seinen jeweils unterschiedlichen anthropologischen Konnotationen bietet Banks (1996).Google Scholar
  10. 15.
    Vgl. Geißler (1990).Google Scholar
  11. 16.
    Vgl. hierzu auch: Cohn-Bendit/Schmid (1992). Einen historischen Uberblick des Multikulturalitäts-Diskurses in der Bundesrepublik Deutschland bietet Frank (1995).Google Scholar
  12. 17.
    So spricht beispielsweise Emerich Francis (1995) von einer sozialen Realität; Heckmann (1992) spricht von einer sozialen Tatsache; Lipp (1994) mag stellvertretend für die in diesem Zusammenhang häufig anzutreffende tautologische Argumentation stehen: „Volk“ sei eine wissenschaftliche Kategorie, „weil die Völker selbst existieren“, weil das Volk „Explanans und Explanandum zugleich“ (ebd. S. 13) sei.Google Scholar
  13. 18.
    Vgl. Bade (1996b).Google Scholar
  14. 19.
    Zu den Gefahren, die mit Kulturalisierungen verbunden sind, nimmt Kaschuba (1995) aus kulturwissenschaftlicher Sicht Stellung.Google Scholar
  15. 20.
    Vgl. etwa Bauer (1942), Lemberg (1964), Barth (1969), Francis (1965), Glazer/Moynihan (1964), Glazer/Moynihan (1975).Google Scholar
  16. 21.
    Vgl. Hondrich (1992, S. 68), ders. (1993, S. 29-30), ders. (1996, S. 28-44).Google Scholar
  17. 22.
    Vgl. hierzu die Arbeiten von Dittrich/Radtke (1990) und Radtke (1992), die die Rolle von Wissenschaft, Politik, Ökonomie und Bildung bei der Konstruktion von benachteiligten Minderheiten reflektieren.Google Scholar
  18. 23.
    Elwert zitiert nach Dittrich/Lentz (1994, S. 28).Google Scholar
  19. 24.
    Vgl. Dannenbeck/Lösch (1997, S. 75-88).Google Scholar
  20. 25.
    Vgl. hierzu Hall (1994a).Google Scholar
  21. 26.
    Zur Verteidigung des politischen Selbstverständnisses der Cultural Studies gegen Vorwürfe, zum Handlanger neo-liberalen anything goes zu degenerieren, vgl. das Einleitungskapitel des deutschsprachigen Cultural-Studies-Reader, herausgegeben von Jan Engelmann (1999b, S. 7-31).Google Scholar
  22. 27.
    Vgl. Kapitel 3.1 sowie vor allem die aufschlussreiche Einleitung des Readers von Glazer und Moynihan (1975), die bereits eine historische Verortung des Ethnizitätsdiskurses im Kontext der Konfrontation zwischen orthodox-marxistischen und kritischen Ansätzen versuchen; vgl. darüber hinaus die einleitenden Argumentationen für die Institutionalisierung eines neuen kulturwissenschaftlichen Forschungsparadigmas an der Humboldt-Universität zu Berlin nach der Wende (Kaschuba 1995); vgl. auch die aktuelle, wenn auch hierzulande verspätete Rezeption der angelsächsischen Cultural Studies insbesondere in Deutschland und Österreich (Einleitung von Lutter und Reisenleitner 1998, S. 7ff).Google Scholar
  23. 28.
    Vgl. hierzu stellvertretend die Ausführungen von Eibl-Eibesfeldt (1993), die auf biologische Determinanten menschlicher Verhaltensweisen in Analogieschlüssen zu tierischem Verhalten hinweisen und damit eine hinreichend legitimierte Erklärung für Emotionen und Konflikte gefunden zu haben behaupten.Google Scholar
  24. 29.
    Vgl. Wahl (2000).Google Scholar
  25. 30.
    Lindner (2000) bezeichnet das Jahr 1999 als das „Jahr der Initiation in die Cultural Studies im deutschsprachigen Raum“ (ebd. S. 9). Sein Bändchen Die Stunde der Cultural Studies versucht eine bisher fehlende reflexive Beschreibung des Weges, den die Cultural Studies bislang hinter sich gebracht haben und begründet damit auch ihre gegenwärtige Popularität. Damit wird der verdienstvolle und hilfreiche Versuch unternommen, „die Cultural Studies selber zum Gegenstand der Kulturanalyse zu machen“ (ebd. S. ll).Google Scholar
  26. 31.
    Vgl. Engelmann (1999a) und Bromley u.a. (1999).Google Scholar
  27. 32.
    Vgl. zum Beispiel für den deutschsprachigen Raum Lindner (2000) und Lutter/Reisenleitner (1998).Google Scholar
  28. 33.
    Vgl. hierzu auch Clifford/Marcus (1986).Google Scholar
  29. 34.
    Genau dies scheint mir der Fall zu sein, wenn der als hegemonial entlarvten kognitiven Tradition soziologischer Vernunft durch die Entdeckung (technisch messbarer) emotionaler Grundlagen menschlichen Handelns begegnet wird (vgl. Wahl 2000).Google Scholar
  30. 35.
    Vgl. hierzu etwa die Arbeiten von Gayatri Chakravorty Spivak (1988a, 19886, 1990 und 1993) sowie Chantra Talpade Mohanty (1988). Ich werde diesem Zusammenhang im Kapitel 3.2.3 weiter nachgehen.Google Scholar
  31. 36.
    Vgl. Hierzu auch Homi Bhabhas jüngst in deutscher Sprache erschienenes Werk über „Die Verortung der Kultur“(2000).Google Scholar
  32. 37.
    Vgl. Schütz (1974).Google Scholar
  33. 38.
    Teile dieses Abschnitts gehen auf ein Kapitel in Bruner/Dannenbeck/Eßer (1998, S. 20ff) zurück.Google Scholar
  34. 39.
    Zur zusammenfassenden Darstellung feministischer Forschungen vgl. zum Beispiel Bußmann/Hof (1995). Wenn hier von Feministischer Theorie oder Feminismus die Rede ist, so ist natürlich stets im Bewusstsein zu halten, dass es zu keiner Zeit eine einheitlich denkende, schreibende oder handelnde Frauenbewegung gegeben hat. Auch lässt sich die Genese feministischer Theorieentwicklung nicht in eine stringente chronologische Abfolge zwingen. Allerdings lassen sich sehr wohl Entwicklungslinien ausmachen. So kann etwa die Debatte um die Kategorie Geschlecht gelesen werden als eine der Kulturalisierung des Geschlechts Google Scholar
  35. 40.
    Zu den Women of Color zu zählen sind zum Beispiel Gloria Anzaldüa, Cherrie Moraga oder Chandra Talpade Mohanty. Audre Lorde, Alice Walker und bell hooks gelten als Vertreterinnen des Combahee River Collective Diese Gruppierungen wurden gegründet von lesbischen, sozialistischen und schwarzen Feministinnen (vgl. Gutiérrez Rodriguez 1996, S. 166).Google Scholar
  36. 41.
    Vgl. zum Beispiel Kraft/Ashraf-Khan(1994), Uremoviç/Oerter (1994), hooks (1994), Hügel u.a. (1993).Google Scholar
  37. 42.
    Gleichzeitig wurden Sklavinnen, aber auch Sklaven zum Beispiel sexuell ausgebeutet. So werden ethnische Differenzen über Geschlechterdifferenzen hergestellt und umgekehrt.Google Scholar
  38. 43.
    Vgl. etwa die Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis, Heft 27, 1990.Google Scholar
  39. 44.
    Vgl. Gutiérrez Rodriguez (1996, S. 163-190).Google Scholar
  40. 45.
    Vgl. Otyakmaz (1995).Google Scholar
  41. 46.
    Vgl. zum Beispiel Haraway (1995a).Google Scholar
  42. 47.
    Vgl. Gümen (1998).Google Scholar
  43. 48.
    Vgl. Butler (1991).Google Scholar
  44. 49.
    Es gibt eine ganze Reihe vor allem amerikanischer Feministinnen, die an der Debatte einer Dekonstruktion von Geschlecht beteiligt sind. Einen guten Überblick gibt Nicholson (1990).Google Scholar
  45. 50.
    Vgl. Hänsch (1997, S. 79-91).Google Scholar
  46. 51.
    Vgl. hierzu Eßer (1998).Google Scholar
  47. 52.
    Wohltuend davon hebt sich die Arbeit von Magiros (1995) ab. Allerdings stellt auch sie nicht explizit die Verbindung zu einem feministischen Diskurs her, obwohl sie sich mit ihren Theoretikerinnen beschäftigt.Google Scholar
  48. 53.
    Vgl. Chambers (1996).Google Scholar
  49. 54.
    Vgl. Haraway (1995a).Google Scholar
  50. 55.
    Vgl. zum Beispiel Beck (1996).Google Scholar
  51. 56.
    Vgl. Bauman (1992b). Bauman beschreibt den Fremden als einen Rebellen gegen grundlegende Setzungen von Differenz, die bei der Produktion und Reproduktion von Ordnungen benötigt werden. Er lähmt nicht so sehr wegen seiner Unbekanntheit, sondern weil er die Plausibilität der Dichotomie an sich in Frage stellt. Er entzieht sich der Einordnung in das Freund-Feind-Schema.Google Scholar
  52. 57.
    Vgl. Fuchs/Habinger (1996).Google Scholar
  53. 58.
    Zur empirischen Einlösung dieses Gedankens vgl. Dannenbeck/Eßer/Lösch (1999) oder Gutiérrez Rodriguez (1996, S. 163-190).Google Scholar
  54. 59.
    Vgl. Keupp u.a. (1999).Google Scholar
  55. 60.
    Vgl. Gutiérrez Rodriguez (1999).Google Scholar
  56. 61.
    Zur Rettung des Subjektivitätsbegriffs vgl. Zizek (1998)Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 2002

Authors and Affiliations

  • Clemens Dannenbeck

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